20/2001

INHALT

Kirche in der Schweiz

Globalisierung und Seelsorge

von Heidi Widrig

 

Mitte März 2001 fand im Bildungshaus St. Jodern in Visp der diesjährige viertägige Pastoral-Theologische Fortbildungskurs für Priester und hauptamtliche kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Oberwallis statt. Thema war die heute sehr aktuelle Frage der Globalisierung im Blick auf die Seelsorge. Rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen mit Bischof Norbert Brunner, Generalvikar Josef Zimmermann sowie der Fortbildungskommission am Kurs teil. Verschiedene Referenten aus der Wirtschaft, dem Bankenwesen, den Gewerkschaften und der Lonza standen mit ihrem Fachwissen zur Verfügung. Mit einem Besuch bei der Lonza wurde das theoretisch Gehörte auch in die Praxis umgesetzt und veranschaulicht.
Bischof Norbert Brunner schrieb in der Einladung zum Fortbildungskurs: «Es wird zwar schon seit geraumer Zeit von Globalisierung gesprochen, und es ist eine Entwicklung, die niemanden indifferent lässt. Gerade auch das letzte Wirtschaftsforum in Davon hat gezeigt, wie Befürworter und Gegner hart aneinander geraten... Dieser Fortbildungskurs wird uns zwar nicht Hilfen geben, die wir unmittelbar in unserer Seelsorgearbeit umsetzen und verwirklichen können. Wir werden jedoch mit einem neuen Umfeld unserer Seelsorge vertraut gemacht. Der Kurs kann uns helfen, was das II. Vatikanische Konzil so umschrieben hat: ÐZur Erfüllung ihres Auftrages obliegt der Kirche allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten...ð».

Herausforderung für die Wirtschaft

Jean-Marie Schmid, Dozent an der Walliser Hochschule für Wirtschaft in Siders, führte die Zuhörerinnen und Zuhörer in seinem Vortrag zuerst einmal ein in die Terminologie der Globalisierung. Globalisierung sei ­ so sagte er ­ auf der Sorgentabelle der Schweizer an 14. Stelle. Das Wallis sei aber auf Schweizer Ebene der fünftwichtigste Chemieplatz.
Die Globalisierung habe auch Auswirkungen auf die Umweltprobleme und auf den Rohstoff-Vorrat. Was bei uns in der Schweiz fehle, sei nicht das Geld, sondern die notwendigen Arbeiter. Im Gegensatz zu Indien und Afrika, wo es genügend Arbeitskräfte gibt, aber das Kapital fehlt.
Der Referent zeigte die Globalisierung aus der Sicht der Wirtschaft auf und stellte die Fragen, wo die Schweiz heute stehe im internationalen Wettbewerb und wo die Chancen oder Gefahren der Globalisierung für die Schweiz liegen. Als Chance sieht der Referent in der Globalisierung den Zusammenschluss der Weltbevölkerung zu einer Weltgemeinschaft sowie die Förderung der internationalen Arbeitsteilung und des internationalen Handels.
Die Globalisierung sei wohl die grösste Herausforderung für unsere Wirtschaft, Politik und Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts. Entscheidend werde sein, ob unsere Gesellschaft ihre Stabilität behält oder auseinander bricht, weil wir einem Teil unserer Mitmenschen keinen Lebenssinn mehr geben können.

Herausforderung für die Ethik

Die folgenden zwei Tage sprach Dr. Hans J. Münk, Professor am Lehrstuhl für Theologische und Philosophische Ethik an der Universität Luzern, über die vielen Gesichter der Globalisierung, die Entwicklungszusammenarbeit als Anliegen der Katholischen Soziallehre, über die Globalisierung und Nachhaltige Entwicklung sowie über die Frage: Fordern die globalen Probleme einen Weltstaat, ein Weltethos?
Der Referent betonte, dass das kontroverse Thema «Globalisierung» ein Sammelbegriff für ein ganzes Konglomerat sei. Er definierte Globalisierung wie folgt: «Globalisierung ist die tendenzielle, weltweite Ausdehnung der Wirkung einer (ursprünglich westlich geprägten) entfalteten Modernisierung bei gleichzeitiger Verdichtung von Zeit und Raum. ­ Globalisierung im subjektiven Sinn besteht in der Intensivierung des Bewusstseins von der Welt als einer Einheit und Ganzheit.» Unter Globalisierung versteht man den Prozess der fortschreitenden Vernetzung (Integration) der Weltwirtschaft. In drei Teilen der Welt würden sich die meisten Dinge der Globalisierung abspielen: in Amerika, Europa und Japan. Parallel zur Globalisierung sei aber auch eine Regionalisierung zu erkennen.
Der Begriff Globalisierung und Nachhaltige Entwicklung verlange nach Klärung. Es gelte, die Bedürfnisse der Gegenwart zu befriedigen, ohne die Befriedigung der Bedürfnisse künftiger Generationen zu gefährden.
Die Globalisierung brauche aber normative, theologisch-ethische Grundlagen. Eine Orientierung an der biblischen Botschaft sei Bedingung. Zum Beispiel: Auf dem Eigentum liegt eine soziale Verpflichtung. Das Sabbatgebot sei das «Erste Arbeitsschutzgesetz»! Aber ­ biblische Aussagen, die an kulturelle Situationen gebunden sind und heute nicht mehr existieren, können heute auch nicht mehr in der ursprünglichen Bedeutung übernommen werden. Die ethische Pflicht bestehe darin, Leiden zu verringern. Für die theologisch-ethischen Grundlagen orientierte sich der Referent am Alten Testament: an der gemeinsamen Kreatürlichkeit der Menschen, an der sozialen Ordnung zum Wohl aller und am Protest gegen Machtmissbrauch. Im Neuen Testament zeigte er die gesellschaftlichen Konsequenzen der Reich-Gottes-Botschaft auf, die Gerechtigkeit und Dienstbereitschaft der Verantwortungsträger sowie die Umkehr und Chance des Neubeginns auch nach schuldhaftem Versagen.
Die katholische Sicht der Globalisierung und der Nachhaltigen Entwicklung ist in ihrem anthropologischen Ansatz in der kirchlichen Soziallehre enthalten.
Bezüglich der Entwicklungszusammenarbeit als Anliegen der Katholischen Soziallehre im Schatten der Globalisierung ging Professor Münk von der heutigen Lage aus, gab einige statistische Anhaltspunkte und zog einen Vergleich mit Hilfe eines Armutsindexes.
Als konkrete Schwerpunkte für die Entwicklungszusammenarbeit stellte Professor Münk fünf Thesen vor: 1. Klare Ziel-/Zielgruppenorientierung, 2. Primat der Hilfe zur Selbsthilfe, 3. Partnerschaftlicher interkultureller Austausch, 4. Transparenz bei der Interessenlage, 5. Not- und Katastrophenhilfe.
Der Beitrag der Kirche könne darin bestehen, Orte der Orientierung, der Wahrheit, der Umkehr und Erneuerung, der Solidarität und Nächstenliebe, der Freiheit und der Hoffnung zu schaffen.
Schliesslich ging Professor Münk noch auf die Frage eines Weltstaates und eines Weltethos ein und zeigte verschiedene mögliche Ansätze auf, die heute diskutiert werden: eine föderale Weltpolitik, ein Welt-Bundesstaat, ein Global Governance, das heisst eine Weltordnungspolitik, die aber einer sozialethischen Grundlage bedürfen würde, sowie die Möglichkeit des Ausbaues der bisherigen Institutionen und internationalen Kooperationen. Nach Meinung des Referenten wäre ein Weltstaat keine gute Lösung. Hingegen wäre der Ausbau der bisherigen Institutionen und internationalen Kooperationen ein gangbarer Weg.

Besuch bei der Lonza

Der Direktor der Walliser Werke Lonza AG, Dr. Stéphane Mischler, erläuterte zu Beginn die Konsequenzen einer global denkenden Wirtschaft auf das Werk in Visp. Er führte aus, dass sich die Aufgabe der Vorgesetzten in den letzten Jahren sehr geändert habe. Entscheidungen werden heute vor allem im Team gefällt. Gefragt seien daher innovative Mitarbeiter.
Die Führung durch die Lonza-Werke gab Bischof Norbert Brunner, den Priestern und kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen sehr interessanten Einblick in einige Teile des Werkes und in den Produktionsablauf. Interessant war zu hören, dass die Lonza 98% ihrer Abfallstoffe auffangen und wieder verwerten kann. In einer grossen Zentralstelle wird jeder Vorgang der Produktion minutiös festgehalten, sodass ein Fehler zum Beispiel einer Substanz, die für ein Medikament gebraucht wird, bis an den Ursprung zurückverfolgt werden könnte. Bis zum heutigen Tag sei jedoch aus ihrer Produktion noch nie eine fehlerhafte Substanz ausgegangen.
Zum Abschluss des Kurses beleuchtete der Präsident der Oberwalliser Raiffeisenbanken, Josef Fux, das Gehörte über die Globalisierung konkret vor Ort aus der Sicht der Raiffeisenbanken, die eine starke Verankerung in der Region Oberwallis haben, sowie der Gewerkschaftssekretär der Syna, Kurt Regotz aus der Sicht der Arbeitnehmer.

Neat-Seelsorge

Abschliessend wurde von den Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern der Wunsch geäussert, ein Bildungsangebot als Folge dieses Kurses auszuarbeiten und den Dekanaten und Seelsorgeregionen anzubieten. Ebenso sei die Idee einer «Neat-Tunnel-Seelsorgestelle» zu überlegen.

 

Heidi Widrig ist Mitarbeiterin namentlich des Informationsdienstes im Bischöflichen Ordinariat Sitten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001