2/2001

INHALT

Kirche in der Schweiz

"H-offen sein"

von Paul Jeannerat-Gränicher

 

Die zweite Tagsatzung im Bistum Basel, am Feste Christi Himmelfahrt 2001 in Bern, nimmt Konturen an. Thema und Slogan sowie Ziele und Methode wurden an einer Versammlung aller Arbeitsgruppen vorgestellt. Gleichzeitig erhielten die Dekanate, Ausländermissionen, Orden, Räte und Kommissionen des Bistums ein Bulletin mit der Einladung, nach interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu suchen.
Die Tagsatzung definiert sich als eine Versammlung im Bistum Basel, wo das Volk Gottes aktuelle Fragen von Kirche und Gesellschaft aufgreift und einer Lösung zuführt: ein Modell für partizipatorische Strukturen in der Kirche. Die Tagsatzung 2001 ist Teil des Projekts «Aufbruch des Bistums Basel ins 3. Jahrtausend», das in den Jahren 2000 bis 2002 unter dem Titel «Als Getaufte leben» verschiedene Aktionen und Treffen umfasst. Die Tagsatzungs-Idee ist von Laien ausgegangen und getragen, ist aber von Bischof Kurt Koch als «Gefäss für den Austausch» anerkannt und unterstützt.

Der Hoffnung und Offenheit verpflichtet

Die erste Tagsatzung im Bistum Basel, die 1998 in Luzern stattfand, war dem Thema «Macht und Ohnmacht» gewidmet. Die über 300 Delegierten aus allen 10 Kantonen des Bistums Basel verabschiedeten damals gewichtige «Ergebnisse», die von «verkrustete Kirchenstrukturen aufbrechen» über «an der Ökumenischen Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz mitmachen» bis zu «antisemitisch missverstandene Texte in der Bibel weglassen» reichte.
Die zweite Tagsatzung, die vom 24. bis zum 26. Mai 2001 in Bern (im evangelischen Zentrum Bürenpark, im Hotel National und auf dem Areal der Pfarrei Dreifaltigkeit) stattfinden wird, ist der Hoffnung und der Offenheit verpflichtet. Ausgangspunkt ist die Mahnung des Apostels Petrus: «Seid allezeit bereit, Rechenschaft zu geben über die Hoffnung, die in euch ist» (1 Petr 3,15b). 300 Katholikinnen und Katholiken aus dem ganzen Bistum Basel (einschliesslich Jura pastoral und Missionen der Ausländerinnen und Ausländer) werden sich versammeln, um gemeinsam ihre Ängste zu überwinden, indem sie ihre Hoffnungen teilen. Sie werden konkrete Anliegen offen legen, welche für die Kirche im Bistum Basel und für die Gesellschaft unseres Landes wichtig und zukunftsträchtig sind und diese zu konkreten Projekten formulieren, um sie nach der Tagsatzung weiter zu bearbeitet.
Die Konferenz wird nach der Open-Space-Methode durchgeführt: Alle tagen in einem grossen Raum, an Tischen zu acht Plätzen. Es bilden sich Diskussionsgruppen, die variabel nach bestimmten Gesprächsthemen gebildet werden. So haben alle Anwesenden die Möglichkeit, ihre Fragen, Interessen und Anliegen kund zu tun, zur Sprache zu bringen, eine Diskussionsgruppe zu ihrem Thema zu initiieren und schliesslich als «Projekt» zur Weiterarbeit anzumelden. Ferner wird ein Playback-Theater in improvisierter Weise die aufgetauchten Fragen und Aspekte in gespielte Geschichten umsetzen und zurückspiegeln.

Teilnehmerkreis

Nach dem Wunsch der Veranstalter sollte das Bistum Basel möglichst gut repräsentiert sein: Frauen und Männer, Kantone und Regionen, Menschen deutscher, französischer und anderer Spache, kirchliche Insider und Interessierte. Von den Teilnehmenden wird eine hohe Motivation für Fragen von Kirche und Gesellschaft erwartet sowie die Bereitschaft zu persönlichem Engagement.
Die Teilnehmerzahl ist auf 300 beschränkt. Die 32 deutschsprachigen Dekanate bestimmen je 2 bis 3 Vertreterinnen und Vertreter, die französischsprachigen je 4 bis 5. Dazu kommen Delegierte der Ausländermissionen, der 10 kantonalen Synoden, der Bistumsleitung, der Orden, Kongregationen und Säkularinstitute und der im Bistum tätigen Räte, Kommissionen, Vereinigungen und Bewegungen. Die andern christlichen Kirchen sind eingeladen, eine Delegation zu bestimmen. Schliesslich sind 80 Plätze für Interessierte reserviert, die sich frei anmelden.

Nachhaltigkeit und Finanzierung

Damit die Tagsatzung nicht ein punktuelles Ereignis bleibt, wird auf die Nacharbeit besonderes Gewicht gelegt: Die Tagsatzungsversammlung mündet in praxisnahe Projektskizzen, die anschliessend durch Arbeitsgruppen zu realisierbaren Projekten ausgearbeitet werden. Dazu wird eine Geschäftstelle errichtet, die als Drehscheibe für die Projekte wirkt und für deren Vernetzung sorgt.
Die Kosten der Tagsatzung in Bern werden von den 10 kantonalen Synoden des Bistums Basel und von den Teilnehmenden getragen. Einen namhaften Beitrag hat der Schweizerische Katholische Volksverein geleistet. Die Römisch-katholische Gesamtkirchgemeinde Bern finanziert während 2 Jahren ein Sekretariat zu 25 Arbeitsprozenten. Die Nacharbeit und die dafür vorgesehene Geschäftsstelle sollten durch Sponsoren finanziert werden. Dazu wurde am 8. Oktober 2000 der Verein «Nachhaltigkeit Tagsatzung 2001» gegründet.<1>

 

Paul Jeannerat-Gränicher, Urtenen-Bern, teilt mit Susi Günter-Lutz, Bettlach (SO), das Präsidium der Tagsatzung 2001.


Anmerkung

1 Auskünfte
Das Sekretariat der Tagsatzung 2001, Mittelstrasse 6A, Postfach 513, 3000 Bern 9, Telefon 031-3023954, Fax 031-3023955, E-Mail info@tagsatzung.ch steht Montag/Dienstag und Donnerstag/Freitag am Morgen sowie Mittwochnachmittag zur Verfügung. Informationen sind auch über www.tagsatzung.ch im Internet abrufbar.


Ökumenische Konsultation: Kirche

von Walter Ludin

 

Im Auswertungsbericht der Ökumenischen Konsultation steht das vierte und letzte Hauptkapitel unter der Überschrift «Kirche».<1> Es ist das kürzeste, nachdem in den vorausgehenden Kapiteln bereits viele Hinweise anzutreffen waren über die kirchlichen Aufgaben im Bereich von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Über zwei Postulate herrscht weithin Einigkeit:

Die Gläubigen sollten die Berührungsängste mit der Wirtschaft abbauen, wird weiter postuliert. Ihre Aufgabe sei es, zu einem Wertewandel beizutragen. Dies habe vor allem dadurch zu geschehen, dass sie den Menschen (wieder) in den Mittelpunkt stellen.

Keine Rezepte aus der Bibel

Wenig Überraschendes findet sich zum Stichwort «Gebet», dem eine Frage im Grundlagentext der Konsultation gewidmet war. Die einen betonen, im Gebet fänden sie Kraft, um sich gegen Widerstände für eine bessere Welt einzusetzen. Andere warnen davor, das Gebet zum Ersatz für das Handeln zu missbrauchen.
Keine Rezepte enthalte die Bibel, aber Leitlinien, heisst es in den Antworten auf die Frage, welche Rolle die Heilige Schrift für das menschliche Zusammenleben bedeute. Und weiter: «Die Kirche sollte selber nach den biblischen Werten leben und diese in die soziale, politische und wirtschaftliche Diskussion einbringen. Der Wirtschaft aber kann keine biblische Gerechtigkeit aufgezwungen werden.»
Der Begriff «Reich Gottes», der in der Diskussionsgrundlage eine zentrale Rolle spielte, wird nur in knapp 100 von über 1000 Eingaben behandelt, und zwar recht kontrovers:

Wenig hilfreiche «Leitvorstellungen»

Schliesslich wird im Auswertungsbericht versucht, die grundsätzlichen Äusserungen zur Rolle der Kirche durch den Begriff «Leitvorstellung des kirchlichen Auftrages» zu systematisieren. Die Autoren geben zu, dass eine scharfe Trennung zwischen den Leitvorstellungen nicht möglich sei. Sie erweisen sich tatsächlich als wenig hilfreich. Ihre Formulierung reicht von «Die Kirche konzentriert sich auf ihren religiösen Auftrag» bis «Die Kirche engagiert sich gesellschaftlich-praktisch».
Wie schwierig die Zuordnung der Aussagen zu solchen Thesen ist, veranschaulicht ein Zitat, das unter der soeben zitierten ersten Leitvorstellung zu finden ist: «Wir erwarten von unseren Priestern und Pfarrern, dass sie uns bei der Suche nach dem Sinn des Lebens auf spirituellem Weg helfen. Das ist ihre einzige Aufgabe. Sie sollen uns zudem ein gutes Beispiel geben, wie Kaplan Koch oder andere, die sich als Individuen einsetzen und es auf sich nehmen, ihren Besitz zu teilen (manche setzen sogar ihr Leben ein)... Die Kirchen setzen sich zu sehr auf der politischen Ebene ein, das ist nicht ihre Aufgabe.» Cornelius Koch wird sich kaum freuen, ins Umfeld eines politisch abstinenten Christentums gestellt zu werden!
Am klarsten ist die Leitvorstellung «Die Kirche setzt sich für Grundwerte ein». Dazu werden gezählt: Einsatz für Benachteiligte, Menschenwürde, Liebe, Toleranz/kulturelle Vielfalt, Gerechtigkeit, Solidarität, Nachhaltigkeit, humane Schweiz, Wohl der Welt, Friede.

Ein «Wort» wird erwartet

«Weiter sind Äusserungen zu finden, die die Kirchen direkt auffordern, öffentliche Debatten zu organisieren oder sich an solchen zu beteiligen. Als deren Ziel werden Förderung der Toleranz, der Gesprächskultur und des gesellschaftlichen Konsenses genannt.» Es bleibt zu hoffen, dass das «Wort der Kirchen», das die Kirchenleitungen auf den kommenden Herbst versprochen haben, diese Erwartungen erfüllen wird.
Doch es wäre schade, wenn das Unternehmen «Ökumenische Konsultation» bis dann ausserhalb der Vorbereitungsgruppe für das «Wort» einschlafen würde. Der vorliegende Auswertungsbericht enthält eine Menge von Gedankenanstössen, die nicht nur für jene anregend sind, die eine Eingabe formuliert haben.

 

Der Kapuziner Walter Ludin ist Redaktor der Eine-Welt-Zeitschrift «ite» und nimmt auch für uns Berichterstattungen wahr.


Kollekte für die Konsultation

Um das Projekt «Ökumenische Konsultation» rechtzeitig abschliessen zu können, fehlen die finanziellen Mittel. Die Schweizer Bischöfe rufen deshalb zu einer Kollekte für die Ökumenische Konsultation auf, die am 17./18. Februar 2001 aufgenommen werden soll.

Redaktion


Anmerkung

1 Zum Kapitel «Gesellschaft» vgl. SKZ 41/2000, zum Kapitel «Staat» SKZ 44/2000, zum Kapitel «Wirtschaft» SKZ 51­52/2000. Der Auswertungsbericht kann für Fr. 25.­, die CD-ROM mit allen Stellungnahmen (ca. 6000 A4-Seiten) für Fr. 15.­ (beides zusammen: Fr. 32.­) bezogen werden beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, Postfach, 3000 Bern 23.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001