48/2001

INHALT

Pastoral

Erwachsenenbildung als Gemeindeentwicklung

von Claudia Mennen

 

Das gesellschaftliche Fluidum, in dem die Kirchen sich bewegen, hat sich grundlegend verändert. Das spüren längst nicht mehr nur die Pfarreien in den Städten. Auch die gute, alte Dorfpfarrei sieht sich zunehmend in Frage gestellt. Es sind vor allem drei Phänomene, die innerkirchlich zum Umdenken herausfordern.

  1. Individualisierung und Pluralisierung haben das Verhalten gegenüber den Kirchen nachhaltig verändert. Glaube und Kirchenzugehörigkeit fallen unter das Gesetz der Wahlfreiheit wie alle anderen Bereiche des Lebens auch. Gruppendruck und Tradition als gesellschaftlich stabilisierende Faktoren verlieren an Bedeutung. Selbst in einem Dorf muss kein Mensch mehr mit Nachteilen rechnen, wenn er oder sie nicht am kirchlichen Leben teilnimmt. Das heisst auch: Wenn Menschen heute den Weg in eine Pfarrei finden, dann tun sie es meist freiwillig und punktuell oder überhaupt nicht mehr.
  2. Die finanziellen Ressourcen werden knapp. Konnten sich Pfarreien bisher noch alles leisten, wird der Ruf nach Stellenschlüssel und Leistungsvereinbarungen laut. Seelsorgeverbände werden längst nicht mehr nur gegründet, um das Priesterproblem zu lösen. Es gibt immer mehr Pfarreien, die sich nur noch einen Teilzeitseelsorgenden leisten können. Der Trend zur Ökonomisierung hat die Kirchen bereits erfasst.
  3. Den Kirchen sind im religiösen Sektor ernst zu nehmende Konkurrenten erwachsen. Die Wohlfahrt des Einzelnen wird weitgehend vom Staat geregelt. Der Boom auf dem Esoterik-Markt ersetzt weitgehend den Gottesdienstbesuch. Die Einzelseelsorge wird häufig von Psychologen übernommen. Gleichwohl sind proportional zum abnehmenden Engagement in der Kirche die Erwartungen an die Qualität einzelner «Dienstleistungen» der Kirchen gewachsen (vgl. die Marketingstudie der katholischen und reformierten Landeskirchen Basel-Stadt).

Pfarreien reagieren mit typischen Verhaltensmustern auf die veränderten Bedingungen. Die einen verfallen in vermehrten Aktivismus. Den leerer werdenden Kirchenbänken wird mit einem Mehr an Angeboten und Projekten begegnet. Dieses Rezept scheint eine Zeit lang zu funktionieren, doch nach anfänglichen Erfolgen stellt sich rasch die Erkenntnis ein, dass das Rad der Fluktuation nicht aufzuhalten ist.
Andere ignorieren den Wandel und betreiben weitgehend eine traditionelle Pastoral. Die Welt wird eingeteilt in die Guten, das heisst die Engagierten, und die Bösen, das heisst Konsumentinnen und Konsumenten. Die Vertreter beider Reaktionsmuster vermeiden es, die Zeichen der Zeit wahrzunehmen und im Licht des Evangeliums zu deuten (GS).
Für eine pfarreilich orientierte Erwachsenenbildung stellen sich folgende Herausforderungen:

1. Perspektivenwechsel

Sie animiert und unterstützt Bewusstwerdungsprozesse in den Pfarreien. Sie nutzt dabei den Leidensdruck und die Ratlosigkeit, die gerade freiwillig Mitarbeitende angesichts der kleiner werdenden Herde spüren. Sie hilft, die Umbrüche der Gesellschaft und ihre Auswirkungen auf das kirchliche Leben zu beschreiben. Dies ist keine leichte Aufgabe. Menschen in Pfarreien hängen oft hohen Idealen und moralischen Wertvorstellungen an, die sich als Wahrnehmungsfilter zwischen Wirklichkeit und die erkennende Person schieben. Die Brille abnehmen und sich vom eigenen Interesse zu distanzieren, ist eine hohe Kunst. Viele Veränderungsprozesse scheitern deshalb schon beim ersten Schritt. Die Wirklichkeit wird verzerrt oder einseitig aus der Binnenperspektive wahrgenommen. Fremde Eindrücke werden ausgeschieden. Die Analyse der Wirklichkeit gerät in eine gefährliche Schieflage, die den weiteren Entwicklungsprozess wie ein Wurm durchzieht.
Wer die Herausforderung des voruteilsfreien Hinsehens meistert, ist hingegegen bereits einen wichtigen Schritt weitergekommen, aber noch nicht über den Berg. Sehen, was ist, hat viel mit Enttäuschung zu tun. Gefühle werden geweckt: Wut, Ohnmacht, Angst, Überforderung.
Es ist nicht übertrieben, wenn festgestellt wird, dass so manche Gemeinde angesichts der Zeichen dieser Zeit in eine latente Depression fällt. Wie im persönlichen Leben, so ist auch im Prozess einer Gemeinde Trauerarbeit angesagt. Beratung ist in dieser Phase als Begleiterin gefragt. Sie hilft beim Abschiednehmen von kostbaren Kindheitserfahrungen, von idealisierten Kirchenbildern und lieb gewonnenen Traditionen. Sie nimmt ernst, dass Menschen in den Pfarreien einen Grund zum Trauern haben. Nichts wird wieder so werden, wie es einmal war. Gleichzeitig liegt das Neue noch gestaltlos, schemenhaft im Dunkel. Wie im Leben eines Einzelnen, so bewahrheitet sich auch im Lebenszyklus einer Pfarrei, dass gelungenes Abschiednehmen den Blick frei werden lässt für ein neues Selbstverständnis. Allerdings braucht es Zeit und Mut, eine Latenzphase auszuhalten. Eine kreative Pause sollte eingelegt werden. Doch hier scheitern viele, denen Nichtstun wie Faulheit vorkommt. Nur wenige unterscheiden gefüllte Stille von leerer Stille. Umgekehrt hängt der aufgeregte Aktivismus vieler Pfarreien mit der fehlenden Differenzierung von Lebendigkeit und Geschäftigkeit zusammen.
In Gemeinden, die jedoch auch diese Hürde meistern, wächst langsam ein neues Selbstverständnis. Der Perspektivewechsel rückt Übersehenes in ein neues Licht. Es wird klarer, worauf es ankommt. Kräfte bündeln sich. Beratung unterstützt das Aufkeimen dieser neu wachsenden Identität. Sie setzt es in Beziehung zu den Zeichen der Zeit und zum konkreten Umfeld der jeweiligen Pfarrei.

2. Kulturwechsel

«In jenen Tagen waren Worte des Herrn selten; Visionen waren nicht häufig» (1 Sam 3,1b). Diese nüchtern klingende Feststellung scheint auch heute zu gelten. Pfarreien sind weitgehend visionslos geworden. Ein Blick in das erste Testament macht ansichtig, dass Visionen immer in Zeiten der Bedrängnis entstanden sind. Sie entwachsen dem Dialog mit dem Lebendigen. Das lässt hoffen ­ auch heute. Für die Erwachsenenbildung im kirchlichen Kontext legt sich eine weitere Aufgabe nahe. Anders als Beratungsunternehmen im Profitbereich kann sie die Identitätsfindung der Pfarreien als spirituellen Prozess begreifen und begleiten. Darin liegt ihre besondere Qualität und Kompetenz.
In diesem Prozess stellt sich die Frage nach den Brunnen, aus denen sich eine Gemeinde nährt. Hier entsteht meist eine nachdenkliche Pause. Es wird offensichtlich, dass das Feld «Gemeindeaufbau» isoliert vom Bereich des persönlichen und gemeindlichen Glaubensbewusstseins beackert wird. Hier Organisation, Veränderungsprozess und da Spirituelles, Glauben teilen in Verkündigung und Liturgie.
Nicolaas Derksen, ein niederländischer Pastoraltheologe, hat eine Praxis entwickelt, die beides zusammenbringt. Das Grundkapital einer jeden Pfarrei und eines jeden Veränderungsprozesses besteht aus dem Gespräch zwischen jenen, die in einer Gemeinde Verantwortung tragen. Dieses Gespräch nährt sich aus drei Brunnen: die eigene Lebensgeschichte mit ihren Höhe- und Tiefpunkten; der Glaube, der in den Heiligen Schriften bewahrt wird, und die gegenwärtige Gesellschaft mit ihren Fragen und Errungenschaften. Nur wenn dieses Gespräch miteinander geführt wird, kommt es zu vitalen Erkenntnis- und pastoralen Handlungskonzepten.
Um zu einer solchen Praxis zu gelangen, bedarf es in vielen Gemeinden eines Kulturwechsels. Vereinfacht ausgedrückt: Das Machen muss mehr mit dem Glauben, Hoffen und Lieben verbunden werden. Derksen nennt dies Glaubenskommunikation. Die Glaubenskommunikation unter denen, die als Freiwillige und Hauptamtliche Verantwortung tragen, hat in seinen Augen einen entscheidenden Anteil am Aufbau der Glaubensgemeinschaft. Zwei Kompetenzen müssen dazu entwickelt werden: die sozialkommunikative und die pastoralspirituelle Fähigkeit.
In diesem beschriebenen Prozess des Kulturwechsels bzw. Umlernens kann die Erwachsenenbildung mit ihrem didaktischen und prozessbezogenen Know-how den Pfarreien beratend und begleitend zur Seite stehen.

3. Kommunikationskompetenz

Bei allen Schritten werden Dialogbereitschaft, Einfühlungsvermögen und die Aufmerksamkeit für den Prozess benötigt. Diese drei Aspekte lassen sich kurz mit dem Begriff Kommunikationskompetenz zusammenfassen. Fortbildungsmassnahmen, die die Fähigkeiten des Einzelnen vertiefen und ergänzen, haben hier weiterhin ihren Sinn. Dennoch: Zu lange hat die klassische Erwachsenenbildung nur den einzelnen Adressaten anerkannt. Spätestens seit der Auseinandersetzung um den Begriff der «lernenden Organisation» ist ein Umdenken angezeigt. Erwachsenen-bildung tut gut daran, ganze Systeme als Lernorte zu begreifen und ihr Instrumentarium darauf auszurichten. Systemische und gruppendynamische Kenntnisse sowie ein Grundwissen über Veränderungsprozesse in Organisationen erweisen sich als notwendig und hilfreich.

4. Mitarbeit von Freiwilligen

Auch wenn die Zahl Freiwilliger rückgängig ist, leisten Freiwillige einen unverzichtbaren Beitrag zum lebendigen Angesicht der Pfarreien. In Hinblick auf den gegenwärtigen Seelsorgemangel (nicht nur Priestermangel) und die prognostizierbar nachlassende Finanzkraft der Kirchgemeinden werden die Freiwilligen auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Es ist absehbar, dass ihre Bedeutung für die Gesamtverantwortung des Pfarreilebens weiter steigt. Die Erwachsenenbildung im Aargau trägt dem schon lange Rechnung, indem sie regelmässige Angebote zur Qualifizierung von Freiwilligen unterhält. Im Bereich Liturgie sind dies Angebote zur Förderung der liturgischen, biblischen und mystagogischen Kompetenz. Im Diakonischen werden Gesprächs- und Organisationskompetenz gefördert sowie die Kunst, mit eigenen Grenzen sorgfältig umzugehen. Der mehrsemestrige Glaubenskurs des TKL sowie niederschwellige Angebote zu aktuellen religiösen Themen stärken den Zusammenhang von Glaubens- und Lebenswissen der Freiwilligen im Bereich der Martyria. Der Koinonia wird durch Supervisionsangebote für Kirchenpflegen und Pfarreiräte, Kurse im Bereich Kommunikation sowie Impulswochenenden zur Zukunft der Pfarreien Sorge getragen.
Es liegt auf der Hand, dass nur gut ausgebildete Freiwillige den Anschluss an die differenzierten Lebenswelten der Pfarreimitglieder finden können. Qualität ist gefragt. Sie kann daran gemessen werden, wie Menschen in einer Gemeinde in der Lage sind, die drei Brunnen Lebensgeschichte, Heilige Schriften und Gesellschaft für den Gestaltungsprozess der Pfarrei fruchtbar werden zu lassen.
Erwachsenenbildung, die sich als Gemeindeentwicklung versteht, ist ein unverzichtbares Instrument, den Wandel der Kirche bewusst zu gestalten. Die Kirchenleitungen sind zunehmend zu dieser Überzeugung gekommen. Das zeigt die Tatsache, dass viele deutsche Bistümer im Fortbildungssektor einen Bereich «Gemeindeberatung» geschaffen haben.
Den Wandel weniger zu erleiden, sondern ihn engagiert zu gestalten, ist eine Aufgabe von vielen in unterschiedlichen Positionen. Die Erwachsenenbildung kann darin eine wertvolle Stütze sein.

 

Claudia Mennen, Theologin und Organisationsberaterin, ist verantwortlich für den Fachbereich «Gemeindeentwicklung und Liturgie» der Erwachsenenbildung der katholischen Kirche im Aargau.


Männer in der Erwachsenenbildung

von Peter Zürn

 

Was fehlt, sind Männer!» Dieser Ausruf von Horst Willems und Reinhard Winter, in einem ganz anderen Zusammenhang gemacht<1>, beschreibt sehr treffend die Situation in der kirchlichen Erwachsenenbildung. Männer sind als Teilnehmer die grosse Ausnahme. Kirchliche Erwachsenenbildung erreicht fast ausschliesslich Frauen. Persönlichkeitsbildung, Spiritualität, Freiwilligenarbeit ­ die grossen Bereiche der kirchlichen Erwachsenenbildung sind Frauensache. Männer dagegen findet man in Kursen der beruflichen Fortbildung.
Seit November 2000 arbeite ich als Erwachsenenbildner in der katholischen Kirche des Kantons Aargau. Einer meiner Arbeitsschwerpunkte ist Männerarbeit, eine Neuheit in diesem Kontext. Ich möchte meine offene Anfangssituation nutzen, um Perspektiven zu entwerfen.

«Männer sind bei sich und in der Religion nicht zuhause»<2>

Mit diesem Bild skizziert Paul Zulehner die Ergebnisse seiner gross angelegten empirischen Studie über Männer und benennt das Dilemma, in dem kirchliche Männerarbeit steht: Männer sind nicht zuhause; sie sind draussen, bei der Arbeit. Die meisten Männer kümmern sich wenig um ihr Daheim, um den Innenraum des eigenen Gefühlshaushaltes, auch nicht um die Nachbarschaft oder um soziale Beziehungsnetze. Zu den von Männern wenig gestalteten ­ im Sinne von mit Leben gefüllten ­ Räumen gehört auch die Religion<3>. Zwar verändern sich immer mehr Männer, sie übernehmen Verantwortung zuhause, in Beziehungen, finden neue Zugänge zu sich selbst und auch zu spirituellen Formen. Sie sind aber in der Regel weit entfernt von der Kirche. Sie engagieren sich in der Männerbewegung. Männer dagegen, die noch Zugang zur Kirche haben ­ sie engagieren sich in Gremien, unter den Älteren gibt es noch regelmässige Gottesdienstbesucher ­, leben oftmals nach dem traditionellen Männerbild. Eine kirchliche Männerarbeit, die nicht einfach das traditionelle Mannsein fortschreiben<4> will, sondern sich an neuen Modellen von Mannsein orientiert<5>, hat also zunächst keine grosse Kundschaft.
Wie sehen die Perspektiven einer kirchlichen Männerarbeit aus?

1. Ist Teil der Männerbewegung

Kirchliche Männerarbeit sehe ich als Teil der Männerbewegung; als einen Teil, der seine Besonderheiten einbringt. Sie kann eine Schnittstelle bilden und Männer aus der Männerbewegung ansprechen, die nach spirituellen Erfahrungen und einem undogmatischen Zugang zu religiösen Fragen suchen. Sie kann ebenso kirchliche Männer ansprechen, die nach neuen Lebenserfahrungen als Mann suchen. Dazu kann sie nicht im rein innerkirchlichen Raum angesiedelt sein. Ihr Platz ist am Rand, an der Grenze. Dass es in der Kirche Raum für neue, «balancierte Männerarbeit» gibt, muss erst einmal sichtbar gemacht werden: nach innen und nach aussen. Dazu braucht es Arbeitsstellen für kirchliche Männerarbeit. Und es braucht Vernetzung zwischen kirchlichen Stellen, Gruppen und interessierten Einzelnen und über den kirchlichen Kontext hinaus mit Männerbüros und Männergruppen, Männerpalavern und den verschiedensten Formen von Männerbildung. Innerhalb der Schweiz stehen wir hier noch ziemlich am Anfang. Ich kenne verschiedene Stellen für kirchliche Männerarbeit<6>, aber sicherlich noch lange nicht alle. Die reformierte Kirche ist dabei viel weiter als die katholische. Das profilierteste Angebot weist die Fachstelle Männerarbeit der evangelisch-reformierten Kirche Zürich mit ihrem Stelleninhaber Christoph Walser auf<7>. Viele der engagierten Männer kennen sich untereinander. Aber eine institutionalisierte Vernetzung ist praktisch nicht vorhanden. Einer der Versuche in dieser Richtung, das Netzwerk kirchlicher Männerarbeit in Bern, hat sich vor kurzem aufgelöst. Persönliche Verbindungen, Kontakte und Kooperationen bestehen auch zwischen der kirchlichen und anderen Bereichen der Männerbewegung. In der Zeitung Männer.be, die von der Berner Männerbewegung getragen wird, schreiben auch Männer aus der kirchlichen Szene. Die überregionale Vernetzung ist jetzt auf dem Internet angelaufen unter www.maenner.org

2. Schafft Freiräume

Kirchliche Männerarbeit schafft Freiräume für Begegnungen unter Männern und für gemeinsame spirituelle Suchbewegungen. Als Beispiel dafür möchte ich von der «Männerspirigruppe» in Aarau erzählen. Seit fast einem Jahr treffen sich 12 Männer alle 6 Wochen an einem Freitagabend, gehen in den Kirchenraum und füllen ihn mit dem, was sie mitbringen und was etwas von ihrer Spiritualität ausdrückt: einem Text, einem Musikstück, einem Lied oder Tanz... Keine zentrale Regie, kurze Absprachen, jeder entscheidet, ob und wann sein Mitbringsel passt. Grosse Plakate liegen aus für Gedanken zwischendurch. Wir füllen den Raum etwa eine Stunde lang mit uns und sitzen anschliessend noch in der Pfarreibeiz zusammen. Die Männer dieser Gruppe haben verschiedene Berufe und unterschiedliche Nähe bzw. Distanz zu Kirche und Religion. Diese Gruppe ist ein Experimentierraum, ein Männerlaboratorium, mit offener Perspektive.
Ich mache die Erfahrung, dass gemeinsames Unterwegssein eine Form ist, die Männer für Begegnung und spirituelle Erfahrungen anspricht. Ich habe diese Erfahrung selbst als Pilger auf dem Jakobsweg gemacht und lade darum immer wieder Männer auf den Jakobsweg ein<8>. Für einen Tag, für eine Woche... Der uralte Weg fordert heraus, er macht es möglich, sich gleichsam im Vorübergehen mit seiner (der des Weges und der eigenen) Geschichte und seiner Spiritualität zu beschäftigen. Pilgern ist eine Form körperbetonter Erfahrung und schafft offene und immer wieder wechselnde Begegnungsformen.
Männer sind oft nicht zuhause. Wir können aber gemeinsam unterwegs sein und unterwegs Pausen einlegen, Orte der Unterbrechung, des Ausruhens und Auftankens suchen und gestalten. Im Angebot von Unterbrechungen alltäglicher Abläufe und von gemeinsamen Experimenten sehe ich eine grosse Chance kirchlicher Männerarbeit.

3. Stärkt für das alltägliche Leben

Kirchliche Männerarbeit stärkt Männer für ihr alltägliches Leben. Keine Erlebnisse mit dem wilden Mann in mir, die ohne Folgen bleiben. Die grösste Stärkung für mich als Mann habe ich darin erlebt, mich nicht allein zu fühlen, sondern verbunden mit anderen Männern, die ähnliche Erfahrungen teilen. Solche Kontakte unter Männern helfen uns dabei, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen. Sie helfen auch bei der Wahrnehmung unserer Grenzen und der Suche nach Unterstützung. Ich bin der Überzeugung, dass Männer, die gut für sich selbst sorgen, auch den Menschen nützen, die mit ihnen in Beziehung stehen. In dieser Überzeugung gründet auch der Ansatz «Männer gegen Männergewalt»<9>. Kirchliche Männerarbeit unterstützt Männer dabei, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Und zwar nicht nur für das Arbeitsleben, sondern für das Leben in Fülle.
Zum Schluss mein Wunsch nach Reaktionen. Ich wünsche mir von anderen Männern zu erfahren, die sich für kirchliche Männerarbeit interessieren und engagieren. Ich wünsche mir Rückmeldungen zu meinem Entwurf. Ich wünsche mir gemeinsame Suchbewegungen mit anderen Männern.<10>

 

Peter Zürn hat Theologie und Sozialpädagogik studiert, schliesst demnächst eine dreijährige Ausbildung zum Gewaltberater beim InstitutHamburg ab und arbeitet als Erwachsenenbildner und Religionslehrer.


Anmerkungen

1 Horst Willems und Reinhard Winter, Fehlen Männer? Zur Einführung, in: dies. (Hrsg.), Was fehlt, sind Männer. Ansätze praktischer Jungen- und Männerarbeit, Tübingen 1991, S. 5ff.

2 Paul M. Zulehner, Männer im Aufbruch. Wie Deutschlands Männer sich selbst und wie Frauen sie sehen, Stuttgart 1999. Zitat aus einem Vortrag zu den Perspektiven kirchlicher Männerarbeit in Bern (März 2000).

3 Diese Bemerkung gilt nur für den christlichen und postchristlichen Kontext. Im Islam und im Judentum sind es dagegen durchaus die Männer, die das religiöse Leben gestalten, wie ich erst vor kurzem beim Projekt des Zürcher Lehrhauses «Unterwegs mit Abraham» bei Gottesdiensten und in Moschee und Synagoge und anschliessenden Gesprächen erleben konnte.

4 Eine solche Männerarbeit hat vor allem in der katholischen Kirche Tradition. Das Angebot von Jungmannschaften, Männerriegen und anderen geschlechtsspezifischen Gruppen sollte Männer vor schädlichen Einflüssen und Verführungen bewahren und die traditionelle Männerrolle stärken. Trotz dieses hoffentlich überholten Ansatzes gäbe es hier sicherlich Schätze für eine neue kirchliche Männerarbeit zu entdecken.

5 Etwa am Konzept des «balancierten Mannseins». Der Ausdruck stammt wiederum von Reinhard Winter und Gunter Neubauer, die in ihrem Buch «Dies und das» (Tübingen 2001) ein Modell von Mannsein skizzieren, das traditionelle und neue Stärken von Männern ausbalanciert.

6 Die evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich hat eine Stelle für Männerarbeit, genauso wie die evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Bern ­ dort allerdings droht «Männerarbeit» als spezifisch ausgewiesenes Ressort in Folge von Sparmassnahmen und Ressortzusammenlegungen zu verschwinden. Darüber hinaus gibt es Gemeinden mit Männerarbeit, etwa die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Bülach und die evangelisch-reformierte Kirche Biel-Stadt, sowie kirchliche Bildunghäuser, die Kurse für Männer anbieten, unter anderen das Haus Fernblick.

7 Weil diese Stelle auch ein gutes Dienstleistungsangebot hat (Literatur, Adressen, Kurse...), hier die Kontaktadresse: Fachstelle Männerarbeit der evangelisch-reformierten Kirche, Hirschengraben 7, 8001 Zürich, Telefon 01-2589240, E-Mail christoph.walser@zh.ref.ch

8 Infos darüber unter www.karsamstags-theologie.ch und im Programm der katholischen Erwachsenenbildung Aargau. Anfordern unter Telefon 062-8324283.

9 In Biel ist die evangelisch-reformierte Gemeinde Trägerin einer Fachstelle gegen Gewalt. Marc Brechbühl bietet Beratungen an für Männer, die gewalttätig geworden sind und damit aufhören wollen. Kontaktadresse: Ring 4, 2502 Biel, Telefon 032-3234717, E-Mail maennerst.biel@bluewin.ch Das Konzept für diese Arbeit ist von B. Oelemann und J. Lempert (Männer gegen Männergewalt) entwickelt worden (www.InstitutHamburg.de).

10 Erwachsenenbildung Region Aarau, Feerstrasse. 8, 5000 Aarau, Telefon 062-8324283, E-Mail peter.zuern@swissonline.ch


Erwachsenenbildung und Frauenstelle

von Regula Haag

 

Jetzt müssen wir uns engagieren, damit wir eine Hoffnung auf Zukunft haben», hiess es an der Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen 1999.
Im November 1995 wurde an der Synode der katholischen Landeskirche Aargau nach kurzer Diskussion und mit einigen Gegenstimmen die Einführung einer 50%igen Stelle für Frauenarbeit auf fünf Jahre beschlossen. Am 6. Juni 2001 wurde wiederum an der Synode für die definitive Einrichtung dieser Stelle ohne Diskussion und mit verschwindend kleiner Ablehnung entschieden. Welche Zeichen lassen sich daraus ablesen und wohin führt dieser Weg weiter? Ein paar Gedankensplitter dazu.

Zeit

Was sind schon fünf Jahre in einer Institution wie der Kirche, die in Jahrhunderten rechnet und auf die Ewigkeit hofft? In diesem Jubiläumsjahr der Frauenthemen ist der Zeitfaktor vermehrt ins Bewusstsein gerückt. Zwischen 30 Jahren Stimmrecht und zehn Jahren Gleichstellungsartikel nehmen fünf Jahre einer kirchlichen Frauenstelle einen kleinen Raum ein. Dementsprechend ist auch die gesamtkirchliche Stellung von Frauenanliegen marginal; in der katholischen Kirche gibt es vergleichbare Stellen nur in der Gesamtkirchgemeinde Biel und in Luzern, getragen vom Verein Frauenkirche Zentralschweiz. Wenn auch die Frauenstelle innerkantonal von Kirchenleitung und den hauptamtlichen Seelsorgenden gut genutzt und ohne Einschränkungen anerkannt ist, so braucht es doch noch viel Einsatz und Zeit, bis dies auch auf einen Grossteil der suchenden und interessierten Frauen zutrifft. Zu häufig erlebe ich noch ein ungläubiges Staunen bei Erstkontakten!

Veränderung

«Denn Gott bin ich und nicht Mann.» Auch in der Theologie und in der kirchlichen Praxis scheint die Zeit manchmal noch zu kurz zu sein, um die Erkenntnisse der feministischen Theologie aufzunehmen und umzusetzen. Doch es erscheinen immer mehr Bücher und Gottesdienstunterlagen, die eine frauengerechte Sprache in der Liturgie ermöglichen, verschiedene Lebenserfahrungen von Frauen und Männern berücksichtigen und uns eigene Gottesbilder finden lassen. Dazu eignen sich Frauen Kompetenzen in Ritualgestaltung an und wenden diese in ihren eigenen Gefässen von liturgischen Feiern auch an. Gesamthaft übernehmen Frauen einen Grossteil der Aufgaben und auch Verantwortungen in vielen unserer Pfarreien und prägen so Kirche nach ihrem Angesicht. Die Hand zu einer geschwisterlichen Kirche wird somit von Frauen schon seit einiger Zeit ausgestreckt und verdient es, unterstützt und gefördert zu werden durch Kurse, Vorträge und vieles mehr, damit die Veränderung weitergeht.

Hoffnung

Hoffnung ist der grösste Luxus und die christlichste Tugend in einem. Dass Hoffnung sich lohnt, zeigt sich im Moment am Beispiel der Mutterschaftsversicherung in der Schweiz, aber auch am neuen europäischen Prinzip des «Gender Mainstreaming», das die Geschlechtergerechtigkeit zu einem integralen Bestandteil allen Denkens, Entscheidens und Handelns erhebt. Zukunftspläne und -visionen für die Arbeit der Frauenstelle können daran anknüpfen. Die Erwachsenenbildung der katholischen Kirche Aargau hat als einen von fünf Qualitätsstandards die Geschlechtergerechtigkeit aufgenommen; die Übersetzung auf die Organisation Pfarrei kann ein nächster Schritt sein. Wenn dies keine Vision ist, aber auch mit viel Hoffnung verbunden für den Erfolg der weiteren Bemühungen!

«...die grosse veränderung die an uns durch uns geschieht
wird mit allen geschehen ­ oder sie bleibt aus
barmherzigkeit wird geübt werden,
wenn die abhängigen das vertane leben aufgeben können
und lernen selber zu leben.»

Mit diesem Ausschnitt aus der von Dorothee Sölle verfassten Interpretation des Magnifikats verknüpfe ich meine Hoffnung auf weiteres Engagement, gute Begegnungen, bewegende Anlässe und Projekte sowie gemeinsam getragene Zukunft im Rahmen der katholischen Frauenstelle.

 

Die Theologin Regula Haag ist verantwortlich für den Fachbereich «Frau und Kirche» der Erwachsenenbildung der katholischen Kirche im Aargau (katholische Frauenstelle Aargau).


Katholische Erwachsenenbildung Schweiz

 

Die Katholische Erwachsenenbildung hat ein schweizerisches Forum, die Katholische Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung der Schweiz und Liechtensteins (KAGEB), die gemeinsam mit Katholische Schulen Schweiz (KSS) die Arbeitsstelle für Bildung der Schweizer Katholiken (ABSK) führt. Die KAGEB bietet ihren Mitgliedern Dienstleistungen an, gibt eine Zeitschrift heraus und engagiert sich auch bildungspolitisch. So hat sie unlängst zu den Empfehlungen der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) zur Erwachsenenbildung Stellung genommen.

Redaktion


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001