42/2001

INHALT

Pastoral

Bibel und Mystik

von Rolf Weibel

 

Mit der Frage nach dem eigenen «feu sacré» näherte sich die Delegiertenversammlung des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks (SKB) in Begleitung des Hamburger Religionspädagogen Fulbert Steffensky dem Thema «Bibel und Mystik», dem neuen Projekt der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des SKB an. Der vorgängige statutarische Teil der Versammlung stand ganz im Zeichen des Übergangs. Das Präsidium des Vereins SKB wechselte von Urs Winter zu Odo Camponovo; Daniel Kosch, der die Geschäftsführung der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz (RKZ) übernimmt, wurde als Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des SKB verabschiedet, Regula Grünenfelder, der Theologischen Mitarbeiterin der Arbeitsstelle, wurden in ihren Mutterschaftsurlaub gute Wünsche mitgegeben, und Detlef Hecking konnte als kommissarischer Leiter der Arbeitsstelle willkommen geheissen werden.<1>

Bibelarbeit heute

Auf Einladung seines Churer Lehrers Franz Annen, die Delegiertenversammlung fand im Priesterseminar St. Luzi statt, skizzierte Daniel Kosch zum Abschied ein bibelpastorales Programm, das er anhand der Titel von Produkten der Arbeitsstelle entwickelte. Bibel und Kirche: Dieser Zeitschriftentitel sei ein ganzes Programm; die Bibel und die Kirche bilden eine komplizierte Paarbeziehung, die wie andere Paarbeziehungen durch Beratungs- und Beziehungsarbeit am Leben zu halten sei. Bibel heute: Die Bibel und das Heute seien zueinander in Beziehung zu setzen, es gehe ­ wie in der Konzilskonstitution «Gaudium et spes» ­ um das «aggiornamento», und es gelte, die Zeichen der Zeit zu verstehen. Dieser Weltbezug, dieser Kontext konkretisiert sich als Welt und Umwelt der Bibel; denn sowohl die Bibel wie unsere Lektüre sind vom jeweiligen Kontext geprägt. Damit sie Leben haben: Es geht um das Leben in Fülle und um das Leben in Fülle für alle und also auch um Gerechtigkeit; deshalb wünscht sich Daniel Kosch für die bibelpastorale Arbeit deutlich mehr «gesellschaftskritischen Biss». Gemeinsam die Bibel lesen und erleben: Die bibelpastorale Arbeit müsse nicht nur erwachsenenbildnerisch einsetzen, sondern sich in den Dienst einer «lernenden Kirche» stellen. Bei der erforderlichen Vernetzung sei inklusiv und demokratisch vorzugehen, und so seien namentlich die Frauen und die Armen einzubeziehen. Mit dem Einsatz für alle, die keine Stimme haben, könnte zugleich versucht werden, mit den Angeboten des Bibelwerks über die Bildungsmittelschicht hinauszukommen. Werkstatt Bibel: Die Bibelarbeit ist für Daniel Kosch ein ehrbares Handwerk, und dieses hat seinen Preis und braucht seine Zeit.<2>

«Feu sacré»

Das erste Gespräch führte Fulbert Steffensky mit grundsätzlichen Überlegungen zum Verhältnis von vorgegebenem verbindlichem Text und Wirklichkeit ein. Gegen den Selbstanspruch des Titels «feu sacré» zeigte er sich der Halbheit des Herzens gegenüber der Bibel milde gestimmt.
Texte können die Wirklichkeit ersetzen und haben sie auch immer wieder ersetzt; anderseits können Texte die Welt erschliessen, sie lesbar machen; ohne Konfrontation mit Texten blieben wir Gefangene im eigenen Herzen. Dabei erschliesse sich die Wahrheit im Gespräch mit dem Text in einer bestimmten Situation. So borge uns der Text Erfahrung, und in diese fremde Erfahrung können wir uns bergen. Das Erinnern enthebe uns der reinen Heutigkeit, der puren Gegenwart, die blende. Die Bilder bilden unsere Seelen, und so gehörten in der Bibel die Kühle des Textes und die Wärme der Bilder zusammen.
Wohl läsen wir die Bibel als Aufgeklärte, so dass wir auch eine «Selbstreinigung der Bibel» wahrnehmen können, und wohl bräuchten wir den Einspruch der Texte und der Geschwister. Gegen die heute gängigen Fluchten in die Fremde und in die Sagbarkeit plädierte Fulbert Steffensky dennoch dafür, als kenntliche Gruppe mit vorrangigen Texten aufzutreten, als Boten einer fremden Nachricht, nicht aber als Garanten dieser Sprache. Als Prediger und als Religionslehrer nur das Sagbare zu sagen, verwarf er als «Magermilchredlichkeit». Später, im Gespräch, präzisierte er: Der Prediger habe sich nicht nach den Erwartungen der Gemeinde zu richten, der Glaube der Gemeinde baue indes an seiner Sprachfähigkeit. Der Prediger könne sich schon von der Sehnsucht getragen wissen, die grossen Geschichten der Hoffnung möchten wahr sein. So sei er genau in der Sache und gross in der Sprache, weil grosse Wünsche hütend.

«Es ist alles schon da...»

Näher zum Projekt «Bibel und Mystik» führte Fulbert Steffensky mit seinem Impuls «Es ist alles schon da...». Zunächst lud er Römer 8 («Der Gott der Gnade und der Freiheit») als Gast ein, der sich von den Zuhörerinnen und Zuhörern einiges sagen lassen musste. Dann setzte er ihn zum Liebesgedicht «Scham» der chilenischen Dichterin Gabriela Mistral so in Beziehung, dass das Verhältnis von Gott und Mensch im Römerbrief sich als ein Liebesverhältnis zeigte: «So bezeugt der Geist selbst unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind» (Römerbrief) ­ «Wenn du mich anblickst, werd' ich schön» (Gabriela Mistral): Mystik als ein Liebesverhältnis zwischen Gott und Mensch und Mensch und Gott.
Gott als Liebendem wie jedem Liebenden Bedürftigkeit zuzuschreiben, mag zunächst befremden. Für Fulbert Steffensky ist aber nur der Satan sich selbst genug, während die Bedürftigkeit eine Signatur des Geistes ist: je geistlicher desto bedürftiger. In diesem Sinne ist das Gebet der Verzicht, sein eigener Liebhaber und Schönfinder zu sein, und so fördert die Aufgabe jedes Selbstandes die Freiheit; denn die Freiheit ist die Folge des Glaubens an den Blick der Güte.
In dieser Sicht ist damit eine Skepsis gegenüber allem verbunden, was sich als lebensrettend aufspielt: substanzialisiert wird dies zu Götzen, während die Gnade entgötzend ist. Anderseits gilt es, auch die Fremdheit der Liebe zu wahren, denn Gott bleibt das Geheimnis, «Deus alienus». Und deshalb gehört das Gericht dazu, die Sünde und die Reue. «Jetzt, da du mich, herbeigeeilt, betrachtest, fand ich mich arm, fühlt' ich mich bloss» (Gabriela Mistral). Die Erkenntnis der Blösse ist das Geistliche, ist der Verzicht auf das Fleischliche, insofern das Fleisch (sarx) «auf sich selbst bestehen» besagt.


Anmerkungen

1 Die Kommentierung der neutestamentlichen Sonntagslesungen in diesen Spalten ist für diese Zeit des Übergangs gewährleistet; zugesagt haben Sabine Bieberstein, Detlef Hecking und Peter Reinl.

2 Die genannten Zeitschriften und Arbeitshilfen sind zu beziehen bei der Bibelpastoralen Arbeitsstelle SKB, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, Fax 01-2014307, E-Mail info@bibelwerk.ch


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001