9/2001 | |
INHALT | |
Pastoral |
Zunächst hat der/die in der Jugendpastoral Handelnde einen Perspektivenwechsel zu vollziehen. Die immer wieder zu hörenden Vorurteile, das Jugendalter sei eine Zeit der emotionalen Labilität und Unsicherheit, der Bedrohung und Gefahr, bestätigen sich empirisch nicht. Die Mehrzahl der Jugendlichen bewältigt die durchaus schwierigen und mit Risiken behafteten Aufgaben des Jugendalters gut. Es gibt zahlreiche Gewinner der Modernisierung. Auch die Jugendlichen selbst nehmen sich kaum als labil und unsicher wahr.
Es zeigt sich, dass Vorstellungen über das Jugendalter viel eher
Projektionen der Erwachsenen sind. Zwar darf nicht übersehen werden,
dass es Verhaltensweisen gibt, die Jugendliche gefährden (Risikoverhalten,
Delinquenz usw.), aber sie sind weniger Probleme des Jugendlichen (abgesehen
von der existentiellen Gefährdung durch sein eigenes Verhalten) als
vielmehr Probleme, die Jugendliche den Erwachsenen bereiten. Das Verhalten
Jugendlicher gibt dabei viel mehr Aufschluss über die sie prägende
Erwachsenenwelt als über die Jugendlichen selbst.
Es kann somit die Jugendphase als eine Zeit der «Krise» nur
im Sinne von «Scheidung» verstanden werden, denn es soll einerseits
nicht geleugnet werden, dass Jugendliche vor ent-scheidenden Aufgaben und
Herausforderungen stehen, andererseits darf nicht vergessen werden, dass
diese Aufgaben (Selbstwerdung usw.) letztlich lebenslange Aufgaben sind.
Fest steht: Jugendliche verhalten sich oftmals anders als Erwachsene und
somit anders als die Mehrheit der Gesellschaft. Die Frage ist, ob wir diese
Andersartigkeit aus dem Blickwinkel des status quo als defizitär auffassen
oder aus dem Blickwinkel einer erneuerbaren Gesellschaft (theologisch gesprochen:
im Horizont des noch ausstehenden Gottesreiches) als Anfrage an uns selber
und als Chance zur Transzendierung der Gegenwart und damit zur Weiterentwicklung
zulassen.<24> Dann wäre anzuerkennen,
dass jede Krise immer auch einen Kairos enthält, die Spezifika der
Jugend immer auch die Möglichkeit zur eigenen Erneuerung bieten.
Perspektivenwechsel heisst also, sich in die Jugendlichen einfühlen.
«Der Platz bei sich selbst wird zugunsten des Platzes beim anderen
verlassen.»<25> Dies bedeutet auch,
den anderen in seinem Sosein zu akzeptieren und damit in seinem Subjektsein.
Theologisch formuliert: Es geht darum, dem anderen, hier: dem Jugendlichen,
das zuzusprechen und zuzutrauen, was Gott ihm längst zugesprochen und
zugetraut hat: die Würde des Menschseins.
Am Beginn pastoralen Handelns, vor jeder weiteren Intervention muss die Begegnung und der Aufbau von Beziehung stehen. Bevor ich selbst aktiv werden kann, muss ich den anderen kennen lernen. Wahrnehmen, Hinhören, Offensein für die Jugendlichen ist also eine Forderung, die nicht oft genug wiederholt werden kann. Nicht fertige Antworten sind gefragt, sondern das suchende Mitgehen und Mittragen von eigenen Lösungen, die auch den Horizont des Bekannten und Gewohnten durchbrechen dürfen. Das Angebot der Interaktion und Kommunikation erweist sich dabei nicht nur humanwissenschaftlich gesehen als richtig, sondern auch botschaftsgemäss als angemessen, wenn wir uns näher mit dem Selbstverständnis der Kirche als Koinonia im Horizont der Reich-Gottes-Praxis Jesu beschäftigen.<26>
Koinonia bezeichnet im NT das «vertikale» Verhältnis durch Christus zu Gott im Heiligen Geist sowie die daraus entfliessende «horizontale» Beziehung der Christen untereinander.<27> Ausgehend von der Gemeinschaft am Heiligen (die «communio sanctorum» im ursprünglichen Sinne) bildet die christliche Gemeinde eine Art «irdische Abbildung», die Gemeinschaft der Heiligen. Koinonia ist also die aus der Teilhabe an Christus entstehende Gemeinschaft. Vorbild für die Kirche als Koinonia, als Gemeinschaft ist das Volk Israel als Bundesgenosse Gottes. Und über die Christenheit hinaus: Weil wir alle Kinder eines Vaters sind, ist Geschwisterlichkeit höchstes Gebot.
Der Kern des Evangeliums Jesu, die Botschaft von der hereinbrechenden
Gottesherrschaft, ist die Ankündigung einer erneuerten Gemeinschaft
Israels mit Gott.<28> Das angebotene «Leben
in Fülle» (vgl. Joh 10,10) meint nichts anderes als die vollkommene
Koinonia des Menschen mit seinem Gott, die Tilgung der Schuldvergangenheit
und die Einladung zu neuer Gemeinschaft.<29>
Das Vorbild dieser Koinonia ist Gott selbst, der die Liebe ist (vgl. 1 Joh
4,8). Dies in einer Vollkommenheit, wie sie die christliche Tradition im
Glauben an die göttliche Gemeinschaft dreier Personen ausspricht.
Das Radikale an dieser Botschaft ist die apodiktische Zusage dieses «Heils-von-Gott-her».
Die Teilhabe an der Gottesherrschaft ist nicht an Vorbedingungen geknüpft
und kann nicht durch menschliches Handeln beeinflusst werden. Damit ist
aber noch mehr gesagt: Die Auflösung der Schuldvergangenheit des Menschen
durch Gott ermöglicht eine neue Existenzweise des Menschen und damit
neues Handeln. Der Indikativ steht vor dem Imperativ. Das (menschliche)
Handeln folgt dem Sein («agere sequitur esse»). Durch die Botschaft
von der Gottesherrschaft wird nicht eine neue, weitere ethische Forderung
erhoben, sondern durch eine neue Seinsweise wird primär die Ermöglichung
neuen Handelns geschenkt.<30>
Die Annahme des Angebots erneuerter Koinonia geschieht durch und bewirkt
(d.h. befreit für) neues Handeln in der Liebe zueinander, in der Verwirklichung
von Koinonia untereinander (vgl. 1 Joh 4,11), wie Jesus sie in seiner Zuwendung
zu den Menschen vorgelebt und bis zum Kreuz vorgeliebt hat.
Immer wieder hat er ihnen Gemeinschaft angeboten. Die Mahlfeiern mit den
Sündern sind sichtbare Zeichen dafür, dass mit der in Jesus anbrechenden
Gottesherrschaft alle Schranken fallen, weil Gott selbst apriori die Schuldvergangenheit
des Einzelnen und des Volkes getilgt hat und damit alle zum Festmahl geladen
sind.
Besonders deutlich wird die Koinonia-Praxis Jesu in den Heilungen (selbst
wirksame Zeichen der Gottesherrschaft, vgl. Lk 11,20), durch die Jesus Menschen
befähigt, in die Gemeinschaft des Volkes zurückzukehren. Mit Edmund
Arens können sie als «kommunikative Handlungen» bezeichnet
werden.<31> Der Mensch bleibt in den Begegnungen
mit Jesus stets Subjekt: Sein eigener Glaube hat ihm geholfen (vgl. Mk 10,52).
In seiner heilenden Nähe bringt Jesus die Menschen zu sich selbst,
können sie wieder Mensch und damit Ebenbild Gottes sein, können
sie wieder einander gut sein, wie Gott ihnen (in Jesus) gut ist.
Stets kommt es Jesus auf das Selbstsein des anderen an. Er fragt: «Was
soll ich dir tun?» (Mk 10,51) Was fehlt dir? Was nützt dir? Jesus
begnügt sich nicht mit Mutmassungen, projiziert nicht vorschnell Bedürfnisse
in den Menschen hinein und nötigt ihm seine Hilfe nicht auf. Er bietet
inhaltsoffene Begegnung, Gemeinschaft an: sie allein ist oft schon heilsam.
Erst in einem zweiten Schritt geht er auf die offen gelegten Nöte und
Sorgen der Menschen ein.
Besonders deutlich wird dies in der Emmaus-Geschichte (Lk 24,1335):
Zunächst geht Jesus mit und hört zu, dann erst beginnt er zu deuten,
zu heilen und sich zu offenbaren. Auch die Begegnung mit Maria und Martha
(Lk 10,3842) kann so gedeutet werden: Maria erfährt von Jesus
Lob, denn sie sitzt zu Füssen des Gastes, ist auf ihn gespannt, anstatt
ihn wie Martha mit (zweifelsohne gut gemeinten) «Aufmerksamkeiten»
zu überschütten und sich in Aktivismus zu verzehren. Maria erwartet
etwas vom Gast: Was bringt der Fremde für Kunde? Was hat er mir zu
geben? Mit was bereichert der Fremde mein Haus? So manches Gastgeber-Paradigma
wird hier umgedreht und es kommt zu einer Begegnung von sich einander beschenkenden
Subjekten.
Koinonia (oder lat. communio) ist heute vor allem ein ekklesiologischer Begriff, der sich auf das Modell der Gemeinde als Koinonia bei Paulus beziehen kann. Da für das eigene pastorale Handeln im Allgemeinen und für die Begegnung mit Jugendlichen im besonderen Entscheidendes davon abhängt, welches Kirchenbild (handlungs-)leitend ist, hat der Begriff hier einen Schwerpunkt. Eine Kirche, in der die Gläubigen als eine allein «hörende Kirche» verstanden werden, wird auch Jugendliche bloss als Adressaten einer kirchlichen Lehre verstehen. Wer sich jedoch an der gemeinschaftlichen Grundstruktur der Kirche orientiert, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil neu hervorgehoben hat, die gekennzeichnet ist durch eine «wahre Gleichheit aller Gläubigen» (vgl. LG 32; CIC/1983, can. 208), wird schwerlich Jugendlichen ihr Subjektsein in der Kirche verwehren, ihnen Mitsprache streitig machen können. Eine Kirche, die sich als eine Gemeinschaft von (mit heiligem Geist gesalbten) Gläubigen, als eine Koinonia versteht, wird auch etwas von Jugendlichen erwarten, wird hellhörig werden für ihre Kritik, ihre Anfragen und ihre erneuernden Impulse.
Eine Besinnung auf die Kirche als Koinonia würde es ermöglichen, die Kompetenz Jugendlicher (Ottmar Fuchs nennt sie eine «prophetische Kraft»<32>) ernst zu nehmen und aufzunehmen. Dies allerdings nicht aufgrund von Nützlichkeitserwägungen, sondern aufgrund eines grundlegenden Mitsprache- und Mitentscheidungsrechtes Jugendlicher. Nur wenn Jugendliche nicht ständig bevormundet oder auf kirchlich zugestandene Spielwiesen und Reservate abgeschoben, sondern inmitten der Kirche als vollberechtigte Glieder wahrgenommen werden, können sie wirklich Subjekte von Kirche sein und immer mehr werden. Mitarbeit Jugendlicher darf sich nicht darauf beschränken, beim Pfarreifest das Festzelt aufbauen zu dürfen. Mitsprache darf nicht mehr nur ein unverbindliches «Drüber-Reden» über genehme Themen bleiben, während heute noch (vielleicht auch ungestüme) Resolutionen zu Reizthemen bereits im Keim erstickt werden. Nur wo sich Jugendliche ernst genommen fühlen, zur Mitentscheidung ermutigt werden, werden sie die Kirche für sich als einen Raum entdecken können, in dem Subjektsein akzeptiert, gefördert und entgegen Verobjektivierungstendenzen der Gegenwart verteidigt wird. Nur so besteht eine Chance, dass Jugendliche die Kirche auch zu ihrer Sache machen und Heimat in ihr finden können.
Neben den ekklesiologischen Konsequenzen der Koinonia-Vorstellung scheint
gerade auch im Blick auf die biblischen Bezüge ein zweites
hervorhebenswert. Die Botschaft Jesu von der Gottesherrschaft ist geprägt
von der bedingungslosen Zusage des erneuerten «Heils-von-Gott-her».
Es heisst nicht: «Handle so und Du wirst», sondern «Du
bist, deshalb kannst Du neu und anders handeln als bisher.»
Kern so mancher Misere der Gegenwart, sei es die Bedrohung durch selbst
verschuldete ökologische Krisen, sei es durch Ungerechtigkeit, Gewalt,
strukturell bedingte Arbeitslosigkeit und vieles mehr, ist doch nicht das
mangelnde Wissen darum, wie es anders gehen könnte, wie man «gerechter»
handeln könnte, sondern der mangelnde Mut, es zu tun. Insbesondere
Jugendliche sind es leid, immer wieder hören zu müssen, was sie
zu tun und zu lassen haben. Sie wissen es selbst, ja sie müssen es
auf dem Hintergrund einer subjektorientierten theologischen Anthropologie
und auf dem Hintergrund der subjektorientierten Signaturen der Gegenwart
selbst wissen. Sie können und wollen es sich nicht länger
von anderen sagen lassen. Wonach sie aber dennoch suchen, sind Menschen
und Orte, die ihnen Mut machen, ihre Vision einer anderen Welt, ihre «prophetische
Kraft» zu nutzen. Welche Dimension erreichte kirchliche Verkündigung,
erreichte ein Religionsunterricht, in dem es hiesse: «Du kannst anders
handeln. Du kannst den Teufelskreis der medienvermittelten Ästhetisierung
von Konsum und Freizeit, den Teufelskreis von Arbeit und Selbstand, von
dauerndem Selbstentscheiden-Wollen und Selbstentscheiden-Müssen durchbrechen.
Versuche es!»?<33>
Diese Ermutigung (insbesondere von Seiten Erwachsener, von Seiten der Amtsträger
und der Kirche als Institution, die unter besonderem Ideologieverdacht stehen),
muss glaubwürdig sein, nicht vom «hohen Ross herab» nach
dem Motto: «Schliesse Dich uns an, höre brav auf die Kirche,
dann wirst Du die Krisen der Gegenwart meistern!». Glaubwürdige
Ermutigung wäre eine ehrliche, vorsichtige Ermutigung, eine Ermutigung,
die eigene Schwäche zugibt, aber auch nicht verheimlicht, dass sie
eine Vision nährt, eine Vision, die (in Jesus Christus) «Fleisch
geworden ist» und die in manchen Teilen den Visionen Jugendlicher
gar nicht so unähnlich ist.
Wer auf dem Hintergrund dieser Überlegungen nun meint, eine derart
geprägte und verstärkte Kommunikation untereinander würde
zu einem Wiedererstarken der Kirche führen, zu einer massenhaften Rückkehr
junger Menschen in eine zugegeben: veränderte Kirche, der
ignoriert mit seinen Hoffnungen die Rahmenbedingungen gegenwärtiger
Religiosität und Kirchlichkeit, hinter die es kein Zurück mehr
gibt. Zahlenmässig bilden die an Kirche interessierten Jugendlichen
eine Minderheit. Und auch für die grosse Zahl der in welcher
Form auch immer «religiösen» Jugendlichen gilt: Das
Mensch- und auch das Christ-Sein ist geprägt durch individuelle Entscheidung
und Wahl. Eine unhinterfragte Zugehörigkeit zu einer Institution, auf
deren Entwicklung der Einzelne kaum Einfluss nehmen kann, ist nicht mehr
gefragt. Hierzu mag mehr Partizipation einen guten Beitrag leisten. Es muss
aber noch weitergehend darum gehen, Orte zu finden, in denen der Einzelne
sich tiefergehend als Subjekt erfahren kann.
In erster Linie gelingt dies in den kleinen, alltäglichen und unscheinbaren
Begegnungen, Beziehungen und Gemeinschaften. Grossanlässe und Massenveranstaltungen
(wie z.B. die Weltjugendtage, die Treffen der Gemeinschaft von Taizé,
Katholikentage, die Internationale Ministranten-Wallfahrt des CIM, diözesane
Treffen usw.) sind zwar wichtig und unverzichtbar, öffnen sie doch
den Blick über die eigene Pfarrei hinaus. Sie können ein erstes
Interesse, eine erste Begeisterung wecken bzw. ein weiterhin notwendiges
Zusammengehörigkeitsgefühl stärken. Allerdings bilden sie
für sich allein nicht unbedingt die bleibenden Anknüpfungspunkte
für die Suchbewegungen Jugendlicher. Von dem her hat auch die Ortspfarrei,
als «Kirche vor Ort» verstanden und nicht als starres Territorialprinzip
von Kirche, durchaus eine Chance.<34>
Diese Chance ist jedoch an Vorbedingungen geknüpft. Die hier vorgestellte
«Kirche vor Ort» wird notwendigerweise eine andere sein müssen
als die bislang erfahrene Ortspfarrei, die für Jugendliche entweder
ein Relikt von Kindheitserinnerungen oder eine durch die Erwachsenenkultur
geprägte Kirche ist, von der man sich abgrenzen will und muss. Kirche
soll hier entworfen werden als grösserer Raum kleinerer Gemeinschaften,
die in erster Linie die Elemente eines kommunikativen Handelns im Horizont
der Kirche als Koinonia verwirklichen. Damit verbunden und darüber
hinaus möchte ich zwei Charakteristika benennen, die eine solche Gemeinschaft
kennzeichnen: die Gottverbundenheit (Kontemplation) und die gesellschaftspolitische
Wirksamkeit (Aktion). Im Gefolge einer kontextuellen Theologie bedingen
sich beide gegenseitig. Es sind die zwei Seiten der «Medaille Kirche»,
die sich als «Volk Gottes unterwegs» und als «Zeichen
unter den Völkern» versteht. Oder um mit den Worten der
Synode Rottenburg-Stuttgart zu sprechen: «Je mystischer wir Christen
sind, umso politischer werden wir sein.»<35>
Karl Rahners berühmter Satz: Der «Fromme von morgen wird ein
ÐMystikerð sein, einer, der etwas Ðerfahrenð hat, oder er
wird nicht mehr sein...», ist nach wie vor aktuell.<36>
Nur eine tiefe Verwurzelung in Gott wird auch unserem Handeln eine Glaubwürdigkeit
verleihen, die für Jugendliche ein ganz wichtiges Kriterium ist. Unglaubwürdigkeit,
Falschheit und mangelnde Offenheit spüren Jugendliche oft sehr feinfühlig
auf und richten ihre Kritik darauf. Wenn wir gefragt werden: «Wo wohnst
du?» (vgl. Joh 1,38), «Aus welchen Quellen lebst du?»,
«Warum handelst du so (und nicht anders)?», dann erwarten Jugendliche
eine ehrliche und verständliche Antwort, die von uns selbst Zeugnis
gibt und sich nicht hinter Formeln verschanzt. Es muss uns nicht im
eigenen Interesse, sondern im Interesse der Jugendlichen und der Botschaft,
die wir verkünden um eine authentische Anteilgabe an unserer
eigenen Hoffnung gehen (vgl. 1 Petr 3,15).
Unser Zeugnis muss dergestalt sein, dass (junge) Menschen Lust bekommen,
mehr über unser Handeln, unsere Motive und Orientierungen zu erfahren.
Sind wir also heute noch meistenteils damit beschäftigt, die Menschen
für unsere Anliegen zu gewinnen, so muss doch das Ziel bleiben, dass
die Denkrichtung eine andere ist, jene, die der Prophet Sacharja beschreibt:
«In jenen Tagen werden zehn Männer...einen Mann...an seinem Gewand
fassen, ihn festhalten und sagen: Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben
gehört: Gott ist mit euch» (vgl. Sach 8,23).
Gleichzeitig geht es um das Anteilnehmen an den Fragen, Sorgen und Nöten
dieser Welt in dieser Zeit. Die hervorragende Aufgabe von Religion in der
Moderne mag es sein, gegen jede Tendenz der Verobjektivierung für das
Subjektsein des Einzelnen einzutreten und mit ihrer transzendentalen Qualität
die Gegenwart zu hinterfragen. In dieser Tendenz kann sich Kirche verbinden
mit den Strömungen der Jugendkulturen, die sich ebenfalls durch ihre
Kritik und auch durch ihre Verweigerung als «Sand im Getriebe»
der Gegenwart erweisen. Vielleicht kann dieses gemeinsame Interesse dazu
führen, dass Jugendliche ihre «prophetische Kraft» (Ottmar
Fuchs) nicht nur in Nischen, sondern im Mittelpunkt der Gesellschaft und
der Kirche zur Wirkung bringen können. Der Einsatz für mehr Gerechtigkeit
in dieser Welt kann nicht das Reich Gottes herbeischaffen, dennoch ist es
glaubwürdiger Ausdruck eines neuen Handelns, das in seinem Horizont
ermöglicht wird.<37> Dieses Engagement
kann dabei in eine doppelte Richtung zielen: einerseits «nach aussen»,
im Sinne der Sprachrohrfunktion, andererseits «nach innen» im
Sinne konkreter Lebenshilfe innerhalb der Gruppe. Dass es sich dabei nicht
um blosse Realitätsertüchtigung handeln darf, sondern um das Ernstnehmen
von Problemlagen als «Fanal» zur Kritik der Gegenwart, ergibt
sich aus dem oben genannten Perspektivenwechsel.
Ein gerade zu klassisches Beispiel für die Verbindung beider Pole ist
die Bewegung von Taizé. Hierbei ist nicht primär an die grossen
Treffen in Taizé oder in einer europäischen Grossstadt gedacht
als vielmehr an die kleinen Gruppen, die sich im Anschluss an eine Fahrt
bilden, die mehr oder minder regelmässig, ohne grosse Organisation
und Vorbereitung ihr Leben und das Wort Gottes teilen. Denn einerseits verweisen
die Brüder in Taizé die Jugendlichen immer wieder auf die Kirchengemeinden
vor Ort<38>, andererseits zählt die
Verbindung von Kontemplation und Aktion zu den Grundüberzeugungen von
Taizé, wie es Frère Roger auf dem Hintergrund der gesellschaftlichen
Umwälzungen Ende der 60er Jahre unter dem Stichwort «Kampf und
Kontemplation» formuliert hat: «Der Kampf für die Menschen
und an deren Seite findet seine Quellen in einem anderen Kampf, der immer
stärker in ihrem Innern geschieht, dort wo kein Mensch dem andern gleicht.
Dort wo wir am Tor zur Kontemplation stehen. Kampf und Kontemplation: Lassen
wir uns so weit führen, bis sich unser ganzes Leben zwischen diese
beiden Pole spannt?»<39>
Gedacht ist des weiteren an Projekte, die sich ein konkretes Anliegen vor
Ort zu eigen machen, an passagere Formen, deren Zeitpunkt gut ausgewählt
ist und die keinen Anspruch auf Langlebigkeit haben, an zeitlich begrenzte
Massnahmen wie eine gemeinsame Wanderwoche «mit Bibel und Rucksack»,
an Einkehrtage und an entsprechende Orte dafür. In diesen Fällen
kann tatsächlich eine Beobachtung erneut Geltung beanspruchen, die
Romano Guardini im Kontext der Jugendbewegung der 20er Jahre machte: «Die
Kirche erwacht in den Seelen.»<40>
Denn hier wird Kirche von Jugendlichen neu entdeckt, eine Kirche zweifellos,
deren Erscheinung sich kaum mehr mit den Erfahrungen der Kindheit und den
Vorurteilen von einer hoffnungslos veralteten Kirche deckt.
Aufgrund der Vielzahl von Erfahrungen der Bevormundung und des Paternalismus unter dem Deckmantel der wohlgemeinten Hilfe kann meines Erachtens nicht mehr von Hilfehandeln in der Jugendpastoral gesprochen werden. Denn es geht nicht um Hilfe, um etwas zu werden (z.B. Jugendlichen zu helfen, sich möglichst reibungslos in die Erwachsenenwelt zu integrieren), sondern um die Ermutigung zu einem symmetrischen Austausch von Erfahrungen mit dem Ziel, den status quo zu transzendieren. Mit Hermann Steinkamp würde ich deshalb, auch in Feldern der Jugendpastoral, in denen auf den ersten Blick das Unterstützen im Vordergrund steht, die Forderung aufstellen: «Teilen statt ÐHelfenð».<41> Dies bedeutet, dass die «herabneigende Geste des Besitzenden, der sich den Armen zuwendet»<42>, des Helfers, der sich des Hilflosen annimmt, des Jugendarbeiters, der die Jugendlichen betreut, überwunden werden muss zugunsten der Geste des Teilens und des Voneinander-Partizipierens im Glauben wie im Leben. Es gilt also die Asymmetrie zu überwinden zugunsten einer symmetrischen Begegnungs- und Beziehungspraxis.
Patrik C. Höring war mehrere Jahre als Jugendseelsorger in Rothenburg (Luzern) tätig, promovierte mit der Arbeit «Jugendlichen begegnen. Jugendpastorales Handeln in einer Kirche als Gemeinschaft» (Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2000, 358 Seiten) und ist Referent der Abteilung Jugendseelsorge im Erzbistum Köln.
24 Im Bereich der Psychoanalyse tragen die Impulse Mario Erdheims zu einer solchen Neubewertung des Jugendalters bei. Vgl. ders., Die gesellschaftliche Produktion von Unbewusstheit. Eine Einführung in den ethnopsychoanalytischen Prozess, Frankfurt am Main 1982. Im praktisch-theologischen Bereich sei besonders auf den jugendpastoralen Beitrag von Ottmar Fuchs, Prophetische Kraft der Jugend. Zum theologischen und ekklesiologischen Ort einer Altersgruppe im Horizont des Evangeliums, Freiburg i.Br. 1986, und die Praktische Theologie von Henning Luther, Religion und Alltag. Bausteine zu einer Praktischen Theologie des Subjekts, Stuttgart 1992, verwiesen.
25 H. Luther, Wahrnehmen und Ausgrenzen oder die doppelte Verdrängung. Zur Tradition des seelsorgerlich-diakonischen Blicks, 264, in: ThPr 23 (1988) 250266.
26 Zur ausführlichen Herleitung eines neuen Paradigmas (jugend)pastoralen Handelns im Kontext der Kirche als Koinonia sei verwiesen auf meinen ausführlichen Entwurf: P. C. Höring, Jugendlichen begegnen. Jugendpastorales Handeln in einer Kirche als Gemeinschaft [PTHe 41], Stuttgart 2000.
27 Vgl. F. Hauck, koinós, in: ThWNT III (1938) 789810; J. Hainz, Koinonia. «Kirche» als Gemeinschaft bei Paulus [BU 16], Regensburg 1982; ders., koinonia, in: EWNT II (1981), 749755.
28 Vgl. H. Merklein, Jesu Botschaft von der Gottesherrschaft. Eine Skizze [SBS 111], 3., überarbeitete Auflage, Stuttgart 1989.
29 Der Begriff Koinonia kann in dieser Hinsicht nur im übertragenen Sinne verstanden werden, da das Verhältnis zwischen Gott und Mensch notwendigerweise kein symmetrisches sein kann. Aus diesem Grund kennt das AT für diese (im Unterschied zur zwischenmenschlichen) Beziehung auch kein Äquivalent für Koinonia.
30 Vgl. hierzu insbesondere H. Merklein, Die Gottesherrschaft als Handlungsprinzip. Untersuchungen zur Ethik Jesu [fzb 34], Würzburg 1978.
31 Vgl. E. Arens, Christopraxis. Grundzüge theologischer Handlungstheorie [QD 139], Freiburg i.Br. 1992, 6174.
32 Vgl. O. Fuchs, Prophetische Kraft der Jugend?
33 Inspirierend hierzu: P. M. Zulehner, Ein Obdach der Seele. Geistliche Übungen nicht nur für fromme Zeitgenossen, 3. Auflage, Düsseldorf 1995, 6064; J. Werbick, Vom Wagnis des Christseins. Wie glaubwürdig ist der Glaube?, München 1995, 149185.
34 In diesem Sinne ist den Überlegungen des Schlussberichtes des Vereins Deutschschweizerischer Jugendseelsorger/Jugendseelsorgerinnen zuzustimmen, in welchem der Pfarrei durchaus ein wichtiger Platz innerhalb der Jugendpastoral eingeräumt wird. Vgl. Heute hier, morgen dort. Neue Perspektiven für die kirchliche Jugendarbeit, Zürich 1995, 8489. Vgl. dazu meinen Kommentar, dokumentiert durch die Fachstelle für kirchliche Jugendarbeit, Zürich, sowie SKZ 164 (1996) 80.
35 Diözesansynode Rottenburg-Stuttgart. Teil IV: Jugendarbeit, Nr. 20, in: Bischöfliches Ordinariat Rottenburg (Hrsg.), Beschlüsse der Diözesansynode Rottenburg-Stuttgart 1985/86. Weitergabe des Glaubens an die kommende Generation, 3. Auflage, Ostfildern 1988, 89113.
36 Vgl. K. Rahner, Frömmigkeit früher und heute, 22, in: ders., Schriften zur Theologie, Band VII. Zur Theologie des geistlichen Lebens, Einsiedeln/Zürich/Köln 1966, 1131. Mit dem «Frommen» meint Rahner in diesem Zusammenhang den «Christen». Vgl. M. Delgado, Christsein in der «nachchristlichen» Gesellschaft. Einige fundamentaltheologische Überlegungen, 214f. Anm. 27, in: G. Bitter; A. Gerhards (Hrsg.), Glauben lernen Glauben feiern. Katechetisch-liturgische Versuche und Klärungen [PTHe 30], Stuttgart 1998, 208219.
37 Vgl. dazu H. Merklein, Die Gottesherrschaft als Handlungsprinzip.
38 Vgl. K. Spink, Frère Roger Gründer von Taizé. Leben für die Versöhnung, 3. Auflage, Freiburg i.Br. 1994, 122f.
39 Br. Roger, Prior von Taizé, Kampf und Kontemplation. Lutte et contemplation, Taizé 1973, 7f; vgl. K. Spink, Frère Roger, 109f.114.
40 R. Guardini, Vom Sinn der Kirche. Fünf Vorträge, 4. Auflage, Mainz 1955, 19.
41 Vgl. H. Steinkamp, Solidarität und Parteilichkeit. Für eine neue Praxis in Kirche und Gemeinde, Mainz 1994, 255.
42 Vgl. ebd., 245.