4/2001

INHALT

Pastoral

Einführung in den Alphalive-Kurs

von Leo Tanner

 

In letzter Zeit wird ­ besonders in evangelischen und freikirchlichen Kreisen ­ immer wieder von Alphalive-Kursen gesprochen. Und das Interesse dafür wächst; eine vom Alphalive-Büro der Schweiz organisierte Schulungstagung vom letzten November in Frauenfeld mit über 200 Teilnehmenden hat dies gezeigt. Erfahrungen mit diesem Kursmodell gab es bis vor kurzem in der deutschsprachigen katholischen Kirche der Schweiz fast keine. Das hat sich im letzten Jahr geändert, nachdem die Bibelgruppen Immanuel an einigen Orten diesen Glaubenskurs durchgeführt haben.

Woher kommt dieser Kurs?

Der Alpha-Kurs (in der Schweiz wird er aus rechtlichen Gründen Alphalive-Kurs genannt) wurde vor rund 20 Jahren in der anglikanischen Kirche Holy Trinity Brompton in London entwickelt. Er ist aber so aufgebaut, dass er alllgemein christliche Glaubensgrundlagen vermittelt. Er kann von jeder christlichen Glaubensgemeinschaft benutzt werden, da er «konfessionsneutral» ist. Er fördert so die Ökumene, weil er den Christen verdeutlicht, dass sie alle auf dem gleichen Fundament stehen. Auf gegenseitige Achtung und Respekt vor der Auffassung anderer Konfessionen wird grosser Wert gelegt.
Der Ablauf und Inhalt des Kurses ist mit einem festen Konzept vorgegeben. Auch wenn der Alphalive-Kurs «konfessionsneutral» ist, wird er natürlich von der Referentin, dem Referenten und der veranstaltenden Kirche geprägt. Er hat teilweise einen apologetischen Charakter, bezieht sich aber ganz auf biblische Aussagen und hat eine einfache Glauben weckende Spiritualität.
Der Alphalive-Kurs hat inzwischen weltweit eine grosse Verbreitung gefunden. Zurzeit finden in über 110 Ländern Alphalive-Kurse statt. In England hat zuerst die katholische Kirche den Kurs übernommen. Die katholischen Bischöfe Englands haben ihn als präkatechumenal bezeichnet. Darauf muss dann (für fern Stehende) die katechumenale Einführung in den Glauben folgen. Später wurde der Kurs in England von den Freikirchen übernommen.

Was macht den Kurs so attraktiv?

Drei Elemente machen den Kurs attraktiv.

1. Bedürfnis nach Gemeinschaft.
Die Kursabende beginnen immer mit einer gemeinsamen Mahlzeit, was ein ungezwungenes Gespräch mit den Gästen (die Teilnehmenden werden als Gäste bezeichnet und behandelt) und damit ein erstes gegenseitiges Kennenlernen ermöglicht. Niemand besucht den Kurs als isoliertes Individuum, das ohne Kontakt und persönliche Zuwendung bleibt.
Wie die Evangelien zeigen, hat sich auch Jesus oft zum gemeinsamen Essen getroffen. Die Gemeinschaft im Mahl schafft eine Hörbereitschaft.

2. Einfache Darlegung des christlichen Glaubens.
In einer allen verständlichen Sprache wird mit Humor und vielen Geschichten der christliche Glaube dargelegt (narrative Theologie!). «Fragen an das Leben» und nicht «Fragen an die Theologie» heisst die Überschrift im Buch von Nicky Gumbel, dem jetzigen Leiter des Kurses in der Gründungskirche, in dem die Referate dargelegt sind. Das Leben der Gäste steht im Zentrum. Sie sollen mit ihrem persönlichen Leben mit der christlichen Botschaft in Berührung kommen.
Dabei kommen die fundamentalen Themen des christlichen Glaubens direkt zur Sprache, wie: Wer ist Jesus? Wozu starb Jesus? Wie kann ich Gewissheit im Glauben finden? Wie kann ich die Bibel lesen? Wer ist der Heilige Geist? Wie kann ich ihn erfahren und mit ihm erfüllt werden? Warum und wie bete ich? Wie führt mich Gott? Wie widerstehe ich dem Bösen? Warum und wie mit anderen über den Glauben reden? Heilt Gott heute noch? Welchen Stellenwert hat die Kirche?

3. Austausch in Gruppen.
Viele Menschen ­ auch treue Kirchgängerinnen und Kirchgänger ­ tragen viele Fragen mit sich herum. Hier ist die Möglichkeit gegeben, alle Fragen auszusprechen. Keine Frage ist zu einfach. Kein Bereich wird ausgeklammert, auch wenn es keine einfachen Antworten und noch weniger Patentrezepte gibt.

Das Kursmodell

Der Kurs umfasst 10 Treffen, ein Wochenende (oder einen Tag) und die Abschlussparty. Ein typischer Alphalive-Abend sieht etwa so aus:

19.00 Uhr Beginn mit dem Abendessen
19.45 Uhr Begrüssung der Gäste (zur Auflockerung mit einem Witz) und einer Einführung zum Abend, Loblied
20.00 Uhr Beginn des Referats
20.45 Uhr Pause mit Kaffee, Tee, Gebäck
21.00 Uhr Gesprächsgruppen
21.45 Uhr Ende des Kursabends

Ein besonderer Höhepunkt ist das Wochenende (oder ein ganzer Tag) zum Thema «Heiliger Geist». Der Kurs wird mit der Alphalive-Party abgeschlossen, an dem die Gäste ihre Freunde und Bekannte einladen. Die frohe Erfahrung dieser Party will und kann zugleich Werbung für kommende Kurse sein.
Der Kurs braucht ein Mitarbeiterteam, das eigens geschult wird, sowie viele Helferinnen und Helfer für konkrete Dienste.
Der Alphalive-Kurs will kein einmaliger Kurs sein, sondern einen evangelisierenden Prozess auslösen. In der Art des Schneeballsystems kann er mehr und mehr fern Stehende ansprechen. Die Werbung des Kurses geht vor allem über die Beziehungen der Gäste, die ihrerseits Bekannte und Freunde zum nächsten Kurs einladen.
Während beim ersten Kurs vorwiegend kirchennahe Personen angesprochen werden, können beim dritten oder vierten Kurs ­ je nach dem Beziehungsnetz der Gäste ­ dem Christentum völlig fern Stehende angesprochen werden.

Erste Erfahrungen

Die Bibelgruppen Immanuel haben vom vergangenen August bis November an acht Orten den Kurs durchgeführt. Die Referate wurden von verschiedenen Theologinnen und Theologen sowie einigen Laien gehalten. Zur Vorbereitung gab es eine spezielle Referentenschulung mit Axel Schyra, einem kurserfahrenen Diakon aus Deutschland. Eine eigens erstellte Referentenmappe, welche die Referate in den katholischen Kontext stellte und praxisorientierte Hilfen (z.B. Hellraumprojektor-Folien) gab, erleichterte diese Tätigkeit.
Die folgenden Zahlen zeigen die regelmässig Teilnehmenden der einzelnen Kurse: in Uznach 30­35, in Bazenheid 30­35, in Jonschwil 30­35, in St. Gallen 45­50, in Rorschach 30­40 (davon waren rund 80% aus der evangelischen und methodistischen Kirche), in Thal 50­55, in Amriswil 20­25, in Wetzikon 20­25 (in Zusammenarbeit mit den Bibelgruppen Immanuel).
Die Erfahrungen der Kurse waren durchwegs positiv. Zwei Dinge sind besonders zu erwähnen:
1. Die Gemeinschaftserfahrung: Sehr viele mussten mithelfen. So ist das Miteinander im ganzen Helferteam gewachsen. 2. Die Freude am Evangelisieren: Die Freude, das Evangelium in dieser Art weiterzugeben ist vielerorts neu lebendig geworden.
Die Rückmeldungen der Teilnehmenden haben dies vielfach bestätigt.
Die positive Wirkung dieser Kurse zeigt sich auch daran, dass an allen diesen Orten und einigen mehr bereits neue Kurse geplant sind.

Ein Angebot

Der Alphalive-Kurs ist ein Modell, mit dem in neuer Weise Menschen von heute das Evangelium dargelegt werden kann. Dabei ist die Erfahrung von christlicher Gemeinschaft die unabdingbare Grundlage. Nach den ersten Erfahrung wollen die Bibelgruppen Immanuel weitergehen. Die ersten Kurse werden ausgewertet, die Referatsmappe überarbeitet, das Know-how verbessert. Erste Erfahrungen können nun weitergegeben werden.
So kann nun ein «Informations- und Schulungstreffen für Referentinnen und Referenten des Alphalive-Kurses» angeboten werden. Es findet statt am Samstag, 10. März 2001, von 9.30 bis 16 Uhr, im Pfarreiheim Jonschwil bei Wil (SG) und wird von Pfarrer Leo Tanner (mit einem Team) geleitet, der gerne weitere Auskünfte erteilt und an den auch die Anmeldungen zu richten sind (Kirchstrasse 3, 9243 Jonschwil, Telefon 071-9235661). Zu diesem Treffen sind besonders die hauptamtlichen Seelsorger und Seelsorgerinnen eingeladen, die den Alphalive-Kurs kennen lernen wollen und Hilfen für ihre Referate suchen.

 

Leo Tanner ist Priester des Bistums St. Gallen, zu 30% Pfarrer von Jonschwil (SG) und zu 70% vom Bistum für die biblische Erneuerung freigestellt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001