51-52/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Die Lektorinnen der Frauengemeinschaft St. Marien, Bern, pflegen eine
gute Tradition: Beim Frauengottesdienst geben sie schon in der Sakristei
deutlich zu verstehen, was sie von der bevorstehenden Lesung halten. Schwer
verständliche, patriarchale oder gar frauenfeindliche Texte finden
keine Gnade vor ihren Augen. Gelegentlich lassen sie sich dann doch noch
überzeugen, eine anstössige Lesung vorzutragen aber nur
unter der Bedingung, dass der Text historisch eingeordnet wird und sie nicht
alles glauben müssen, nur weil es in der Bibel steht.
Kol 3,1821, der zweite Teil der neutestamentlichen Lesung zum Fest
der Heiligen Familie, hätte es bei diesen Lektorinnen sehr schwer.
«Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im
Herrn geziemt»:
Diese Aufforderung ist auch durch Erklärungen zum historischen Kontext
nicht zu retten. Anlass für Protest hätten jedoch auch Männer.
Ihnen wird pauschal unterstellt, dass sie «bitter» gegenüber
ihren Frauen seien und ihre Kinder einschüchtern. Sonst wären
die Aufforderungen, die an sie ergehen, überflüssig (3,19.21).
Familienpolitik nach dem Kolosserbrief: In 3,184,1 haben wir es mit
der ältesten der so genannten «Haustafeln» im NT zu tun,
die patricharchale Gesellschaftsstrukturen festschreiben und die Gleichheit
aller Getauften nur noch theoretisch, nicht jedoch praktisch gelten lassen
wollen. Die negativen Folgen für alle Beteiligten rücken allmählich
ins öffentliche Bewusstsein, praktische Konsequenzen haben es vielerorts
immer noch schwer.
Für das Fest der Heiligen Familie ergeben sich daraus zwei Ansatzpunkte.
Zum einen bietet es sich an, gängige, gerade auch kirchliche Klischees
von Familie und Gesellschaft zu hinterfragen: Unzählige Kinder, Frauen
und Männer leisten grosses Engagement, um Patchwork-Familien heilvoll
zu gestalten. Zum anderen tut eine hermeneutische Auseinandersetzung Not.
Die Lesung beginnt in 3,1217 nämlich mit wunderschönen Aufforderungen
zu gegenseitiger Vergebung und Liebe. Das «dicke Ende» kommt
erst mit der Haustafel ab 3,18. Sie beansprucht, Konsequenz aus der Auferweckung
Jesu und praktische Umsetzung der Taufe zu sein. Die hermeneutische Frage
lautet also: Was sind die schönen Worte aus 3,1217 wert, wenn
sie so fatale Konsequenzen haben? Was muss bei der Lektüre von 3,1217
beachtet werden, damit Liebe und Vergebung nicht auf eine Zementierung der
Machtstrukturen à la 3,184,1 hinauslaufen?
Kol ein Brief, der während der Gefangenschaft oder kurz nach
dem Tod des Paulus geschrieben wurde, jedoch nicht von Paulus selber stammt
entwirft eine grosse Theologie der «Allversöhnung»,
die auch neuere Theologien vom «kosmischen Christus» inspiriert
hat. Die Allversöhnung wird zunächst in einem Hymnus besungen
(1,1520) und dann in konkrete Forderungen für Leben und Alltag
umgesetzt (2,83,17). Dabei nimmt der Verfasser immer wieder auf die
Auferstehung Jesu und die Taufe Bezug. Gegen Ende des Briefes zeichnet er
in 3,1217 das Bild einer alles vergebenden, in Liebe, Frieden und Gesang
miteinander verbundenen Gemeinschaft, die ganz vom Wort Christi und der
Sophia/Weisheit erfüllt ist. Mehrere Stichworte verbinden den Abschnitt
mit der Theologie der echten Paulusbriefe: so zum Beispiel die Aufforderung,
sich mit Erbarmen und anderen Tugenden zu «bekleiden» (3,12,
gr. endúo, vgl. Gal 3,27; Röm 13,12.14; 2 Kor 5,2f.; 1 Thess
5,8), die Aufforderung zur Liebe (3,14; vgl. 1 Kor 13) und das Bild des
einen Leibes (3,15; vgl. 1 Kor 12, Röm 12,38). In 3,16 stehen
Sophia/Weisheit und das «Wort Christi» nahe beeinander und erinnern
so daran, dass Jesus im frühen Christentum als «Sophias Prophet»
(E. Schüssler-Fiorenza) gedeutet wurde und auch der Kolosser-Hymnus
von der personifizierten Weisheits-Theologie geprägt ist.
Der Bruch im Lesungstext (oder auch: die gescheiterte Bewährungsprobe
der Allversöhnungs-Theologie des Verfassers von Kol) folgt nach Vers
17. Wo Frauen, Kindern und Sklaven Unterordnung abverlangt wird, weil dies
dem «Herrn» (Jesus) angemessen sei (3,18.20.22), hilft es auch
nicht viel weiter, wenn die Männer im Gegenzug weniger nachdrücklich,
weil der Verweis auf den «Herrn» hier bezeichnenderweise fehlt!
zu positiven Gefühlen und Begrenzung ihrer Aggression aufgefordert
werden (3,19.21). Aus dieser Perspektive ist es also ein fauler Friede,
zu dem in 3,1217 aufgerufen wird. Das macht die Aufforderung zur Vergebung
nicht hinfällig, zwingt aber zum genauen Hinsehen: Wer soll hier wem
was vergeben? Wie kann Versöhnung geschehen, ohne dabei Wahrheit, Gleichheit
und Gerechtigkeit zu vernachlässigen?
Wenn 3,1821 im Gottesdienst gelesen wird, sollte auch darüber
gepredigt werden. Die Verse sind zu problematisch, um sie kommentarlos als
«Wort des lebendigen Gottes» zu bestätigen. 3,1821
könnte natürlich ausgelassen werden. Doch ist es legitim, nur
die «schönen» Verse 1217 vorzulesen? Oder kann die
Chance genutzt werden, hermeneutische Fragen im Umgang mit der Bibel anzusprechen?
Dann könnten sich Prediger/Predigerin und Gemeinde an der Lesung reiben
und ihre eigenen Positionen zu den angesprochenen Fragen suchen. Der Text
könnte dazu in zwei Abschnitten vorgetragen werden: erst 1217
mit der Frage «ist das alles wirklich so schön, wie es da steht»
und dann 1821, wobei deutlich wird, dass man es sich mit diesem
Text tatsächlich nicht zu leicht machen darf. Verschiedene Aktualisierungen
können dabei helfen. «Vergebung» ist in der Schweiz zurzeit
ja ein brisantes Thema, unter anderem in Zusammenhang mit der 15. Kerze
für Friedrich Leibacher, den Attentäter von Zug. Dieses Ereignis,
aber zum Beispiel auch der schwierige Weg Südafrikas mit seiner Wahrheits-Kommission
können den Blick dafür schärfen, wie Vergebung geschehen
kann, ohne dass dadurch Opfer neu traumatisiert und Täter vorschnell
entschuldigt werden. Die 2. Europäische Ökumenische Versammlung
in Graz formulierte 1997: «Leider ist das Wort ÐVersöhnungð
für viele Menschen zu einer billigen Vokabel geworden, weil es oft
dazu benutzt worden ist, Schuld zu verharmlosen und den Mantel falscher
Nachsicht über Geschehnisse zu breiten, die kritischer Offenlegung
bedurft hätten.»
Liebe, Vergebung und Geschlechterrollen am Fest der Heiligen Familie: Prediger/Predigerinnen
mit Familienerfahrung können hier aus dem Vollen schöpfen. Das
Evangelium (Mt 2,1323) bietet übrigens ein ganz anderes Familienbild
als die 2. Lesung: Hier steht ein Mann im Zentrum, der dem «Ober-Mann»
misstraut und dem deshalb auch Kinder und Frauen anvertraut werden können
sogar in Zeiten von Geburt, Flucht und Gefahr.
Literatur: Angela Standhartinger, Der Brief an die Gemeinde in Kolossä und die Erfindung der «Haustafel», in: Kompendium Feministische Bibelauslegung, hrsg. von Luise Schottrof und Marie-Theres Wacker, Gütersloh 1998, 635645. Vgl. auch die Kommentare von Regula Grünenfelder zur Kol-Lesereihe im Lesejahr C (SKZ 2730/2001).
Kol 3,1221 diskutieren.
Kol 3,12a als Einleitung für einen neuen Brief an die Kolosser/Kolosserinnen nehmen: Was wollen wir ihnen (und uns) angesichts der vorherigen Diskussion sagen?
Jemand liest den Brief laut vor. Ist es angemessen, ihn als «Wort des lebendigen Gottes» zu bestätigen?
Die neutestamentliche Lesung für das Hochfest Erscheinung des Herrn (Eph 3,23a.56) hat Regula Grünenfelder bereits im letzten Jahr kommentiert (SKZ 5152/2000, www.kath.ch/skz/skz-2000/skz51-00.htm). Deshalb soll in diesem Jahr ein zeitgenössischer Text des deutschen Lyrikers und Germanisten Richard Exner (geb. 1929) vorgestellt werden, der Weihnachten mit unserer Zeit verbindet und manche Parallelen zum Evangelium (Mt 2,112) aufweist.
ADVENTSBRIEF
An das Kind das kommen soll
I
Grüss Dich, erschrick nicht, gestorben wird immer, es war auch wieder Krieg, wir planen das heutzutage nach dem Kalender, Du siehst ja, wie es ausging: Für die Betroffnen das übliche Welt-Ende und Konfetti-Paraden, Leichensäcke, und an den Ländergrenzen Flüchtlinge, Flüchtlinge: ex oriente lux, ave, unser Jahrhundert läuft aus
II
Komm, so sehr verheissenes Kind, wir haben unterm Jahr wieder vergessen, wie man empfängt. Inwendig. Komm ruhig zur halben Nacht, ehe uns morgens die Angst austritt... Komm, vielleicht lassen sie dich gar nicht durch, verkleide dich lieber, kleines Stück Stern
III
Komm unerwarteter denn je. Dass es Dich gibt! Für uns und immer wieder. Ja, wir wissen, Du bleibst nicht. Du verlässt uns und stirbst. Im Sand, im Feuer, auf einem Stück Holz. Aber Du warst da. Warst da, bis in die Augen, bis in den Mund. Bei uns. Dagewesensein: der Tod nimmt Dich in Kauf. Nur so kommt ein neues Jahr.
Richard Exners «Adventsbrief» ist etwa zehn Jahre alt, der
Dichter schrieb den Text 1991 unter dem Eindruck des 2. Golfkrieges. Internationale
Friedensdemonstrationen und Vermittlungsversuche hatten die Kriegslogik
nicht durchbrechen können, der Angriff auf das von irakischen Truppen
besetzte Kuwait begann termingerecht am 17. Januar. Der Krieg und die Schlächtereien
Saddam Husseins kosteten ungezählte vor allem irakische
Tote, lösten Umweltkatastrophen gigantischen Ausmasses aus und trieben
Millionen von Menschen in die Flucht. Parallel dazu führte das Pentagon
der Weltöffentlichkeit erstmals eine neue Art des Medienkrieges vor,
in der Opfer unsichtbar gemacht, «chirurgische» Bombenabwürfe
wie im Videospiel präsentiert und unabhängige Berichterstattungen
verhindert wurden.
Vor diesem Hintergrund ist der resignative Ton zu verstehen, den Exner im
1. Teil seines Textes anschlägt. Die Kriegsmaschinerie hat sich durchgesetzt
und ihren Tribut gefordert. Angesichts der übermächtigen Kriegslogik
sucht Exner nach alternativen Lebens- und Handlungsmöglichkeiten. Sein
Gedicht hat einen leicht privatistischen Charakter, unpolitisch ist es jedoch
keineswegs. Die Absurdität der Kriegslogik deutet Exner beispielsweise
an, indem er bei den «Betroffnen» nicht zwischen «Freund»
und «Feind» unterscheidet, sondern die Konsequenzen für
die vermeintlichen Sieger (die «Konfetti-Parade» bei den Siegesfeiern
in New York) und die Verlierer (sie erleben das «Welt-Ende»)
unterschieds- und trostlos nebeneinander stellt. Denn «Leichensäcke»
gab es für viel zu viele auf beiden Seiten (die hohe Zahl der von der
US-Armee an den Golf gelieferten Leichensäcke war vor zehn Jahren ja
ein wichtiges Medienthema). Ein allzu glattes Hinweglesen über die
in leisen Tönen beschriebene Schreckensgeschichte verhindert der Autor
durch bewusst gesetzte Worttrennungen, die den Lesefluss unterbrechen.
Als die wirklichen Opfer sieht Exner die Überlebenden des Krieges:
Ihnen bleibt nur die massenhafte Flucht, die wie auch heute wieder
an den Grenzen der Nachbarländer endet. Indem Exner den konkreten
Flüchtlingen aus dem Osten den christlich-bildungsbürgerlichen
Satz «ex oriente lux» hinzugesellt, entlarvt er, dass mit der
schwärmerischen Formulierung vom Licht aus dem Osten/Orient bestenfalls
Religion und Kultur, nicht aber konkrete Menschen und schon gar keine Flüchtlinge
gemeint sind. Ihnen wird der Übertritt in andere Länder nämlich
verwehrt. Das hat Konsequenzen: Mit den Menschen, die aus ihren Dörfern,
Städten und Ländern weglaufen müssen, läuft auch das
Jahrhundert aus. Gemeint ist damit wohl nicht nur das zeitliche Ablaufen
der letzten Jahre des 20. Jahrhunderts, sondern auch die Verflüchtigung
von Ethik, Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit, so dass Zeit und
Welt als leere Hülle zurückbleiben.
In dieser Situation ruft der Sprecher dem namenlosen Kind zum ersten Mal
sein sehnsuchtsvolles «Komm» zu: Wenn das Kind nicht endlich
kommt (die «halbe Nacht» spielt auf das Weihnachtslied «Es
ist ein Ros entsprungen» an), drohen die realen Kriegs-Alpträume
überhand zu nehmen und den Menschen den Angstschweiss aus den Poren
zu treiben. Das Kommen des Kindes ist dabei lebensnotwendig und gefährdet
zugleich: Es muss sich verkleiden und über verbotene Pfade schleichen,
und sein grösster Trumpf liegt darin, dass es unerwartet kommt.
Eine überraschende Wendung nimmt das Gedicht im dritten Teil. Trotz
aller Not klammert sich der Sprecher nicht an das ersehnte Kind. Dass es
das Kind überhaupt gibt und dass es immer wieder kommt, genügt,
obwohl auch das Kind den Tod nicht aus der Welt nimmt. Gestorben wird weiter:
im «Sand» der irakischen und afghanischen Wüste, im Staub
der Türme von New York oder auch am (Kreuzes-)Holz. Doch das Kind war
da, zum Sehen und Anfassen, Fühlen und Schmecken, als konkreter Mensch,
Nachbar, Ausländerin, Flüchtling..., und auch im Teilen von Brot
und Wein. Da kann selbst der übermächtige Tod nichts mehr ausrichten.
Er muss das Kind mit seinem unzerstörbaren Leben in Kauf nehmen, immer
wieder.
Erschreckend aktuell ist Exners Adventsbrief, heute wieder genauso wie
schon vor zehn Jahren. Die Themen und Probleme unserer Welt sind dieselben
geblieben. So schrecklich der 11. September war eine Zäsur ist
er nicht, jedenfalls nicht für die, die auch vorher schon mit offenen
Augen in die Welt geschaut haben. Daran ist zu erinnern angesichts einer
Weltmachtspolitik, deren Vertreter das Gottesprädikat der «unendlichen
Gerechtigkeit» für sich in Anspruch nehmen («Infinite Justice»
war das ursprüngliche Codewort für den Krieg in Afghanistan) und
zu wissen glauben, dass es Menschen gibt, die keine Seele haben (G. W. Bush
am 11.12.2001 über Usama Bin Laden).
Doch es sind nicht nur die Probleme, die sich nicht geändert haben:
Auch die Hoffnung ist dieselbe geblieben. Die Hoffnung, dass es auch anders
gehen könnte, dass das zerbrechliche Leben eines Kindes einen neuen
Massstab setzen könnte, dass wir an Weihnachten nicht nur die Geburt
eines Kindes feiern, sondern die «Geburt einer neuen Zeit» (H.-J.
Venetz). Dieser gleichermassen unzerstörbaren wie zerbrechlichen Hoffnung
verleiht Exners Adventsbrief Ausdruck. Sein Gedicht ist eine Aktualisierung
der Weihnachtsgeschichte mitten in der Weltpolitik. Genauso übrigens
wie die Kindheitsgeschichte nach Matthäus, der das Evangelium zum Fest
Epiphanie entnommen ist. Auch hier stehen Flüchtlinge im Zentrum, und
Männer vertrauen nicht auf Herrscherlogik, sondern auf ihre Träume.
Literatur: Richard Exner, Gedichte 19531991, Stuttgart 1994; Ders., Die Zunge als Lohn. Gedichte 19911995, Stuttgart 1996.
Kennen Sie das auch? Sie haben langjährige theologische und seelsorgerliche
Erfahrung, wissen so ungefähr, was Sie für richtig und wichtig
halten, haben Ihre wohl überlegten Grundsätze, nach denen Sie
gewisse Dinge in der Pfarrei so und nicht anders tun. Und dann geraten Sie
in eine seelsorgerliche Situation, in der Sie mit Erfahrungen von Menschen
konfrontiert werden, aufgrund derer Sie gar nicht anders können, als
neue und andere Wege zu gehen, Richtlinien hin und Grundsätze her.
So ähnlich ist wohl die Erfahrung des Petrus zu verstehen, von der
Apg 10,111,18 erzählt. Diese Geschichte, der der Lesungstext entnommen
ist, wird bisweilen als das «Pfingsten der Heiden» oder als
die «Bekehrung des Hauptmanns Kornelius» betitelt. Doch eigentlich
ist es nicht der römische Hauptmann, der sich bekehren muss; denn der
gehört bereits zum Sympathisantenkreis der Synagoge, wird als gottesfürchtig
und wohltätig beschrieben (10,2) und wird durch seine Vision eher bestätigt,
seinen eingeschlagenen Weg weiter zu gehen und zu vertiefen; denn Gott hat
auf seine Gebete und Almosen gesehen und sich ihrer erinnert (10,4).
Es ist viel eher Petrus, der nach dieser Geschichte eine so grundlegende
Wandlung durchleben muss, dass Franz Mussner von einer «Bekehrung»
des Petrus spricht. Petrus nämlich wird in einer dreimaligen Vision
aufgefordert, allerlei Getier zu essen, das er bislang immer für unrein
gehalten hatte. Was das konkret heisst, fängt er an zu begreifen, als
Gesandte des Kornelius bei ihm eintreffen, um ihn nach Caesarea zu holen.
Er nimmt sie auf, bewirtet sie und macht sich dann mit ihnen auf den Weg
in die Garnisons- und Hafenstadt Caesarea. Welch grossen Schritt es für
ihn bedeutet, das Haus des römischen Hauptmanns zu betreten, wird in
10,28 deutlich: «Ihr wisst, dass es einem Juden nicht erlaubt ist,
mit einem Nichtjuden zu verkehren; mir aber hat Gott gezeigt, dass man keinen
Menschen unheilig oder unrein nennen darf.»
In den Wegen, die Petrus zurücklegt, in den neuen Räumen, die
er betritt, in den Wandlungen, die er durchlebt, spiegelt sich das Ringen
der frühchristlichen Gemeinden um Öffnung und um die Integration
von Menschen, die nicht aus der jüdischen Tradition stammen. Eindrücklich
ist, dass dies nicht als «Problem» des römischen Hauptmanns
erzählt wird, sondern anhand eines Verstehensprozesses des Petrus und
seiner christusgläubigen Brüder und Schwestern aus Joppe, die
sich durch die Begegnung mit den Menschen aus dem Haus des römischen
Hauptmanns bewegen und verändern lassen und am Schluss dankbar staunend
das Wirken des Heiligen Geistes anerkennen (10,4547).
Der Lesungstext ist der Beginn der Rede, die Petrus im Haus des Kornelius hält. Dass es in der ganzen Geschichte um den Wandlungsprozess des Petrus geht, wird nochmals zu Beginn dieser Rede deutlich, in der Petrus sein beginnendes Verstehen in Worte fasst: «Wahrhaftig, jetzt begreife ich...» (10,34). Was er begreift, ist dies: dass bei Gott jeder Mensch unabhängig von seiner religiösen oder ethnischen Herkunft willkommen ist, wenn er nur Gott sucht und entsprechend handelt (10,35). Es ist also ein Gott für alle Menschen aus allen Völkern, auch wenn es die lange Geschichte Gottes mit Israel gibt, und auch wenn Gott sich in der Friedensverkündigung Jesu zuerst an Israel gewandt hat. Dieser Jesus aber ist Kyrios, Herr für alle Menschen (10,36) eine im Kontext des weltweiten Herrschaftsanspruchs der römischen Kaiser immerhin brisante Aussage. Das Herr-Sein Jesu realisiert sich allerdings auf deutlich andere Weise als das der römischen Kaiser. Dies zeigt der Hinweis auf den Frieden in 10,36 und die folgende Kurzzusammenfassung des Lebens Jesu: Es ist nicht eine Herrschaft, die auf Krieg und militärischer Gewalt beruht, sondern eine, die durch die Kraft des Heiligen Geistes gegeben ist und sich in einem heilsamen und rettenden Handeln für die Menschen auswirkt (10,38). Es ist eine Herrschaft, die das Leben der Menschen zum Inhalt und Ziel hat. Dieses Leben schaffende Handeln, das nicht auf Gewalt und Unterwerfung, sondern auf Gerechtigkeit, Heilung und Befreiung beruht, nimmt übrigens auch im Ersten Gottesknechtslied einen breiten Raum ein; in der liturgischen Zusammenstellung der Lesungen wird dieses Lied auf Jesus bezogen (Jes 42,18). Und durch dieses Handeln zugunsten der Menschen erhält das Sohn-Gottes-Sein Jesu aus dem Tagesevangelium (Mt 3,17) eine konkrete inhaltliche Füllung.
Wie nach den Evangelien die Taufe Jesu durch Johannes am Anfang der öffentlichen
Wirksamkeit Jesu stand (Mt 3,1317 parr), so weist auch Lukas in Apg
10,37 auf diese Taufe Jesu hin, ohne sie allerdings direkt zu erzählen,
so wie er sich schon in seinem Evangelium anders als Matthäus
auf einen diskreten Hinweis auf die bereits geschehene Taufe beschränkt
hatte (Lk 3,21). Und wie am Anfang des Handelns Jesu das Wirken Gottes durch
den Heiligen Geist stand, so ist es auch in der ganzen Erzählung Apg
10,148 immer wieder Gott bzw. die Geistkraft, die die Initiative ergreift
und das Geschehen vorantreibt. Es ist beeindruckend, wie Petrus sich auf
diese ungeheure Dynamik des Geistes einlassen und am Ende sogar die kirchlichen
Hardliner in Jerusalem überzeugen kann, die ihn wegen seiner ungewöhnlichen
Wege zur Rede stellen (11,118).
Es ist, als würde das geistbestimmte und menschenfreundliche Handeln
Jesu, wie Petrus es in seiner Rede 10,38 betont hatte, in seinem eigenen
Tun ein Echo finden. Auch er handelt menschenfreundlich am Haus des Kornelius,
lässt sich von den Erfahrungen der Menschen bewegen und von ihren Bedürfnissen
seine eigenen Grundsätze über den Haufen werfen. Petrus, der für
uns doch stets als ein Prototyp kirchlicher Führungspersönlichkeiten
gilt, könnte in dem Weg, den er in unserer Geschichte geht, ein Modell
für kirchliches Handeln werden: sich vom Geist in Bewegung bringen
zu lassen; auf Menschen jedweder Herkunft zuzugehen; Erfahrungen zu respektieren
und menschenwürdige pastorale Lösungen für Bedürfnisse
und Probleme zu finden. Und dem Wirken des Geistes nicht im Wege zu stehen,
selbst wenn es dort geschieht, wo es vom Kirchenrecht nicht vorgesehen ist.
Literatur: Franz Mussner, Apostelgeschichte, (Die Neue Echter Bibel 5), Würzburg 1984; Hermann-Josef Venetz, «Was Gott für rein erklärt, nenne du nicht unrein!» Ein Gott, der Grenzen sprengt, in: Ders., Kein Gott für Besserwisser. Predigten, Luzern 1999, 8287.
Die Erzählung Apg 10,111,18 szenisch lesen (Personen vorher festlegen) und so die Bewegungen im Raum sichtbar machen. Gemeinsam reflektieren: Wer hat welchen Weg zurückgelegt, welche Grenze überschritten und wurde dadurch wie verändert? Wer hatte die Initiative bei den Ortsveränderungen?
Den Lesungstext Apg 10,3438 auf dem Hintergrund der gesamten Erzählung nochmals lesen, den einzelnen Punkten, die Petrus erwähnt, vertieft nachgehen und überlegen, wie sie in der erzählten Situation nochmals speziell sprechen.
Wo wäre ein «bekehrtes Handeln», wie es von Petrus erzählt wird, in der Kirche vonnöten?