51-52/2001

INHALT

Lesejahr A

Schöne Worte und anstössige Familienpolitik

Detlef Hecking zu Kol 3,12-21

 

Auf den Text zu

Die Lektorinnen der Frauengemeinschaft St. Marien, Bern, pflegen eine gute Tradition: Beim Frauengottesdienst geben sie schon in der Sakristei deutlich zu verstehen, was sie von der bevorstehenden Lesung halten. Schwer verständliche, patriarchale oder gar frauenfeindliche Texte finden keine Gnade vor ihren Augen. Gelegentlich lassen sie sich dann doch noch überzeugen, eine anstössige Lesung vorzutragen ­ aber nur unter der Bedingung, dass der Text historisch eingeordnet wird und sie nicht alles glauben müssen, nur weil es in der Bibel steht.
Kol 3,18­21, der zweite Teil der neutestamentlichen Lesung zum Fest der Heiligen Familie, hätte es bei diesen Lektorinnen sehr schwer. «Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt»:
Diese Aufforderung ist auch durch Erklärungen zum historischen Kontext nicht zu retten. Anlass für Protest hätten jedoch auch Männer. Ihnen wird pauschal unterstellt, dass sie «bitter» gegenüber ihren Frauen seien und ihre Kinder einschüchtern. Sonst wären die Aufforderungen, die an sie ergehen, überflüssig (3,19.21).
Familienpolitik nach dem Kolosserbrief: In 3,18­4,1 haben wir es mit der ältesten der so genannten «Haustafeln» im NT zu tun, die patricharchale Gesellschaftsstrukturen festschreiben und die Gleichheit aller Getauften nur noch theoretisch, nicht jedoch praktisch gelten lassen wollen. Die negativen Folgen für alle Beteiligten rücken allmählich ins öffentliche Bewusstsein, praktische Konsequenzen haben es vielerorts immer noch schwer.
Für das Fest der Heiligen Familie ergeben sich daraus zwei Ansatzpunkte. Zum einen bietet es sich an, gängige, gerade auch kirchliche Klischees von Familie und Gesellschaft zu hinterfragen: Unzählige Kinder, Frauen und Männer leisten grosses Engagement, um Patchwork-Familien heilvoll zu gestalten. Zum anderen tut eine hermeneutische Auseinandersetzung Not. Die Lesung beginnt in 3,12­17 nämlich mit wunderschönen Aufforderungen zu gegenseitiger Vergebung und Liebe. Das «dicke Ende» kommt erst mit der Haustafel ab 3,18. Sie beansprucht, Konsequenz aus der Auferweckung Jesu und praktische Umsetzung der Taufe zu sein. Die hermeneutische Frage lautet also: Was sind die schönen Worte aus 3,12­17 wert, wenn sie so fatale Konsequenzen haben? Was muss bei der Lektüre von 3,12­17 beachtet werden, damit Liebe und Vergebung nicht auf eine Zementierung der Machtstrukturen à la 3,18­4,1 hinauslaufen?

Mit dem Text unterwegs

Kol ­ ein Brief, der während der Gefangenschaft oder kurz nach dem Tod des Paulus geschrieben wurde, jedoch nicht von Paulus selber stammt ­ entwirft eine grosse Theologie der «Allversöhnung», die auch neuere Theologien vom «kosmischen Christus» inspiriert hat. Die Allversöhnung wird zunächst in einem Hymnus besungen (1,15­20) und dann in konkrete Forderungen für Leben und Alltag umgesetzt (2,8­3,17). Dabei nimmt der Verfasser immer wieder auf die Auferstehung Jesu und die Taufe Bezug. Gegen Ende des Briefes zeichnet er in 3,12­17 das Bild einer alles vergebenden, in Liebe, Frieden und Gesang miteinander verbundenen Gemeinschaft, die ganz vom Wort Christi und der Sophia/Weisheit erfüllt ist. Mehrere Stichworte verbinden den Abschnitt mit der Theologie der echten Paulusbriefe: so zum Beispiel die Aufforderung, sich mit Erbarmen und anderen Tugenden zu «bekleiden» (3,12, gr. endúo, vgl. Gal 3,27; Röm 13,12.14; 2 Kor 5,2f.; 1 Thess 5,8), die Aufforderung zur Liebe (3,14; vgl. 1 Kor 13) und das Bild des einen Leibes (3,15; vgl. 1 Kor 12, Röm 12,3­8). In 3,16 stehen Sophia/Weisheit und das «Wort Christi» nahe beeinander und erinnern so daran, dass Jesus im frühen Christentum als «Sophias Prophet» (E. Schüssler-Fiorenza) gedeutet wurde und auch der Kolosser-Hymnus von der personifizierten Weisheits-Theologie geprägt ist.
Der Bruch im Lesungstext (oder auch: die gescheiterte Bewährungsprobe der Allversöhnungs-Theologie des Verfassers von Kol) folgt nach Vers 17. Wo Frauen, Kindern und Sklaven Unterordnung abverlangt wird, weil dies dem «Herrn» (Jesus) angemessen sei (3,18.20.22), hilft es auch nicht viel weiter, wenn die Männer im Gegenzug ­ weniger nachdrücklich, weil der Verweis auf den «Herrn» hier bezeichnenderweise fehlt! ­ zu positiven Gefühlen und Begrenzung ihrer Aggression aufgefordert werden (3,19.21). Aus dieser Perspektive ist es also ein fauler Friede, zu dem in 3,12­17 aufgerufen wird. Das macht die Aufforderung zur Vergebung nicht hinfällig, zwingt aber zum genauen Hinsehen: Wer soll hier wem was vergeben? Wie kann Versöhnung geschehen, ohne dabei Wahrheit, Gleichheit und Gerechtigkeit zu vernachlässigen?

Über den Text hinaus

Wenn 3,18­21 im Gottesdienst gelesen wird, sollte auch darüber gepredigt werden. Die Verse sind zu problematisch, um sie kommentarlos als «Wort des lebendigen Gottes» zu bestätigen. 3,18­21 könnte natürlich ausgelassen werden. Doch ist es legitim, nur die «schönen» Verse 12­17 vorzulesen? Oder kann die Chance genutzt werden, hermeneutische Fragen im Umgang mit der Bibel anzusprechen? Dann könnten sich Prediger/Predigerin und Gemeinde an der Lesung reiben und ihre eigenen Positionen zu den angesprochenen Fragen suchen. Der Text könnte dazu in zwei Abschnitten vorgetragen werden: erst 12­17 mit der Frage «ist das alles wirklich so schön, wie es da steht» ­ und dann 18­21, wobei deutlich wird, dass man es sich mit diesem Text tatsächlich nicht zu leicht machen darf. Verschiedene Aktualisierungen können dabei helfen. «Vergebung» ist in der Schweiz zurzeit ja ein brisantes Thema, unter anderem in Zusammenhang mit der 15. Kerze für Friedrich Leibacher, den Attentäter von Zug. Dieses Ereignis, aber zum Beispiel auch der schwierige Weg Südafrikas mit seiner Wahrheits-Kommission können den Blick dafür schärfen, wie Vergebung geschehen kann, ohne dass dadurch Opfer neu traumatisiert und Täter vorschnell entschuldigt werden. Die 2. Europäische Ökumenische Versammlung in Graz formulierte 1997: «Leider ist das Wort ÐVersöhnungð für viele Menschen zu einer billigen Vokabel geworden, weil es oft dazu benutzt worden ist, Schuld zu verharmlosen und den Mantel falscher Nachsicht über Geschehnisse zu breiten, die kritischer Offenlegung bedurft hätten.»
Liebe, Vergebung und Geschlechterrollen am Fest der Heiligen Familie: Prediger/Predigerinnen mit Familienerfahrung können hier aus dem Vollen schöpfen. Das Evangelium (Mt 2,13­23) bietet übrigens ein ganz anderes Familienbild als die 2. Lesung: Hier steht ein Mann im Zentrum, der dem «Ober-Mann» misstraut und dem deshalb auch Kinder und Frauen anvertraut werden können ­ sogar in Zeiten von Geburt, Flucht und Gefahr.

 

Literatur: Angela Standhartinger, Der Brief an die Gemeinde in Kolossä und die Erfindung der «Haustafel», in: Kompendium Feministische Bibelauslegung, hrsg. von Luise Schottrof und Marie-Theres Wacker, Gütersloh 1998, 635­645. Vgl. auch die Kommentare von Regula Grünenfelder zur Kol-Lesereihe im Lesejahr C (SKZ 27­30/2001).


Er-lesen

Kol 3,12­21 diskutieren.

Er-hellen

Kol 3,12a als Einleitung für einen neuen Brief an die Kolosser/Kolosserinnen nehmen: Was wollen wir ihnen (und uns) angesichts der vorherigen Diskussion sagen?

Er-leben

Jemand liest den Brief laut vor. Ist es angemessen, ihn als «Wort des lebendigen Gottes» zu bestätigen?


"Verkleide die lieber, kleines Stück Stern"

Detlef Hecking zu Richard Exner, Adventsbrief

 

Auf den Text zu

Die neutestamentliche Lesung für das Hochfest Erscheinung des Herrn (Eph 3,2­3a.5­6) hat Regula Grünenfelder bereits im letzten Jahr kommentiert (SKZ 51­52/2000, www.kath.ch/skz/skz-2000/skz51-00.htm). Deshalb soll in diesem Jahr ein zeitgenössischer Text des deutschen Lyrikers und Germanisten Richard Exner (geb. 1929) vorgestellt werden, der Weihnachten mit unserer Zeit verbindet ­ und manche Parallelen zum Evangelium (Mt 2,1­12) aufweist.

Mit dem Text unterwegs

ADVENTSBRIEF
An das Kind das kommen soll

I

Grüss Dich, erschrick nicht, gestorben wird immer, es war auch wieder Krieg, wir planen das heutzutage nach dem Kalender, Du siehst ja, wie es ausging: Für die Betroffnen das übliche Welt-Ende und Konfetti-Paraden, Leichensäcke, und an den Ländergrenzen Flüchtlinge, Flüchtlinge: ex oriente lux, ave, unser Jahrhundert läuft aus

II

Komm, so sehr verheissenes Kind, wir haben unterm Jahr wieder vergessen, wie man empfängt. Inwendig. Komm ruhig zur halben Nacht, ehe uns morgens die Angst austritt... Komm, vielleicht lassen sie dich gar nicht durch, verkleide dich lieber, kleines Stück Stern

III

Komm unerwarteter denn je. Dass es Dich gibt! Für uns und immer wieder. Ja, wir wissen, Du bleibst nicht. Du verlässt uns und stirbst. Im Sand, im Feuer, auf einem Stück Holz. Aber Du warst da. Warst da, bis in die Augen, bis in den Mund. Bei uns. Dagewesensein: der Tod nimmt Dich in Kauf. Nur so kommt ein neues Jahr.

Richard Exners «Adventsbrief» ist etwa zehn Jahre alt, der Dichter schrieb den Text 1991 unter dem Eindruck des 2. Golfkrieges. Internationale Friedensdemonstrationen und Vermittlungsversuche hatten die Kriegslogik nicht durchbrechen können, der Angriff auf das von irakischen Truppen besetzte Kuwait begann termingerecht am 17. Januar. Der Krieg und die Schlächtereien Saddam Husseins kosteten ungezählte ­ vor allem irakische ­ Tote, lösten Umweltkatastrophen gigantischen Ausmasses aus und trieben Millionen von Menschen in die Flucht. Parallel dazu führte das Pentagon der Weltöffentlichkeit erstmals eine neue Art des Medienkrieges vor, in der Opfer unsichtbar gemacht, «chirurgische» Bombenabwürfe wie im Videospiel präsentiert und unabhängige Berichterstattungen verhindert wurden.
Vor diesem Hintergrund ist der resignative Ton zu verstehen, den Exner im 1. Teil seines Textes anschlägt. Die Kriegsmaschinerie hat sich durchgesetzt und ihren Tribut gefordert. Angesichts der übermächtigen Kriegslogik sucht Exner nach alternativen Lebens- und Handlungsmöglichkeiten. Sein Gedicht hat einen leicht privatistischen Charakter, unpolitisch ist es jedoch keineswegs. Die Absurdität der Kriegslogik deutet Exner beispielsweise an, indem er bei den «Betroffnen» nicht zwischen «Freund» und «Feind» unterscheidet, sondern die Konsequenzen für die vermeintlichen Sieger (die «Konfetti-Parade» bei den Siegesfeiern in New York) und die Verlierer (sie erleben das «Welt-Ende») unterschieds- und trostlos nebeneinander stellt. Denn «Leichensäcke» gab es für viel zu viele auf beiden Seiten (die hohe Zahl der von der US-Armee an den Golf gelieferten Leichensäcke war vor zehn Jahren ja ein wichtiges Medienthema). Ein allzu glattes Hinweglesen über die in leisen Tönen beschriebene Schreckensgeschichte verhindert der Autor durch bewusst gesetzte Worttrennungen, die den Lesefluss unterbrechen.
Als die wirklichen Opfer sieht Exner die Überlebenden des Krieges: Ihnen bleibt nur die massenhafte Flucht, die ­ wie auch heute wieder ­ an den Grenzen der Nachbarländer endet. Indem Exner den konkreten Flüchtlingen aus dem Osten den christlich-bildungsbürgerlichen Satz «ex oriente lux» hinzugesellt, entlarvt er, dass mit der schwärmerischen Formulierung vom Licht aus dem Osten/Orient bestenfalls Religion und Kultur, nicht aber konkrete Menschen und schon gar keine Flüchtlinge gemeint sind. Ihnen wird der Übertritt in andere Länder nämlich verwehrt. Das hat Konsequenzen: Mit den Menschen, die aus ihren Dörfern, Städten und Ländern weglaufen müssen, läuft auch das Jahrhundert aus. Gemeint ist damit wohl nicht nur das zeitliche Ablaufen der letzten Jahre des 20. Jahrhunderts, sondern auch die Verflüchtigung von Ethik, Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit, so dass Zeit und Welt als leere Hülle zurückbleiben.
In dieser Situation ruft der Sprecher dem namenlosen Kind zum ersten Mal sein sehnsuchtsvolles «Komm» zu: Wenn das Kind nicht endlich kommt (die «halbe Nacht» spielt auf das Weihnachtslied «Es ist ein Ros entsprungen» an), drohen die realen Kriegs-Alpträume überhand zu nehmen und den Menschen den Angstschweiss aus den Poren zu treiben. Das Kommen des Kindes ist dabei lebensnotwendig und gefährdet zugleich: Es muss sich verkleiden und über verbotene Pfade schleichen, und sein grösster Trumpf liegt darin, dass es unerwartet kommt.
Eine überraschende Wendung nimmt das Gedicht im dritten Teil. Trotz aller Not klammert sich der Sprecher nicht an das ersehnte Kind. Dass es das Kind überhaupt gibt und dass es immer wieder kommt, genügt, obwohl auch das Kind den Tod nicht aus der Welt nimmt. Gestorben wird weiter: im «Sand» der irakischen und afghanischen Wüste, im Staub der Türme von New York oder auch am (Kreuzes-)Holz. Doch das Kind war da, zum Sehen und Anfassen, Fühlen und Schmecken, als konkreter Mensch, Nachbar, Ausländerin, Flüchtling..., und auch im Teilen von Brot und Wein. Da kann selbst der übermächtige Tod nichts mehr ausrichten. Er muss das Kind mit seinem unzerstörbaren Leben in Kauf nehmen, immer wieder.

Über den Text hinaus

Erschreckend aktuell ist Exners Adventsbrief, heute wieder genauso wie schon vor zehn Jahren. Die Themen und Probleme unserer Welt sind dieselben geblieben. So schrecklich der 11. September war ­ eine Zäsur ist er nicht, jedenfalls nicht für die, die auch vorher schon mit offenen Augen in die Welt geschaut haben. Daran ist zu erinnern angesichts einer Weltmachtspolitik, deren Vertreter das Gottesprädikat der «unendlichen Gerechtigkeit» für sich in Anspruch nehmen («Infinite Justice» war das ursprüngliche Codewort für den Krieg in Afghanistan) und zu wissen glauben, dass es Menschen gibt, die keine Seele haben (G. W. Bush am 11.12.2001 über Usama Bin Laden).
Doch es sind nicht nur die Probleme, die sich nicht geändert haben: Auch die Hoffnung ist dieselbe geblieben. Die Hoffnung, dass es auch anders gehen könnte, dass das zerbrechliche Leben eines Kindes einen neuen Massstab setzen könnte, dass wir an Weihnachten nicht nur die Geburt eines Kindes feiern, sondern die «Geburt einer neuen Zeit» (H.-J. Venetz). Dieser gleichermassen unzerstörbaren wie zerbrechlichen Hoffnung verleiht Exners Adventsbrief Ausdruck. Sein Gedicht ist eine Aktualisierung der Weihnachtsgeschichte mitten in der Weltpolitik. Genauso übrigens wie die Kindheitsgeschichte nach Matthäus, der das Evangelium zum Fest Epiphanie entnommen ist. Auch hier stehen Flüchtlinge im Zentrum, und Männer vertrauen nicht auf Herrscherlogik, sondern auf ihre Träume.

 

Literatur: Richard Exner, Gedichte 1953­1991, Stuttgart 1994; Ders., Die Zunge als Lohn. Gedichte 1991­1995, Stuttgart 1996.


Dem Geist nicht im Wege stehen

Sabine Bieberstein zu Apg 10,34-38

 

Auf den Text zu

Kennen Sie das auch? Sie haben langjährige theologische und seelsorgerliche Erfahrung, wissen so ungefähr, was Sie für richtig und wichtig halten, haben Ihre wohl überlegten Grundsätze, nach denen Sie gewisse Dinge in der Pfarrei so und nicht anders tun. Und dann geraten Sie in eine seelsorgerliche Situation, in der Sie mit Erfahrungen von Menschen konfrontiert werden, aufgrund derer Sie gar nicht anders können, als neue und andere Wege zu gehen, Richtlinien hin und Grundsätze her.
So ähnlich ist wohl die Erfahrung des Petrus zu verstehen, von der Apg 10,1­11,18 erzählt. Diese Geschichte, der der Lesungstext entnommen ist, wird bisweilen als das «Pfingsten der Heiden» oder als die «Bekehrung des Hauptmanns Kornelius» betitelt. Doch eigentlich ist es nicht der römische Hauptmann, der sich bekehren muss; denn der gehört bereits zum Sympathisantenkreis der Synagoge, wird als gottesfürchtig und wohltätig beschrieben (10,2) und wird durch seine Vision eher bestätigt, seinen eingeschlagenen Weg weiter zu gehen und zu vertiefen; denn Gott hat auf seine Gebete und Almosen gesehen und sich ihrer erinnert (10,4).
Es ist viel eher Petrus, der nach dieser Geschichte eine so grundlegende Wandlung durchleben muss, dass Franz Mussner von einer «Bekehrung» des Petrus spricht. Petrus nämlich wird in einer dreimaligen Vision aufgefordert, allerlei Getier zu essen, das er bislang immer für unrein gehalten hatte. Was das konkret heisst, fängt er an zu begreifen, als Gesandte des Kornelius bei ihm eintreffen, um ihn nach Caesarea zu holen. Er nimmt sie auf, bewirtet sie und macht sich dann mit ihnen auf den Weg in die Garnisons- und Hafenstadt Caesarea. Welch grossen Schritt es für ihn bedeutet, das Haus des römischen Hauptmanns zu betreten, wird in 10,28 deutlich: «Ihr wisst, dass es einem Juden nicht erlaubt ist, mit einem Nichtjuden zu verkehren; mir aber hat Gott gezeigt, dass man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf.»
In den Wegen, die Petrus zurücklegt, in den neuen Räumen, die er betritt, in den Wandlungen, die er durchlebt, spiegelt sich das Ringen der frühchristlichen Gemeinden um Öffnung und um die Integration von Menschen, die nicht aus der jüdischen Tradition stammen. Eindrücklich ist, dass dies nicht als «Problem» des römischen Hauptmanns erzählt wird, sondern anhand eines Verstehensprozesses des Petrus und seiner christusgläubigen Brüder und Schwestern aus Joppe, die sich durch die Begegnung mit den Menschen aus dem Haus des römischen Hauptmanns bewegen und verändern lassen und am Schluss dankbar staunend das Wirken des Heiligen Geistes anerkennen (10,45­47).

Mit dem Text unterwegs

Der Lesungstext ist der Beginn der Rede, die Petrus im Haus des Kornelius hält. Dass es in der ganzen Geschichte um den Wandlungsprozess des Petrus geht, wird nochmals zu Beginn dieser Rede deutlich, in der Petrus sein beginnendes Verstehen in Worte fasst: «Wahrhaftig, jetzt begreife ich...» (10,34). Was er begreift, ist dies: dass bei Gott jeder Mensch unabhängig von seiner religiösen oder ethnischen Herkunft willkommen ist, wenn er nur Gott sucht und entsprechend handelt (10,35). Es ist also ein Gott für alle Menschen aus allen Völkern, auch wenn es die lange Geschichte Gottes mit Israel gibt, und auch wenn Gott sich in der Friedensverkündigung Jesu zuerst an Israel gewandt hat. Dieser Jesus aber ist Kyrios, Herr für alle Menschen (10,36) ­ eine im Kontext des weltweiten Herrschaftsanspruchs der römischen Kaiser immerhin brisante Aussage. Das Herr-Sein Jesu realisiert sich allerdings auf deutlich andere Weise als das der römischen Kaiser. Dies zeigt der Hinweis auf den Frieden in 10,36 und die folgende Kurzzusammenfassung des Lebens Jesu: Es ist nicht eine Herrschaft, die auf Krieg und militärischer Gewalt beruht, sondern eine, die durch die Kraft des Heiligen Geistes gegeben ist und sich in einem heilsamen und rettenden Handeln für die Menschen auswirkt (10,38). Es ist eine Herrschaft, die das Leben der Menschen zum Inhalt und Ziel hat. Dieses Leben schaffende Handeln, das nicht auf Gewalt und Unterwerfung, sondern auf Gerechtigkeit, Heilung und Befreiung beruht, nimmt übrigens auch im Ersten Gottesknechtslied einen breiten Raum ein; in der liturgischen Zusammenstellung der Lesungen wird dieses Lied auf Jesus bezogen (Jes 42,1­8). Und durch dieses Handeln zugunsten der Menschen erhält das Sohn-Gottes-Sein Jesu aus dem Tagesevangelium (Mt 3,17) eine konkrete inhaltliche Füllung.

Über den Text hinaus

Wie nach den Evangelien die Taufe Jesu durch Johannes am Anfang der öffentlichen Wirksamkeit Jesu stand (Mt 3,13­17 parr), so weist auch Lukas in Apg 10,37 auf diese Taufe Jesu hin, ohne sie allerdings direkt zu erzählen, so wie er sich schon in seinem Evangelium ­ anders als Matthäus ­ auf einen diskreten Hinweis auf die bereits geschehene Taufe beschränkt hatte (Lk 3,21). Und wie am Anfang des Handelns Jesu das Wirken Gottes durch den Heiligen Geist stand, so ist es auch in der ganzen Erzählung Apg 10,1­48 immer wieder Gott bzw. die Geistkraft, die die Initiative ergreift und das Geschehen vorantreibt. Es ist beeindruckend, wie Petrus sich auf diese ungeheure Dynamik des Geistes einlassen und am Ende sogar die kirchlichen Hardliner in Jerusalem überzeugen kann, die ihn wegen seiner ungewöhnlichen Wege zur Rede stellen (11,1­18).
Es ist, als würde das geistbestimmte und menschenfreundliche Handeln Jesu, wie Petrus es in seiner Rede 10,38 betont hatte, in seinem eigenen Tun ein Echo finden. Auch er handelt menschenfreundlich am Haus des Kornelius, lässt sich von den Erfahrungen der Menschen bewegen und von ihren Bedürfnissen seine eigenen Grundsätze über den Haufen werfen. Petrus, der für uns doch stets als ein Prototyp kirchlicher Führungspersönlichkeiten gilt, könnte in dem Weg, den er in unserer Geschichte geht, ein Modell für kirchliches Handeln werden: sich vom Geist in Bewegung bringen zu lassen; auf Menschen jedweder Herkunft zuzugehen; Erfahrungen zu respektieren und menschenwürdige pastorale Lösungen für Bedürfnisse und Probleme zu finden. Und dem Wirken des Geistes nicht im Wege zu stehen, selbst wenn es dort geschieht, wo es vom Kirchenrecht nicht vorgesehen ist.

 

Literatur: Franz Mussner, Apostelgeschichte, (Die Neue Echter Bibel 5), Würzburg 1984; Hermann-Josef Venetz, «Was Gott für rein erklärt, nenne du nicht unrein!» Ein Gott, der Grenzen sprengt, in: Ders., Kein Gott für Besserwisser. Predigten, Luzern 1999, 82­87.


Er-lesen

Die Erzählung Apg 10,1­11,18 szenisch lesen (Personen vorher festlegen) und so die Bewegungen im Raum sichtbar machen. Gemeinsam reflektieren: Wer hat welchen Weg zurückgelegt, welche Grenze überschritten und wurde dadurch wie verändert? Wer hatte die Initiative bei den Ortsveränderungen?

Er-hellen

Den Lesungstext Apg 10,34­38 auf dem Hintergrund der gesamten Erzählung nochmals lesen, den einzelnen Punkten, die Petrus erwähnt, vertieft nachgehen und überlegen, wie sie in der erzählten Situation nochmals speziell sprechen.

Er-leben

Wo wäre ein «bekehrtes Handeln», wie es von Petrus erzählt wird, in der Kirche vonnöten?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001