50/2001 | |
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Lesejahr A |
Die erste Lesung und das Evangelium bilden den Höhepunkt der adventlichen
Lesungen und lenken den Blick bereits auf die Geburt Jesu. Jes 7,1014
enthält die Immanuel-Verheissung, die in Mt 1,1825 aufgegriffen
wird: In der Geburt Jesu habe sich die alte Verheissung endlich erfüllt.
Jes 7,14 ist damit das erste der fünf «Erfüllungszitate»,
mit denen Matthäus seine Erzählungen über die Kindheit Jesu
in der ersttestamentlichen Heilsgeschichte verwurzelt. Als Matthäus
die Verheissung um das Jahr 80 n. Chr. zitiert, hat sie schon eine lange
und wechselvolle Geschichte hinter sich. Ergangen war sie 733 v. Chr. an
den judäischen König Ahas. Eine junge Frau, mit der im historischen
Kontext wohl eine konkrete Frau am Jerusalemer Königshof gemeint war,
werde ein Kind gebären (und damit, mitten in der Krisenzeit des syrisch-efraimitischen
Krieges, den Fortbestand der Dynastie sichern). Das hebräische Wort
almah (junge Frau) wurde jedoch bereits in der Septuaginta im 3. Jh. v.
Chr. durch das griechische Wort parthénos (Jungfrau) übersetzt.
Jes 7,14 erhielt damit einen Verheissungsüberschuss, der sich unter
anderem in der Vorstellung von der jungfräulichen Geburt Jesu im Matthäus-
und Lukasevangelium entlud. So ist für die griechischsprachigen Hörer/Hörerinnen
des Matthäusevangeliums die Sache eindeutig: Was Ahas durch Jesaja
verheissen worden war, erfüllt sich gut 700 Jahre später in der
Geburt Jesu. Diese Deutung wird dadurch erleichtert, dass das Erste Testament
nirgends davon berichtet, ob die junge Frau, von der Jesaja spricht, tatsächlich
ein Kind geboren und sich die Verheissung an Ahas somit bereits im ursprünglichen
historischen Kontext erfüllt hat.
Doch wie ist nun Röm 1,17 in diesen adventlichen Zusammenhang
der Leseordnung hineingeraten? Die zweite Lesung scheint auf den ersten
Blick so gar nicht zu den verheissungsvollen Bildern der ersten Lesung und
des Evangeliums zu passen. Sie gibt ihre eindrucksvolle christologische
Weite erst bei näherem Hinsehen preis. Eine überraschende Entdeckung
dabei ist: Als Paulus etwa im Jahre 56 n. Chr. seinen Brief nach Rom schreibt,
ist die jungfräuliche Geburt Jesu dort ganz offensichtlich kein Thema.
Die zweite Lesung bietet damit die Möglichkeit, differenziert über
die Jungfrauengeburt zu predigen, ohne religiöse Gefühle und dogmatische
Festlegungen allzusehr zu strapazieren. Wie Röm 1,17 zeigt, konnte
Paulus von der Messianität und Gotteskindschaft Jesu in ihrer ganzen
Fülle sprechen, ohne dafür eine jungfräuliche Geburt vorauszusetzen.
Röm 1,17 ist Absender, Anschrift und Anrede des Briefes, den
Paulus an die christlichen Gemeinden in Rom schreibt. Das Präskript
von Röm ist um einiges länger als in den anderen Briefe des Paulus.
Dies hat einen guten Grund: Rom ist die einzige Gemeinde, die Paulus nicht
persönlich kennt, als er einen Brief an sie richtet. Er kann also nicht
auf seine Autorität aus persönlicher Bekanntschaft zählen,
sondern muss um Akzeptanz für seine Person und seine Verkündigung
werben. Schliesslich will er die Gemeinden in Rom bald besuchen und ihre
Hilfe für die Weiterreise nach Spanien in Anspruch nehmen (1,815;
15,2224). Deshalb ergänzt Paulus das übliche Präskript
um eine kurze Zusammenfassung des Evangeliums (1,24) und eine Rechtfertigung
seiner Aposteltätigkeit (1,5f.). Er will von Anfang an klar stellen,
auf welchem Boden er steht und welches Ziel er verfolgt. Dieser Hintergrund
des Briefes erklärt auch einige Besonderheiten: Röm ist der längste
und komplexeste Brief, der von Paulus überliefert ist, ein ausgefeiltes
Stück systematische Theologie. Auf die konkrete Situation der Gemeinde
geht er nur in zwei von 16 Kapiteln ein (14f.). Welche Fragen in Rom zur
Abfassungszeit von Röm wichtig waren, müssen wir aus den Themen
herauslesen, die Paulus in seinem Brief an die Römer/Römerinnen
für wichtig hält. Interessante Einblicke ermöglicht darüber
hinaus die lange Grussliste (16,116). Sie beginnt mit einer Empfehlung
für Phöbe, der Diakonin von Kenchräa, die den Brief wahrscheinlich
persönlich nach Rom gebracht hat, und erwähnt unter anderm mehrere
Ehepaare, darunter Priska und Aquila, die mit Paulus zusammen die Gemeinde
von Korinth aufgebaut haben, sowie Andronikus und Junia, die beide als Apostel
bezeichnet werden. Die Ausführlichkeit der Grussliste hat denselben
Zweck wie die Länge der Präskripts: Paulus wirbt um Akzeptanz
in Rom hier, indem er demonstrativ viele Gemeindemitglieder aufzählt,
die er aus früheren Begegnungen oder vom Hörensagen her kennt.
Doch zurück zum adventlichen Zusammenhang, in den die Leseordnung Röm
1,17 stellt. Es sind vermutlich die Verse 24, die dem Abschnitt
den Weg in die Liturgie für den 4. Advent geebnet haben. Denn hier
ist der Glaube an Jesus, den Messias, in Kurzform zusammengefasst: Verwurzelt
in der Heilsgeschichte (2), geboren «aus dem Samen Davids (ek spérmatos
Dauíd) dem Fleische nach» (3), «eingesetzt zum Sohn Gottes
in Kraft durch den heiligenden Geist aufgrund der Totenauferstehung»
(4). Paulus zitiert hier eine vorgegebene Tradition, in der ein grosses
heilsgeschichtliches Fenster aufgetan wird: Das Leben und die Bedeutung
Jesu beginnt nicht erst mit seiner Geburt und endet nicht mit seinem Tod.
Er ist vielmehr «Jesus, der Messias, unser Herr» (4b).
Mit einem rechnen Paulus und die ihm vorgegebene Tradition dabei jedoch
nicht: dass Maria Jesus jungfräulich empfangen oder geboren haben könnte.
Anschaulich stellt Paulus «Fleisch» und «Geist»
im Leben Jesu einander gegenüber, ohne beides gegeneinander auszuspielen.
Berücksichtigt man den Kontext von Röm und die besondere Funktion,
die das Präskript hat, muss geschlossen werden: Die Jungfrauengeburt
war im Jahre 56 n. Chr. in Rom kein Thema. Wenn diese Frage damals in Rom
kontrovers diskutiert worden wäre, hätte Paulus es bei diesem
für ihn so wichtigen Brief ganz sicher nicht riskiert, gleich mit dem
ersten Satz derart ins Fettnäpfchen zu treten.
Wie also heute über die jungfräuliche Empfängnis und Geburt predigen? Die dogmatischen Festlegungen sind überaus eindeutig, und vielen Christen/Christinnen gilt die Jungfrauengeburt nach wie vor als Beweis für die Gotteskindschaft Jesu. Andererseits ist die Jungfrauengeburt nicht erst heute für viele Menschen schwer nachvollziehbar. Das zeigen apokryphe Texte, die den Glauben daran durch teils sehr handfeste und problematische Erzählungen stützen wollen (z.B. im Protoevangelium des Jakobus, Kap. 19f.). Röm 1,3f. kann hier einen Ausweg weisen: So, wie Paulus «Fleisch» und «Geist» im Leben Jesu nebeneinander stellt dem Fleische nach ganz und gar Mensch «aus dem Samen Davids», dem Geiste nach ganz und gar Gottes Sohn eröffnet dies Möglichkeiten, über den theologischen Gehalt der Erzählungen von der Jungfrauengeburt zu sprechen, ohne gynäkologische Details zum Mass aller Theologie zu machen. Dass die Verantwortlichen für die Leseordnung ausgerechnet diesen Text mit seiner nicht stromlinienförmigen Perspektive auf die Geburt Jesu zwischen Jes 7,1014 und Mt 1,1825 platziert haben, ist ihnen hoch anzurechnen.
Literatur: Geburt und Kindheit (Welt und Umwelt der Bibel, Heft Nr. 6, 4/1997). Erhältlich bei der Bibelpastoralen Arbeitsstelle SKB, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, Telefon 01-2059960, info@bibelwerk.ch.
Austauschen: Was bedeuten mir die Erzählungen von der jungfräulichen Geburt Jesu?
Geburtsgeschichten in der Bibel nachlesen: Gen 18,115 und 21,17; Ri 13; 1 Sam 1,12,11; Lk 1,525.
Welches Licht werfen diese Geschichten auf die Erzählungen von der jungfräulichen Geburt Jesu?
Im Zusammenhang der Heiligen Nacht und der zu ihr gehörenden anderen
Lesungs- und Evangelientexte ist unser Text (wie auch der Abschnitt Tit
3,47, der für den Gottesdienst am Morgen vorgeschlagen ist) etwas
wie eine theologische Zusammenfassung dessen, was sich dort in Betlehem
in der Geburt Jesu ereignet hat: «Die Gnade Gottes ist erschienen,
um alle Menschen zu retten» (2,11), oder auch: «Als die Güte
und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet»
(3,4). Nach der Ansicht des Titusbriefes hat dies Folgen und muss
dies Folgen haben für das Leben derer, die glauben.
Die Konsequenzen, die der Kontext des Titusbriefes selber nahe legt, müssen
aus der Perspektive des weihnachtlichen Geschehens in Betlehem allerdings
mehr als bedenklich erscheinen. Im Titusbrief dient nämlich der Abschnitt
2,1115 dazu, die unmittelbar zuvor erteilten Mahnungen zu einem ordnungskonformen
Leben zu begründen. Freie Männer und Frauen verschiedenen Alters
sollen sich so verhalten, dass sie nach aussen niemandem Anlass zum Anstoss
nehmen geben (2,18). Der Verfasser geht aber noch weiter: Sklavinnen
und Sklaven werden «um der Ehre Gottes willen» zur Unterordnung
unter ihre Herren gemahnt (2,910). Ähnlich funktionieren die Begründungsstrukturen
in Kapitel 3: Hier dient der Hinweis auf das rettende Handeln Gottes dazu,
die Unterordnung unter Herrscher und Machthaber religiös zu verbrämen
(3,13.47).
Dies passt zu der generell in den Pastoralbriefen zu beobachtenden Tendenz,
zwar oberflächlich paulinisch klingende Terminologie aufzugreifen,
unter der Hand jedoch «Paulus» so zu modellieren, dass er sich
kritiklos in die gesellschaftlich geforderte Ordnung einpasst und all die
Institutionen stabilisiert, auf die sich die römische Gesellschaft
mit ihren Herrschaftsverhältnissen stützt, wie Staat, patriarchale
Familie/Haus und Sklaverei.
Zwar scheinen hinter unserem Text und ebenso hinter 3,47 alte und gewichtige Traditionen auf: die rettende Gnade Gottes, die sich den Menschen zuwendet (2,11), die Befreiung aus Schuldverstrickung durch das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu (2,14), die Erfüllung der Hoffnung, die noch aussteht (2,13), und das verwandelte Leben, das aus der Befreiung folgt und sich nach der Zukunft Jesu Christi ausstreckt (2,12.14). All das hat ja mit der Dynamik zu tun, die mit der Menschwerdung Gottes im Stall zu Betlehem in Gang gesetzt wurde und die Welt und das Leben der Menschen ergreifen sollte. Doch konnten diese Traditionen offenbar von ihrem Ursprung im Leben und Sterben Jesu so weit getrennt werden, dass sie zu Formeln wurden, die sich wie Versatzstücke in alle möglichen Begründungszusammenhänge einfügen liessen (und lassen). So konnte es geschehen, dass Jesus, der den Mächtigen ins Messer lief und als politischer Aufrührer hingerichtet wurde, dazu herhalten muss, die Unterordnung unter eben diese Mächtigen zu fordern (3,1). Wenn Lehr- und Glaubensformeln nicht immer neu an der Person Jesu gemessen und von seinem Leben her konkret gefüllt werden, stehen sie offenbar stets in der Gefahr, missbrauchbar zu werden.
Aber gerade im Dialog mit den anderen weihnachtlichen Texten sowohl
Jes 9,16, als auch Lk 2 erwächst die Möglichkeit, unseren
Lesungstext wieder mit dem zu füllen, was da in Betlehem geschah. Dann
hat die Gnade Gottes, die erschienen ist (2,11), etwas mit dem schwierigen
Leben der Jüdinnen und Juden unter der Pax Romana zu tun. Der «Retter»
(2,13) immerhin ein Titel, der vom Kaiser persönlich beansprucht
wurde ist kein anderer als der, der in jenem besetzten Land als Kind
armer Leute geboren wurde, die durch die römische Steuerpolitik gezwungen
waren, ihr Dorf zu verlassen und ihr Kind irgendwo unterwegs zur Welt zu
bringen. Hirten waren es, Randsiedler der damaligen Gesellschaft, die ihn
zuerst wahrnahmen, und so blieb es auch sein Leben lang: Wie sich für
die Hirten in jener Nacht eine Zukunft auftat, so gewannen später die
Resignierten und Ausgeschlossenen und Verschuldeten mit ihm wieder eine
Perspektive. In dem, was er tat, wurde Gottes Nähe spürbar, vielleicht
würde der Titusbrief sagen: Gottes Gnade, indem nämlich Menschen
gesund und selbstbewusst wurden und erfuhren, dass das Brot für alle
reichte. Er nannte das, was in all dem anfanghaft spürbar wurde, Reich
Gottes, und er lud die Leute ein, sich auf die verändernde Kraft dieser
neuen Welt Gottes einzulassen. Weil dies alles den Mächtigen zu unkontrollierbar
schien, machten sie ihm den Prozess und ermordeten ihn. Aber seine Jüngerinnen
und Jünger hörten nicht auf, weiter für Gerechtigkeit, Frieden
und Würde einzutreten.
Auf diesem Hintergrund hat das Gute, Gerechte und Fromme, das zu tun der
Titusbrief seine Adressatinnen und Adressaten auffordert (2,12.14), etwas
zu tun mit dieser Praxis der Gerechtigkeit.
Etwas von dieser in der Praxis der Jesusbewegung verankerten Konkretheit
lässt die Neuübersetzung von Tit 2,1114 von Angela Standhartinger<1> spüren:
Denn die göttliche Gnade ist erschienen, die alle Menschen rettet.
Sie erzieht uns, damit wir uns der Gottlosigkeit und den weltlichen Verstrickungen
verweigern und besonnen, gerecht und verantwortlich leben im Hier und Jetzt.
Wir erwarten die glücklich zu preisende Hoffnung und das Erscheinen
des die höchste Gottheit umgebenden Lichtglanzes und unseres Retters,
Jesus (,der) Christus (ist). Christus gab sich selbst für uns, um uns
von aller Gesetzlosigkeit zu erlösen (Ps 130,8) und für sich zu
reinigen als ein auserwähltes Volk (Dtn 14,2), das eifert nach guten
Werken.
Umgekehrt öffnet der Lesungstext den Blick dafür, in der Geburtsgeschichte
bereits das ganze Leben Jesu und die befreiende Dimension seines Lebens
und Sterbens mit zu betrachten. Und er macht darauf aufmerksam, dass Weihnachten
nicht ein Geschehen in ferner Vergangenheit bleiben darf, sondern seine
Fortsetzung finden muss im konkreten Tun: in eben jener Praxis der Gerechtigkeit,
im Engagement für eine Welt, in der die «heilsame Gnade Gottes»
(Luther-Übersetzung) nicht nur ein frommes Wort ist.
1 Übersetzung: Angela Standhartinger in: Erhard Domay/Hanne Köhler (Hrsg.), Der Gottesdienst. Liturgische Texte in gerechter Sprache, Bd. 4: Die Lesungen, Gütersloh 2001, 48 (Tit 3,47 ebd. 61).
Tit 2,1114 lesen, die «Stationen der Heilsgeschichte» herausarbeiten und mit eigenen Worten zu umschreiben versuchen.
Den Text mit Lk 2,121 und Jes 9,16 vergleichen und überlegen: Welchen Klang bekommen die «heilsame Gnade Gottes» und das besonnene, gerechte und fromme Leben in der Welt jetzt? Wie erhellen sich die Texte gegenseitig?
Aus dem «Messias» von Georg Friedrich Händel werden die Sätze 1619 angehört und danach befragt, wie hier das Ereignis der Geburt Jesu kommentiert wird.