49/2001 | |
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Lesejahr A |
Die Hinführungen zu den neutestamentlichen Sonntagslesungen werden
im Lesejahr A abwechselnd von Detlef Hecking, Sabine Bieberstein und Peter
Reinl verfasst. In der heutigen Ausgabe ist Sabine Bieberstein zum ersten
Mal an der Reihe. 1962 geboren, studierte sie in Tübingen und Wien
Theologie, war 19911997 Assistentin am Lehrstuhl für Neues Testament
der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg i.Ü.,
wo sie bei Prof. Hermann-Josef Venetz auch promovierte. Anschliessend war
sie bis 2001 Seelsorgerin in der Berner Dreifaltigkeitspfarrei, und seitdem
arbeitet sie als freischaffende Theologin in Bamberg. Seit vielen Jahren
ist sie in der biblischen Erwachsenenbildung tätig, 2002 wird sie die
Projektleitung des «Jahres der Bibel 2003» in der Schweiz übernehmen.
Neben vielen Artikeln und ihrer Dissertation (Verschwiegene Jüngerinnen
vergessene Zeuginnen. Gebrochene Konzepte im Lukasevangelium, [NTOA
38], Freiburg Schweiz und Göttingen 1998) veröffentlichte sie
gemeinsam mit Hermann-Josef Venetz: Im Bannkreis des Paulus. Hannah und
Rufus berichten aus seinen Gemeinden, Würzburg 1995, und gemeinsam
mit Daniel Kosch: Auferstehung hat einen Namen. Biblische Anstösse
zum Christsein heute. Festschrift für Hermann-Josef Venetz, Luzern
1998. Wir heissen Sabine Bieberstein als neue Autorin herzlich willkommen,
und wir freuen uns nicht nur auf ihre Impulse, sondern auch darüber,
dass sie die Projektleitung des «Jahres der Bibel 2003» in der
Schweiz übernehmen wird.
Das «Jahr der Bibel 2003» führt das Schweizerische Katholische
Bibelwerk gemeinsam mit der Schweizerischen Bibelgesellschaft durch. Deshalb
wird es als ein ökumenisches Projekt auch von der Arbeitsgemeinschaft
christlicher Kirchen (AGCK) in der Schweiz begrüsst «als eine
Möglichkeit, die Bibel in der Schweiz bekannt zu machen, das Verstehen
der Bibel zu fördern und die Bedeutung ihrer Botschaft für die
Menschen unserer Zeit auf neue und ansprechende Art erfahrbar zu machen.
Sie bittet die Mitgliedskirchen und die kantonalen AGCK, das Projekt auf
nationaler, regionale, kantonaler und lokaler Ebene mit Rat und Tat zu unterstützen.»
Die Arbeitsgemeinschaft ersucht deshalb ihre Mitgliedkirchen und ihre zuständigen
Finanzierungsgremien, das Projekt auch «finanziell zu unterstützen
und im Jahr 2003 in Koordination mit den Verantwortlichen für
das Bibeljahr eigene Teilprojekte und Aktivitäten nicht zuletzt
auch in ökumenischer Gemeinschaft zu realisieren».
Wahrscheinlich sind es bei uns am ehesten die Kinder, für die der
Advent noch eine wirkliche Zeit des Wartens ist, angefüllt mit intensiven
Vorbereitungen, bangen Erwartungen oder auch ungeduldiger Vorfreude. Für
die Mehrheit der übrigen Bevölkerung hingegen mag die Zeit oftmals
eher mit intensiver Geschäftigkeit, erwartungsvollem Bangen um Gewinnbilanzen
oder ungeduldigem Herbeisehnen des Zahltages angefüllt sein. Und wenn
bei der Geschäftigkeit noch Rücksichtslosigkeit hinzukommt und
beim Erwirtschaften von Gewinnen, dass es auf Kosten von Schwächeren
geschieht, dann sind wir nicht mehr weit weg von dem, was Jakobus bei einem
Teil seiner Adressatinnen und Adressaten feststellt und unmittelbar vor
unserem Abschnitt heftig kritisiert (Jak 5,16).
Aber nicht dieser Kritik, sondern dem Motiv der Erwartung der Ankunft des
«Herrn» hat unser Text die Aufnahme in die Reihe der adventlichen
Lesungen zu verdanken. Diese Gewissheit, dass Jesus Christus wiederkommen
würde, ja, dass diese Ankunft «nahe bevor steht» (5,8),
prägt die Gegenwart des Jakobus und der Gemeinde(n), an die sein Brief
gerichtet ist, und diese Erwartung teilen diese Frauen und Männer,
die im Brief durchgehend «Brüder» genannt werden, mit wohl
allen Christinnen und Christen jener Zeit.
Es ist die Zeit um die Wende vom 1. zum 2. Jahrhundert n. Chr. Der Verfasser,
der sich in die Tradition des Herrenbruders Jakobus stellt, schreibt an
Christinnen und Christen, die irgendwo im Römischen Reich leben. Wo
genau, das geht aus seinem «offenen Brief» nicht hervor. Es
ist eine Situation der «Zerstreuung» (1,1), des Lebens als Minderheit
in einer andersgläubigen Umwelt. Obwohl der Brief sehr konkrete Konflikte
wie Spannungen zwischen Armen und Reichen in der Gemeinde (2,17) oder
soziale Ungerechtigkeit (5,16) anspricht, erhebt er doch einen universalen
Anspruch. Er begreift die Fragen, die er aufnimmt, als typisch für
christliches Leben und behandelt sie, unter Aufnahme weisheitlicher Traditionen,
entsprechend grundsätzlich.
Unmittelbar nach einem Abschnitt, in dem der Verfasser die ungerechte
Praxis der Reichen anprangert und die Ohren öffnet für das Schreien
der Arbeiterinnen und Arbeiter, die um ihren Lohn betrogen wurden (5,16),
wendet er sich in unserem Lesungstext wieder den bedrängten Brüdern
und Schwestern aus der Gemeinde zu. In dieser schwierigen Zeit von Ungerechtigkeit
und Unterdrückung mahnt er zu Geduld. Wie die Beispiele der Bauersleute
(5,7), Propheten (5,10) und Ijobs (5,11) zeigen, meint diese Geduld aber
keineswegs, passiv und lethargisch alles hinzunehmen, sondern es ist eine
höchst wache und aktive Haltung. Bäuerinnen und Bauern wenden
sich in der Gewissheit, dass die Ernte heranwächst, all den anderen
nötigen Arbeiten zu. Sie sind angewiesen auf Regen und können
diesen nicht durch eigenes Tun herbeiführen doch auch in Jahren
der Dürre und der Missernte dürfen sie nicht aufhören, die
Felder wieder zu bestellen, in der Hoffnung, dass es im nächsten Jahr
wieder eine Ernte geben möge. Prophetinnen und Propheten liessen sich
trotz Verfolgung und Misserfolgs nicht von ihrer Botschaft und ihrem Gott
abbringen, und auch Ijob blieb in allem unerklärlichen Leiden einer,
der mit seinem Gott zwar rang, aber doch an ihm festhielt und am Ende erfahren
konnte, dass Gott sich ihm in Barmherzigkeit zuwandte (5,11).
Genährt wird diese hoffende Geduld aus der Gewissheit, dass die Ankunft
(Parusie) Jesu Christi nahe ist. Spätestens hier wird deutlich, dass
die Parusie für jene Christinnen und Christen keinesfalls ein Schreckbild
ist, sondern Ausdruck ihres Festhaltens an der Gerechtigkeit. Es ist Grund
zum Aufatmen und zur Hoffnung. Denn der wiederkommende Christus ist für
sie der Garant dafür, dass die Zeit des Schreckens und des Leidens
vorübergehen und eine neue Zeit, die Zeit Gottes, anbrechen wird. Im
Gericht Gottes werden die ausbeuterischen Reichen zur Rechenschaft gezogen,
und der Unterdrückung der Armen wird ein Ende bereitet (5,16,9).
Aus der Perspektive derer, die als christliche Minderheit in einer dominierenden
Kultur, als Arme, Ausgebeutete oder Ausgeschlossene die Gegenwart als eine
Zeit von Bedrängnis, Leiden, Mangel oder Verfolgung erleben, ist die
Vorstellung von der Parusie Christi also ein Hoffnungsbild. Es half jenen
Frauen und Männern, in schwierigen Zeiten nicht zu zerbrechen, sondern
Mut zu schöpfen, sich aufzurichten und gemeinsam auf die neue Zeit
Gottes, eine Zeit der Gerechtigkeit und Würde für alle Menschen,
hinzuarbeiten. Auch wenn viele Bemühungen um gerechtes Handeln scheiterten
die Gewissheit der Nähe Gottes gab Kraft, nicht aufzugeben, sondern
beharrlich und in «kämpferischer Geduld» (Elsa Tamez) an
der Verwandlung der Welt zu arbeiten.
Zwar ist uns heute diese Perspektive der Parusieerwartung fremd geworden,
doch liesse sich das Leben in und mit der Nähe Gottes gerade im Advent
wiederentdecken. Denn die Weihnachtsgeschichten erzählen ja von einer
neuen Zeit Gottes, die mit der Geburt Jesu angebrochen ist und die Jesus
sein ganzes Leben lang mit dem, was er sagte und tat, erfahrbar machte:
Da gelten andere Gesetze als die des Marktes, da gibt es andere Umgangsweisen
als die der Gewalt, da gibt es andere Beziehungen als die der Herrschaft
und Ausbeutung (vgl. auch das Evangelium zum Tag: Mt 11,5).
Im Advent könnte die Zeit «durchlässig» werden für
diese andere Zeit Gottes, für Gottes Nähe und seine neue Welt:
indem ich anders, bewusster und sorgfältiger mit mir selbst und anderen
umgehe; indem ich innehalte und mir Zeit nehme für das, was wichtig
ist, und indem ich das Geschehen in der Welt mit anderen Augen wahrnehme
und frage, ob die Gesetze der Sachzwänge wirklich die einzige Art und
Weise sind, die Dinge zu betrachten. Vielleicht gibt es ja doch Alternativen
zum Denken in den Bahnen von Gewalt und Vergeltung, von Gut und Böse,
von Gewinnmaximierung und Shareholder-Value.
Dieses Wiederaneignen der Reich-Gottes-Botschaft Jesu hat etwas zu tun mit
dem Leben in der Erwartung der Nähe Gottes, von dem im Jakobusbrief
die Rede ist. Und es ist eine Perspektive auf die Welt, die auch in unserer
Zeit viel Geduld und Beharrlichkeit braucht. Aber sie gibt Kraft, sich wie
jene Christinnen und Christen damals einzusetzen für eine Welt, in
der alle Menschen in Würde leben können. Eine Welt eben, in der
die rettende Nähe Gottes spürbar ist.
Literatur: Irene Dannemann, Der Brief des Jakobus. Streiten um den Weg der Gerechtigkeit, in: Luise Schottroff/Marie-Theres Wacker (Hrsg.), Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 21999, 694700; Hermann-Josef Venetz, «Meine Lieben, habt Geduld!» Auf der Suche nach der eigenen Geschichte, in: ders., Die Geburt einer neuen Zeit. Gedanken zu Advent und Weihnachten, Freiburg Schweiz 1997, 2944.
Im Gespräch überlegen: Wenn ich jemanden erwarte, den oder die ich sehr gern habe was macht dieses Warten mit mir? Wie wirkt sich dieses Warten auf meinen Alltag aus?
Jak 5,711 im Zusammenhang mit 5,16 lesen und unter der Leitfrage besprechen: Welche Hoffnungen verbindet der Text mit der Parusie Christi?
Wie könnte die Erwartung der Weihnachtszeit, der Ankunft Jesu, unsere Gegenwart verändern und verwandeln?