48/2001

INHALT

Lesejahr A

Belehrung, Trost und Hoffnung aus dem Ersten Testament

Detlef Hecking zu Röm 15,4-9 (oder: 15,7-13)

 

Auf den Text zu

Wo es üblich ist, im Gottesdienst nur eine der beiden Lesungen zu lesen, hat es Röm 15,4­9 als zweite Lesung schwer. Die erste Lesung (Jes 11,1­10), die einen frischen Trieb aus dem abgehauenen Baumstumpf und grossen Frieden in der ganzen Schöpfung verheisst, ist einfach zu attraktiv. Sie enthält klassische Hoffnungsbilder, die in christlicher Lesart auf Jesus hin ausgelegt und deshalb im Advent gelesen werden. Aber es ist ja auch gut, wenn das NT «Konkurrenz» vom ET/AT bekommt: Allzu oft ist es umgekehrt, und die erste (meist ersttestamentliche) muss der zweiten (neutestamentlichen) Lesung weichen. Der 2. Advent ist deshalb eine gute Gelegenheit, um tatsächlich einmal beide Lesungen im Wortgottesdienst zu lesen ­ und das Verhältnis zwischen dem Ersten und dem Neuen Testament zum Predigtthema zu machen. Dafür bieten nämlich nicht nur die Lesungen, sondern auch das Evangelium (Mt 3,1­12) gute Ansatzpunkte.

Mit dem Text unterwegs

Die Leseeinheit Röm 15,4­9 ist ­ exegetisch bedenklich ­ aus zwei Teilen zusammengesetzt. Im Argumentationsgang des Paulus gehören die Verse 1­6 und 7­13 zusammen. Ziel der Abgrenzung in der Leseordnung ist vermutlich, die einprägsame Aufforderung aus V. 7 zum Zentrum der Lesung zu machen («Nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat»). Das macht den sehr differenzierten paulinischen Gedankengang jedoch unkenntlich. Im Folgenden werden deshalb beide Abschnitte kurz behandelt.
Der Abschnitt 15,1­6 verweist zurück auf 14,1ff. und schliesst das Thema «Starke» und «Schwache» in der Gemeinde von Rom ab. Ab 14,1 hatte Paulus so konkret wie nirgends sonst im ganzen Brief auf Probleme der Gemeinde von Rom reagiert. Die «Schwachen» in Rom vermieden offenbar den Genuss von Fleisch (14,2) und Wein (14,21), weil sie auf keinen Fall unwissentlich Lebensmittel zu sich nehmen wollten, die vorher den römischen Göttern als Opfer geweiht worden waren. Die «Starken» dagegen lebten nach der Überzeugung, «dass an sich nichts unrein ist» (14,14). Einen ganz ähnlichen Konflikt gab es auch in Korinth (vgl. 1 Kor 8­10). In Röm 14,14 führt Paulus die Haltung der «Starken» auf Jesus selber zurück (vgl. Mt 15,10­20). Inhaltlich unterstützt Paulus also die «Starken», er identifiziert sich sogar mit ihnen. Zugleich mahnt er jedoch: «Wir müssen als die Starken die Schwäche derer tragen, die schwach sind, und dürfen nicht für uns selbst leben» (15,1). Jesus habe es genau so getan. Als begründendes Schriftzitat folgt mit Ps 69,10 eine Anspielung auf die Passion Jesu (15,3). Paulus argumentiert hier also christologisch (Jesus als Vorbild), genauer gesagt passionstheologisch (Jesus hat gelitten, also sollen die «Starken» im Zusammenleben mit den «Schwachen» auch ein gewisses Leiden auf sich nehmen). Da Paulus mit Psalm 69 die Heilige Schrift zitiert hat, fährt er ­ fast beiläufig ­ mit dem Satz fort, der den Beginn der Lesung am 2. Advent markiert: «Alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schrift die Hoffnung haben» (15,4). Für uns heute, die wir von einer langen Tradition der Abwertung des Ersten Testaments geprägt sind, ist dieser Satz jedoch alles andere als beiläufig, er hat vielmehr ein enormes kritisches Potential. Wer von uns würde so dezidiert über die «Schrift» sprechen? Denn mit der «Schrift» sind natürlich die jüdischen Heiligen Schriften gemeint, unser Erstes Testament. Für Paulus war die Schrift selbstverständliche Grundlage und Richtschnur für den Glauben an Jesus, den Messias. Wer meint, diese Grundlage sei unwichtig oder überholt, schneidet die Wurzeln des Glaubens ab. «Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!», schreibt Paulus weiter vorne in Röm (11,18). Das Erste Testament behält zentrale Bedeutung für das Leben und den Glauben der Kirche.
Der Abschnitt 15,7­13 knüpft ebenfalls an 14,1 an. Auch hier, zum Abschluss der Paränese von 12,1­15,13, fordert Paulus zur gegenseitigen Annahme auf. Der Konflikt zwischen «Starken» und «Schwachen» wird nicht mehr ausdrücklich benannt, die Mahnung gilt also dem Zusammenleben in der Gemeinde auch in anderen Fragen. Wie in 15,3 argumentiert Paulus christologisch (15,7), setzt hier aber noch einen heilsgeschichtlichen Akzent, indem er die Bedeutung Jesu näher ausführt. Dabei ist es für Paulus selbstverständlich, dass Jesus «Diener der Beschnittenen» (d.h. der Juden/Jüdinnen) geworden ist und in der Tradition des Ersten Testamentes steht (8). Neu und überraschend ist jedoch, dass der Gott Israels deshalb inzwischen auch von den Völkern («Heiden», V. 9) gepriesen wird. Diese Neuigkeit rechtfertigt Paulus deshalb ausführlich mit einem vierfachen Schriftzitat (Ps 18,50 in V. 9, Dtn 32,43 in V. 10, Ps 117,1 in V. 11 und Jes 11,10 in V. 12). Die Zitatenkette hat Paulus wohl bewusst aus allen drei Teilen der jüdischen Heiligen Schrift ausgewählt (Tora, Propheten, Schriften). Leider bricht die Leseordnung die Lesung bereits nach dem ersten Zitat (9) ab. Dies ist umso erstaunlicher, als Paulus in V. 12 Jes 11,10 zitiert, den letzten Vers der ersttestamentlichen Lesung am 2. Advent.

Über den Text hinaus

Wer anhand von Röm 15 über das Verhältnis von ET und NT predigen möchte, sollte zunächst eine Entscheidung über die Abgrenzung der Lesung treffen:

Als Einstieg in die Predigt könnten gängige Klischees über das ET dienen (vermeintlich «grausameres» Gottesbild, Unwichtigkeit des ET usw.). Diese Klischees können durch die hoffnungsvolle, «schöne» Lesung aus Jes 11, die theologische Argumentation aus Röm 15 und auch durch das Evangelium Mt 3,1­12 hinterfragt werden. Mt 3 bietet nämlich nicht nur ­ wie Röm 15 ­ Rückverweise auf das ET an zentraler Stelle (3.9), sondern auch eine scharfe Gerichtspredigt, die im NT gerne überlesen und eher dem angeblich «grausamen» Gott des ET zugeschrieben wird.
Wichtige Beiträge zum christlichen Umgang mit dem ET hat Erich Zenger geliefert. Von ihm stammt das Zitat: «Das Alte Testament ist in sich und aus sich Wort Gottes, weder vorläufiges noch vorlaufendes, sondern vollgültiges Wort (...) Ein Ðalttestamentlicherð Text muss sich weder gegenüber dem Neuen Testament Ðrechtfertigenð, noch muss er erst christlich Ðgetauftð werden, damit er ÐWort Gottesð für Christen werden kann» (Erstes Testament, S. 138f.).

 

Literatur: Erich Zenger, Das Erste Testament. Die jüdische Bibel und die Christen, Düsseldorf 1991.


Er-lesen

«Einander annehmen» (15,7) ­ frommer Wunsch oder gelebte Realität? Austausch in einer Gruppe.

Er-hellen

Den konkreten Hintergrund in der Gemeinde von Rom lesen und diskutieren (14,1­15,13).

Er-leben

Wer profitiert von, wer leidet unter dem geforderten «Annehmen»? Gibt es Grenzen des «Annehmens»?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001