47/2001 | |
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Lesejahr A |
Am 1. Advent beginnt mit Lesejahr A nicht nur ein Matthäus-, sondern
auch ein Römerbrief-Lesejahr. Nicht weniger als 23 Mal sieht die Leseordnung
eine Sonntagslesung aus Röm vor. Die Schwerpunkte liegen im Advent
(1., 2., 4. Adventssonntag), in der Fastenzeit (1., 3., 5. Fastensonntag
und Osternacht) sowie in einer fast viermonatigen (!) Lesereihe im Sommer
(16. Mai bis 5. September, 9.24. Sonntag im Jahreskreis). Es lohnt
sich also für Predigerinnen und Prediger, sich im kommenden Jahr ausführlich
mit dem Römerbrief zu beschäftigen. Eine Vertiefung in die «theologische
Summe» des Paulus (U. Wilckens) ist um so fruchtbarer, als das Nebeneinander
von Mt und Röm im kommenden Lesejahr interessante Einblicke in die
Vielfalt frühchristlicher Theologien bietet. Zentrale Themen wie zum
Beispiel das Miteinander von Judenchristen und Heidenchristen sowie das
konkrete Zusammenleben in der Gemeinde beschäftigen Mt und Röm
gleichermassen. Ein Überblick über die Einleitungsfragen zu Röm
folgt an dieser Stelle bei den Ausführungen zum 4. Adventssonntag,
wenn Röm 1,17 gelesen wird.
Röm 13,1114a, die Lesung für den 1. Advent, lenkt den Blick
auf einen weiten eschatologischen Horizont und führt, typisch paulinisch,
im gleichen Atemzug wieder zurück zum Alltag. Diese Verknüpfung
von grosser Hoffnung und konkretem Lebensalltag, Vision und Realität
fordert gerade heute dazu heraus, nach der religiösen und politischen
Bedeutung von Eschatologie zu fragen. Wir wissen nicht erst seit dem 11.
September, wie sehr gerade Eschatologie instrumentalisiert und missbraucht
werden kann. Es sind bei weitem nicht nur muslimische Fundamentalisten,
die ein verheissenes Paradies als Anreiz für Mord und Selbstmord missbrauchen.
Manche christlichen Theologien und einige Glaubensvorstellungen anderer
Religionen, aber auch politische Systeme haben ihren eigenen schrecklichen
Beitrag zum Missbrauch menschlicher Zukunftshoffnungen geleistet. Nicht
die Eschatologie selber entscheidet deshalb über die «Weltverträglichkeit»
religiöser Vorstellungen, sondern die Art und Weise, wie eschatologische
Hoffnungen ins konkrete Leben zurückgebunden werden, welche Folgerungen
für Alltag und Ethik daraus gezogen werden. Die Lesung für den
1. Advent leistet dazu einen konstruktiven, nüchternen Beitrag.
Röm 13,1114a ist Zwischenhalt und erste Zusammenfassung der
grossen Paränese von Röm 12,115,13. Was mit der Aufforderung
begann, sich nicht in der gegenwärtigen Weltzeit zu verstricken (12,2),
und im Liebesgebot gipfelte (13,810), wird hier in einen eschatologischen
Horizont gestellt: Der kairos ist da, jetzt gilt es, sich dementsprechend
zu verhalten!
Verschiedene Stichworte verknüpfen den Abschnitt mit anderen Texten
aus Röm und zentralen biblischen Themen. Die gekommene Stunde, griechisch
kairos (13,11), meint in Abgrenzung zum ewig gleichförmigen Chronos
den Zeitpunkt, den es beim sprichwörtlichen Schopf zu packen gilt.
In Mk 1,14f., der Zusammenfassung der Verkündigung Jesu, wird der kairos
mit dem Gottesreich verbunden. Gemeinsam ist beiden Texten die Vorstellung,
dass das Gottesreich bzw. die Rettung bereits sehr nahe gekommen ist. «Jetzt
ist uns die Rettung näher, als da wir glaubend wurden» ist dabei
eine geniale Formulierung des Paulus, die bei aller unerfüllten Naherwartung
bis heute nichts von ihrer motivierenden Dynamik eingebüsst hat.
Einen besonderen Klang hat für die griechisch sprechenden Hörer
und Hörerinnen von Röm 13,11 die Aufforderung, vom Schlaf «aufzustehen».
Mit dem Verb egeiro, das Paulus hier verwendet, beschreibt er sonst auch
die Auferweckung Jesu von den Toten. Es darf also, frei nach Kurt Marti,
paraphrasiert werden: Es ist Zeit zur Auferstehung mitten im Leben!
Dass Auferstehung auch mit Aufstehen zu tun hat, mit konkretem Aufstehen
gegen Tod, Leid und Unrecht, wird in der Wortwahl des NT deutlicher als
in deutschen Übersetzungen. So kann die Adventspredigt auch zur Osterpredigt
werden. Als Bezugspunkt in Röm bietet sich die Taufkatechese in Röm
6,114 an, wo Taufe, Tod und Auferstehung miteinander verknüpft
werden.
Das Bild von der Wachsamkeit zu später Nachtstunde (13,12a) malt nicht
nur Paulus, sondern auch die synoptische Tradition andernorts näher
aus (1 Thess 5,111; Mk 13,3337; Mt 25,113). Eine dieser Stellen
ist auch im Evangelium des 1. Adventssonntag enthalten (Mt 24,43f.).
13,13f. greift typische Aspekte einer Taufpredigt auf. Was die «Waffen
des Lichts» sein sollen, sagt Paulus jedoch nicht. Er beschränkt
sich auf eine (im Griechischen zum Teil wortspielerische) Absage an konkrete,
aber klischeehafte «Grossstadt-Sünden». Das Bild, anstelle
dieser «Werke der Finsternis» «den Herrn Jesus Christus
an(zu)legen», hat Parallelen zum Beispiel in Gal 3,27 und verweist
ausserdem noch einmal auf die Auferstehung. Paulus verwendet dasselbe Wort
ausgiebig in 1 Kor 15,53f.
Die Lesung bietet zahlreiche Ansätze für Predigt und Aktualisierung.
Literatur: Ulrich Wilckens, Der Brief an die Römer. Röm 1216, (EKK VI/3), Zürich 1982.
«Waffen des Lichts anlegen» ist für uns Heutige wohl eine eher fremde Vorstellung. Trotzdem: Röm 13,12 lesen und gemeinsam überlegen, was das bedeuten könnte konkret.
Die Bibel nach Stellen durchblättern, in denen es ums Licht geht (z.B. Gen 1,15; Jes 60, Lk 2,9; Offb 22,5; Mt 5,1416...)
Hören und sehen: Arie Nr. 11 aus G. F. Händels «Messias» geniessen («Das Volk, das da wandelt im Dunkel, es sieht ein grosses Licht», nach Jes 9,2). Mit Freunden und Freundinnen einen Sonnenaufgang anschauen.
Mit der heutigen Ausgabe zehn Tage vor Beginn des Advents und mit ihm des neuen Kirchenjahres wechselt unsere wöchentliche Hinführung zur neutestamentlichen Sonntagslesung vom Lesejahr C zum Lesejahr A. Nach dem Ausscheiden von Daniel Kosch aus der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks hat Detlef Hecking am 1. Oktober 2001 die Leitung dieser Stelle interimistisch, das heisst bis am 31. Juli 2002, übernommen. Zugleich übernahm er die Vertretung von Regula Grünenfelder während ihres Mutterschaftsurlaubs. Die Hinführungen zu den Sonntagslesungen werden im Lesejahr A deshalb von Detlef Hecking und den mit dem Bibelwerk ebenfalls verbundenen Sabine Bieberstein und Peter Reinl geschrieben werden. Den Anfang macht mit dieser Ausgabe Detlef Hecking. 1967 geboren hat er seine Studien in Geschichte und Theologie in Bochum, Jerusalem und Freiburg mit einem Biblischen Lizenziat bei Prof. Hermann-Josef Venetz abgeschlossen. Ab 1995 arbeitete er in der Berner Pfarrei St. Marien als Pastoralassistent, 1997 erhielt er im Bistum Basel die Institutio. Nebst der allgemeinen Pfarreiarbeit war und ist er Kursleiter beim Katholischen Glaubenskurs und auch sonst in der biblischen Erwachsenenbildung tätig (Leitung von Studienreisen im Nahen Osten [Israel, Syrien], Begleitung von Exerzitien im Alltag, geistliche Begleitung). Mit dem Schweizerischen Katholischen Bibelwerk verbunden ist er als Präsident des Diözesanverbandes Basel, den er seit 2 Jahren im Zentralvorstand vertritt. Seine Arbeits- und Themenschwerpunkte im Neuen Testament sind Umwelt des Neuen Testaments, Markus-Evangelium und Apokalyptik, im Alten Testament Religionsgeschichte Israels und seiner Umwelt und Weisheit, sowie ganz allgemein Gottesbilder und Biblische Hermeneutik. Wir heissen Detlef Hecking als neuen Autor willkommen und freuen uns auf seine Impulse.