46/2001

INHALT

Lesejahr C

Ein Lied gegen Ohnmacht und Angst

Daniel Kosch zu Kol 1,12-20

 

Auf den Text zu

Christkönig schliesst das Kirchenjahr ab. Die Botschaft dieses Festtags lautet: Letztlich ist alles im Herrschaftsbereich Jesu Christi ­ die Welt, die Geschichte der Menschheit und das Geschick jedes Einzel-nen. Der als Lesung vorgesehene Hymnus aus dem Kolosserbrief besingt und bekennt dies, allerdings ohne das Wort «König» zu verwenden. Er spricht von Jesus als Bild Gottes, als Ursprung, Mitte und Ziel der Schöpfung, als Erlöser und Friedensstifter.

Mit dem Text unterwegs

In unsere Zeit hinein gesungen, wirft das Lied viele Fragen auf:

Natürlich, es wäre einfacher, all diese Fragen vom schönen Hymnus und vom Sonntagsgottesdienst fern zu halten. Das in der Aussage mit dem Kolosserhymnus verwandte Lied

«Ausgang und Eingang,
Anfang und Ende,
liegen bei Dir, Herr»,

singt sich leichter und klingt harmonischer, so lange die Realität ihm nicht zu nahe kommt. Aber die Lösung, das Christuslied und die schwierige Welt, in der wir leben, möglichst sorgfältig voneinander zu trennen, wird dem Hymnus nicht gerecht, denn so wird auseinander gerissen, was dieser verbindet: die Schöpfung und die Erlösung, der Vorrang des Auferstandenen und die Mächte und Gewalten im Himmel und auf der Erde.
Sollen wir deshalb in diesen schwierigen Zeiten dieses Lied nicht mehr singen? Haben Terror und Gewalt, der Krieg und das Elend der Welt das Lied zum Schweigen gebracht? Ist es so realitätsfern geworden, dass wir heute andere Lieder brauchen? Die Frage ist verständlich. Aber sie geht davon aus, dass das alte Lied aus einer heilen Welt stammt, aus der «guten, alten Zeit», als «die Welt noch in Ordnung war».
Ein Blick in die Entstehungszeit des Kolosserbriefes zeigt, dass diese Annahme nicht berechtigt ist: Auch die Christinnen und Christen in Kolossä im letzten Drittel des 1. Jahrhunderts lebten in einer Welt voller Angst und Ungewissheit. Die «pax romana», von der die gut situierten Historiker im Umfeld des kaiserlichen Hofes schreiben, war «ein Friede voll Blut». Viele Menschen, besonders solche, die materiell nicht gut gesichert waren, fühlten sich nicht nur den wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen, sondern auch schwer fassbaren «Mächten und Gewalten» ausgeliefert. Reale und irreale Ängste schufen ein Klima der Ungewissheit. Viele suchten Halt, Geborgenheit und Zuversicht.
Schon zur Zeit seiner Entstehung in den Anfängen des Christentums war der Hymnus ein Lied gegen die Angst. Die Christinnen und Christen, die es sangen oder beteten, bestärkten sich damit im Glauben und in der Hoffnung, dass die «Finsternis» nicht durch den Glanz und Prunk der kaiserlichen Machtentfaltung überstrahlt wird. Und so eindrücklich die Macht der römischen Legionen oder die Wirtschaftskraft des blühenden Handels waren ­ auch sie sind nicht das, «was die Welt im Innersten zusammenhält». Ursprung und Ziel der Schöpfung, Mitte und Höhepunkt der Geschichte ist Jesus Christus: der Mensch aus Nazaret, dessen «Macht» andere nicht unterdrückte, sondern aufrichtete, dessen «Herrschaft» nicht auf Rivalität, sondern auf Gemeinschaft und «Versöhnung» aufbaute, dessen «Licht» die anderen nicht in den Schatten stellte, sondern der «Macht der Finsternis entriss», dessen «Reich» nicht auf der Gewalt aller gegen alle, sondern auf «Frieden» gründete.

Über den Text hinaus

In Zeiten der Angst und in Situationen der Ohnmacht ist die Versuchung gross, den Glauben an die schöpferische Güte Gottes zu verlieren und zerstörerischen Kräften zu vertrauen. Vergeltung ist dann nahe liegender als Versöhnung, Krieg verspricht raschere Lösungen als Friede. Militärische oder politische Macht nimmt göttliche Züge an, und die «Gottebenbildlichkeit» wahrer Menschlichkeit droht vergessen zu gehen. In Zeiten der Verunsicherung richtet sich die Hoffnung, dass «alles Bestand hat», allzu leicht auf den Kaiser, den Präsidenten oder die Spitzen der Wirtschaft und der Banken. Die Orientierung am Lebensstil und an der Praxis Jesu, die Solidarität seiner Schwestern und Brüder als «Glieder seines Leibes, der Kirche» scheinen plötzlich zu schwach, zu wenig effizient. Das war zur Zeit der ersten Christen und Christinnen so und ist heute nicht anders. Der Kolosserhymnus ist kein wirklichkeitsfremdes Lied aus einer heilen Welt, sondern ein Widerstandslied, das ansingt gegen die Faszination von Gewalt und Vergeltung, aber auch gegen die eigenen Ängste, Ohnmachtsgefühle und Tendenzen zu Anpassung und Resignation. Auch unsere Zeit braucht solche Lieder, nicht um vor der Wirklichkeit zu fliehen, sondern um ihr standzuhalten.


Er-lesen, Er-hellen, Er-leben

Hymnische Texte wie Kol 1,12­20 sollen nicht primär erklärt, analysiert und diskutiert werden. Es sind Lieder und Gebete, die wiederholt, gesummt, gesprochen und intoniert werden wollen ­ im Gottesdienst, aber auch morgens vor der Zeitungslektüre, tagsüber angesichts von Erfahrungen schöpferischer Güte wie zerstörerischer Gewalt, oder abends im Rückblick auf den Tag und die Tagesschau.
Eine Bibelarbeit kann diese Verbindungslinien und Kontrasterfahrungen auf unterschiedlichste Art aufgreifen und dazu ermutigen, den Hymnus «auszuprobieren», indem er in unterschiedlichste Situationen und Erfahrungen hineingesprochen wird. Bei einem zweiten Treffen kann ein Austausch darüber stattfinden, wie sich dadurch die Wahrnehmung der Wirklichkeit und der Klang des Textes verändern.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001