45/2001

INHALT

Lesejahr C

Arbeitsscheu?

Daniel Kosch zu 2 Thess 3,7-12

 

Auf den Text zu

Bis heute ist sie Bestandteil des Primarschulzeugnisses: die Rubrik «Fleiss und Pflichterfüllung». Und nach wie vor hat ein blosses «genügend» oder gar «mangelhaft» statt des üblichen «gut» wesentlich schärfere Elternreaktionen zur Folge als eine schlechtere Note in Mathematik oder Deutsch. Bei aller Sympathie für das kreative Chaos und trotz des Wissens, dass Spitzenleistungen nicht unbedingt von jenen erzielt werden, die sich streng an die Bürozeiten halten: Die bürgerlichen Sekundärtugenden erfreuen sich nach wie vor grosser Beliebtheit, auch in der Kirche. Ein wichtiger biblischer Bezugspunkt für diese Arbeitsmoral ist der Abschnitt 2 Thess 3,6­12 mit dem sprichwörtlich gewordenen Satz: «Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen» (3,10).

Mit dem Text unterwegs

Der Abschnitt (dessen Einleitungssatz aus unerfindlichen Gründen im Lektionar fehlt) ist in einem autoritativen und anordnenden Ton gehalten. Er steht einer Kirchenordnung näher als den Ermahnungen und Ermutigungen der Gemeinde, wie sie für die echten Paulusbriefe typisch sind. Und er fährt «schweres Geschütz» auf: Wer sich nicht an die Anordnung hält, soll gemieden werden (3,6.14). Die Gemeinde soll sich von ihm distanzieren. Begründet werden diese Anordnungen «im Namen Jesu Christi, des Herrn», aber auch mit der mündlichen Verkündigung und dem Vorbild des Apostels. Hinzu kommen deutliche Abhängigkeiten von 1 Thess 2,9; 4,11f.; 5,14 und weitere Anspielungen auf die Briefvorlage. Dieser Rückbezug auf den Apostel, sein vorbildliches Leben, seine Verkündigung und die Überlieferung verstärkt den Eindruck, hier werde etwas mit grösster Autorität gefordert. Dass dies nicht folgenlos blieb, zeigt die Wirkungsgeschichte. Viel stärker als das distanzierte Verhältnis der Jesusbewegung zu Arbeit und Beruf haben dieser und ähnliche Texte das «christliche Arbeitsethos» geprägt: «All ihr Gläubigen nun sollt an jedem Tage und zu jeder Zeit, sooft ihr nicht in der Kirche seid, fleissig bei eurer Arbeit sein...», heisst es in der Apostolischen Konstitution (13,1). «Müssiggang ist ein Feind der Seele» leitet die Benediktsregel das Kapitel über die tägliche Arbeit ein. Und sowohl in der evangelischen wie in der katholischen Tradition gibt es ein ausgeprägtes Arbeitsethos.
In einer eigentümlichen Spannung zum grossen Gewicht, das der Mahnung beigemessen wird, «in Ruhe der Arbeit nachzugehen und das selbstverdiente Brot zu essen» (3,12), steht deren Inhalt. Das Wort «Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen» ist gemäss W. Trilling «ein Stück Spruchweisheit, aber kein Zitat aus uns bekannter Literatur». Sein Gehalt ist «ernüchternd hausbacken» und «handfest volkstümlich». «Um so stärker empfindet man den Kontrast zur hoch befrachteten, geradezu Ðfeierlichenð Zitation als bedeutsames Apostelwort.» Der Hinweis auf einige, die «ein unordentliches Leben führen und alles mögliche treiben, nur nicht arbeiten» (3,11), bleibt eher allgemein und farblos ­ die kritisierte Arbeitsscheu und viel beschäftigte Nichtstuerei wird weder anschaulich erzählt noch hat sie einen erkennbaren Grund.
Die exegetische Forschung hat deshalb oft einen Zusammenhang mit dem apokalyptischen Teil des Briefes und seiner Abwehr von Naherwartung (2,1­12) hergestellt: Vor lauter Erwartung des Jüngsten Tages sei nicht mehr ernsthaft und fleissig gearbeitet worden. Aber der Text selbst schlägt diese Brücke nicht. So bleibt es beim Befund, dass hier mit voller apostolischer Autorität, die sich der Briefautor samt mancher Formulierungen bei seinem Vorbild Paulus «ausleiht», eine Alltagsmoral verkündet wird: Zur Standhaftigkeit im Glauben gesellt sich der ordentliche Lebenswandel, «um niemand zur Last zu fallen».

Über den Text hinaus

Die kritische Auseinandersetzung mit dem 2. Thessalonicherbrief (vgl. dazu schon SKZ 169 [2001] Nrn. 43 und 44) soll an dieser Stelle nicht weitergeführt werden. Hingegen bietet der Lesungstext eine gute Diskussionsgrundlage zum Thema «christliche Arbeitsmoral». Nicht nur das biblische Zeugnis, sondern auch die Verkündigung und moderne Auffassungen zum Thema sind in diesem Punkt zwiespältig, um nicht zu sagen widersprüchlich.

Zweifellos gibt es so etwas wie religiös (oder kreativ) verbrämte Faulheit. Schon in der alten Kirche wird vor Wanderpredigern gewarnt, welche die Gastfreundschaft missbrauchen und sich unter dem Vorwand der Evangeliumsverkündigung von den Gemeinden aushalten lassen. Und die Forderung, vollamtliche Berufschristen/Berufchristinnen sollten auch einmal erfahren haben, was es heisst, in der Privatwirtschaft ihr «selbstverdientes Brot» zu erarbeiten (2 Thess 3,12), mag teilweise ähnliche Hintergründe haben.
Wer aber im Kontext unserer heutigen Arbeits- und Leistungsgesellschaft andere Akzente setzt als der Briefautor, braucht noch lange kein Freund von Arbeitsscheu und Unordnung zu sein. Jede Verkündigung muss jeweils für ihre Zeit und ihre Situation neu prüfen, was «im Namen Jesu Christi» zu «gebieten» ist (3,12).

 

Literatur: W. Trilling, Der zweite Brief an die Thessalonicher, (EKK XIV), Zürich 1980, 140­153.


Er-leben

Die Gruppe wird gleich zu Beginn mit einem grossen Plakat konfrontiert, auf dem steht: «Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.» In einem Schreibgespräch (nur schreiben, nicht sprechen) werden Assoziationen, Einwände, verwandte Sprichwörter zum Thema zusammengetragen. ­ Auswertung im Gespräch.

Er-lesen

2 Thess 3,6­12 wird gemeinsam gelesen. Mögliche Leitfragen für das Gespräch: Was für Mittel setzt der Autor ein, um seine Anordnung zu begründen? Was für Anliegen stehen hinter seinen Forderungen?

Er-leben

Wenn kirchliche Verkündigung heute «im Namen Jesu Christi, des Herrn» etwas zum Thema «Arbeit und «Lebensführung» sagen soll: Welches wäre(n) die wichtigste(n) Botschaft(en)? ­ Dazu ebenfalls Plakat(e) gestalten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001