45/2001 | |
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Lesejahr C |
Bis heute ist sie Bestandteil des Primarschulzeugnisses: die Rubrik «Fleiss und Pflichterfüllung». Und nach wie vor hat ein blosses «genügend» oder gar «mangelhaft» statt des üblichen «gut» wesentlich schärfere Elternreaktionen zur Folge als eine schlechtere Note in Mathematik oder Deutsch. Bei aller Sympathie für das kreative Chaos und trotz des Wissens, dass Spitzenleistungen nicht unbedingt von jenen erzielt werden, die sich streng an die Bürozeiten halten: Die bürgerlichen Sekundärtugenden erfreuen sich nach wie vor grosser Beliebtheit, auch in der Kirche. Ein wichtiger biblischer Bezugspunkt für diese Arbeitsmoral ist der Abschnitt 2 Thess 3,612 mit dem sprichwörtlich gewordenen Satz: «Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen» (3,10).
Der Abschnitt (dessen Einleitungssatz aus unerfindlichen Gründen
im Lektionar fehlt) ist in einem autoritativen und anordnenden Ton gehalten.
Er steht einer Kirchenordnung näher als den Ermahnungen und Ermutigungen
der Gemeinde, wie sie für die echten Paulusbriefe typisch sind. Und
er fährt «schweres Geschütz» auf: Wer sich nicht an
die Anordnung hält, soll gemieden werden (3,6.14). Die Gemeinde soll
sich von ihm distanzieren. Begründet werden diese Anordnungen «im
Namen Jesu Christi, des Herrn», aber auch mit der mündlichen
Verkündigung und dem Vorbild des Apostels. Hinzu kommen deutliche Abhängigkeiten
von 1 Thess 2,9; 4,11f.; 5,14 und weitere Anspielungen auf die Briefvorlage.
Dieser Rückbezug auf den Apostel, sein vorbildliches Leben, seine Verkündigung
und die Überlieferung verstärkt den Eindruck, hier werde etwas
mit grösster Autorität gefordert. Dass dies nicht folgenlos blieb,
zeigt die Wirkungsgeschichte. Viel stärker als das distanzierte Verhältnis
der Jesusbewegung zu Arbeit und Beruf haben dieser und ähnliche Texte
das «christliche Arbeitsethos» geprägt: «All ihr
Gläubigen nun sollt an jedem Tage und zu jeder Zeit, sooft ihr nicht
in der Kirche seid, fleissig bei eurer Arbeit sein...», heisst es
in der Apostolischen Konstitution (13,1). «Müssiggang ist ein
Feind der Seele» leitet die Benediktsregel das Kapitel über die
tägliche Arbeit ein. Und sowohl in der evangelischen wie in der katholischen
Tradition gibt es ein ausgeprägtes Arbeitsethos.
In einer eigentümlichen Spannung zum grossen Gewicht, das der Mahnung
beigemessen wird, «in Ruhe der Arbeit nachzugehen und das selbstverdiente
Brot zu essen» (3,12), steht deren Inhalt. Das Wort «Wer nicht
arbeiten will, soll auch nicht essen» ist gemäss W. Trilling
«ein Stück Spruchweisheit, aber kein Zitat aus uns bekannter
Literatur». Sein Gehalt ist «ernüchternd hausbacken»
und «handfest volkstümlich». «Um so stärker
empfindet man den Kontrast zur hoch befrachteten, geradezu Ðfeierlichenð
Zitation als bedeutsames Apostelwort.» Der Hinweis auf einige, die
«ein unordentliches Leben führen und alles mögliche treiben,
nur nicht arbeiten» (3,11), bleibt eher allgemein und farblos
die kritisierte Arbeitsscheu und viel beschäftigte Nichtstuerei wird
weder anschaulich erzählt noch hat sie einen erkennbaren Grund.
Die exegetische Forschung hat deshalb oft einen Zusammenhang mit dem apokalyptischen
Teil des Briefes und seiner Abwehr von Naherwartung (2,112) hergestellt:
Vor lauter Erwartung des Jüngsten Tages sei nicht mehr ernsthaft und
fleissig gearbeitet worden. Aber der Text selbst schlägt diese Brücke
nicht. So bleibt es beim Befund, dass hier mit voller apostolischer Autorität,
die sich der Briefautor samt mancher Formulierungen bei seinem Vorbild Paulus
«ausleiht», eine Alltagsmoral verkündet wird: Zur Standhaftigkeit
im Glauben gesellt sich der ordentliche Lebenswandel, «um niemand
zur Last zu fallen».
Die kritische Auseinandersetzung mit dem 2. Thessalonicherbrief (vgl. dazu schon SKZ 169 [2001] Nrn. 43 und 44) soll an dieser Stelle nicht weitergeführt werden. Hingegen bietet der Lesungstext eine gute Diskussionsgrundlage zum Thema «christliche Arbeitsmoral». Nicht nur das biblische Zeugnis, sondern auch die Verkündigung und moderne Auffassungen zum Thema sind in diesem Punkt zwiespältig, um nicht zu sagen widersprüchlich.
Zweifellos gibt es so etwas wie religiös (oder kreativ) verbrämte
Faulheit. Schon in der alten Kirche wird vor Wanderpredigern gewarnt, welche
die Gastfreundschaft missbrauchen und sich unter dem Vorwand der Evangeliumsverkündigung
von den Gemeinden aushalten lassen. Und die Forderung, vollamtliche Berufschristen/Berufchristinnen
sollten auch einmal erfahren haben, was es heisst, in der Privatwirtschaft
ihr «selbstverdientes Brot» zu erarbeiten (2 Thess 3,12), mag
teilweise ähnliche Hintergründe haben.
Wer aber im Kontext unserer heutigen Arbeits- und Leistungsgesellschaft
andere Akzente setzt als der Briefautor, braucht noch lange kein Freund
von Arbeitsscheu und Unordnung zu sein. Jede Verkündigung muss jeweils
für ihre Zeit und ihre Situation neu prüfen, was «im Namen
Jesu Christi» zu «gebieten» ist (3,12).
Literatur: W. Trilling, Der zweite Brief an die Thessalonicher, (EKK XIV), Zürich 1980, 140153.
Die Gruppe wird gleich zu Beginn mit einem grossen Plakat konfrontiert, auf dem steht: «Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.» In einem Schreibgespräch (nur schreiben, nicht sprechen) werden Assoziationen, Einwände, verwandte Sprichwörter zum Thema zusammengetragen. Auswertung im Gespräch.
2 Thess 3,612 wird gemeinsam gelesen. Mögliche Leitfragen für das Gespräch: Was für Mittel setzt der Autor ein, um seine Anordnung zu begründen? Was für Anliegen stehen hinter seinen Forderungen?
Wenn kirchliche Verkündigung heute «im Namen Jesu Christi, des Herrn» etwas zum Thema «Arbeit und «Lebensführung» sagen soll: Welches wäre(n) die wichtigste(n) Botschaft(en)? Dazu ebenfalls Plakat(e) gestalten.