44/2001

INHALT

Lesejahr C

"Damit das Wort des Herrn laufe"

Daniel Kosch zu 2 Thess 2,16-3,5

 

Auf den Text zu

Auch eine eingehende Beschäftigung mit dem Lesungstext führte nicht dazu, dass sich der darin formulierte Wunsch erfüllte, «dass das Wort des Herrn laufe» (2 Thess 3,1; in der Einheitsübersetzung ist «laufen» mit «sich ausbreiten» übersetzt). Zwar konnte ich dem einen oder anderen Satz einen Sinn abgewinnen, aber ein echter Dialog mit dem Text kam nicht zustande.
Dass das nicht nur an mir liegt oder daran, dass ­ wie es ebenfalls im Text heisst ­ «Glauben nicht jedermanns Sache ist» (2,2), bestätigte die Konsultation des Kommentars von Wolfgang Trilling, einem anerkannten katholischen Exegeten. In der Einleitung hält er fest: «Gerade dieser Text ist so sachlich distanziert und unpersönlich gehalten, dass er den Autor eher verbirgt als erkennbar macht.... Kraft der Gedanken, Intensität und Wärme des Gefühls, Leidenschaft im Argumentieren, Tiefe von Erkenntnis u.ä. kann man nur dort zur Sprache bringen, wo sie zu bemerken sind.»

Mit dem Text unterwegs

Der Lesungstext besteht aus zwei Unterabschnitten. Mit 3,1 «Im übrigen, Brüder...» beginnt der zweite Teil. Sein Aufbau folgt einem Schema, das viele Abschnitte bestimmt: Dem Wort an die Gemeinde, das einen ermahnenden und ermutigenden Charakter hat (3,1­4), folgt eine Bitte (3,5), deren Übersetzung nicht eindeutig ist. Die Einheitsübersetzung (die noch blasser ist als der griechische Text) übersetzt die Genitive so, dass es um die Liebe zu Gott und das unbeirrte Warten auf Christus geht. Wahrscheinlicher aber ist eine andere Lösung: «Der Herr lenke eure Herzen hin zur Liebe Gottes und zur Geduld Christi.» Die bedrängte und von endzeitlichen Ängsten verunsicherte Gemeinde (vgl. SKZ 169 [43/2001], S. 599) soll ermutigt werden, standhaft zu bleiben und die Wirren unverdrossen durchzustehen. Dabei kann sie auf die Liebe Gottes und die Solidarität Christi vertrauen. Von ihnen kommen «ewiger Trost» und «gute Hoffnung» (2,16), «Kraft» (2,17; 3,3) und «Bewahrung vor dem Bösen» (3,3), sofern sich die Gemeinde an die Anordnungen des Apostels hält (3,4).
Das Anliegen des Lesungstextes ist also insgesamt deckungsgleich mit dem Gesamtanliegen des Briefes: Die Gemeinde soll in ihrer Verlässlichkeit, in ihrem Vertrauen auf Gott und auf Christus gestärkt werden und auf die apostolische Autorität hören ­ dann wird sie vor dem «Bösen bewahrt» (3,3).
Die Anliegen, sich von apokalyptischen Schreckensmeldungen nicht irritieren zu lassen und eine Form christlichen Glaubens zu entwickeln, der sich auch im schwierigen Alltag praktisch bewährt, sind verständlich. Es sind Anliegen, die sich auch in anderen Texten des Neuen Testamentes finden, die im Übergang von der «Pionierphase» der ersten zwei Generationen zum Alltag des Lebens christlicher Gemeinden entstanden. Was hoffnungsvoll als schneller «Lauf» (3,1) begann, erweist sich als Langstreckenrennen mit beschwerlichen Abschnitten, auf denen Angst und Resignation sich einschleichen können.
In einem solchen Umfeld macht es Sinn, an die unerschütterliche Treue Gottes zu erinnern und die Standhaftigkeit der Gemeinde zu fördern. Aber die Art und Weise, wie das im vorliegenden Abschnitt geschieht, vermag nicht recht zu überzeugen. Noch einmal sei Wolfgang Trilling zitiert: Der Abschnitt ist «im Stil holprig und in Komposition und Gedankenführung uneinheitlich». Es «will alles nur mühsam zueinander passen». Der Verfasser bringt «nur blasse Allgemeinplätze». Es ist «der uneinheitlichste und unbefriedigendste Teil des ganzen Briefes». «Das ist kein lebendiger Rede- oder Schreibfluss, sondern eine hölzerne Gruppierung von einzelnen Sätzen.»
Zur Ehrenrettung der Lesung (oder des kritischen Kommentators) kann man immerhin festhalten, dass sich selbst diesem Text Gutes abgewinnen lässt. Die Bitte «dass das Gotteswort laufe» (3,1) ist «der einzige Hinweis im Brief auf die dynamische, missionarische Dimension des Glaubens». Diese Gebetsintention spricht «etwas Notwendiges gerafft und anschaulich aus, es ist eine Perle unter den Sätzen des 2 Thess».

Über den Text hinaus

Der zwiespältige Befund bezüglich der Qualität der Lesung wirft Fragen auf: Ist die Aufnahme dieses Textes in die Leseordnung sinnvoll? Gäbe es nicht wichtigere und zugänglichere Abschnitte? Wie soll ­ wenn überhaupt ­ über einen solchen Text gepredigt werden? Darf man Stil und Inhalt eines Bibeltextes so scharf kritisieren? Wird so nicht verhindert, dass «das Wort des Herrn sich ausbreitet»?
Die Beschäftigung mit 2 Thess 2,16­3,5 hat mich an einen polemischen Text des Radiojournalisten U. Jecker erinnert. Unter dem Titel «Zerstört mir mit Eurem Gott nicht meine Sprache» hat er ein «Plädoyer für bewussteres theologisches Reden» verfasst. Darin heisst es: «Werden aus dem Gedanken nur noch Wörter, zerstört er sich selbst und die Sprache gleichermassen. Wer aber die Sprache aus Missachtung oder gar Misshandlung zerstört, bedroht das Reden von Gott, die Theologie. Mögen Theologen/Theologinnen noch so ehrbar und reinen Herzens leben, so sündigen sie in dieser Hinsicht, was das Zeug hält. So haben theologische Werke, seien es exegetische Puzzlearbeiten, dogmatische Spitzfindigkeiten, Werke missionarischer Verkündigung, sei es Heulen und Wehklagen über Lasterhaftigkeit, Sünde und Gottlosigkeit in ihrem Angesicht eine Verwandtschaft: Stets sind sie verbal ausladend, umfangreich wolkig und mit unerträglicher Sanftheit getränkt. In diesen Werken herrscht überall Freude und Betroffenheit, Liebe und Vergebung, Gnade und Trost. Es wird stets gedient und geschenkt, gehofft und gebittet, verziehen und erbarmt. Nächstenliebe und Zuwendung, Fürsorge und Anteilnahme nehmen in den meisten Texten fast beängstigende verbale Ausmasse an. Erst die Verteidigung Gottes und der Kirche gegen den modernen Unglauben oder die eindringlich beschworene Sexualmoral verleihen dem sanften Wortschaum einen Stich ins Drohfingerhafte. Doch selbst der Drohfinger wird meist mit verbaler Watte umgeben, darf nicht sein, was er wirklich ist. Die Sanft-Wut als Theologenkonstrukt. Es gibt keine modernen Fluchpsalmen und Donnerpredigten mehr. Wo aber Wut und Zorn in Sanftheit umgegossen werden, wird nicht nur der Gedanke, sondern auch die Sprache pervertiert.»
Anhand der Lesung ist viel über den Unterschied zwischen «gut» und «gut gemeint» zu lernen. Produktiver als der Versuch, die Lesung trotz allem zu «retten», ist selbstkritisches Nachdenken über die eigene Sprache und über den «kirchlichen Wort-Durchfall» (P. M. Zulehner).

 

Literatur: W. Trilling, Der zweite Brief an die Thessalonicher, (EKK 14), Zürich 1980, Zitate: 30.133­140; U. Jecker, «Zerstört mir mit Eurem Gott nicht meine Sprache». Ein Plädoyer für bewussteres theologisches Reden, in: S. Bieberstein/D. Kosch (Hrsg.), Auferstehung hat einen Namen, Luzern 1998, 257­264; P. M. Zulehner, Wie Musik zur Trauer ist eine Rede zur falschen Zeit. Wider den kirchlichen Wort-Durchfall, Ostfildern 1998.


Er-lesen

Text vorlesen. Spontane Reaktionen sammeln.

Er-hellen

Text in den Zusammenhang der Entstehungssituation einordnen, um sein Anliegen präziser zu erfassen.

Er-leben

Gemeinsam überlegen, wie das Anliegen des Textes heute möglichst prägnant, griffig und aktuell formuliert und präsentiert werden könnte. Daraus Ideen für den Gottesdienst entwickeln.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001