44/2001 | |
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Lesejahr C |
Auch eine eingehende Beschäftigung mit dem Lesungstext führte
nicht dazu, dass sich der darin formulierte Wunsch erfüllte, «dass
das Wort des Herrn laufe» (2 Thess 3,1; in der Einheitsübersetzung
ist «laufen» mit «sich ausbreiten» übersetzt).
Zwar konnte ich dem einen oder anderen Satz einen Sinn abgewinnen, aber
ein echter Dialog mit dem Text kam nicht zustande.
Dass das nicht nur an mir liegt oder daran, dass wie es ebenfalls
im Text heisst «Glauben nicht jedermanns Sache ist» (2,2),
bestätigte die Konsultation des Kommentars von Wolfgang Trilling, einem
anerkannten katholischen Exegeten. In der Einleitung hält er fest:
«Gerade dieser Text ist so sachlich distanziert und unpersönlich
gehalten, dass er den Autor eher verbirgt als erkennbar macht.... Kraft
der Gedanken, Intensität und Wärme des Gefühls, Leidenschaft
im Argumentieren, Tiefe von Erkenntnis u.ä. kann man nur dort zur Sprache
bringen, wo sie zu bemerken sind.»
Der Lesungstext besteht aus zwei Unterabschnitten. Mit 3,1 «Im
übrigen, Brüder...» beginnt der zweite Teil. Sein Aufbau
folgt einem Schema, das viele Abschnitte bestimmt: Dem Wort an die Gemeinde,
das einen ermahnenden und ermutigenden Charakter hat (3,14), folgt
eine Bitte (3,5), deren Übersetzung nicht eindeutig ist. Die Einheitsübersetzung
(die noch blasser ist als der griechische Text) übersetzt die Genitive
so, dass es um die Liebe zu Gott und das unbeirrte Warten auf Christus geht.
Wahrscheinlicher aber ist eine andere Lösung: «Der Herr lenke
eure Herzen hin zur Liebe Gottes und zur Geduld Christi.» Die bedrängte
und von endzeitlichen Ängsten verunsicherte Gemeinde (vgl. SKZ 169
[43/2001], S. 599) soll ermutigt werden, standhaft zu bleiben und die Wirren
unverdrossen durchzustehen. Dabei kann sie auf die Liebe Gottes und die
Solidarität Christi vertrauen. Von ihnen kommen «ewiger Trost»
und «gute Hoffnung» (2,16), «Kraft» (2,17; 3,3)
und «Bewahrung vor dem Bösen» (3,3), sofern sich die Gemeinde
an die Anordnungen des Apostels hält (3,4).
Das Anliegen des Lesungstextes ist also insgesamt deckungsgleich mit dem
Gesamtanliegen des Briefes: Die Gemeinde soll in ihrer Verlässlichkeit,
in ihrem Vertrauen auf Gott und auf Christus gestärkt werden und auf
die apostolische Autorität hören dann wird sie vor dem «Bösen
bewahrt» (3,3).
Die Anliegen, sich von apokalyptischen Schreckensmeldungen nicht irritieren
zu lassen und eine Form christlichen Glaubens zu entwickeln, der sich auch
im schwierigen Alltag praktisch bewährt, sind verständlich. Es
sind Anliegen, die sich auch in anderen Texten des Neuen Testamentes finden,
die im Übergang von der «Pionierphase» der ersten zwei
Generationen zum Alltag des Lebens christlicher Gemeinden entstanden. Was
hoffnungsvoll als schneller «Lauf» (3,1) begann, erweist sich
als Langstreckenrennen mit beschwerlichen Abschnitten, auf denen Angst und
Resignation sich einschleichen können.
In einem solchen Umfeld macht es Sinn, an die unerschütterliche Treue
Gottes zu erinnern und die Standhaftigkeit der Gemeinde zu fördern.
Aber die Art und Weise, wie das im vorliegenden Abschnitt geschieht, vermag
nicht recht zu überzeugen. Noch einmal sei Wolfgang Trilling zitiert:
Der Abschnitt ist «im Stil holprig und in Komposition und Gedankenführung
uneinheitlich». Es «will alles nur mühsam zueinander passen».
Der Verfasser bringt «nur blasse Allgemeinplätze». Es ist
«der uneinheitlichste und unbefriedigendste Teil des ganzen Briefes».
«Das ist kein lebendiger Rede- oder Schreibfluss, sondern eine hölzerne
Gruppierung von einzelnen Sätzen.»
Zur Ehrenrettung der Lesung (oder des kritischen Kommentators) kann man
immerhin festhalten, dass sich selbst diesem Text Gutes abgewinnen lässt.
Die Bitte «dass das Gotteswort laufe» (3,1) ist «der einzige
Hinweis im Brief auf die dynamische, missionarische Dimension des Glaubens».
Diese Gebetsintention spricht «etwas Notwendiges gerafft und anschaulich
aus, es ist eine Perle unter den Sätzen des 2 Thess».
Der zwiespältige Befund bezüglich der Qualität der Lesung
wirft Fragen auf: Ist die Aufnahme dieses Textes in die Leseordnung sinnvoll?
Gäbe es nicht wichtigere und zugänglichere Abschnitte? Wie soll
wenn überhaupt über einen solchen Text gepredigt werden?
Darf man Stil und Inhalt eines Bibeltextes so scharf kritisieren? Wird so
nicht verhindert, dass «das Wort des Herrn sich ausbreitet»?
Die Beschäftigung mit 2 Thess 2,163,5 hat mich an einen polemischen
Text des Radiojournalisten U. Jecker erinnert. Unter dem Titel «Zerstört
mir mit Eurem Gott nicht meine Sprache» hat er ein «Plädoyer
für bewussteres theologisches Reden» verfasst. Darin heisst es:
«Werden aus dem Gedanken nur noch Wörter, zerstört er sich
selbst und die Sprache gleichermassen. Wer aber die Sprache aus Missachtung
oder gar Misshandlung zerstört, bedroht das Reden von Gott, die Theologie.
Mögen Theologen/Theologinnen noch so ehrbar und reinen Herzens leben,
so sündigen sie in dieser Hinsicht, was das Zeug hält. So haben
theologische Werke, seien es exegetische Puzzlearbeiten, dogmatische Spitzfindigkeiten,
Werke missionarischer Verkündigung, sei es Heulen und Wehklagen über
Lasterhaftigkeit, Sünde und Gottlosigkeit in ihrem Angesicht eine Verwandtschaft:
Stets sind sie verbal ausladend, umfangreich wolkig und mit unerträglicher
Sanftheit getränkt. In diesen Werken herrscht überall Freude und
Betroffenheit, Liebe und Vergebung, Gnade und Trost. Es wird stets gedient
und geschenkt, gehofft und gebittet, verziehen und erbarmt. Nächstenliebe
und Zuwendung, Fürsorge und Anteilnahme nehmen in den meisten Texten
fast beängstigende verbale Ausmasse an. Erst die Verteidigung Gottes
und der Kirche gegen den modernen Unglauben oder die eindringlich beschworene
Sexualmoral verleihen dem sanften Wortschaum einen Stich ins Drohfingerhafte.
Doch selbst der Drohfinger wird meist mit verbaler Watte umgeben, darf nicht
sein, was er wirklich ist. Die Sanft-Wut als Theologenkonstrukt. Es gibt
keine modernen Fluchpsalmen und Donnerpredigten mehr. Wo aber Wut und Zorn
in Sanftheit umgegossen werden, wird nicht nur der Gedanke, sondern auch
die Sprache pervertiert.»
Anhand der Lesung ist viel über den Unterschied zwischen «gut»
und «gut gemeint» zu lernen. Produktiver als der Versuch, die
Lesung trotz allem zu «retten», ist selbstkritisches Nachdenken
über die eigene Sprache und über den «kirchlichen Wort-Durchfall»
(P. M. Zulehner).
Literatur: W. Trilling, Der zweite Brief an die Thessalonicher, (EKK 14), Zürich 1980, Zitate: 30.133140; U. Jecker, «Zerstört mir mit Eurem Gott nicht meine Sprache». Ein Plädoyer für bewussteres theologisches Reden, in: S. Bieberstein/D. Kosch (Hrsg.), Auferstehung hat einen Namen, Luzern 1998, 257264; P. M. Zulehner, Wie Musik zur Trauer ist eine Rede zur falschen Zeit. Wider den kirchlichen Wort-Durchfall, Ostfildern 1998.
Text vorlesen. Spontane Reaktionen sammeln.
Text in den Zusammenhang der Entstehungssituation einordnen, um sein Anliegen präziser zu erfassen.
Gemeinsam überlegen, wie das Anliegen des Textes heute möglichst prägnant, griffig und aktuell formuliert und präsentiert werden könnte. Daraus Ideen für den Gottesdienst entwickeln.