43/2001 | |
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Lesejahr C |
Die Wirkung der Lesung wird nicht nur durch den Bibeltext, sondern auch
durch dessen Rahmen bestimmt. Im weiteren Sinne gehört dazu der ganze
Gottesdienst. Im engeren Sinn bilden Einleitung und Schluss den Rahmen.
Inhalt und Eigenart der Lesung aus dem 2. Thessalonicherbrief rechtfertigen
es, diesem Rahmen mehr als die übliche Aufmerksamkeit zu schenken.
Die Einführungsformel im Lektionar lautet: «Lesung aus dem zweiten
Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher». Und der Abschluss
besteht aus dem Bekenntnis «Wort des lebendigen Gottes» und
der Akklamation «Dank sei Gott». Dies ist im Fall von 2 Thess
1,112,2 insofern problematisch, als 2 Thess nach Auffassung vieler
Fachpersonen nicht von Paulus selbst stammt, sondern erst gegen Ende des
1. Jahrhunderts geschrieben wurde. Hinzu kommt, dass er in Wirklichkeit
kaum die Gemeinde in Thessalonich im Blick hat, sondern diese nur nennt,
um bis in die Wortwahl hinein möglichst grosse Nähe zu 1 Thess
zu demonstrieren, der de facto aber nicht weitergeführt, sondern kritisiert
und korrigiert wird.
Die Fachliteratur nennt dieses Phänomen falscher Verfasserangaben «Pseudepigraphie»,
zu Deutsch könnte man von gefälschten oder entliehenen Verfasserangaben
sprechen. Unabhängig von der Frage, wie das moralisch zu beurteilen
ist, ist es heute ein Gebot der Redlichkeit, die Leserinnen oder Hörer
des Textes bezüglich seiner Entstehung nicht im Unklaren zu lassen.
Dementsprechend sollte in der Einführung der Lesung mindestens der
Hinweis auf den Apostel Paulus unterbleiben. Eine mögliche Einführungsformel
wäre: «Lesung aus dem 2. Thessalonicherbrief». Darüber
hinaus kann es sinnvoll sein, in einer Einleitung oder während der
Predigt auf das Thema der falschen Verfasserangaben einzugehen.
Ob und unter welchen Voraussetzungen es erlaubt ist, «im Namen»
einer anderen Person zu schreiben und damit von der Wahrheit abzuweichen
und diese Täuschung durch Nachahmung des Stils usw. möglichst
raffiniert zu verbergen, wurde schon im Altertum kritisch diskutiert, häufig
mit Bezug auf den Philosophen Plato, der jede Unwahrhaftigkeit ablehnt:
«Es gibt also nichts, um deswillen Gott lügen könnte»
(Staat 382e). Dennoch spricht auch Plato von der nützlichen Lüge,
und später ist zum Beispiel von der Lüge des Arztes die Rede,
die erlaubt ist, wenn sie nützt: Die Täuschung ist um des Heiles
willen erlaubt. Hier wird ein Wahrheitsverständnis und ein Beurteilungskriterium
sichtbar, das auch für biblische Texte mit Offenbarungsanspruch hilfreich
sein kann: Handelt es sich um eine Botschaft des Heiles, verdient sie es,
als «wahr» und als «Wort Gottes» anerkannt zu werden.
Nicht von der historischen Echtheit, nicht von der Zuschreibung an eine
biblische Autorität hängt es ab, ob darin das «Wort des
lebendigen Gottes» zu vernehmen ist, sondern davon, ob die Lesung
«um des Heiles willen» vorgetragen wird und zum gelingenden
Leben der Hörer/Hörerinnen beiträgt. Das ist nicht vom Wortlaut
allein abhängig, sondern auch vom Rahmen, in den er eingebettet ist.
Auch ein schwieriger Text, der etwa von der dunklen Seite Gottes spricht
oder zur Rechtfertigung von Unterdrückung missbraucht werden kann oder
nicht der historischen Wahrheit entspricht, kann zusammen mit seiner
Auslegung und Umsetzung ins Leben durchaus der Mündigkeit, der
Freiheit und dem Glück der Menschen dienen. So gesehen, kommt das Bekenntnis
«Wort des lebendigen Gottes» unmittelbar nach der Lesung zu
früh: Ob ein Text sich als «Wort des Lebens» und als Wahrheit
«um des Heiles willen» erweist, zeigen erst die Auslegung und
die Umsetzung in der Predigt und im Leben der Gemeinde.
Zum Rahmen vieler Lesungen gehört auch, dass das Lektionar diese oft
mit der Anrede «Brüder!» einführt. Dies geschieht
selbst dann, wenn die Anrede im biblischen Text an dieser Stelle nicht vorkommt
so auch in 2 Thess 1,11. Wiederum ist mit Rücksicht auf die Ergebnisse
neuerer Forschung und ein verändertes Sprachempfinden eine Korrektur
des Lektionars angezeigt, indem diese Anrede weggelassen wird, weil sie
gar nicht notwendig ist, oder indem «Schwestern und Brüder»
angesprochen werden. Die Bibelwissenschafterin Elisabeth Schüssler
Fiorenza hat als Prinzip formuliert: «Solange Frauen bzw. weibliche
Aspekte nicht ausdrücklich ausgeschlossen werden, muss bei grammatikalisch
androzentrischen Texten angenommen werden, dass sowohl von Männern
als auch von Frauen die Rede ist.» Auch 2 Thess hat keine frauenlose
Gemeinde im Blick und folglich ist um der historischen Wahrheit wie
«um des Heiles» einer geschwisterlichen Gemeinde willen die
Anrede adelphoi heute mit «Schwestern und Brüder» zu übersetzen.
Eine sprachlich, historisch, aber auch atmosphärisch und liturgisch
aufmerksame und gut informierte Gestaltung des «Rahmens» der
Lesung lohnt sich also schliesslich geht es um nichts Geringeres als
darum, dass der Text zum «Wort des lebendigen Gottes» wird und
die Hörerinnen und Hörer «um des Heiles willen» erreicht.
Dafür darf kein Aufwand und keine Sorgfalt je zu gross sein.
Der Text warnt vor der Behauptung, «der Tag des Herrn sei schon
da». Die Angesprochenen sollen sich davon «nicht so schnell
aus der Fassung bringen und in Schrecken jagen» lassen, selbst wenn
man sich dafür auf einen «Brief, der angeblich von uns stammt»,
beruft (2,2). Damit wird nicht nur die Naherwartung des 1. Thessalonicherbriefes
(vgl. bes. 1 Thess 4,15) kritisiert, sondern im Sinn einer «Gegenfälschung»
unterstellt, der Brief stamme gar nicht von Paulus. In Wirklichkeit liegen
die Dinge genau umgekehrt: 1 Thess ist echt paulinisch, 2 Thess aber stammt
nur angeblich von ihm.
Diese historischen Unwahrheiten nimmt der Verfasser in Kauf, weil er seinen
Adressaten/Adressatinnen in schwieriger Zeit helfen will, die eigene Gegenwart
zu verstehen und zu bewältigen. Auch wenn die lebensfeindliche Gegenmacht
des römischen Imperiums den Sieg davonzutragen scheint und sich als
«göttliche Macht» aufspielt (z.B. in der Entweihung und
in der Zerstörung des Jerusalemer Tempels, 2 Thess 2,4), soll die Gemeinde
standhaft bleiben und die Orientierung nicht verlieren.
Auch heute noch geschieht es, dass Untergangs- und Endzeitstimmungen geschürt und damit die Resignation im Kampf der Lebens- gegen die Todesmächte gefördert werden. Eine moderne und historisch informierte Verkündigung wird gegen diese Tendenz sicher nicht mehr zum Mittel der «Gegenfälschung» greifen und bestreiten, dass solche Stimmungen auch von manchen biblischen Texten gefördert wurden und werden. Vielmehr wird sie sich kritisch und offen damit auseinandersetzen um der historischen Wahrheit, aber auch um des Heils der Menschen willen. Selbst wenn uns die Methoden des 2 Thess heute nicht mehr angemessen scheinen, kann die Lesung dazu interessante Anstösse bieten und in einem sorgfältig gestalteten Rahmen zum «Wort des lebendigen Gottes» werden, auf das die Gemeinde aufrichtig mit «Dank sei Gott» antworten kann.
Literatur: M. Crüsemann, Der zweite Brief an die Gemeinde in Thessalonich, in: L. Schotroff/M.-Th. Wacker (Hrsg.), Kompendium feministische Bibelauslegung, München 21999, 654660; I. Broer, Einleitung in das Neue Testament II, (NEB.ENT 2), Würzburg 2001, 475490.557568.
2 Thess 1,12,12 lesen und mit 1 Thess 1,12 und 4,1317 vergleichen.
Anhand der Erläuterungen dieses Artikels das Verhältnis von 1 und 2 Thess und das Anliegen des Lesungsabschnittes klären.
Was ermöglicht es, dass die Lesung heute zum «Wort des Heils» wird? Was steht dem im Wege? Konsequenzen für Gottesdienstgestaltung und Verkündigung besprechen.