42/2001 | |
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Lesejahr C |
Die vierte Lesung aus dem 2. Timotheusbrief gibt Anlass zu einer letzten
Anfrage an den Brief und seine Lektüre heute: jene nach der Art der
«Heiligenverehrung» des Paulus in den Pastoralbriefen. Diese
Frage drängt sich nicht nur angesichts des Lesungstextes auf, sondern
wird auch durch das Kirchenjahr nahe gelegt, da die Lesung für den
Sonntag vor Allerheiligen bestimmt ist.
Der Briefautor lässt «Paulus» eine Selbstvorstellung formulieren,
in der er in idealisierter Form der Gemeinde als leuchtendes Beispiel vor
Augen geführt werden soll. L. Oberlinner formuliert präzis: «Dieser
Paulus steht schon so sehr über allem und über allen, dass er
in der Position eines ÐHeiligenð erscheint und deshalb beinahe nur
noch in der Distanz der Verehrung in den Blick kommt.»
Der Schlussteil ab 2 Tim 4,1 hat noch stärker als der gesamte Brief den Charakter eines Testamentes. Paulus blickt auf sein unmittelbar bevorstehendes Martyrium voraus (4,6), fasst sein Leben mit drei im Perfekt formulierten Verben zusammen, die vollendete Gewissheit über das Fazit seines Wirkens ausdrücken (4,7), und blickt voraus auf den himmlischen Lohn, der ihm damit sicher ist (4,8). Nach persönlichen Mitteilungen (4,915, im Lektionar weggelassen) kommt er auf seinen Prozess zu sprechen: Von allen verlassen und deshalb ganz einsam steht er vor Gericht Rettung und Beistand kommen allein von Gott («Herr» ist hier wie in anderen Texten der Pastoralbriefe Gottesbezeichnung und nicht christologischer Titel). Die Vergebungsbitte für jene, die ihn «im Stich gelassen» haben (4,16), gibt zu verstehen, dass sich schuldig macht, wer die Gemeinschaft mit dem Apostel aufkündigt. Hier wird besonders deutlich, dass die Idealisierung des in Einsamkeit verurteilten Paulus mit aktuellen Problemen der Gemeinde und mit pastoralen Anliegen des Briefautors zu tun hat:
Das Gegenstück zu den mahnenden und warnenden Tönen sind die Worte der Verheissung. Auch sie gelten nicht nur Pau-lus selbst, «sondern allen, die sehnsüchtig auf sein Erscheinen (gemeint ist Jesus Christus) warten» (4,8) bzw. die «sein Erscheinen lieb gewonnen haben». Letztere Übersetzung ist genauer als die Einheitsübersetzung. Wer Jesu Kommen in die Welt lieb gewonnen hat, wird ihm entsprechend sein Leben ausrichten und darf deshalb die Parusie zuversichtlich erwarten.
In schwierigen und unübersichtlichen Zeiten können «Vorbilder»,
«Ideale» und «Heilige» für die Lebensorientierung
hilfreich sein. Und auf das eigene Vorbild verweist schon der «historische
Paulus» in seinen echten Briefen mehrfach. Das Entstehen einer «Pauluslegende»
reicht bis in die Lebzeiten des Apostels zurück. Der Briefautor, der
so eng mit Paulus verbunden ist, dass er sich sogar das Recht herausnimmt,
in seinem Namen zu schreiben, greift diese Tradition auf und führt
sie weiter. Diese Idealisierung des Paulusbildes in den deuteropaulinischen
Briefen und in der Apostelgeschichte hat dazu beigetragen, dass die historische
Erinnerung Bestand hatte und dass auch seine eigenen Briefe weitertradiert
wurden.
Trotzdem muss die Frage gestellt werden, ob das Paulusbild des Textes seiner
Gestalt gerecht wird: Auch wenn der Apostel seine Botschaft mit einem hohen
Anspruch verkündigte, lassen seine eigenen Briefe andere, sehr viel
menschlichere (und damit zwiespältigere) Züge erkennen: Zweifel,
Leiden an sich selbst, innere Spannungen, Wechselbäder zwischen harten
Zurechtweisungen und Werben um die Zuwendung der Gemeinden...Ein so selbstsicheres
Fazit wie 2 Tim 4,7 hätte Paulus über sein Leben nicht gezogen
und vor allem hätte er viel deutlicher herausgestellt, dass er
den «Kranz der Gerechtigkeit» nicht selbst durch eigene Treue
verdient hat, sondern ihn einzig und allein dem gekreuzigten und auferweckten
Herrn verdankt.
Die Lesung aus 2 Tim macht also gleichzeitig die Chancen und die Gefahren
der «Heiligenverehrung» sichtbar. Der Wunsch, das «Bleibende»
und «Vorbildliche» einer Gestalt herauszustellen und ihre Bedeutung
für spätere Generationen aufzuzeigen, führt zu einer gewissen
Abstraktion von Einzelzügen und zu einer gewissen Idealisierung. Im
Blick auf die Situation, in der die bleibende Aktualität ausgesagt
werden soll, werden bestimmte Aspekte hervorgehoben und andere ausgeblendet.
Dies geschieht nicht nur in Bezug auf Paulus, sondern lässt sich in
der Bibel auch an anderen Gestalten (z.B. an den vier Jesusbildern der Evangelien!)
aufzeigen. Und es gilt auch in Bezug auf die Geschichte der «Heiligenverehrung»
bis auf den heutigen Tag. Zugleich schafft die Idealisierung Distanz
die Gestalt verblasst, ihr Profil kann verzerrt werden, die gewünschte
Wirkung auf die Hörer und Leserinnen wird wichtiger als die historische
Realität. Der Vergleich zwischen den «echten Paulusbriefen»
und dem Paulusbild der Pastoralbriefe wirft die Frage auf, ob nicht gerade
das Gegenteil erreicht wird: Ist nicht der «echte», der schwierige,
keineswegs in jeder Hinsicht «ideale» Paulus sehr viel aktueller
und anregender als das spätere Paulusbild, das ihn nur noch als Ideal
und Vorbild zeigt? Sind nicht auch viele Heilige viel spannender und glaubwürdiger
als die in bester Absicht verklärenden Heiligenbilder?
Literatur: L. Oberlinner, Die Pastoralbriefe. Kommentar zum Zweiten Timotheusbrief, (HThK XI/2), Freiburg 1995.
Den Text in Ruhe durchlesen mit der Frage: In welchem «Ton» ist er gehalten? Wie müsste er von einem Schauspieler/einer Schauspielerin vorgetragen werden? Wer mag, trägt den Text vor, andere umschreiben die «Tonlage» mit Adjektiven.
Der Text hat testamentarischen Charakter: Welche Elemente des Lebens und Wirkens des Paulus kommen in den Blick? (z.B. das Leiden) Welche Aspekte kommen nicht vor? (z.B. die Gemeinschaftserfahrungen in den Gemeinden) Welches sind die indirekten Botschaften dieses «letzten Willens» für die nachfolgenden Generationen?
Der Schlusschor von F. Mendelssohns Paulus-Oratorium nimmt 1 Tim 4,8 auf. Das Stück (und evtl. weitere Teile des Oratoriums) anhören: Was löst die Musik aus?