41/2001

INHALT

Lesejahr C

Die Schrift verkünden - in welchem Stil?

Daniel Kosch zu 2 Tim 3,14-4,2

 

Auf den Text zu

Der Lesungsabschnitt ist ein klassischer Text für die «Inspirationslehre» und enthält Impulse für den Umgang mit der Bibel: Schon Kinder sollen mit den heiligen Schriften vertraut gemacht werden. Diese sind von Gott eingegeben. Sie dienen der Rettung der Menschen, sind aber auch schon für die Gegenwart «nützlich». Das Wort ist «gelegen oder ungelegen» zu verkünden.
Ein Blick auf den grösseren Zusammenhang 2 Tim 3,1­4,8 zeigt allerdings, dass die Perikopenabgrenzung einmal mehr nicht dem Aufbau des Textes folgt, werden doch der Schluss des Abschnittes 3,1­17 und der Beginn des «Testaments des Paulus» (4,1­9) miteinander verknüpft, während der polemische Kontext und damit der Situationsbezug der Mahnungen ausgeblendet werden.

Mit dem Text unterwegs

2 Tim 3,1 kündigt an, dass «in den letzten Tagen schwere Zeiten bevorstehen». Grund dafür sind Menschen, die nach Auffassung des Autors schlechten Einfluss auf die Gemeinden und ihre Frömmigkeit nehmen. Mit Polemik und bösen Worten wird zu ihrer Charakterisierung nicht gespart. Sie seien «selbstverliebt» und unmoralisch, wobei die Vorwürfe von Geldgier über Herzlosigkeit zu fragwürdigen Methoden, «in die Häuser einzudringen und Frauen einzufangen», reichen (3,2­6). Mit anderen Worten: Die Stunde der «betrogenen Betrüger» (3,13) hat geschlagen, denn die Leute mögen die gesunde Lehre nicht leiden, sondern legen sich wegen des Ohrenkitzels einen Haufen Lehrer zu, wenden das Ohr von der Wahrheit ab, um es Mythen oder Fabeleien zuzuwenden (4,3f.). Bei all diesen Aussagen, die den Kontext der Mahnungen in 3,14­4,2 bilden, handelt es sich nicht nur um Polemik gegen Irrlehrer, die eine gnosisähnliche, individualistische Heilslehre verkünden. Vielmehr wird zugleich eine sehr pessimistische und negative Einschätzung der Gemeindemitglieder erkennbar: Diese (vor allem die Frauen!) seien verführbar, leicht irrezuleiten, orientierten sich religiös «an ihren eigenen Begierden» und am «Ohrenkitzel». Ulrike Wagener kommentiert im Blick auf das Frauenbild: «Die Adressatinnen dieser Lehren werden in 2 Tim 3,6 als ÐWeibchenð verspottet und als sündig und von Begierden getrieben dargestellt.» Und Lorenz Oberlinner hält fest, es «ist unverkennbar, dass die Verantwortung für den Glauben und auch für das Leben der einzelnen Gemeindeglieder mehr und mehr delegiert wird an den Amtsträger. Es ist eine deutliche Verfestigung, vielleicht auch eine Erstarrung der in den Gemeinden vorhandenen Beziehungen zu erkennen: der kirchliche Lehrer lernt und denkt für alle anderen.»
Vor diesem Hintergrund erscheint der Rückgriff auf die Inspiration der Schrift als weiteres Element des «Sicherheitskonzeptes» der Pastoralbriefe. Als «von Gott eingegeben» hat die Schrift eine nicht weiter hinterfragbare Autorität. Wer sich darauf beruft, braucht nicht weiter zu diskutieren und muss sich deshalb mit den Argumenten der «Gegenseite» nicht vertieft auseinander setzen. Ob diese Art des Umgangs mit Widersprechenden allerdings dazu geeignet ist, die Ziele der «Belehrung, Widerlegung, Besserung und Erziehung in der Gerechtigkeit» (3,16) zu erreichen, ist keineswegs sicher. Eine kritische Lektüre der Pastoralbriefe muss deshalb die Frage aufwerfen, ob nicht auch die verketzerten Gegnerinnen und Gegner berechtigte Anliegen vertraten und ob nicht ein weniger rechthaberischer und polemischer Stil mehr Chancen hat, die Leserinnen und Leser zu gewinnen und die «Nützlichkeit» der Schrift zu erweisen. Diese Stilfragen sind sehr aktuell, gehört doch die Unterstellung, die Menschen seien in postmodernen Zeiten gerne bereit, sich eine ihren subjektiven Bedürfnissen entsprechende Privat-Religiosität zusammenzubasteln, zum Repertoire vieler zeitgeist-kritischer Theologen und Amtsträger.
Bei all diesen kritischen Rückfragen zum pastoralen Stil des Briefautors darf nicht übersehen werden, dass der Lesungstext wichtige Anstösse für das Schriftverständnis vermittelt:

Über den Text hinaus

Auch wenn der Kontext deutlich erkennen lässt, dass der Briefautor hinter den Anliegen und Prinzipien des von ihm formulierten Schriftverständnisses zurückbleibt (weshalb seinen Aussagen weder «Weisheit» noch «Gerechtigkeit» pauschal attestiert werden können), können dem Lesungstext wichtige Impulse für das Bibelverständnis entnommen werden.
Zugleich zeigt sich: Zur «biblischen Erziehung in der Gerechtigkeit» gehört auch ein sachkritischer Umgang mit der Bibel selbst und mit dem pastoralen Stil des Umgangs mit Andersdenkenden. Nur so kann vermieden werden, dass die Bibel zur Erhaltung der eigenen Position oder zur Abwertung oder Verketzerung Andersdenkender missbraucht wird.

 

Literatur: U. Wagener, Die Pastoralbriefe. Gezähmter Paulus ­ domestizierte Frauen, in: L. Schottroff/M.-Th. Wacker (Hrsg.), Kompendium feministische Bibelauslegung, Gütersloh 1998, 661­675; L. Oberlinner, Die Pastoralbriefe. Kommentar zum Zweiten Timotheusbrief, (HThK XI/2), Freiburg 1995.


Er-lesen

2 Tim 3,14­4,2 wird zunächst für sich allein vorgelesen und kurz besprochen. In einem zweiten Lektüre-Durchgang wird der gesamte Zusammenhang (3,1­4,8) gelesen: Wie verändert sich die Textwahrnehmung?

Er-hellen

Auf einem grossen Plakat wird das Stichwort «heilige Schriften» notiert. Anhand einer genauen Lektüre der einzelnen Aussagen wird das Bibelverständnis des Textes in Stichworten festgehalten.

Er-leben

Was für praktische Schlussfolgerungen ergeben sich für unseren Umgang mit der Bibel: Welches sind Merkmale eines «guten Stils» im Gebrauch der Bibel?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001