41/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Der Lesungsabschnitt ist ein klassischer Text für die «Inspirationslehre»
und enthält Impulse für den Umgang mit der Bibel: Schon Kinder
sollen mit den heiligen Schriften vertraut gemacht werden. Diese sind von
Gott eingegeben. Sie dienen der Rettung der Menschen, sind aber auch schon
für die Gegenwart «nützlich». Das Wort ist «gelegen
oder ungelegen» zu verkünden.
Ein Blick auf den grösseren Zusammenhang 2 Tim 3,14,8 zeigt allerdings,
dass die Perikopenabgrenzung einmal mehr nicht dem Aufbau des Textes folgt,
werden doch der Schluss des Abschnittes 3,117 und der Beginn des «Testaments
des Paulus» (4,19) miteinander verknüpft, während der
polemische Kontext und damit der Situationsbezug der Mahnungen ausgeblendet
werden.
2 Tim 3,1 kündigt an, dass «in den letzten Tagen schwere Zeiten
bevorstehen». Grund dafür sind Menschen, die nach Auffassung
des Autors schlechten Einfluss auf die Gemeinden und ihre Frömmigkeit
nehmen. Mit Polemik und bösen Worten wird zu ihrer Charakterisierung
nicht gespart. Sie seien «selbstverliebt» und unmoralisch, wobei
die Vorwürfe von Geldgier über Herzlosigkeit zu fragwürdigen
Methoden, «in die Häuser einzudringen und Frauen einzufangen»,
reichen (3,26). Mit anderen Worten: Die Stunde der «betrogenen
Betrüger» (3,13) hat geschlagen, denn die Leute mögen die
gesunde Lehre nicht leiden, sondern legen sich wegen des Ohrenkitzels einen
Haufen Lehrer zu, wenden das Ohr von der Wahrheit ab, um es Mythen oder
Fabeleien zuzuwenden (4,3f.). Bei all diesen Aussagen, die den Kontext der
Mahnungen in 3,144,2 bilden, handelt es sich nicht nur um Polemik gegen
Irrlehrer, die eine gnosisähnliche, individualistische Heilslehre verkünden.
Vielmehr wird zugleich eine sehr pessimistische und negative Einschätzung
der Gemeindemitglieder erkennbar: Diese (vor allem die Frauen!) seien verführbar,
leicht irrezuleiten, orientierten sich religiös «an ihren eigenen
Begierden» und am «Ohrenkitzel». Ulrike Wagener kommentiert
im Blick auf das Frauenbild: «Die Adressatinnen dieser Lehren werden
in 2 Tim 3,6 als ÐWeibchenð verspottet und als sündig und von
Begierden getrieben dargestellt.» Und Lorenz Oberlinner hält
fest, es «ist unverkennbar, dass die Verantwortung für den Glauben
und auch für das Leben der einzelnen Gemeindeglieder mehr und mehr
delegiert wird an den Amtsträger. Es ist eine deutliche Verfestigung,
vielleicht auch eine Erstarrung der in den Gemeinden vorhandenen Beziehungen
zu erkennen: der kirchliche Lehrer lernt und denkt für alle anderen.»
Vor diesem Hintergrund erscheint der Rückgriff auf die Inspiration
der Schrift als weiteres Element des «Sicherheitskonzeptes»
der Pastoralbriefe. Als «von Gott eingegeben» hat die Schrift
eine nicht weiter hinterfragbare Autorität. Wer sich darauf beruft,
braucht nicht weiter zu diskutieren und muss sich deshalb mit den Argumenten
der «Gegenseite» nicht vertieft auseinander setzen. Ob diese
Art des Umgangs mit Widersprechenden allerdings dazu geeignet ist, die Ziele
der «Belehrung, Widerlegung, Besserung und Erziehung in der Gerechtigkeit»
(3,16) zu erreichen, ist keineswegs sicher. Eine kritische Lektüre
der Pastoralbriefe muss deshalb die Frage aufwerfen, ob nicht auch die verketzerten
Gegnerinnen und Gegner berechtigte Anliegen vertraten und ob nicht ein weniger
rechthaberischer und polemischer Stil mehr Chancen hat, die Leserinnen und
Leser zu gewinnen und die «Nützlichkeit» der Schrift zu
erweisen. Diese Stilfragen sind sehr aktuell, gehört doch die Unterstellung,
die Menschen seien in postmodernen Zeiten gerne bereit, sich eine ihren
subjektiven Bedürfnissen entsprechende Privat-Religiosität zusammenzubasteln,
zum Repertoire vieler zeitgeist-kritischer Theologen und Amtsträger.
Bei all diesen kritischen Rückfragen zum pastoralen Stil des Briefautors
darf nicht übersehen werden, dass der Lesungstext wichtige Anstösse
für das Schriftverständnis vermittelt:
Auch wenn der Kontext deutlich erkennen lässt, dass der Briefautor
hinter den Anliegen und Prinzipien des von ihm formulierten Schriftverständnisses
zurückbleibt (weshalb seinen Aussagen weder «Weisheit»
noch «Gerechtigkeit» pauschal attestiert werden können),
können dem Lesungstext wichtige Impulse für das Bibelverständnis
entnommen werden.
Zugleich zeigt sich: Zur «biblischen Erziehung in der Gerechtigkeit»
gehört auch ein sachkritischer Umgang mit der Bibel selbst und mit
dem pastoralen Stil des Umgangs mit Andersdenkenden. Nur so kann vermieden
werden, dass die Bibel zur Erhaltung der eigenen Position oder zur Abwertung
oder Verketzerung Andersdenkender missbraucht wird.
Literatur: U. Wagener, Die Pastoralbriefe. Gezähmter Paulus domestizierte Frauen, in: L. Schottroff/M.-Th. Wacker (Hrsg.), Kompendium feministische Bibelauslegung, Gütersloh 1998, 661675; L. Oberlinner, Die Pastoralbriefe. Kommentar zum Zweiten Timotheusbrief, (HThK XI/2), Freiburg 1995.
2 Tim 3,144,2 wird zunächst für sich allein vorgelesen und kurz besprochen. In einem zweiten Lektüre-Durchgang wird der gesamte Zusammenhang (3,14,8) gelesen: Wie verändert sich die Textwahrnehmung?
Auf einem grossen Plakat wird das Stichwort «heilige Schriften» notiert. Anhand einer genauen Lektüre der einzelnen Aussagen wird das Bibelverständnis des Textes in Stichworten festgehalten.
Was für praktische Schlussfolgerungen ergeben sich für unseren Umgang mit der Bibel: Welches sind Merkmale eines «guten Stils» im Gebrauch der Bibel?