40/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Der Lesungstext stellt den in Gefangenschaft leidenden «Paulus»
als Vorbild dar: Leiden und Feindseligkeiten sind mit Ausdauer zu ertragen
und dürfen nicht Anlass werden, das «glaubwürdige Wort»
durch einen Mangel an Standhaftigkeit oder durch Untreue zu diskreditieren.
Um des Heils der Getreuen willen gilt es, treu zu sein, weil auch Gott sich
selbst und den Menschen treu bleibt, selbst «wenn wir untreu sind».
Adressat der Mahnung zur unerschrockenen Weitergabe des Glaubens und der
Zusage der Treue Gottes ist «Timotheus», der in der Brieffiktion
des Autors als Bindeglied zwischen Paulus und den Gemeindeleitern der dritten
Generation verstanden wird.
Das Bild des leidenden Apostels ist aus den echten Paulusbriefen (z.B.
aus 2 Kor oder dem in Gefangenschaft verfassten Phil) vertraut. Grund der
Bedrängnisse des Apostels ist seine zumindest indirekte Infragestellung
der herrschenden Verhältnisse im Imperium Romanum durch das exklusive
Bekenntnis zum gekreuzigten Herrn und die damit verbundene Entmachtung aller
anderen Herren. Hinzu kommen die Strapazen des rastlos umherziehenden Missionars
sowie die Konflikte mit Gegnern seines Evangeliums von der Rechtfertigung
der Gottlosen und von der voraussetzungslosen Güte Gottes.
Was die Erinnerung an die Notwendigkeit des Leidens für das «Wort
Gottes» bei den Leserinnen und Hörern der Pastoralbriefe bewirken
soll, ist ungewiss:
Die Antwort dient nicht nur der Befriedigung historischer Neugierde, sondern hat auch theologisches Gewicht. Leiden und die Aufforderung, dieses mit Ausdauer zu ertragen, sind keine «Werte» an sich. Das Leiden der Opfer ungerechter Strukturen und das Leiden jener, die für Gerechtigkeit einstehen, hat eine andere Würde und Qualität als das Leiden jener, die angegriffen und kritisiert werden, weil sie ihre Macht missbrauchen oder ungerechte Situationen stabilisieren helfen. Die Frage, worauf sich die geforderte «Standhaftigkeit» bezieht, ist also nicht nebensächlich:
Eine präzise historische Verortung der Mahnung zum Ausharren und zur Treue gegenüber dem Wort Gottes ist nicht möglich. Das Wissen über den sozialgeschichtlichen Kontext des Briefes reicht dazu nicht aus. Aber die gestellten Fragen machen deutlich, wie «kontextabhängig» das Verständnis und die Beurteilung eines bestimmten Bekenntnisses sind. Dies gilt auch dann, wenn betont wird «Das Wort ist glaubwürdig» (2,11 und insgesamt fünfmal in den Pastoralbriefen) und geprägte Formulierungen verwendet werden wie im hymnischen Stück 2,1113 (nach F. Stier):
Sind wir mitgestorben,
werden wir auch mitlebendig.
Harren wir aus,
werden wir auch das Königtum mitausüben.
Verleugnen wir,
wird auch er uns verleugnen.
Sind wir untreu,
bleibt er treu.
Religiöse (und andere) Rechtfertigungen oder Begründungen der
Notwendigkeit des Leidens können äusserst fragwürdig sein,
wenn sie in falsche Zusammenhänge geraten. Leiden Amtsträger darunter,
dass sie wegen ihrer Positionen oder ihres Verhaltens kritisiert werden,
steht noch längst nicht fest, dass sie «um des Heils der Gläubigen
willen» (2,10) leiden. Möglicherweise leiden sie an mangelnder
Bereitschaft, die Zeichen der Zeit zu erkennen, oder klammern sich an eine
falsch verstandene Amtsautorität.
Genauso fragwürdig ist die Tendenz, dem Leiden auszuweichen. In Situationen,
in denen kirchliche Amtsträger sich mit Benachteiligten solidarisieren
und sich am Kampf gegen Unrecht beteiligen, kann der Aufruf zur Standhaftigkeit
und das Lob der Treue Gottes, das über menschliche Halbheiten hinwegsieht
(2,1113), zum Trostwort werden.
Text so darstellen, dass der Unterschied zwischen «Prosa» (810) und «hymnischem Teil» (1113) sichtbar wird. Wie hängen die beiden Teile zusammen?
Text in die Kommunikationssituation der Pastoralbriefe einordnen: Was könnte seine Funktion für die angesprochenen Gemeindeleiter und die Gemeinden sein?
Versuchsweise werden heutige Situationen vorgestellt, in die das Bekenntnis 2,1113 hineingesprochen wird: Wo und weshalb klingt es glaubwürdig und hilfreich? Wo und weshalb wird es fragwürdig?