39/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Der zweite Timotheusbrief ist ein fiktives Testament des Paulus. Direkt angesprochen ist Timotheus, das heisst ein Amtsträger, der zugleich Verwalter und Lehrer einer Gemeinde ist. Indirekt angesprochen sind Gemeinden der dritten Generation um 100 n. Chr., für die der Anfang der Kirche bereits Geschichte und der Apostel bereits ein «Heiliger» ist. In schwieriger Zeit sollen die Gemeindeleiter und die Gemeinden Hilfe erhalten, dem «Evangelium» (V. 8), der «gesunden Lehre» (V. 13) und dem «anvertrauten kostbaren Gut» treu zu bleiben, das Glaubensgut zu bewahren und unversehrt weiterzugeben. Dieses Anliegen ist ebenso berechtigt wie aktuell. Das Lebendighalten bzw. Neuentfachen der Glut der Gnade Gottes (V. 8) ist zu allen Zeiten ein Grundauftrag der Kirche. Und in flauen Zeiten oder Krisensituationen ist dieser Auftrag besonders wichtig.
Zur Bezeichnung des unaufgebbaren Vermächtnisses, das der Kirche
anvertraut ist, verwendet der Text den für die Pastoralbriefe zentralen
Ausdruck des «anvertrau-ten Gutes». Der Ausdruck paratheke (lat.
Depositum) stammt aus dem Bereich des Rechtes: Ein Vermögens- oder
Sachwert wird einer Person «zu treuen Händen» übergeben
mit dem Ziel, dass er dem ursprünglichen Besitzer oder dessen
Erben unversehrt zurück- oder weitergegeben werden kann. Dieser Begriffswahl
entspricht, dass das Evangelium in bereits fest geprägte bekenntnishafte
Formeln gefasst ist (z.B. 1,910). Der Begriff des anvertrauten «kostbaren
Gutes» betont die hohe Wertschätzung für die empfangene
«gesunde Lehre» und zeigt, dass diese als fest umrissene Grösse
und somit recht statisch verstanden wird. Die Dynamik des Anfangs und der
Mut, das Evangelium für die je eigene Zeit neu und aktuell zu formulieren,
weicht einer Tendenz zum Bewahren und Festhalten. Die theologische Lebendigkeit
und Kreativität nimmt ab der Wunsch nach Rezepten und klaren
Formeln nimmt zu.
Mit dem Festhalten an der «gesunden Lehre» nimmt auch die Bedeutung
der Amtsträger und der möglichst «greifbaren» und
damit eindeutigen Kontinuität zu. Deshalb betont der Brief die «Handauflegung»
(V. 6) und das «Vorbild» des Apostels (V. 13). Es zeichnet sich
also bereits jenes «Sicherheitskonzept» für die Bewahrung
des Evangeliums ab, das sich später für die Kirche insgesamt als
prägend erweisen wird: Bekenntnistreue, Tradition, Sukzession und Amt.
Das hat auch Folgen für das Verständnis des Heiligen Geistes.
Das «Charisma», also die geistgewirkte Gnadengabe (die Einheitsübersetzung
spricht blass von der «Gnade Gottes»), wird nicht mehr als vielfältige
Ermächtigung der Gemeindeglieder zu unterschiedlichen Diensten aufgefasst,
sondern primär als «Amtscharisma», das dem Timotheus durch
die Handauflegung zuteil wird (V. 6). Und mit «uns», denen der
Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit gegeben ist (V. 7) und in denen
der «Heilige Geist wohnt» (V. 14), sind nicht mehr alle Gemeindeglieder
gemeint; vielmehr fasst dieses «uns» zunächst Paulus und
Timotheus zusammen. Im Vergleich zu den echten Paulusbriefen ist also nicht
nur eine Tendenz zu Erstarrung in der Tradition, sondern auch eine Tendenz
zur Verlagerung der Verantwortung von der Gesamtgemeinde auf die Amtsträger
festzustellen.
Der Wunsch, die Gnade Gottes «wieder zu entfachen» (Einheitsübersetzung)
oder «die Glut lebendig zu halten» (F. Stier), ist also nicht
mit der Hoffnung auf eine Rückkehr zur «Dynamik des Anfangs»
identisch. Eher handelt es sich um den Versuch, in unsicheren, resignativen
und unübersichtlichen Zeiten die Kontinuität zu sichern und die
«gesunde Lehre» vom «Geschwätz» und von den
«Mythen» oder «Altweiberfabeln» der Gegner abzugrenzen.
Ob sich das Anliegen des Verfassers, «das Charisma Gottes anzufachen»,
bzw. die Glut wieder zu entflammen, mit den Strategien der Pastoralbriefe
damals umsetzen liess, wissen wir nicht. Immerhin wurden sie als so hilfreich
angesehen, dass sie zur Sammlung der echten Paulusbriefe hinzugefügt
und später kanonisiert wurden. Mehr noch: Die Traditionspflege und
das Festhalten am «anvertrauten kostbaren Gut» haben dazu beigetragen,
dass die echten Paulusbriefe und andere biblische Texte auch in Zeiten aufbewahrt
und getreulich weitergegeben wurden, in denen man konkret nichts mit ihnen
anzufangen wusste. Auch wenn die «Glut» möglicherweise
nicht neu entflammte sie wurde wenigstens gehütet.
Die Stärke und auch das Anliegen des 2 Tim ist nicht in der Erneuerung
und Neuformulierung des Evangeliums zu suchen, sondern im Versuch, es in
schwierigen Zeiten zu konservieren und so in neue Zeiten hinüberzuretten.
Eine moderne Metapher dafür könnte die Tiefkühltruhe sein:
Gut verpackt können Nahrungsmittel darin lange aufbewahrt werden. Auch
wenn dabei mit der Frische der Produkte auch manche Geschmacksnuancen und
Vitamine verloren gehen, handelt es sich um einen nützlichen Bestandteil
heutiger Küchen. Allerdings: Das Tiefkühlen allein reicht nicht
aus, und auch mit dem Auftauen ist es nicht getan. Um aus Tiefkühlprodukten
eine schmackhafte Mahlzeit zuzubereiten, braucht es phantasievolle und sachkundige
Köchinnen und frische Zutaten. Die «Glut» und der «Geist»
kommen weder aus der Tiefkühltruhe noch aus den Pastoralbriefen, sondern
aus der gelungenen Kombination des «anvertrauten Gutes», das
heisst der Sache Jesu, mit den Hoffnungen, den Sorgen, den Ideen und dem
Können heutiger Menschen.
Vergleichen Sie verschiedene Übersetzungen (neben der Einheitsübersetzung z.B. jene von F. Stier, die «Gute Nachricht Bibel» oder die Luther-Übersetzung). Wo hilft dieser Vergleich, die Aussage besser zu fassen?
Im Text geht es um Kontinuität: vom Evangelium über Paulus zu Timotheus zu den Adressaten/Adressatinnen. Wodurch wird diese Kontinuität sichergestellt?
Ein Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, wichtige Glaubenserfahrungen und -inhalte könnten in einer grossen Tiefkühltruhe eingefroren und bei Bedarf wieder aufgetaut werden. Welche Erfahrungen früherer Zeiten wären heute «aufzutauen», damit die «Glut neu entfacht» wird? Welche Erfahrungen unserer Zeit müssten «eingefroren» werden, damit sie auch künftigen Generationen zur Verfügung stehen?