38/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Nach allem, was wir wissen, liegt hier ein Ordinationstext vor. Gehört ein solcher Weihetext in einen normalen Sonntagsgottesdienst? Ich denke, ja. Es geht alle etwas an, wie sich Leitung begründet, was ihre konkreten Anliegen sind und von welchen Visionen ihre Arbeit getragen wird. Mit Ordination ist nicht die heutige Priesterweihe gemeint. Zur Zeit des ersten Timotheusbriefes bildeten sich gerade erst Ämterstrukturen heraus. In allen deutschen Texten und Kommentaren wird der «Mensch Gottes» (anthropos) falsch als «Mann Gottes» übersetzt und damit unnötig auf ein Geschlecht festgelegt. Auf welche Werte und Hoffnungen stützt sich der «Mensch Gottes» in dieser Ordinationsliturgie?
Angesprochen als «Mensch Gottes» ist der Paulusschüler
und Gemeindeleiter Timotheus. Die ersten zwei an ihn gerichteten Verse tragen
deutlich die Handschrift des pseudoepigraphischen Autors und listen die
Lieblingsbegriffe der Pastoralbriefe auf. Darauf folgt ein anamnetischer
Teil: Timotheus wird an seine Berufung und das Bekenntnis erinnert, das
er in einer grossen Versammlung abgelegt hat. Bis dahin liest sich das Bekenntnis
wie ein Taufbekenntnis. Schliesslich sind in den Pastoralbriefen alle Menschen
aufgerufen, sich vor Gott, ihren Brüdern und Schwestern und nicht zuletzt
vor den weltlichen Herren anständig und unauffällig zu verhalten.
Unser Text steht jedoch in der Reihe von Erinnerungen an die Ordination
des Timotheus (vgl. 1,18; 4,1216). In ihr gründet der besondere
Auftrag und die Verpflichtung zum ganzheitlichen Lebenszeugnis des Amtsträgers.
Das hellenistische Motiv vom Wettkampf, das der Autor in diesem Zusammenhang
positiv verwendet, steht im scharfen Kontrast zu Zeugnissen wie etwa der
Apokalypse, die von der Verliererseite der zeitgenössischen Wettkämpfe
berichten.
Die folgende direkte Ansprache des Adressaten trägt nun deutlich die
Züge einer Ordinationsliturgie (1315). Auch sie beginnt anamnetisch
und mündet in eine grosse Doxologie (16). Das Bekenntnis, das Jesus
vor Pontius Pilatus abgelegt hat, ist hier als Wortbekenntnis zu verstehen,
nicht als Erinnerung an den politischen Mord Jesu. Ein martyrologisches
Verständnis von martyrein (vgl. auch V 12) hat sich erst später
entwickelt. Hier ist also gemeint, dass Jesus die Wahrheit Gottes vor der
weltlichen Macht bezeugte und damit zum Modell für die späteren
Zeugen und Zeuginnen wurde. An diesem Ordinationsbekenntnis lassen sich
die wesentlichen theologischen (vor allem christologischen) Differenzen
der Pastoralbriefe zu den Paulusbriefen und den übrigen Deuteropaulinen
ablesen:
Im Unterschied zu diesen anderen Schriften der Paulustradition wird die
Christologie in den Pastoralbriefen nicht in eigener Sache thematisiert.
Christologische Aussagen werden ausschliesslich begründend eingesetzt
und sind radikal theozentrisch gehalten. Gott allein handelt er ist
ganz in die Transzendenz zurückgenommen. Das Christusgeschehen erschöpft
sich entsprechend in der Vermittlung des göttlichen Heilswillens. Eine
eigene erlösende Funktion kommt ihm nicht zu. Nicht nur das Verhältnis
von Gott und Christus, auch jenes zwischen Christus und den Menschen wird
(gegen Paulus) neu bestimmt: Das Problem des Bösen, das Paulus am Gesetz
veranschaulicht (das Gesetz als Ursache des Bösen der Tod als
Folge, Röm 7,125), spielt in den Pastoralbriefen keine Rolle mehr,
denn die Welt wird als gute Schöpfung wahrgenommen (4,3f.), die für
das Heil Gottes grundsätzlich offen ist. Es gibt zwar Böses, aber
der Kosmos muss nicht von aussen gerettet werden (im Unterschied zu Röm
5,1221). Es genügt, wenn das göttliche Heil, auf das hin
er angelegt ist, endgültig und sichtbar in Erscheinung tritt. Das Christusgeschehen
verliert also seine Dramatik als radikaler Einbruch in die feindliche Welt.
Zwar sehen auch die Pastoralbriefe die notwendige existentielle Lebenswende
in der Rettung durch Jesus Christus, aber sie besteht in der Verkündigung
und verbindlichen Zuwendung des Heilswillens Gottes für alle Menschen
(2,4). Damit tritt auch die politische Dimension zurück: Der Mord an
Jesus bildet für den Autor kein Ärgernis und deshalb auch keinen
Anstoss zu einer Kreuzestheologie. Die Auferstehung nach dem Kreuzestod
liest sich nicht mehr als Machtwechsel, das dem römischen Herrschaftssystem
die religiöse und moralische Grundlage raubt. Bei Paulus ist Freiheit
von der Macht der Sünde und Teilhabe am Heil in der gegenwärtigen
Zeit nur durch das Sein im Gekreuzigten, die Leidensgemeinschaft, möglich.
Dagegen reicht den Pastoralbriefen der Zuspruch der Sündenvergebung.
Er verschafft den Gläubigen sicher auch Befreiung und Entlastung, ermöglicht
aber in erster Linie ein anständiges und gesichertes Leben vor Gott
und den Herrschenden. Nicht mehr die Spannung, die sich aus der geschichtlichen
Bindung an den Gekreuzigten ergibt, prägt die Theologie und das Gemeindeleben,
sondern die Verpflichtung auf abstrakte, gesellschaftsfähige Normen
zur Lebensgestaltung. Diese Ordinationsliturgie scheint eine Moral zu stützen,
die darauf verzichtet, sich dem Leid und den Hoffnungen der Menschen am
Rande theologisch und pastoral zu stellen.
Die Theologie der Pastoralbriefe ist aktuell: Ökologisch orientierte Theologen und Theologinnen können am optimistischen Weltbild anknüpfen: Die Welt ist gut, und Gott wird sie vollenden. Ganz im Sinne eines Weltethos, das universalen Anstand und Rücksicht auf die Schwächeren verlangt, bieten die Pastoralbriefe eine Fülle von Mahnungen. Sie belasten die Gemeinde nicht mit unbequemen Problemen wie etwa der Frage nach dem Preis dieser Freundlichkeit, an der sich schon damals Ansprüche nach Mitsprache von unten rieben, oder wie Anfragen an die «notwendigen» Opfer der grossen Friedenspolitik.
Literatur: Jürgen Roloff, Der erste Brief an Timotheus, Evangelisch-katholischer Kommentar zum Neuen Testament Bd. 15, Zürich 1988; Ernst Käsemann, Das Formular einer neutestamentlichen Ordinationsparänese, in: ders., Exegetische Versuche und Besinnungen I, Göttingen 41965, 101108.
Ikone des Heiligen Timotheus als Hellraumprojektorfolie auflegen. Zum Bild den Lesungstext vorlesen. Sammeln: Was beinhaltet das Ordinationsbekenntnis? Welche Funktionen des Amtsträgers und Hoffnungen werden thematisiert? (Was kommt nicht vor?)
Einstieg über den (fiktiven) Adressaten Timotheus, der auf eine schlagwortartige bürgerlich-christliche Moral verpflichtet wird. Dagegen erscheint der Gefährte des Paulus in anderen Zeugnissen als gestandener, theologisch und pastoral versierter Mitarbeiter, der mehr und anderes tut und erhofft (vgl. Apg 16,1; 17,1415; 18,5; 19,22; 20,4; Röm 16,21; 1 Kor 4,17; 16,10; 2 Kor 1,1; Phil 1,1; 2,19; 1 Thess 1,1; 3,26). Impuls über die theologischen Eigenheiten der Pastoralbriefe.
Die Pastoralbriefe verzichten in ihrer Theologie auf anstössige Fragen und konzentrieren sich auf die hierarchische Kirchenordung, die guten Sitten und einen transzendenten Gott. Zu zweit oder zu dritt einen Ordinationstext schreiben und gemeinsam in einer Liturgie zur Ermächtigung feiern zum Beispiel als Finissage zum Jahr der Freiwilligen: Worauf verpflichten wir uns? An welches Schlüsselerlebnis wollen wir uns erinnern? Wie sprechen wir von Jesus und von Gott?