37/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Dieses Gebet für alle, besonders für die Mächtigen dieser
Erde, hat ebenso heftige Zustimmung wie Kritik erfahren. Zankapfel bildete
vor allem der Zweck der Gebete: «... damit wir ein ruhiges und stilles
Leben führen (können) in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit»
(2). Die einen entwickelten aus dieser Gebetspraxis und den Lebenswünschen,
die daraus abzulesen sind, ein Ideal christlicher Bürgerlichkeit. Ein
Leben im Rahmen der Ordnungen, wie die Welt sie geben kann, genügt.
Die anderen beklagten, dass hier ein Fahneneid auf die herrschende Gesellschaftsordnung
gebetet wird.
Dieser Streit wird wohl heute leiser ausgetragen. Die entscheidende Frage
ist aber aktuell geblieben: Wie viel Anpassung (vor der ausgerechnet der
von den Pastoralbriefen heiliggesprochene Paulus warnt, Röm 12,2) verträgt
die Frohe Botschaft wie hoch ist der Preis für Visionen, die
sich an den Unrechtsstrukturen reiben?
Unsere Lesung gibt als Gebetstheologie Anweisungen zum rechten Verhalten
im Gottesdienst.
Zuerst klärt der Autor Inhalt und Ausrichtung des Betens: Das Gebet
umfasst alle Bereiche des Lebens und der Welt. Alle Menschen, ohne Rücksicht
auf Nähe und Ferne zur christlichen Gemeinde, werden ins Gebet genommen.
Besonderes Gebet verdienen die Mächtigen der Erde, da von ihnen die
Sicherheit und Ruhe der christlichen Gemeinde abhängt.
Erstmals im Neuen Testament erfolgt die Gehorsamsforderung gegenüber
der Obrigkeit in Röm 13. In unserem Text liegt der Akzent jedoch nicht
auf der praktischen Unterwerfung unter die römische Ordnung, sondern
auf dem Gebet für die Herrschenden im Interesse eines guten Lebens.
Damit ist der erste Gebetswunsch angesprochen, den diese Gemeinde für
sich hat: Sie will innerhalb der bestehenden weltlichen Ordnungen ruhig
und unauffällig leben können. Das Gebet für die Herrschenden
findet sich ebenfalls in der hellenistisch-jüdischen Tradition. Die
gottgegebene Herrschaftsausübung soll so sein, dass die Untergebenen
erträgliche Lebensbedingungen erhalten. Das ist ein berechtigtes Gebetsanliegen.
In der Apokalypse zeigt sich, dass nicht alle christlichen Gemeinden zu
dieser Geste den Herrschenden gegenüber bereit waren.
Im römischen Reich herrschte Terror und Verfolgung. Wer gerade in Kleinasien,
dem Zentrum des Kaiserkultes, überhaupt das Privileg hatte, einen Standpunkt
zu wählen und sich nicht den herrschenden Bedingungen unterwarf, setzte
das Leben aufs Spiel. Weniger Privilegierte waren durch die staatliche Ordnung
von vornherein zum Tod verurteilt. Wie nahe rückt ein Gebet für
korrupte Herrschende dem Kaiserkult? Wie berechtigt ist der Wunsch nach
einem stillen Leben um den Preis, zum Unrecht zu schweigen? Die apokalyptisch
orientierten Gruppen mit ihrer grotesken, aber genauen Analyse der Tagespolitik
haben die gegenteilige Haltung eingenommen. Diese Position muss jedoch auch
unter den Empfängern und Hörerinnen des Timotheus-Briefes vertreten
worden sein: «Ein solcher Hinweis mochte sich gegenüber den Adressaten
schon deshalb empfehlen, weil unter ihnen das Recht des Gebets für
diese Obrigkeit umstritten war» (Roloff, 110).
Nach dieser Konkretisierung knüpft der Autor wieder bei seinen Überlegungen
zum Gebet für alle an. Auch die Fürbitte für alle Menschen
findet sich schon früher in der hellenistisch-jüdischen Gebetstradition.
In den bekannten jüdischen Gebeten wie in unserem Text stehen die beiden
Anliegen nahe beieinander, werden jedoch immer säuberlich getrennt.
Diese grenzenlose Offenheit des Gebetes für alle Menschen versteht
Gottesdienst und Beten nicht als exklusive Angelegenheit. Die weltumspannende
Gebetsgeste ist dem Autor des Briefes so wichtig, dass er sie theologisch,
soteriologisch und heilsgeschichtlich mit einem Zitat aus älterer Gottesdiensttradition
begründet (56):
Aus der Einigkeit Gottes ergibt sich die Universalität des Heilsangebotes.
Dieses wiederum ist in der Selbsthingabe Jesu für alle greifbar geworden.
Das universale Wirken des Apostels als Lehrer der Heiden schliesslich trägt
die Frohe Botschaft vom rettenden Engagement Gottes durch die Zeiten.
An diesem Zitat fällt auf, dass im christologischen Teil der Herrschaftstitel
fehlt. Kein Kyrios, Herr, wird mehr als kritisches Gegenüber zu den
irdischen Herren ins Feld geführt. Im Zentrum der Argumentation steht
die Einzigartigkeit Christi für die ausstehende Erlösung der Menschen.
Paulus garantiert die Frohe Botschaft zur rechten Zeit, das heisst, in der
Gegenwart. Der Autor versteht diese Gegenwart als Lebensraum zwischen der
Lebenshingabe und der Wiederkunft Christi.
Der Lesungstext schliesst mit Vers 8, einer kurzen Anweisung zur Gebetshaltung
der Männer, die aber deutlich zum folgenden Abschnitt gehört.
Es «ist zu vermuten, dass der Verfasser es war, der das ursprünglich
allen Teilnehmenden am christlichen Gottesdienst geltende Versöhnungsgebot
auf die Männer zugespitzt hat. ... [Wahrscheinlich hatte der Verfasser]
zwei spezifisch auf Frauen bezogene Topoi an der Hand...» (Roloff,
132). Zum Glück bleiben den Hörerinnen und Hörern der Lesung
die brüchigen, wortreichen, defensiv geführten Anweisungen über
Verhalten und Urschuld von Frauen erspart, die ebenfalls Teil der Konfliktgeschichte
über Machtverhältnisse und das rechte Zusammenleben in der Gemeinde
sind.
Die Pastoralbriefe entwickeln gegen die echten Paulusbriefe und im Unterschied
zu anderen zeitgleichen Traditionen das Bild eines angepassten Paulus, der
ein positives Verhältnis zu den bestehenden gesellschaftlichen Institutionen
hat wie dem Staat, der patriarchalen Familie oder der Sklaverei.
In der Forschung galt diese Zähmung des Paulus lange Zeit als unausweichlich. Diese Sicht ist in den letzten Jahren gerade von Frauen und Nachkommen von Sklaven/Sklavinnen in Frage gestellt worden. Die Pastoralbriefe sind kein Abbild der rechten Lehre, sondern Teil des vielstimmigen Gesprächs der dritten Generation über das Leben in Christus. An Aktualität haben die Antwortversuche der Pastoralbriefe nichts verloren: Noch heute werden alltägliche Ungerechtigkeiten gerne übersehen. Mehr als ein stilles, ehrbares Leben zu erhoffen jede und jeder am zugewiesenen Platz ist selbst (oder gerade) im Gottesdienst nicht gefragt. Dabei ist doch in der Tradition der Psalmen gerade die Liturgie der Raum mit offenem Dach, der uns unserer Alltagswirklichkeit und unserer (religiösen, politischen, ökonomischen) Fixierungen ein Stück weit enthebt, damit unsere Lebenswünsche wachsen können.
Literatur: Jürgen Roloff, Der erste Brief an Timotheus, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament, Bd. 15, Zürich u.a. 1988.
Zuerst die einleitenden Verse in Kleingruppen lesen. Text nach Themen in Kleingruppen verteilen (1; 2 [mit Einleitung aus 1]; 34: 56a; 6b7). Eindrücke, Interpretationen sammeln. Im Plenum zusammentragen, dabei die unterschiedlichen Themen und den Aufbau der Lesung benennen.
Diskussion über das rechte Zusammenleben an diesem Text und der Apk aufzeigen. Hintergrundinformationen über das jüdische und christliche Leben unter römischer Herrschaft, die vielen Menschen kaum Lebensrecht gab.
Anpassung oder Auflehnung? Aktuelle (religiös-politische, aber auch parteipolitische) Beispiele sammeln. Was ist der Preis der christlichen Bürgerlichkeit, was jener christlichen Widerstands? Was bedeutet dies für uns?