37/2001

INHALT

Lesejahr C

Das Gebet von der christlichen Bürgerlichkeit

Regula Grünenfelder zu 1 Tim 2,1-8

 

Auf den Text zu

Dieses Gebet für alle, besonders für die Mächtigen dieser Erde, hat ebenso heftige Zustimmung wie Kritik erfahren. Zankapfel bildete vor allem der Zweck der Gebete: «... damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen (können) in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit» (2). Die einen entwickelten aus dieser Gebetspraxis und den Lebenswünschen, die daraus abzulesen sind, ein Ideal christlicher Bürgerlichkeit. Ein Leben im Rahmen der Ordnungen, wie die Welt sie geben kann, genügt. Die anderen beklagten, dass hier ein Fahneneid auf die herrschende Gesellschaftsordnung gebetet wird.
Dieser Streit wird wohl heute leiser ausgetragen. Die entscheidende Frage ist aber aktuell geblieben: Wie viel Anpassung (vor der ausgerechnet der von den Pastoralbriefen heiliggesprochene Paulus warnt, Röm 12,2) verträgt die Frohe Botschaft ­ wie hoch ist der Preis für Visionen, die sich an den Unrechtsstrukturen reiben?

Mit dem Text unterwegs

Unsere Lesung gibt als Gebetstheologie Anweisungen zum rechten Verhalten im Gottesdienst.
Zuerst klärt der Autor Inhalt und Ausrichtung des Betens: Das Gebet umfasst alle Bereiche des Lebens und der Welt. Alle Menschen, ohne Rücksicht auf Nähe und Ferne zur christlichen Gemeinde, werden ins Gebet genommen.
Besonderes Gebet verdienen die Mächtigen der Erde, da von ihnen die Sicherheit und Ruhe der christlichen Gemeinde abhängt.
Erstmals im Neuen Testament erfolgt die Gehorsamsforderung gegenüber der Obrigkeit in Röm 13. In unserem Text liegt der Akzent jedoch nicht auf der praktischen Unterwerfung unter die römische Ordnung, sondern auf dem Gebet für die Herrschenden im Interesse eines guten Lebens. Damit ist der erste Gebetswunsch angesprochen, den diese Gemeinde für sich hat: Sie will innerhalb der bestehenden weltlichen Ordnungen ruhig und unauffällig leben können. Das Gebet für die Herrschenden findet sich ebenfalls in der hellenistisch-jüdischen Tradition. Die gottgegebene Herrschaftsausübung soll so sein, dass die Untergebenen erträgliche Lebensbedingungen erhalten. Das ist ein berechtigtes Gebetsanliegen.
In der Apokalypse zeigt sich, dass nicht alle christlichen Gemeinden zu dieser Geste den Herrschenden gegenüber bereit waren.
Im römischen Reich herrschte Terror und Verfolgung. Wer gerade in Kleinasien, dem Zentrum des Kaiserkultes, überhaupt das Privileg hatte, einen Standpunkt zu wählen und sich nicht den herrschenden Bedingungen unterwarf, setzte das Leben aufs Spiel. Weniger Privilegierte waren durch die staatliche Ordnung von vornherein zum Tod verurteilt. Wie nahe rückt ein Gebet für korrupte Herrschende dem Kaiserkult? Wie berechtigt ist der Wunsch nach einem stillen Leben um den Preis, zum Unrecht zu schweigen? Die apokalyptisch orientierten Gruppen mit ihrer grotesken, aber genauen Analyse der Tagespolitik haben die gegenteilige Haltung eingenommen. Diese Position muss jedoch auch unter den Empfängern und Hörerinnen des Timotheus-Briefes vertreten worden sein: «Ein solcher Hinweis mochte sich gegenüber den Adressaten schon deshalb empfehlen, weil unter ihnen das Recht des Gebets für diese Obrigkeit umstritten war» (Roloff, 110).
Nach dieser Konkretisierung knüpft der Autor wieder bei seinen Überlegungen zum Gebet für alle an. Auch die Fürbitte für alle Menschen findet sich schon früher in der hellenistisch-jüdischen Gebetstradition. In den bekannten jüdischen Gebeten wie in unserem Text stehen die beiden Anliegen nahe beieinander, werden jedoch immer säuberlich getrennt. Diese grenzenlose Offenheit des Gebetes für alle Menschen versteht Gottesdienst und Beten nicht als exklusive Angelegenheit. Die weltumspannende Gebetsgeste ist dem Autor des Briefes so wichtig, dass er sie theologisch, soteriologisch und heilsgeschichtlich mit einem Zitat aus älterer Gottesdiensttradition begründet (5­6):
Aus der Einigkeit Gottes ergibt sich die Universalität des Heilsangebotes. Dieses wiederum ist in der Selbsthingabe Jesu für alle greifbar geworden. Das universale Wirken des Apostels als Lehrer der Heiden schliesslich trägt die Frohe Botschaft vom rettenden Engagement Gottes durch die Zeiten.
An diesem Zitat fällt auf, dass im christologischen Teil der Herrschaftstitel fehlt. Kein Kyrios, Herr, wird mehr als kritisches Gegenüber zu den irdischen Herren ins Feld geführt. Im Zentrum der Argumentation steht die Einzigartigkeit Christi für die ausstehende Erlösung der Menschen.
Paulus garantiert die Frohe Botschaft zur rechten Zeit, das heisst, in der Gegenwart. Der Autor versteht diese Gegenwart als Lebensraum zwischen der Lebenshingabe und der Wiederkunft Christi.
Der Lesungstext schliesst mit Vers 8, einer kurzen Anweisung zur Gebetshaltung der Männer, die aber deutlich zum folgenden Abschnitt gehört. Es «ist zu vermuten, dass der Verfasser es war, der das ursprünglich allen Teilnehmenden am christlichen Gottesdienst geltende Versöhnungsgebot auf die Männer zugespitzt hat. ... [Wahrscheinlich hatte der Verfasser] zwei spezifisch auf Frauen bezogene Topoi an der Hand...» (Roloff, 132). Zum Glück bleiben den Hörerinnen und Hörern der Lesung die brüchigen, wortreichen, defensiv geführten Anweisungen über Verhalten und Urschuld von Frauen erspart, die ebenfalls Teil der Konfliktgeschichte über Machtverhältnisse und das rechte Zusammenleben in der Gemeinde sind.
Die Pastoralbriefe entwickeln gegen die echten Paulusbriefe und im Unterschied zu anderen zeitgleichen Traditionen das Bild eines angepassten Paulus, der ein positives Verhältnis zu den bestehenden gesellschaftlichen Institutionen hat wie dem Staat, der patriarchalen Familie oder der Sklaverei.

Über den Text hinaus

In der Forschung galt diese Zähmung des Paulus lange Zeit als unausweichlich. Diese Sicht ist in den letzten Jahren gerade von Frauen und Nachkommen von Sklaven/Sklavinnen in Frage gestellt worden. Die Pastoralbriefe sind kein Abbild der rechten Lehre, sondern Teil des vielstimmigen Gesprächs der dritten Generation über das Leben in Christus. An Aktualität haben die Antwortversuche der Pastoralbriefe nichts verloren: Noch heute werden alltägliche Ungerechtigkeiten gerne übersehen. Mehr als ein stilles, ehrbares Leben zu erhoffen ­ jede und jeder am zugewiesenen Platz ­ ist selbst (oder gerade) im Gottesdienst nicht gefragt. Dabei ist doch in der Tradition der Psalmen gerade die Liturgie der Raum mit offenem Dach, der uns unserer Alltagswirklichkeit und unserer (religiösen, politischen, ökonomischen) Fixierungen ein Stück weit enthebt, damit unsere Lebenswünsche wachsen können.

 

Literatur: Jürgen Roloff, Der erste Brief an Timotheus, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament, Bd. 15, Zürich u.a. 1988.


Er-lesen

Zuerst die einleitenden Verse in Kleingruppen lesen. Text nach Themen in Kleingruppen verteilen (1; 2 [mit Einleitung aus 1]; 3­4: 5­6a; 6b­7). Eindrücke, Interpretationen sammeln. Im Plenum zusammentragen, dabei die unterschiedlichen Themen und den Aufbau der Lesung benennen.

Er-leuchten

Diskussion über das rechte Zusammenleben an diesem Text und der Apk aufzeigen. Hintergrundinformationen über das jüdische und christliche Leben unter römischer Herrschaft, die vielen Menschen kaum Lebensrecht gab.

Er-leben

Anpassung oder Auflehnung? Aktuelle (religiös-politische, aber auch parteipolitische) Beispiele sammeln. Was ist der Preis der christlichen Bürgerlichkeit, was jener christlichen Widerstands? Was bedeutet dies für uns?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001