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Lesejahr C |
Paulus hat den ersten Timotheusbrief nicht geschrieben. Das ist gut zu
wissen. Einem Paulus, der sich selber als Urbild des Glaubens darstellt
und als ersten Christen, müsste man nein, nicht mangelnde Bescheidenheit
vorwerfen, sondern ein eigenartiges Ausblenden der Gemeinschaft der
Glaubenden und Lehrenden in Christus.
Wenn Jahrzehnte nach dem Tod des Paulus jemand unter dem Namen des grossen
Apostels zur Feder greift und diesem eine grossartige Selbstdarstellung
unterschiebt, dann liegt uns eine traditionsgeschichtlich wichtige Hommage
an Paulus vor. Als Zeitdokument lassen sich daraus Absichten entziffern,
die hinter der Paulus-Anamnese stehen: Wer sich Paulus als Autoren «leiht»
und ihn in Anspielung auf Christus als den Ersten präsentiert, beansprucht
die Autorität des grossen Apostels für seine Theologie. Wie die
Lesungsreihe aus den beiden Timotheusbriefen zeigen wird, bezieht sich dieser
Anspruch auch und gerade auf strittige Fragen und gegen konkurrenzierende
Deutungen der paulinischen Theologie.
Unsere Danksagung des «Paulus» ist das Wasserzeichen der besonderen
praktischen Theologie der Pastoralbriefe es geht um Leitungsfragen
und Ethik , die sich als allgemein verbindlich und selbstverständlich
präsentiert.
Seit dem 18. Jahrhundert werden die beiden Timotheusbriefe und der Titusbrief
Pastoralbriefe genannt. Sie tragen diesen Namen zu Recht.
Die drei Schreiben, zwischen 90 und 150 n. Chr. entstanden, sind Hirtenbriefe:
Der Oberhirte schreibt an zwei seiner Schüler, ebenfalls Hirten, und
gibt ihnen Anweisungen für ihr Amt als Gemeindeleiter.
Es herrscht Konsens, dass die drei Briefe nicht von Paulus selber stammen
können. Dagegen sprechen stilistische, mehr noch theologische Gründe.
Beispielsweise verzichten diese Pseudoepigraphien darauf, mit paulinischen
Schlüsselbegriffen zu ringen wie etwa Gottes Gerechtigkeit, Freiheit,
Kreuz, Offenbarung oder Leib Christi.
Die Kontinuität zum Apostel, die den Briefen so wichtig ist, verdeckt
die faktischen Unterschiede zu Paulus und unterschlägt, dass diese
Briefe eine neue, eigene, in ihrer Zeit umstrittene Paulusdeutung vorlegen.
Erst im Kontrast zu anderen überlieferten Schriften wie den Thekla-Akten
oder der Akokalypse zeigen sie ihr besonderes Profil.
Paulus-Anamnesen sind typisch für die drei Pastoralbriefe (vgl. 1 Tim
2,7; 3,14f.; 2 Tim 1,3f.; 1,11; 1,1518). Unser Text ist der längste
und gewichtigste unter ihnen. Diese Texte erinnern ehrfürchtig an Paulus
und schärfen die Autorität des grossen Apostels ein, desjenigen
Paulus wohlverstanden, dem konkrete (gesellschaftskonforme und frauenfeindliche)
pastorale Anweisungen in den Mund gelegt werden.
Zwar stehen diese Bekenntnisse in der Tradition der paulinischen Selbstaussagen
(1 Kor 15,811; Gal 1,1316; Phil 4,13), sie vermeiden es jedoch,
ihnen literarisch oder inhaltlich als Vorbilder die Ehre zu geben.
Wie in den Paulusbriefen (Gal 1,16; Phil 3,10) verleiht die Damaskuserfahrung
dem Apostel Autorität. Die paulinischen Selbstbekenntnisse messen das
Reden über das Bekehrungsgeschehen hartnäckig an seiner Wirkung
in der Gemeinde. Im Unterschied dazu steht die Erinnerung an Damaskus in
unserer Lesung als Garantieschein für den einmalige Anspruch im Namen
des grossen Apostels
Die Pastoralbriefe orientieren ihr Paulusbild auch an der Darstellung in
der Apostelgeschichte. Damit gehören sie zu einer spezifischen Gruppe
im breiten Strom mündlicher Paulusgeschichten, die das Damaskuserlebnis
als erbauliche Beispielgeschichte thematisieren, vielleicht sogar verharmlosen.
Der überaus hart geschilderte Kontrast zwischen dem Einst und Jetzt
nennt nicht mehr die schmerzhafte Spannung zwischen religiösen und
politischen Kulturen (pharisäisches Judentum und junge Kirchenentwürfe),
sondern lässt Paulus ganz allgemein als Prototyp des gottlosen Frevlers
dastehen, als dessen Vergehen allerlei in Frage käme. Diese Deutung
läuft ganz gegen die Selbsteinschätzung des Paulus. (Vor dem Hintergrund
eines latenten Antijudaismus besteht die Gefahr, dass an dieser Stelle unreflektiert
antijüdische Vorurteile in das überholte Vorleben des Apostels
projiziert werden.) Was Paulus als Erstem widerfahren ist, wird als erbauliche
Demonstration der Wandlungskraft des Christusglaubens vorgeführt. Oder
positiver formuliert: Im Leben des «Paulus» wird anschaulich,
was die Gemeinde als Grund ihres Glaubens bekennt. Diese konkrete Erfahrung
und Beispielgeschichte begründet den Lobpreis Gottes der ganzen Gemeinde,
in den die Paulus-Anamnese mündet.
Diese Doxologie gehört in die Liturgiesprache der hellenistischen Kirche,
die in der Gebetstradition des zeitgenössischen Judentums wurzelt.
Die Gemeinde dankt Gott, denn am Urbild des bekehrten Sünders kann
sie ablesen, was die ganze Kirche hofft: Christus ist zur Rettung aller
Sünderinnen und Sünder in die Welt gekommen. Die neue Existenz
des Paulus durch Christus erscheint als unverzichtbarer Teil des Evangeliums.
Damit ist das Fundament für die besondere Autorität gelegt, mit
der die Pastoralbriefe im weiteren Verlauf ihren Paulus (diskret auch gegen
die Paulusbriefe und andere Interpretationen) sprechen lassen.
Der Text hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Seine Traditionsverbundenheit
steht einerseits in einem erfrischenden Kontrast zu unseren Zwängen
wie Aktualität, Originalität und Verzicht auf Traditionen. Durch
diese besondere «Heiligsprechung» des Paulus wird andererseits
verschleiert, dass der grosse Apostel schon damals als umstrittene, vieldeutige
Person verstanden wurde.
Heilige kann es nur im Plural geben, ebenfalls Bilder von ihnen. Ikonen
von Rosa Parks oder Oskar Romero benennen Autoritäten des Glaubens
und deuten ihr Leben als vorbildhaft für die kommenden Generationen.
Der Lobpreis des Paulus kann dazu anstiften, die Väter und Mütter
unserer Hoffnungen kennen zu lernen und zu benennen. Allerdings mit einer
wichtigen Korrektur zum vorliegenden Lesungstext: Die Wahrheit ist ein Gespräch
zwischen den gegenwärtigen Leiden und Sehnsüchten der Menschen
und den Geschichten unserer Tradition. Und sie ist ein Gespräch zwischen
den Gruppen und den Optionen in unserer Kirche.
Literatur: Jürgen Roloff, Der erste Brief an Timotheus, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament Bd. 15, Zürich u.a. 1988; Ulrike Wagener, Die Pastoralbriefe. Gezähmter Paulus domestizierte Frauen, in: Luise Schottroff, Marie-Theres Wacker (Hrsg.), Kompendium feministische Bibelauslegung, Gütersloh 1999, 661675.
Lesen aus Distanz die Lesung als Text über Paulus lesen: «Wir
danken dem, der ihm Kraft gegeben hat: Jesus Christus, unserem Herrn.»
Weiterfahren mit «er», Paulus...
Dann den Text in seiner ursprünglichen Fassung lesen. Was fällt
auf, was verändert sich durch die Distanzierung?
Die Vielfalt der Paulus-Bilder wahrnehmen: Paulus-Bekenntnisse, Paulus-Bild der Apostelgeschichte und Paulus-Anamnesen vergleichen.
Selber von einer Ahnin oder einem Ahnen, die im Glauben und Handeln für mich wichtig ist, eine Anamnese erstellen, möglichst auch in der ungewohnten 1. Pers. sing. Mit der Doxologie, meinem Dank für diese Person abschliessen.
Zu zweit besprechen.
Einen Dankgottesdienst feiern für die Menschen, die uns vorausgegangen
sind und uns ihre Geschichten hinterlassen haben.