33-34/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
«Wen Gott liebt, den züchtigt er.» «Strafe muss sein.» «Kleine Dinge straft Gott sofort.» Wer hat diese und ähnliche Sätze nicht schon halb im Scherz und halb im Ernst zitiert, um kleine Pannen und Unglücksfälle zu kommentieren? Gröber wird es, wenn von «Aids als Strafe Gottes» die Rede ist oder tiefes Leid unmittelbar mit Gott in Verbindung gebracht wird. Da hört der Spass auf. Der Lesungstext: «Wen der Herr liebt, den züchtigt er», die Aufforderung, das auszuhalten, und der selbstverständliche Verweis auf die «leiblichen Väter» als «harte Erzieher» und auf ihre «Zucht zu unserem Besten» macht deshalb hellhörig. Die Beobachtung, dass (im ausgelassenen Vers 10) unterschieden wird zwischen der Willkür der leiblichen Väter, die «nach ihrem Gutdünken» züchtigten, und Gott, der es «zu unserem Besten» tut, ist zwar bemerkenswert, löst die Probleme jedoch nicht wirklich.
Die Verknüpfung der Züchtigung durch Gott mit Erwählung
und Gotteskindschaft stammt aus Spr 3,11f. Es handelt sich um eine im Frühjudentum
verbreitete Form von Leidenstheologie. Angesichts der Frage, warum Gott
besonders die Guten und Gerechten leiden lässt, wird diese Erfahrung
als «Erziehungsleiden» gedeutet, um so dem Leiden von unschuldigen
Gerechten (mit dem das Frühjudentum immer wieder konfrontiert war)
einen Sinn abzugewinnen. Damit wird zwar tatsächlich an die antike
(leider noch immer nicht überwundene!) pädagogische Vorstellung
von der Notwendigkeit der Erziehung mit «harter Hand» oder gar
«mit der Rute» angeknüpft. Aber es wird mit dieser Parallele
keineswegs jegliches Leiden als «Züchtigung Gottes» er-
oder gar verklärt, sondern nur jenes, das im Zusammenhang mit dem Bekenntnis
zum einen Gott Israels bzw. zum Gott Jesu Christi steht.
Die Forderung «Haltet aus, wenn ihr gezüchtigt werdet»
ist also keine Durchhalteparole und keine Resignation gegenüber dem
Leiden an sich oder gegenüber jeglicher Form von Not, Schmerz, Übergriff
oder Zurückweisung. Gedacht ist an das Leiden der Leserinnen und Leser
des Hebräerbriefes aufgrund der Einsamkeit ihres Bekenntnisses in der
Welt.
Dieser Zusammenhang wird in den Versen 12,12f. greifbar, wo erneut die Gemeinde
in ihrer Erschöpfung, ihrer Verängstigung und Schwäche in
den Blick kommt. Auf ihrer Glaubenswanderschaft wird sie ermutigt, nach
einer Phase der Krise und der Schwierigkeiten wieder aufrecht und geheilt
ihren Weg zu gehen. Das «Später», für welches den
so «erzogenen» Kindern Gottes Frieden und Gerechtigkeit versprochen
wird, ist demnach nicht nur das bessere Jenseits, sondern auch die innerweltliche
Zukunft einer Gemeinde, die wieder lebensfähig und kräftig ist.
Die Einschränkung der Leidenstheologie von der «Züchtigung
Gottes» auf das Leiden im Zusammenhang mit dem Glauben, dem Bekenntnis
und der Praxis der Gemeinde ist eine Unterscheidungshilfe zur Beurteilung
von «Drohpredigten», aber auch von Leidenssituationen. Zwar
braucht es gerade in Krisenzeiten «Tapferkeit des Einstehens und Bereitschaft
für das als recht Erkannte zu leiden» (Dietrich Bonhoeffer),
aber längst nicht auf alles Leiden ist dies die angemessene Reaktion.
Das meiste Leiden ist durch menschliche Ungerechtigkeit, Bosheit und Dummheit
verschuldet und muss deshalb gelindert und bekämpft werden. Ertragen
werden muss Leiden dann und nur dann, wenn es nicht anders geht oder wenn
sonst Verrat an der Solidarität mit anderen Leidenden geübt werden
oder die eigenen Überzeugungen verleugnet werden müssen.
Zweifellos hat die Kirche in der Vergangenheit zu vieles als «Züchtigung»
oder «Strafe Gottes» ausgegeben und damit ungerechte Verhältnisse
stabilisiert und selbst zu ihnen beigetragen. Die Aufarbeitung dieser Art
von Opfer- und Leidenstheologien und ihrer Folgen für das Gottesbild
und für ein geängstigtes und geplagtes Leben vieler Frauen und
Männer bleiben wichtig. Bei aller Rede von Gericht und Strafe ist also
äusserste Zurückhaltung am Platze. Das gleiche gilt für jegliche
Form von billigem Trost mit Redeweisen wie «Krise als Chance»
oder «ohne Karfreitag keine Auferstehung». Unerklärliches
und bitteres Leiden (welcher Art auch immer) kann so kaum wirklich gelindert
werden es sei denn, es gelinge den Betroffenen selbst, das erfahrene
Leid als Etappe auf ihrem eigenen Lebensweg zu verstehen und damit als «Pädagogik
des Lebens» zu deuten.
Trotzdem hat die Mahnung «haltet aus» einen aktuellen Sitz im
Leben der Kirche. Obwohl wir nicht in Zeiten akuter Verfolgung und Bedrohung
leben, besteht die Gefahr, dass wir aus Schwäche, Feigheit oder Ängstlichkeit
«gefährliche Zugeständnisse» machen. Eine Kirche,
die ihren Weg durch die Zeit nicht «erschlafft», mit «wankenden
Knien» gehen will, sondern aufrecht und mit festen Schritten, darf
notwendigen Auseinandersetzungen nicht ausweichen. Glücklicherweise
sind «Tapferkeit des Einstehens und Bereitschaft für das als
recht Erkannte zu leiden» nicht in dem extremen Mass gefordert, wie
zu Zeiten Dietrich Bonhoeffers, der das «Verstummen» der Kirche
angesichts der Judenfrage beklagte: «Sie war stumm, wo sie hätte
schreien müssen, weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie.
Sie hat das rechte Wort in rechter Weise zu rechter Zeit nicht gefunden.
Sie hat dem Abfall des Glaubens nicht bis aufs Blut widerstanden»,
schrieb er 1943 mit Anspielung auf Hebr 12,4. Wer Kritik an Rassismus, Ausbeutung,
sozialer Ungerechtigkeit, ungebremster Profitsucht und Unterdrückung
in unserer Welt übt (oder innerkirchliche Missstände aufdeckt),
erlebt jedoch bis heute negative Reaktionen. Engagierte Christinnen und
Christen müssen für solche Art «Tapferkeit» in der
Treue zur biblischen Botschaft den Vorwurf einstecken, «zu politisch»
oder «zu links» zu sein. Für die Institution noch schmerzhafter
sind Kirchenaustritte oder Spendenrückgänge aus solchen Gründen.
In solchen Kontexten bleiben zumindest die Ermutigungen der Erziehungspädagogik
aktuell: «verzagt nicht», «haltet aus», «macht
die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest
und ebnet die Wege für eure Füsse». Als Begründung
hilfreicher und ermutigender als die «Rute» «Zucht des
Herrn» ist allerdings das Wort: «Gott liebt den aufrechten Gang».
Literatur: D. Bonhoeffer, Ethik, (DBW 6), Gütersloh 1998, Zitate: 129.132.
Hebr 12,513 (ganzer Text!) laut lesen in einem Brainstorming
Assoziationen, Kommentare und Gefühle zusammenkommen lassen, ohne Wertung
und Diskussion.
Vor diesem Hintergrund Rückfragen an den Text und seinen Entstehungszusammenhang
formulieren.
Diese Fragen gemeinsam im Gespräch so gut wie möglich klären
(vgl. zur Situation von Hebr auch schon die Artikel in SKZ 169 [3132/2001]
440f.).
Den Entstehungszusammenhang und das Anliegen der Theologie des «Erziehungsleidens»
herausarbeiten.
Bonhoeffers Formulierung «Tapferkeit des Einstehens und Bereitschaft für das als recht Erkannte zu leiden» nimmt ein berechtigtes Anliegen des Textes auf. Wir tauschen aus, bezüglich welcher Themen und wie das heute aktuell und notwendig ist. Was kann helfen, die schmerzlichen Erfahrungen, die es dabei gibt, zu deuten, wenn wir aufgrund der Missbrauchsgeschichte nicht mehr von der «Zucht des Herrn» sprechen können?
Mit der Voranstellung der Anrede «Brüder!» und der Streichung des einleitend begründenden «Denn» macht das Lektionar unsichtbar, dass der Lesungstext ein Begründungselement in einem grösseren Zusammenhang darstellt, das allein schwer verständlich ist. Der nachfolgende Kommentar bemüht sich um die Einbettung des Textes ins Gesamtgefüge. Diese wird im Gottesdienst am besten in Form einer Einleitung vor der Lesung vorgenommen.
Dem Hinweis auf die «göttliche Pädagogik», die
der Gemeinde auch die Züchtigung nicht erspart (Hebr 12,413, siehe
nebenstehend), folgt ein Abschnitt, den die Einheitsübersetzung mit
«Warnung vor Leichtgläubigkeit» überschreibt: Die
Adressaten und Adressatinnen sollen voll Eifer nach Frieden und Heiligung
streben und «die Gnade Gottes nicht verscherzen» (12,1417).
Die Lesung bietet eine weitere Begründung dafür, dass die Gemeinde
im Glauben «feststehen» soll: Sie ist «zur Stadt des lebendigen
Gottes» hingetreten und «zum Mittler eines neuen Bundes».
Ihr ist also «am Ende dieser Tage» (Hebr 1,2) der Weg ins Allerheiligste
erschlossen, und sie hat bereits Anteil an der himmlischen Festversammlung.
Gerade deshalb ist sie zu besonderer Ausdauer aufgefordert, denn höhere
Gaben bringen besondere Verantwortung mit sich. Dementsprechend wird diese
Begründung mit einer Warnung vor dem Gericht abgeschlossen (12,2529).
Eschatologisch verschärft wird also nicht nur die Heilszusage, sondern
auch die Gerichtsansage: «Gebt acht, dass ihr den nicht ablehnt, der
redet. Jene haben ihn abgelehnt, als er auf Erden seine Gebote verkündete,
und sind nicht entronnen; wieviel weniger dann wir, wenn wir uns von dem
abwenden, der jetzt vom Himmel her spricht» (11,25).
Überblickt man den grösseren Zusammenhang von Hebr 12,129,
dessen Grundanliegen die Bewährung des Glaubens ist, wird deutlich,
wie vielfältig und ambivalent die Strategien sind, die Gemeinde zu
ermutigen und zu ermahnen: Erinnerung an den Leidens- und Auferstehungsweg
Jesu (Hebr 12,14), Verweis auf die Züchtigung als Zeichen väterlicher
Liebe (12,413), Zusage des endzeitlichen Heils (12,1824) und Warnung
vor dessen Verlust im Endgericht, «denn unser Gott ist ein verzehrendes
Feuer» (12,2529).
Auf heutige Leserinnen und Leser wirkt aber nicht nur die Gesamtargumentation
zwiespältig, sondern auch der Lesungsabschnitt 12,1824 selbst.
Zwar spricht die Auslegung vom «grossen Finale», vom «gedanklichen
Höhepunkt» und rühmt die «rhetorische Glanzleistung».
Inhaltlich aber wird der vorläufigen Sinai-Offenbarung die endgültige
Zion-Offenbarung gegenübergestellt. Da stehen sich loderndes Feuer,
dunkle Wolken, Finsternis und Sturmwind einerseits und die Stadt des lebendigen
Gottes, Tausende von Engeln, eine festliche Versammlung, die Gemeinschaft
der Erstgeborenen anderseits gegenüber.
Die Frage drängt sich auf, ob hier «alter» und «neuer»
Bund, Mose-Offenbarung und Christus-Offenbarung, Israel und Kirche nicht
auf höchst problematische Art kontrastiert werden. Haben wir es hier
mit Bausteinen, Vorstufen oder Denkstrukturen des späteren theologischen
Antijudaismus zu tun? Oder treibt schon der Hebräerbrief selbst antijüdische
Theologie, tröstet und ermahnt die Gemeinde auf Kosten Israels, des
Ersten Testaments und der Synagoge? Diese Fragen sind für eine Theologie
und Verkündigung nach Auschwitz sehr wichtig, weil die Gefahr, die
christliche Gemeinde der Erlösten im Glanz Christi dem verängstigten
Gottesvolk in Finsternis und Sturmwind gegenüberzustellen, nach wie
vor besteht.
Wiederum ist auf den weiteren Zusammenhang zu achten. Zwar prägt der
Kontrast «einst jetzt» (1,2) den ganzen Brief. Zugleich
betont er eindrücklich die Kontinuität, verwurzelt die Christologie
konsequent im Ersten Testament und führt der christlichen Gemeinde
die Glaubenden des Alten Bundes als «Wolke der Zeuginnen und Zeugen»
vor Augen. Auch sie haben Zugang zum verheissenen Heil allerdings
ist ihnen dieser erst durch Christus erschlossen (11,39f., vgl. auch die
Geister der schon vollendeten Gerechten in 12,23).
All dies sagt der Brief in einer Situation, in der Kirche und Synagoge bereits
getrennte Wege gehen, und nicht in einer aktuellen Auseinandersetzung mit
der Synagoge. Es geht dem Verfasser nicht um polemische Herabstufung des
Jüdischen. Pointiert formuliert: Nicht Kirche und Synagoge, sondern
Himmel und Erde vergleicht der Brief. Und das so konsequent, dass für
irdische Grabenkämpfe kein Raum bleibt.
In seinem Bemühen, verunsicherte Menschen zu ermutigen und zum Feststehen
im Glauben aufzufordern, verwendet der Hebräerbrief unterschiedliche
Strategien und Argumente. Nicht alle überzeugen heute im gleichen Masse.
Die Zusage, dass das pilgernde Gottesvolk schon auf Erden Zugang zur himmlischen
Gemeinschaft hat und «vorweggenommen ist in ein Haus aus Licht»
(M.-L. Kaschnitz), erscheint hilfreicher als die Gerichtsdrohung; der Verweis
auf die Wolke der Zeugen hilfreicher als die Betonung der Einzigartigkeit
der Christusoffenbarung.
Diese Beobachtung kann weiterführen zur Frage nach unseren eigenen
Strategien und Argumenten der Vergewisserung über den Glauben in unsicherer
Zeit. In welchem Verhältnis stehen Verheissung und negatives Urteil
über den Unglauben der Welt oder die Lauheit der Kirchen? Verbindet
und verbündet sich unser eigener Glaube mit dem Glauben anderer oder
neigen wir (persönlich oder als Kirche) dazu, unsere Glaubensidentität
durch Abgrenzung zu sichern?
Zur Beurteilung der unterschiedlichen Arten von Glaubensvergewisserung gibt
uns der Hebräerbrief ein hilfreiches Instrument: Das Leitmotiv des
pilgernden Gottesvolkes. Eine Kirche, die sich als «pilgerndes Volk
Gottes» versteht, masst sich kein end-gültiges Urteil an, denn
sie ist selbst noch unterwegs. Und wenn sie an einer Weggabelung auf andere
Pilgerinnen und Pilger trifft, wird sie im Gespräch mit ihnen die Vorläufigkeit
alles Irdischen und damit auch die Verschiedenheit im Glauben respektieren.
In dieser Haltung kann die Kirche, können einzelne Christinnen und
Christen einander glaubwürdig gegenseitig trösten, ermutigen und
auch ermahnen, denn sie wissen um den eigenen Weg wie um das gemeinsame
Ziel.
Literatur: K. Backhaus, Das wandernde Gottesvolk am Scheideweg. Der Hebräerbrief und Israel, in: R. Kampling (Hrsg.), «Nun steht aber diese Sache im Evangelium...». Zur Frage nach den Anfängen des christlichen Antijudaismus, Paderborn 1999, 301320.
Überlegen und dann auch ausprobieren, wie der Text, mit verschiedenen Stimmen vorgetragen, laut/leise, allein/mit mehreren Stimmen, mit Musik oder Orff-Instrumenten untermalt..., wirkt.
Im Zusammenhang mit 12,129 lesen. Was ist die Funktion des Textes? Wie ist der Abschnitt aufgebaut? Welches ist der Sinn des Kontrastes zwischen 12,1821 und 2224? Auf welche Texte und Ereignisse im Ersten Testament nimmt der Text Bezug?
Stärkung und Ermutigung des pilgernden Gottesvolkes ist ein Grundanliegen des Hebäerbriefes, der Lesung, aber auch vieler Predigten und Gottesdienste: Wir tragen inhaltliche und formale Merkmale einer Liturgie zusammen, die wirklich ermutigt und stärkt. Daraus können Elemente der Gottesdienstgestaltung entstehen.