31-32/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Der Brief an die Hebräer gehört zu den fremdesten und unbekanntesten
Texten des Neuen Testaments. Vielleicht ist schon die Bezeichnung «Hebräerbrief»
daran schuld, verführt sie Christinnen und Christen doch dazu, sich
nicht angesprochen zu fühlen. Ein weiterer Grund ist die anspruchsvolle
und gegenüber anderen neutestamentlichen Schriften sehr eigenständige
Gedankenwelt der Schrift, die man am besten als «zugesandte Predigt»
bezeichnet, da sie keinesfalls als Brief eingestuft werden kann. Die stark
von kultischer Terminologie geprägte Sprache, die zahllosen Rückbezüge
auf das Erste Testament und eine Christologie, die Jesus als «Hohenpriester»
versteht, erschweren den Zugang. Schliesslich sind Entstehungszeit und -ort
ebenso unklar wie Verfasserschaft und Adressaten/Adressatinnen, so dass
auch die Einbettung in einen Entstehungs- und Kommunikationszusammenhang
schwer fällt. In der neutestamentlichen Landschaft ist der Hebräerbrief
also ein «Findling», ein markanter, schwer einzuordnender Felsbrocken.
Trotzdem oder gerade deshalb hat sich die Bibelwissenschaft in den letzten
Jahren intensiv mit dem Text auseinandergesetzt, dem die Lesungen für
die nächsten vier Sonntage entnommen sind (vgl. schon die Lesung zum
25.12., SKZ 50/2000, S. 745.). Dabei ist u.a. deutlich geworden, dass der
Hebräerbrief von erstaunlicher Aktualität ist. Seinen Ausführungen
ist indirekt zu entnehmen, dass er sich an Kreise richtet, die in relativer
Ruhe und Sicherheit leben, nachdem sie schwere, entbehrungsreiche Zeiten
der Bedrängnis hinter sich gebracht haben. Aber der Wegfall der Einschränkung
und des Drucks von aussen führt nicht zu einer Stabilisierung der Situation,
sondern stürzt die Gemeinden (zumindest aus der Sicht des Verfassers)
in eine Identitätskrise. Ihr Glaube wird im Bild völliger Erschöpfung,
Lähmung und Schwäche beschrieben.
Eindrücklich ist aber nicht nur die Situationsanalyse, sondern auch
wie damit umgegangen wird. Der Autor bemüht sich um eine aufs Ganze
zielende Ermutigung durch theologische Neuauslegung des Bekenntnisses. Die
gläubige Identität soll nicht von aussen (mit kirchlichen Strukturen,
mit der Beschwörung traditioneller Formulierungen oder der Einschärfung
konventioneller ethischer Richtlinien), sondern von innen her gestärkt
werden. Der Text ist von der Grundüberzeugung geleitet, dass man nur
dann wirklich am Bekenntnis festhalten kann, wenn man es neu sagt bzw. neu
zu sagen vermag. Im Hebräerbrief geschieht dies in der Sprache des
hellenistischen Judentums, dessen ethischer Monotheismus in der damaligen
Zeit keineswegs nur bei Menschen jüdischer Herkunft, sondern weit darüber
hinaus eine erhebliche Faszination ausübte (vielleicht in mancher Hinsicht
vergleichbar mit dem aktuellen Trend zum Buddhismus, der weit über
seine Herkunftsländer hin-aus als spirituelle Antwort auf die Herausforderungen
unserer Zeit wahrgenommen wird).
Der heilsgeschichtliche Abriss zum Thema «Glauben» in Hebr
11, der mit dem Rückbezug auf die Erschaffung der Welt einsetzt und
mit dem Verweis auf Jesus Christus als «Urheber und Vollender des
Glaubens» (12,2) zum Abschluss kommt, gehört zum Schlussteil
des Briefes, in dem die Gemeinde auf ihrem Weg zu Ausdauer und Glaubenstreue
ermutigt und ermahnt werden soll.
Die doppelte Definition des Glaubens als «Feststehen in dem, was man
erhofft» und «Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht»
(11,1) legt den Akzent zum einen auf den «festen Stand» bzw.
auf das «geduldige Ausharren», was als Reaktion auf Ermüdungs-
und Rückzugserscheinungen zu deuten ist. Zum anderen geht es um das
Ergriffen- und Bewegtsein von der jenseitigen Welt Gottes (die Einheitsübersetzung
«Überzeugtsein» ist zu schwach). Dieser Glaube wird schon
«den Alten» attestiert (11,2), die «uns», das heisst
die christlichen Hörerinnen und Leser, als «eine solche Wolke
von Zeugen» umgeben (12,1) und ermutigen, «nicht zu ermatten
und den Mut nicht zu verlieren» (12,3).
Die Verweise auf das «Unsichtbare» (11,1), die neue Stadt Gottes
(11,10), auf seine Verheissung (11,11), die «bessere Heimat»
(11,16) und die Macht Gottes, «sogar Tote zum Leben zu erwecken»
(11,19), stehen im Zusammenhang mit der Situation der Christinnen und Christen,
die unter dem «Noch-nicht» der Vollendung leiden. Sie sollen
ermutigt und bestärkt werden in ihrem Durchhaltevermögen. Das
Zukünftige ist im himmlischen Bereich bereits Wirklichkeit, und an
ihm sollen sie sich orientieren. Unangemessen wäre es jedoch, diese
Aussagen als Flucht ins Jenseitige und Zukünftige auszulegen. Dagegen
spricht schon der Verweis auf die Schöpfung (12,3, in der Leseordnung
ausgelassen): «Aufgrund des Glaubens erkennen wir, dass die Welt durch
Gottes Wort erschaffen worden und dass so aus Unsichtbarem das Sichtbare
entstanden ist.» Das Sichtbare, Materielle, Gegenwärtige und
Irdische wird gerade nicht entwertet, sondern in einer gläubigen Grundeinstellung
zur Wirklichkeit bejaht allerdings nicht als «letzte Wirklichkeit»,
sondern als «Vorletztes». Auch der Glaube von Abraham und Sara
wird irdisch und diesseitig konkret: Als Leben auf Wanderschaft und Wohnen
in Zelten, als Offenheit für Gottes Verheissung und als Vertrauen in
seine Lebensmacht.
Aus dem «Kleinen Prinzen» von A. de Saint-Exupéry
stammen die bekannten Formulierungen: «Man sieht nur mit dem Herzen
gut» und «Das Eigentliche ist unsichtbar». Beide treffen
das Glaubensverständnis des Textes gut. Der Blick auf das, was wir
gemeinhin Realität nennen, bleibt letztlich oberflächlich und
verleitet dazu, sich mit der Welt abzufinden und sich im Bestehenden einzurichten.
Die Hoffnungen und Visionen, die Überzeugung «Es muss doch mehr
als alles geben» und damit das, was die Bibel Glauben nennt, bleiben
auf der Strecke. Wo das geschieht, drohen auch heute Erschöpfung und
Resignation in einer traumlosen und visionsarmen Zeit. Während gläubiger
Realismus heilsam ist, kann platter Realismus tödlich sein.
In solchen Zeiten der Müdigkeit und der Lähmung sind das «Zeugnis
der Alten» und die «Wolke der Zeuginnen und Zeugen» besonders
wichtig, denn genau so wenig, wie sich ein Mensch an den eigenen Haaren
aus dem Sumpf ziehen kann, können religiöse Krisensituationen
ohne Hilfe von aussen überwunden werden. Über die Ahninnen und
Ahnen von Adam und Eva über Sarah und Abraham bis zu Jesus hinaus können
die im Hebräerbrief angesprochenen haltbedürftigen Christinnen
und Christen sowie viele Episoden und Gestalten der Kirchenge-schichte unsere
Zuversicht und damit auch unsere Ausdauer stärken.
Literatur: Claus-Peter März, Hebräerbrief (NEB 16), Würzburg 21990, Ders., Ein «Aussenseiter» im Neuen Testament. Zur Aktualität des Hebräerbriefs, in: BiKi 48 (4/1993), 173179.
Nach der einleitenden Bestimmung des Begriffs «Glauben» ist der Text strukturiert durch die wiederkehrende Formel «Aufgrund des Glaubens». Das ganze Kapitel (11,140) so vorlesen, dass jedes Mal, wenn diese Formel vorkommt, eine andere Person die Lektüre übernimmt.
Die einzelnen Abschnitte (s.o.) befragen: Was sagen sie über das Verständnis von «Glauben»? Diese Einzelbeobachtungen festhalten und mit der «Definition» (11,1) vergleichen. Wo deckt sich das Glaubensverständnis des Textes mit dem unsrigen? Wo unterscheidet es sich?
Auch für uns gibt es (biblische, christliche und andere) Zeugnisse von Menschen/Gruppen früherer Zeiten, an denen wir ablesen, was «Glauben» für uns bedeutet. Jede/r Teilnehmende schreibt einen kleinen Abschnitt eines eigenen «Hebräerbriefes» mit der Einleitungswendung «Aufgrund des Glaubens...». Abschliessend lesen sich die Anwesenden ihre Fortschreibung des Textes vor und stärken sich so gegenseitig.
Kreuzes-, Opfer- und Leidenstheologien sind in den letzten Jahren ins
Kreuzfeuer der Kritik geraten. Ähnlich erging es einer moralisierenden
Verkündigung mit einem pessimistischen Menschenbild, die den Leuten
ein schlechtes Gewissen einflösst und sie auf ihre Sündigkeit
festlegt. Die Rede von Sünde, Kreuz und Tod im irdischen Jammertal
provoziert Widerstand und Widerspruch. Stichworte wie Ermächtigung
und gelingendes Leben im Hier und Jetzt erscheinen wichtiger und hilfreicher.
Zu verhängnisvoll sind die Wirkungen der Sündenmoral und der Glorifizierung
des aufopfernden Leidens.
Unter diesen Vorzeichen gelesen, hat es Hebr 12,14 schwer. Zahlreich
sind die dunklen Worte von den Fesseln der Sünde, vom freudig übernommenen
Kreuz, von der Schande und vom Widerstand bis aufs Blut. Zu fragen ist deshalb
nach dem Sinn solcher Aussagen und danach, inwiefern sich hinter ihnen lebensfreundliche
Anliegen ausmachen lassen.
Die Wolke von Zeuginnen und Zeugen verweist auf die lange Reihe der Gestalten
des Glaubens im Ersten Testament, die im Vertrauen auf die Verheissungstreue
Gottes gelebt haben (s.o. zu Hebr 11) und so Vorbild und Quelle der Ermutigung
der im Glauben verunsicherten und ermüdeten Gemeinde geworden sind.
Dieser wird das Leben nicht als Spaziergang oder als Rosengarten präsentiert,
sondern als beschwerlicher Wettkampf und dornenvoller Weg. Dabei geht es
nicht darum, das Leben schlechter zu machen als es ist. Vielmehr formuliert
und benennt das die reale Alltagserfahrung. Die Hörerinnen und Leser
werden dies als zutreffende Darstellung ihrer Lebenswirklichkeit wahrgenommen
haben.
Angesichts dieser anstrengenden und frustrierenden Lebenserfahrung fordert
der Text: «Lasst uns auf Jesus blicken». Dieser Blick auf Jesus
ist im Hebräerbrief von einer doppelten Perspektive bestimmt:
Die Alternative zu diesem «Blick auf Jesus» besteht darin, im «Kampf gegen die Sünde» zu resignieren und den Widerstand aufzugeben: dem Leiden ausweichen, die Solidarität mit den Leidenden aufkündigen, der Versuchung der Macht oder der Bequemlichkeit erliegen, sich verhärten und unverwundbar machen. «Sünde» wird dabei nicht als unmoralische Tat verstanden, sondern als Macht, der es zu widerstehen gilt. Das Gegenteil von Glaube ist nicht Unglaube oder Ketzerei, sondern Mutlosigkeit. Und das Gegenteil von «Sünde» ist nicht Moral, sondern Verzicht auf Widerstand aus Angst vor Nachteilen oder Missachtung. Dieses Verständnis von «Sünde» erschliesst auch den Sinn der «Sündelosigkeit» Jesu (4,15) neu: Es handelt sich dabei nicht primär um eine moralische Kategorie, sondern darum, dass er dem «Widerstand gegen sich» (12,3) standgehalten hat.
Zum Leben gehören immer wieder Kompromisse zwischen Solidarisierungsenergie
und hauhälterischem Umgang mit den eigenen Kräften. Wer sich einsetzt,
setzt sich aus und reibt sich damit auch auf. Wer verletzlich bleiben will,
muss sich auch schützen, und wer solidarisch leben will, muss sich
auch abgrenzen können. «Widerstand bis aufs Blut» bleibt
eine Extrem- und Grenzerfahrung und ist weder immer noch überall möglich.
Solcher Realismus und die Kritik an masochistischen Opfertheologien sind
notwendige Korrekturen an einer Frömmigkeit, die das Kreuz so allgegenwärtig
macht, dass alle Freude und Lebensenergie vergeht und jede Erfahrung von
Glück und Lebenslust schon in die Nähe des Sündigen rückt.
Gefährlich und verführerisch ist aber auch das Gegenteil: dass
das pragmatische «Sich-Durchwursteln» zum Prinzip wird oder
dass wir uns aus lauter Angst vor Verletzung oder Enttäuschung gar
nicht mehr richtig auf das Leben und seine Kämpfe einlassen. Damit
kündigen wir nicht nur die Solidarität auf und büssen die
Widerstandskraft ein, sondern bringen uns zugleich um die Erfahrung intensiven
Lebens. Im «Blick auf Jesus» können wir immer wieder neu
entdecken, dass die Glücksfähigkeit, das leidenschaftliche Engagement
und die Verwundbarkeit des Menschen untrennbar sind.
Literatur: P. Trummer, «Erhört aus Gottesfurcht» Hebr 5,7. Vom Sinn des Leidens Jesu, in: BiKi 48 (4/1993) 189196; O. Fuchs, Stigmatisierung: Kennzeichen Christi und christlichen Lebens, ebd. 197205.
Den Text mit Markierungen (Unterstreichungen, Frage- und Ausrufezeichen und anderen Symbolen für die persönliche Reaktion) versehen. Diese Reaktionen besprechen und Fragen/Probleme gemeinsam klären.
Anhand des Lesungstextes und 5,710 der Frage nachgehen: Was sagt der Hebräerbrief über Jesus? Was soll die Aufforderung «Lasst uns auf Jesus blicken» bei den Hörern und Leserinnen bewirken?
Aus einer möglichst grossen Vielfalt von Jesusbildern wählt jede/r jene Darstellung aus, die sie/ihn im Moment am stärksten anspricht. Was heisst es für das eigene Leben konkret, «auf Jesus» bzw. auf dieses Bild von ihm «zu blicken»? Einzelbesinnung, dann Austausch.