29-30/2001

INHALT

Lesejahr C

Anteil an der Kraft Gottes

Regula Grünenfelder zu Kol 2,12-14

 

Auf den Text zu

Schulden können töten. Schuldenerlasse geben Schuldnern und Schuldnerinnen das Leben zurück. Entschuldung hat jedoch immer auch ihre Tücken: Sie will notorischen Profiteuren und Mitläuferinnen keinen Blankoscheck für gedankenlose Wiederholungstaten, Pomp, Waffenimport und Ausbeutung ausstellen. Die Lesung, eine Taufmeditation, zielt auf die Entschuldung am Kreuz.

Mit dem Text unterwegs

Im ersten der drei Verse kommt ein wesentlicher Unterschied zwischen der paulinischen Theologie und der Erlösungslehre des Kolosserbriefes zum Ausdruck: Auferstehung ist bereits hier und jetzt Wirklichkeit. Die Christinnen und Christen sind schon in der Taufe auferweckt; durch die Taufe sind ihnen alle Sünden vergeben (1,14.21f.; 2,13; 3,13).
Paulus hat in seinen Briefen die Auferweckung der Glaubenden nie in der Vergangenheitsform behauptet wie der Kolosserbrief: Ihr wurdet auferweckt. In seinen Reflexionen über Taufe, Tod und die neue Schöpfung (z.B. 1 Kor 4,8) betont Paulus: Erst die leibliche Auferstehung der Toten wird zeigen, was wir jetzt schon sind. Auch und gerade den Getauften muss deshalb das eigene Handeln stets Anlass zu Selbstkritik und Umkehr sein.
Trotz des grossen Unterschiedes ist die grosse inhaltliche Nähe nicht aus den Augen zu verlieren: Beiden Erlösungsvisionen ist gemeinsam, dass ein Bruch mit der Welt nötig ist. Die irdischen Mächte und Herrschaften werden relativiert zu Gunsten des Lebens aus der Kraft Gottes.
Vor der Auferweckung wird die Taufe als Begräbnis dargestellt. Anders als bei Paulus (Röm 6,8.6) sind die Menschen schon vor der Begegnung mit Christus tot durch ihre Sünden. Das Begräbnis erscheint wie ein Trost. Diese Toten werden nämlich erkannt als das, was sie sind, als lebendige Tote, und erhalten einen Ort in der Erde. Tote beerdigen ist eine barmherzige Tat. In vielen neutestamentlichen Schriften wird der Zustand vor der Taufe als «Tod» beschrieben. Der verlorene Sohn war tot und ist durch Umkehr und Versöhnung mit dem Vater lebendig geworden (Lk 15,24.32; vgl. auch Joh 5,25; Eph 5,14; Jak 1,15; Offb 3,1).
In der Taufe fallen Beerdigung und Anfang des Lebens in eins. Laut Kolosserbrief haben die Adressaten/Adressatinnen in der Taufe diesen Glauben an die Kraft Gottes erhalten und sind in ihm schon jetzt auferweckt. Das ist ein verwegener Zuspruch. Wen sollte diese Botschaft erreichen?
Zur Zeit der Briefabfassung passte der gewaltige Name schon lange nicht mehr zum Ort Kolossäa. Das Städchen lag in Kleinasien an der wichtigen Strasse von Ephesus und Milet nach Kappadozien im Osten. Herodot (geb. um 480 v. Chr.) nannte Kolossäa eine grosse Stadt Phrygiens. Und Xenophon, sein jüngerer Zeitgenosse, berichtet von der bedeutenden Wollindustrie der Stadt. Die grosse Zeit der Stadt endete zweihundert Jahre später mit der Gründung von Laodizea durch Antiochus II. (der Reichtum der neuen Wirtschaftsmetropole kommt im letzten Sendschreiben der Johannes-Apokalypse zum Ausdruck). Neben Laodizea machte auch Hierapolis Kolossäa Konkurrenz. Ein grosses Erdbeben in den sechziger Jahren unserer Zeitrechnung zerstörte Kolossäa. Über das Weiterbestehen der kleinen Stadt legen nur wenige Münzen aus dem 2./3. Jh. n. Chr. Zeugnis ab.
Die frohe Botschaft sollte allerdings nicht nur die Gemeinde im Städtchen Kolossäa erreichen, die vielleicht Zuspruch benötigte, sondern geht auch an die grossen Nachbarstädte Laodizea und Hierapolis (2,1; 4,13.15f.), an alle Menschen und ­ in einer Linie mit der Allversöhnung (vgl. die erste Lesung zu Kol 1,15­20) ­ den ganzen Erdkreis (1,5f.23.28;2,1).
Präzise lässt sich nicht rekonstruieren, was die Gemeinde in der kleinen Stadt niedergedrückt und verunsichert hat, so dass sie diesen radikalen Zuspruch brauchte. Der Lesungskontext (2,6­3,4) lässt eine Lehre vermuten, die mit Ritualen die Weltmächte und Naturgewalten zu bändigen versuchte. Vielleicht war die Gemeinde in diesen anstrengenden Kampf verwickelt, den man nur verlieren kann. Dagegen schreibt der Verfasser oder die Verfasserin des Kolosserbriefes: Es ist schon alles gut, die Machtfrage ist schon entschieden.
Der zweite Vers wiederholt die Aussage des ersten im Bild der Beschneidung. Mit dem Begriff wird kaum auf die Unbeschnittenen in der Gemeinde angespielt. Vielmehr kommt darin wie im ersten Testament die Beschneidung der Herzen als Geschenk und Forderung zur Sprache (z.B. Dtn 10,16 oder Dtn 30,6).
Der Zuspruch in der Meditation über die Taufe mündet in das starke Bild vom Schuldschein, der ans Kreuz geheftet wird. Ihm liegt die Realität der leidenden Gerechten in einer ungerechten Welt zu Grunde, die auch Paulus aufgreift: Christus ist zum Fluch geworden.
Gemeint ist mit dem Schuldschein eine Urkunde, in der eine Schuldnerin oder ein Schuldner die eigene Schuld rechtsgültig bestätigt
Josephus Flavius denunziert in seinem Bericht über den jüdischen Krieg Aufständische der mutwilligen Zerstörung von Schuldscheinen. Damit, so urteilt der Historiker, hätten sie sich bei den verarmten Schuldnern/Schuldnerinnen einschmeicheln wollen.
Mit der Zerstörung oder dem Auswischen eines Schuldscheins werden finanzielle Schulden getilgt, aber auch Sünden vergeben (Ps 50,3.11; Jes 43,25; Apg 3,19).
Die Schuldscheine sind hinfällig, und mit ihnen auch die Forderungen. Die Bedeutung dieser Satzungen (griechisch: Dogma!) ist unsicher. Im Blick auf den folgenden Vers 15, der leider für die Lesung nicht mehr vorgesehen ist, geht es hier um Sonderleistungen oder Vorbehalte, die das Leben beschweren.
Dort zeigt sich nämlich: Den Auferweckten gehen die Augen auf für die Mächte und Gewalten, die Menschen drangsalieren. Das Leiden des Gerechten enttarnt Throne und Herrschaften. Sie werden endlich sichtbar und öffentlich vorgeführt.

Über den Text hinaus

Am Kreuz als Folter für Aufständische, flüchtige Sklaven/Sklavinnen und subversive Elemente demonstrierte die römische Macht (und vor ihr schon andere) die rechte Ordnung auf der Erde. Das Kreuz zeigte grausam und abschreckend die Umdrehung der Machtverhältnisse: Wer nach oben will, dort aber nicht hingehört, muss sich dort oben für alle sichtbar nackt und schutzlos zeigen. Die alte Kreuzestheologie nahm diese Perversion beim Wort: Im Kreuz werden falsche Herrschaften und Gesellschaftsverhältnisse enttarnt, und das Urteil über die leidenden Männer und Frauen, die sich für Alternativen zum selbstverständlichen Unrecht einsetzen, wird als frohe Botschaft verkündet.

 

Literatur: Eduard Schweizer, Der Brief an die Kolosser, Evangelisch-katholischer Kommentar zum Neuen Testament, Zürich u.a. 1976.


Er-lesen

Vorbereitende Selbstbesinnung: Welchen Forderungen sehe ich mich ausgesetzt? Im Familienleben, bei der Arbeit, im Umgang mit mir selber, angesichts der Not in der eigenen Stadt, in der Welt?
Text vorlesen. Beobachtungen zum Text austauschen.

Er-hellen

Sozialer Hintergrund beleuchten (Karte zeigen). Die Erfüllung der Auferweckungshoffnung in der Taufe im Kontrast zu paulinischen Auferweckungsvorstellungen erarbeiten.

Er-leben

Alle notieren in einer Phantasieschrift für die anderen unlesbar ihre Schulden und hängen dann ihre Schuldscheine für alle sichtbar auf.
Die Gruppe geht von Schuldschein zu Schuldschein. Wer den Schuldschein geschrieben hat, darf jemanden bitten, ihn durchzustreichen. Die Gruppe ist still dabei und bekräftigt dann gemeinsam: Dein Schuldschein ist durchgestrichen.
Einzelbesinnung: Was bedeutet das für mein Leben, wenn ich schon auferstanden bin? Wozu ermächtigt mich dieses Bewusstsein? Aufschreiben, als Denkzettel heimnehmen.


Leben aus der Differenz

Regula Grünenfelder zu Kol 3,1-5.9-11

 

Auf den Text zu

Die gute Nachricht, dass die Auferweckung schon geschehen ist, zeitigt Konsequenzen. Paulus hat um der Ethik Willen von der zukünftigen Auferstehung gesprochen. Der Kolosserbrief hingegen leitet seine Moral aus der Stärke des Zuspruchs ab: Wenn der Glaube an Gottes Kraft Menschen auferweckt hat (2,12), sind diese auch zu neuem Tun fähig und bereit.

Mit dem Text unterwegs

Der Zuspruch der Auferweckung im Hier und Jetzt wird mit einem Appell verbunden: Die Glaubenden sollen sich nach dem Himmel ausrichten. Dort nämlich sitzt Christus, das Haupt der Kirche, entsprechend dem urchristlichen Bekenntnis zur Rechten Gottes (Ps 110,1). Das könnte heissen, dass die Glaubenden zwar mit Christus auferweckt, dass sie jedoch noch nicht am Ziel sind. Sie haben miteinander einen Weg vor sich in der Spannung zwischen «oben» und «unten». Der Kolosserbrief bringt also an der Taufzusage nicht wie Paulus einen zeitlichen, sondern einen räumlichen Vorbehalt an. Es ist auch für Kolossäa noch nicht «alles in allem» aufgehoben, es gibt auch hier eine spannungsvolle Differenz. «Oben» meint keine abstrakte göttliche Sphäre oder ein entrücktes Jenseits. «Oben» ist Christus, der als leidender Gerechter am Kreuz die Mächte und Gewalten im Himmel und auf der Erde entlarvt und vorgeführt hat.
Sich nach «oben» orientieren heisst also nicht, in himmlische Welten zu fliehen. Es ermöglicht ein Leben von einem neuen Standpunkt aus. In Umkehrung zu den Machtverhältnissen «unten» erlaubt die Perspektive von «oben» eine parteiliche Sicht mit dem Gekreuzigten, mit dem Opfer der Gewalt.
Der Kolosserbrief baut assoziativ zu der dominanten räumlichen Differenz auch eine zeitliche ein. Wie Christus nicht mehr sichtbar unter den Glaubenden lebt, sondern eben «oben» ist, so ist auch das neue Leben verborgen. Wörter wie Christus oder die Auferweckung haben die Qualität von Suchbegriffen. Wer leben will, muss ihnen in der Spannung zwischen «oben» und «unten» auf der Spur bleiben.
Was dies bedeuten könnte, formuliert der Kolosserbrief in seinen ethischen Forderungen und gesellschaftlichen Ordnungen. Er beginnt mit einem fünfgliedrigen Lasterkatalog. Die Aufforderung «tötet!» knüpft an die theologischen Überlegungen zum Tod durch die Sünden (2,13) und zum neuen Leben an.
Wie in anderen zeitgenössischen Katalogen beginnt auch dieser mit der Unzucht, also sexuellen Verfehlungen. Unzucht gilt als Synonym für Götzendienst, der Vergötzung der Mächte und Gewalten, die sich mit der Ausrichtung nach «oben» nicht verträgt. Diese thematische Orientierung kommt im letzten Begriff, der Habsucht, ausdrücklich zur Geltung.
Der Lasterkatalog macht deutlich, dass die Auferweckung in der Taufe die Wirklichkeit der Sünde nicht überwunden hat. Der gute Umgang mit dieser Spannung zwischen «oben» und «unten» wird nach der Taufe zum laufenden Projekt. So, wie die Schöpfung mit dem siebten Tag nicht zu Ende kommt, sondern ihren täglichen Bestand nur in Christus finden kann (1,17), so ist die Neuschöpfung in der Taufe auf eine ständige Aktualisierung angewiesen. Sie muss wie die alte erhalten und gepflegt werden.
Unser Text lässt mit Paulus keinen Zweifel daran, dass die Taufe das Ablegen des alten Menschen bedeutet, wie dies die traditionelle urchristliche Taufsprache formuliert. Er geht aber weiter: Die Wiederherstellung der Gottebenbildlichkeit ist im Unterschied zu Paulus (1 Kor 15,49) ebenfalls in der Taufe schon geschehen.
Wie der Lasterkatalog sind auch die Indizien der neuen Wirklichkeit traditionell formuliert. Das Leben der Auferweckten ist eine Realität in der Gemeinschaft, nicht eine Stimmung des Individuums. Konkret interessiert sich der Verfasser oder die Verfasserin des Briefes vor allem für nationale oder ethnische Grenzüberschreitungen. Die Unterscheidung zwischen Griechen/Griechinnen und Juden/Jüdinnen wird durch Barbaren/Barbarinnen (Fremde) erweitert. Sie bilden neben den Juden/Jüdinnen das zweite Gegenüber der Griechen/Griechinnen. Schliesslich kommen auch noch die Skythen/Skythinnen zur Sprache, die für den zeitgenössischen Historiker Flavius Josephus nur wenig über den Tieren stehen. Auch die Differenz zu diesen Menschen ganz am Rande der sozialen Ordnung wird benannt, um sie aufzuheben. Hinter dieser Neuordnung der Gesellschaft steht das hellenistische kosmopolitische Ideal. Im Unterschied zu diesen Unterschieden werden die sozialen Barrieren nur noch ganz knapp erwähnt im Gegensatz zu den Sklaven/Sklavinnen und Freien.
Wie die älteste Haustafel (der Begriff stammt von Martin Luther) des Neuen Testaments dann zeigt (Kol 3,18­4,1), spiegelt diese Gewichtung die Interessen der oder des Schreibenden. Der Kolosserbrief ist der erste Text in einer Reihe von neutestamentlichen Schriften, die Frauen, Kinder, Sklaven/Sklavinnen zur Unterordnung unter Männer, Väter und Herren auffordern (vgl. Eph 5,22­6,9; 1 Petr 2,18­3,17). Das bedeutet: Die sozialen Gegensätze sollen bestehen bleiben. Damit bleibt der Brief in seinen ethischen Folgerungen hinter der eigenen radikalen Theologie zurück. Er orientiert sich selber an den Mächten und Gewalten und zu wenig an den Frauen und Männern, die die Erfahrung der Auferweckung durch die Taufe ethisch und sozial noch ganz anders buchstabieren.

Über den Text hinaus

Was die Theologie allen anderen Wissensbereichen voraus hat, ist ihre Kompetenz im Suchen. Sie verwaltet das Wissen, dass es auch anders geht, dass jede irdische Konkretisierung zu kurz greift, zu kurz greifen muss, zu kurz greifen darf. Die Theologie muss darum den Mund voll nehmen, wenn sie Auferweckung und neues Leben behauptet. Nur dann kann sie in einer Gesellschaft von Nutzenrechnungen und Sachzwängen ihre Aufgabe wahrnehmen. Kirche und Theologie müssen dieses Wissen allerdings auch auf sich selber anwenden und sich im Gespräch der beteiligten und betroffenen Menschen herrschaftskritisch nach «oben» ausrichten.

 

Literatur: Ulrich Luz, Der Brief an die Kolosser, in: Jürgen Becker und Ulrich Luz, Die Briefe an die Galater, Epheser und Kolosser, in: Das Neue Testament, Deutsch, Bd. 8,1, Göttingen 1998, S. 183­244; Angela Standhartinger, Der Brief an die Gemeinde in Kolossäa und die Erfindung der «Haustafel», in: Luise Schottroff und Marie-Theres Wacker (Hrsg.), Kompendium feministische Bibelauslegung, Gütersloh 2-1999, 635-645.


Er-lesen

Den Text lesen, auf einem Plakat die Stichworte zu «oben» und «unten» sammeln. Was fällt auf?

Er-hellen

Den grossen Zusammenhang des Briefes erläutern, der in die Paränese mündet. Die Voraussetzungen für die Ethik aus der Auferweckung in der Taufe klären. Raum lassen, die Ambivalenzen wahrzunehmen.

Er-leben

Der eigenen Vision auf die Spur kommen: Was ist mein «oben»? Nach welchen Suchbegriffen richte ich mein Leben aus? Was ziehe ich daraus für Folgerungen? In Ruhe für sich die (momentanen) Antworten aufschreiben. Austausch zu zweit. In einem liturgischen Rahmen (evtl. im Gottesdienst) Visionen miteinander teilen und einander zu einer entsprechenden Praxis ermächtigen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001