27-28/2001

INHALT

Lesejahr C

Alles versöhnen

Regula Grünenfelder zu Kol 1,15-20

 

Auf den Text zu

Ein Lied, das die Grundlagen des Glaubens besingt, eröffnet die vierteilige Lesungsreihe<*> aus dem Kolosserbrief. Im zweiten Ausschnitt kommt dann zur Sprache, wovon der Glaube lebt: Beziehung und persönlichem Einsatz. Dieser Glaube hat Konsequenzen: Der Schuldschein ­ hören wir drittens ­ ist durchgestrichen. Daraus folgt viertens: Das Leben hier und jetzt kann sich, muss sich ändern!
Die Leseordnung folgt dem Briefaufbau und lädt dazu ein, unter vier Aspekten entscheidende Fragen zu stellen: Was sagt uns der Brief im Lied über das, was wichtig, was unentbehrlich ist? Was lernen wir über die Gemeinschaft der Glaubenden? Wie lebt sich ein Leben, das vom Lied und der Gemeinschaft genährt ist?

Mit dem Text unterwegs

Das Christuslied ist nicht im strengen Sinn ein Hymnus, denn es spricht die Gottheit nicht als Du an. Im Unterschied zur Hymnustradition spricht unser Preistext über Gott und Christus. Wahrscheinlich wurde er ursprünglich nicht gesungen, sondern gemeinsam als theopoetisches Bekenntnis gesprochen. Als Christuslob verfolgt der Text keine dogmatischen Absichten. Er will also weder über das göttliche Wesen Jesu noch über die Allversöhnung Auskunft geben. Das Lied preist Christus, und zwar vollmundig, universal und abschliessend, wie dies beim Loben richtig und wichtig ist.
Das Christuslied ist durch einen Wechsel von Prosa zur Poesie klar abgegrenzt. Eine feierliche Monotonie macht den Text eingängig. Siebenmal wird als Leitmotiv «er» und «alles» miteinander in Verbindung gebracht. Ausserdem hebt die besondere Wortwahl das Lied vom übrigen Brief ab.
Die Zeilen sind locker gebunden, nicht streng rhythmisiert. Dies ist wohl mit der Entstehungsgeschichte zu erklären: Im Kolosserbrief wird ein altes Weisheitslied durch Einschübe ergänzt und auf Christus bezogen.
Die ersten Christinnen und Christen fanden die Voraussetzungen für ihr poetisches Preisen von Gott und Christus in ihrer Bibel (unserem ersten Testament) und der zeitgenössischen jüdischen Auslegung. Die Frau Weisheit konnte als personales Wesen angesprochen werden, das schon vor der Schöpfung bei Gott wohnte und mit Gott zusammen die Welt ins Dasein rief (vgl. z.B. Spr 3,19; 8,22­31).
Ersetzt man beim Lesen die männlichen Pronomina durch weibliche, entdeckt man das ursprüngliche Weisheitslied. Die Weisheit wird hier als Schöpferin des Alls besungen, als Anführerin der himmlischen Welt und als Anfang aller Dinge. In guter altorientalischer Tradition ist dabei Schöpfung nicht nur als Gottes Tat am Anfang der Zeiten gemeint, sondern als Werk, das jeden Tag zu vollbringen ist. Indem die göttliche Fülle in der Weisheit Wohnung nimmt, versöhnt sie die Welt. Von Menschenversöhnung ist im Lesungstext nicht die Rede, sondern von der Versöhnung von allem ­ vom Schalom für alle. Eingeschoben in das alte Weisheitslied sind die Rede vom Erstgeborenen und die historischen Hinweise auf die Kirche auf das Kreuz.
Dieses weisheitliche Lied ist kein Einzelfall in der Jesusbewegung. Auch andere Christuslieder gehen auf Weisheitslieder zurück (Phil 2,6­11; Joh 1,1­18).
Auch der Erstgeborene steht in guter biblischer Tradition. Allerdings wird hier nur der eine Strang aufgenommen: sein Vorrang vor allen nachgeborenen Geschwistern. Die notwendigen kritischen Anfragen an das Erstgeburtsrecht und seine Privilegien, wie sie beispielsweise in der Jakobsgeschichte zum Ausdruck kommen, finden im Loblied auf einen Erstgeborenen keinen Platz: Christus allein verdanken wir alles, in ihm, durch ihn und auf ihn hin hat Gott die ganze Welt geschaffen. Alles gehört in seinen Machtbereich, all die himmlischen, aber auch die irdischen Mächte und Gewalten.
Hinter dem Bild von Haupt und Leib steht die platonische Vorstellung von der Welt als Leib, der aus den vier Elementen besteht und den die Weltseele belebt. Der jüdische Philosoph Philo sagt, dass der göttliche Logos das Haupt des Weltleibes sei. In unserem Lied ist Christus also das Prinzip, dass das Leben in seiner Vielfalt zusammenhält und ihm Sinn verleiht.
Der Autor oder die Briefschreiberin nimmt mit der Bestimmung des Leibes als Kirche eine sehr realistische Präzisierung vor: In der Welt haben viele Mächte und Gewalten mehr Macht und Bestand als Christus. Die Gegenerfahrung ­ Christus bringt den Frieden und weist die Macht der Throne und Herrschaften in Schranken ­ ist alles andere als alltäglich. Dafür brauchen Christinnen und Christen einen besonderen Ort: die Kirche als liturgische Versammlung. Zwei, drei Jahrzehnte nach dem Verbrechertod des Nazareners preisen die Glaubenden nicht eine heile, phantastische Welt im Schosse Christi, sondern üben die rechte Perspektive ein, um vor den Gewalten, die den Gang der Welt bestimmen, nicht zu resignieren. Das Christuslied behauptet Schalom und nimmt das Leben in Fülle vorweg. Die Dichterinnen und Beter wagen eine Welt zu beten, wie sie durch Christus werden soll.
Auch der stellvertretende Tod Christi findet seine Vorbilder in der jüdischen Tradition: Der Tod einzelner Gerechter kann die Entzweiung zwischen Gott und seinem Volk beenden und Frieden schaffen. Die Gerechten waschen mit ihrem Martyrium die Sünden des Volkes ab (z.B. 4 Makk 17,22­18,4a). Die Vorstellung mag befremden, wenn das Kreuz hauptsächlich als Symbol und Schmuckstück erfahren wird. Dort aber, wo sinnlose Tode an der Tagesordnung sind, kann der alte Gedanke eine theologische und politische Interpretation für den Tod von Gottes Freunden/Freundinnen sein.

Über den Text hinaus

Der Lobpreis Christi, der den Frieden der ganzen Schöpfung behauptet und feiert, relativiert die Throne und Herrschaften und macht sie damit sichtbar. Die Liturgie kann die Mächte und Gewalten enttarnen, die den Lauf und die Struktur der jetzigen Welt bestimmen. Im Loben wird die subversive, befreiende Vision des kosmischen Friedens behauptet und eingeschärft.

 

Literatur: Ulrich Luz, Der Brief an die Kolosser, in: Jürgen Becker und Ulrich Luz, Die Briefe an die Galater, Epheser und Kolosser, in: Das Neue Testament, Deutsch, Bd. 8,1, Göttingen 1998, S. 183­244; Angela Standhartinger, Der Brief an die Gemeinde in Kolossäa und die Erfindung der «Haustafel», in: Luise Schottroff und Marie-Theres Wacker (Hrsg.), Kompendium feministische Bibelauslegung, Gütersloh 21999, 635­645.


* Alle vier Lesungen zum Kolosserbrief sind für Sommerprediger und -predigerinnen im Internet abrufbar (www.bibelwerk.ch/aktuelles/Kolosserbrief). Unter info@bibelwerk.ch können Sie Daniel Kosch und Regula Grünenfelder ein Echo auf die Lesungskommentare geben. Wir freuen uns darauf.


Er-lesen

Die Teilnehmenden zu einer Liturgie einladen. Eine Kirche aufsuchen oder einen sakralen Raum gestalten. Die Liturgie eröffnen mit dem Anzünden der Osterkerze und einem schlichten liturgischen Gruss. Einen einfachen Kehrvers singen (z.B. Du bist da wo Menschen leben). Das Christuslied gemeinsam beten: Mehrmals laut im Chor lesen. Nochmals den Kehrvers singen. Stille. Abschliessend: Einen Dank sprechen, die Kerze löschen.
Den Raum wechseln oder umgestalten.

Er-hellen

In Gruppen die Struktur des Liedes herausarbeiten. Eine Rekonstruktion des ursprünglichen Weisheitsliedes versuchen. Gespräch über die Gattung des Preisliedes, das den Mund voll nimmt und keine Dogmatik vertritt.

Er-leben

Schönes Schreibpapier verteilen. Einzelarbeit: Wie klingt mein persönliches Christuslied? Alle formulieren in der Tradition des Liedes aus dem Kolosserbrief ein theopoetisches Bekenntnis. Für sich behalten oder in kleinen Neigungsgruppen austauschen. Anschlussfragen: Was sagt mein Bekenntnis über mein Verhältnis zu den Thronen und Herrschaften? In welchem Rahmen, welcher Liturgie könnte/möchte ich meinen Lobpreis (still oder laut) beten?
Austausch über die zweite Frage im Plenum.
Kerze anzünden. Kehrvers noch einmal singen. Christuslied beten. Segen sprechen.


Ergänzen, was fehlt

Regula Grünenfelder zu Kol 1,24-28

 

Auf den Text zu

Auf die grosse Danksagung zu Beginn des Kolosserbriefes folgt eine ausführliche Selbstvorstellung des Apostels. Dieser Abschnitt zusammen mit sprachlichen und inhaltlichen Differenzen zwischen unserem Brief und den «echten» Paulusbriefen haben zum Schluss geführt, dass der Kolosserbrief pseudoepigraphisch verfasst worden ist. Wer in der Antike unter dem Namen einer grossen Persönlichkeit Briefe schrieb, bemühte diese nicht in erster Linie, um den eigenen Ideen besonderes Gewicht zu geben, sondern versuchte, die aktuelle Situation aus der Perspektive der Autorität zu deuten. Die Leitfrage, die zum Kolosserbrief führte, könnte also gelautet haben: Was hätte Paulus geschrieben, wenn er kurz vor seinem Tode an neu und nicht von ihm gegründete Gemeinden einen Brief verfasst hätte? Was würde er heute schreiben, wenn wir ihm unsere Wahrnehmungen und unsere Hand reichen würden?

Mit dem Text unterwegs

Auch in anderen Briefen spricht der Apostel von seiner persönlichen Situation. Nirgends geht er jedoch so grundsätzlich auf seine Sendung ein. Dies liegt auf den ersten Blick daran, dass Paulus nach eigenen Angaben die Gemeinde nicht kennt und deshalb grundsätzlicher werden muss. Die Weise, wie Paulus sich selber präsentiert, ist jedoch ein Indiz, dass der Brief nicht vom Apostel selber stammen kann. Das Schreiben verheimlicht dies nicht und lässt durchblicken, dass der Tod des Paulus längst bekannt ist.
Ausserdem sprechen stilistische Unterschiede zu den paulinischen Schriften für eine pseudoepigraphische Abfassung: Paulusbriefe sind knapp, präzise und klar in ihrer Argumentation. Der Kolosserbrief dagegen formuliert wortreich und locker assoziierend. Die theologischen Unterschiede zeigen sich primär im Apostelbild unseres Abschnitts: Paulus stellt sich nicht als der Missionar der heidnischen Gemeinden vor, sondern als Apostel der Universalkirche schlechthin. Wichtig ist auch der Unterschied in der Eschatologie: Während Paulus die kommenden Ereignisse zeitlich bestimmt, formuliert der Kolosserbrief ­ wie sich im Preislied der letzten Lesung zeigt ­ eher in räumlichen Kategorien von Himmel und Erde. Die folgende Lesung (2,12­14) wird ausserdem erkennen lassen, wie radikal der Autor oder die Autorin des Kolosserbriefes das endgültige Heil in der Taufe vollendet sieht. Im Unterschied dazu hat Paulus im Interesse der Ethik stets vom zukünftigen Mitauferwecktwerden der Getauften gesprochen.
Diese Differenzen sollen nicht den Anschein erwecken, dass die «echten» paulinischen Briefe ein einheitliches Profil haben. Auch zwischen ihnen sind grosse sprachliche und theologische Unterschiede auszumachen. Der Kolosserbrief erscheint aber so eigenständig, dass es kaum denkbar ist, dass Paulus ihn «mit eigener Hand» (Kol 4,18) unterzeichnet hätte.
Unsere Lesung, in der eine unbekannte christliche Autorität Paulus sich selber vorstellen lässt, besteht aus einem Rahmen und einem Zentrum. Am Anfang und am Ende spricht Paulus über sich selber (24f. und 28). In der Mitte weist er auf das Wort Gottes hin, das er zu verkündigen hat.
Paulus eröffnet seine Vorstellung mit dem Hinweis auf seine Freude im Leiden, das er stellvertretend auf sich nimmt (wie in den echten Paulusbriefen: 2 Kor 5,6; 7,4; 13,9; Phil 2,17). Er gehört zu den vertrauten zeitgenössischen Aussagen über das Martyrium. Ungewöhnlich ist für Paulus dagegen das betonte «ich». Als Leidender stellt er sich sonst in einer Leidensgemeinschaft mit den anderen Apostelinnen und Aposteln dar. Hier jedoch werden seine Beschwerden zu einem ausgezeichneten, besonderen Leiden.
Die Aussage, dass an den Leiden Christi etwas fehlt, das der Apostel auffüllen könnte, ist singulär. Sie spricht für den Realitätssinn des Kolosserbriefes. Er verliert trotz seiner Theologie der radikalen Heilsgegenwart in Christus die Geschichte nicht aus den Augen. Als Leib Christi ist die Kirche noch in die Welt mit ihren Schmerzen und Unvollkommenheiten eingebunden. Wenn also Paulus leidet, dann wird er als leidender Gerechter zum Teil des Heilsmysteriums. In seinem Leid leidet der kosmische Christus für die Kirche.
Calvin hat diesen Gedanken aufgenommen, und in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie angesichts von Unrecht und Gewalt hat er einen neuen Sitz im Leben gefunden: «Wie...Christus einmal gelitten hat als Person, so leidet er täglich in seinen Gliedern» (Calvin).
Das Leiden ist der erste Kirchendienst des Apostels am Gotteswort. Die vielgestaltig ambivalente Wirkungsgeschichte, sogar Missbrauchsgeschichte, solcher Aussagen über das eigene Leiden für die anderen darf nicht verschwiegen werden. Sie schwingt mit, wenn Opfer solchen Missbrauchs die Lesung im Gottesdienst hören.
Im Zentrum der Selbstvorstellung des Paulus steht eine traditionelle Formulierung, die sich an apokalyptischen Vorstellungen orientiert: Das bis anhin verborgene Geheimnis ist jetzt offenbar geworden (vgl. Röm 16,25f.; 1 Kor 2,7; Eph 3,3.9). Das Geheimnis heisst «Christus unter euch». Also: Das Lebensprinzip der Kirche und der Welt sind nicht drohende Mächte und Gewalten, sondern ist der Friedensstifter Christus.
Der abschliessende Vers thematisiert die Verkündigungstätigkeit des Apostels nun im Plural. Eine Gemeinschaft von Glaubenden hat sich die Verkündigung zur Aufgabe gemacht, denn wie im Leiden fehlt auch im Handeln etwas an Christi Werk: Nur im Einsatz füreinander kann die Gemeinschaft mit Christus vollkommen werden.

Über den Text hinaus

«Wir gebrauchen das Wort Christus, weil es für ein Lernen, das nicht nur historisch, sondern auch praktisch interessiert ist, nicht genügen kann, auf den historischen Jesus zu blicken. Gerade wer aus seinem Leben und aus seinen Worten gelernt hat, dem wird es nicht genügen, dabei zu verharren und die weitergehende Geschichte zu ignorieren. Seit 2000 Jahren steht dieser Jesus von Nazaret auf! Er verwandelt das Bewusstsein der Menschen, die ihm sein Versprechen glauben. Seit ihm und in ihm ist die Hoffnung auf der Welt gewachsen, und es gibt mehr Grund, Mut zu haben. In seinem Namen ist das Gesicht der Erde verändert worden. Sprechen wir von Christus, so nehmen wir das, was Franziskus oder Martin Luther King von Jesus gelernt haben, in unsere Beziehung mit auf...» (Dorothee Sölle, Luise Schottroff, Jesus von Nazaret, 140f.).

 

Literatur: Hoppe, Rudolf, Epheserbrief, Kolosserbrief, Stuttgarter Kleiner Kommentar NT 10, Stuttgart 1987; Dorothee Sölle, Luise Schottroff, Jesus von Nazaret, München 2000.


Er-lesen

Was will uns der Text mit dieser starken Ich-Botschaft vermitteln? Text vorlesen und dann verteilen. Was ist die «Selbstaussage» des Paulus? Was ist die Sachinformation, die er gibt? Was sein Appell an die Leser und Hörerinnen?

Er-hellen

Informationen über Pseudoepigraphie.
Ein Textblatt mit einer Selbstvorstellung des Paulus aus einem echten Paulusbrief verteilen (Röm 1,1­15). Was fällt auf?

Er-leben

Einladen zu einer Selbstvorstellung (schriftlich oder mündlich in einem einfachen Rollenspiel): Wer bin ich als Christin, als Christ? Welche Vision und welches Leibbewusstsein bringe ich in die Kirche ein? Was ist meine konkrete Aufgabe in der Kirche? Austausch.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001