26/2001

INHALT

Lesejahr C

Neue Schöpfung

Daniel Kosch zu Gal 6,14-18

 

Auf den Text zu

Die Formulierung «Ich will mich allein des Kreuzes rühmen» und die damit verbundene Betonung des Leidens des Apostels wirken zunächst befremdlich, rufen Widerstand und kritische Rückfragen hervor: Wird da nicht Leiden verherrlicht, einem christlich verbrämten Masochismus ­ und damit auch allzu leicht einem religiösen Sadismus ­ das Wort geredet?
Die Fortsetzung des Textes allerdings lässt aufhorchen: Es kommt einzig darauf an, «neue Schöpfung» zu sein. Alles andere zählt nicht.
Die Frage des Textes lautet also: Worauf kommt es an? Worauf setze ich? Was ist mir an mir selbst wichtig? Und was ist mir demzufolge an anderen wichtig? Wonach beurteile ich andere?

Mit dem Text unterwegs

Gal 6,14­18 bildet den zweiten Teil des Briefschlusses, der in 6,11 beginnt. Eigenhändig schreibt Paulus «mit grossen Buchstaben». Seine apostolische Autorität, die er am Briefanfang mit der österlichen Erfahrung der Berufung durch den Auferweckten begründet hat (1,1), legitimiert er abschliessend mit seiner Teilhabe am Leiden Jesu. Mit den «Zeichen Jesu», die er an seinem Leib trägt, ist keine «wunderbare Stigmatisierung» gemeint (wie sie z.B. von Franz v. Assisi überliefert ist), sondern die Narben von Misshandlungen und die Folgen von Strapazen auf den Wegen durchs Römische Reich. Die vorangehende Bemerkung, mit ihrer Beschneidungspredigt strebten seine Gegnerinnen und Gegner nach gesellschaftlicher Anerkennung und wollten Verfolgung vermeiden (6,12), lässt den Rückschluss zu, dass das paulinische Evangelium der solidarischen Freiheit im Zeichen des Gekreuzigten auch politisch brisant und deshalb gefährlich war.
Das Kreuz und die damit verbundene Erinnerung an politisch motivierte Verfolgung ist für Paulus das Zeichen der Befreiung und der «neuen Schöpfung». Die Überwindung von Grenzen und der Aufbau einer freien und geschwisterlichen Gemeinschaft von Gleichgestellten sind mit Anfeindungen, Auseinandersetzungen und mit der Erfahrung von Gewalt verbunden, deren Spuren nicht nur im Kreuzestod Jesu sichtbar sind, sondern auch das Leben seiner Botinnen und Boten prägen.
Für den Kampf Jakobs mit dem Engel hat Regula Grünenfelder die Formulierung gefunden: «Wer den Übergang wagt, wird gezeichnet sein». Das gilt auch für den Übergang der ersten Gemeinden zu einem neuartigen Zusammenleben, das sich die Regeln nicht von den herkömmlichen Unterschieden zwischen Frommen und Ungläubigen, Reichen und Armen, Frauen und Männern, Herrschenden und Beherrschten diktieren lässt. Diese Durchbrüche zur Erfahrung von «neuer Schöpfung» sind mit Konflikten und Leidensgeschichten verbunden, die nicht «spurlos» an den Beteiligten vorbeigehen. Sie sind davon gezeichnet ­ als Einzelne, wie Paulus, aber auch als Gemeinde, wie die Galaterinnen und Galater, die einer gewaltigen Zerreissprobe zwischen den alten Regeln, Wertvorstellungen und Prägungen und der Erfahrung des Neuen ausgesetzt sind.
Über diesem Übergang und über all jenen, die sich trotz Schwierigkeiten und Gefahren auf dieses Neue einlassen, steht die Verheissung des Friedens und des mütterlichen Erbarmens Gottes (hinter dem hebräischen Wort für Erbarmen steht etymologisch das Bild des Mutterschosses!). Dass dieses Neue keineswegs «exklusiv» christlich ist, machen übrigens die Stichworte «neue Schöpfung» und «Israel Gottes» deutlich sichtbar: Die Nachfolgegemeinschaft von Gleichgestellten verwirklicht Gottes ureigenste Absicht mit der Welt und mit den Menschen (deshalb: «Schöpfung»). Und sie steht in der geschichtlichen Tradition der Befreiung von Unterdrückung und des Einsatzes für ein gerechtes Zusammenleben (deshalb: «Israel Gottes»).
Wer den Übergang wagt, wird also nicht nur gezeichnet, sondern auch gesegnet sein. Vergleicht man diesen versöhnlichen Briefschluss mit dem harten Anfang, werden die Absicht des Paulus mit seinem Kampfbrief und sein eigener Lernprozess deutlich erkennbar: Dem Fluch über jene, die ein anderes Evangelium verkünden, steht der Segen gegenüber. Und die «unvernünftigen Galater» (3,1), die zunächst als Abtrünnige angegriffen wurden (1,6), werden als «Schwestern und Brüder» der Gnade Jesu Christi anvertraut. Die streckenweise unerträglich harte und sarkastische Polemik ist weder Selbstzweck noch das letzte Wort, sondern ein Versuch, die Gemeinde für das Leben als «neue Schöpfung» zu gewinnen bzw. sie vor dem Rückfall in die alten Muster zu warnen. Weil diese Form aber selbst sehr stark von eben diesen «alten Mustern» geprägt ist, muss kritisch gefragt werden, ob sie dem Anliegen der «neuen Schöpfung» gerecht wird oder ob sie mehr schadet als nützt. Historisch kann die Frage nicht beantwortet werden, weil wir nichts darüber wissen, wie der Streit in Galatien ausging. Im Blick auf Theologie und Kirche geht es um die kaum allgemein gültig beantwortbare Frage nach der Balance zwischen produktiver Streit- und Konfliktkultur einerseits und dem irreparablen Schaden, den die Verketzerung oder Ausgrenzung anderer hinterlassen können.

Über den Text hinaus

Die Problematisierung und Kritik an einer allzu selbstverständlichen Kreuzestheologie, die rasch bereit ist, Leiden, erfahrene Gewalt und die schmerzliche Ausgrenzung anderer als «heilsam» und «heilsnotwendig» zu rechtfertigen, ist berechtigt. Von «notwendigen Opfern» zu sprechen, ist gefährlich und stabilisiert ungerechte und lebensfeindliche Strukturen in der Kirche ebenso wie in der Welt.
Anders aber steht es um die Erfahrung, dass die «neue Schöpfung» ohne Widerstand, ohne Kampf und deshalb auch ohne Konflikte, Niederlagen, Narben und Wunden nicht zu haben ist. Eine schmerzfreie Theologie und eine harmoniesüchtige Verkündigung verlieren nicht nur die Realitäten dieser Welt und die Nöte der Menschen aus den Augen, sondern verharmlosen und verraten auch die Vision einer «neuen Schöpfung».
So gesehen ist die Betonung des Kreuzes ein ärgerliches und zugleich notwendiges Korrektiv in einer ungerechten und oft grausamen Welt, wo viele Erfolg und Leistung oder Spass und Wellness zum Mass aller Dinge machen.


Er-lesen

Lektüre des ganzen Schlussabschnittes (6,11­18). In Einzelarbeit auf einem Textblatt mit Fragezeichen, Ausrufezeichen, Unterstreichungen und anderen Markierungen Zustimmung, Widerspruch und Unklarheiten festhalten. Gespräch über die unterschiedlichen Textwahrnehmungen.

Er-hellen

Vergleich des Briefschlusses mit dem Anfang (Gal 1,6­9). Zum Verständnis der «Schwierigkeiten» 3,1­5 und 5,1­12 herbeiziehen. Zur Erhellung dessen, was mit «neuer Schöpfung» gemeint ist, Gal 3,26­28 herbeiziehen. Zum Thema «Teilhabe am Kreuzesleiden» (6,14.17) den Abschnitt 4,12­14 sowie 2 Kor 6,4­10 lesen.

Er-leben

Den «Programm-Satz» oder Slogan Gal 6,15 auf einer Postkarte abgeben, dazu leere Postkarten. Die Teilnehmenden erhalten den Auftrag, dieses Programm zu aktualisieren, so dass die eigenen Erfahrungen, Konflikte und Visionen darin zur Sprache kommen. Diese Sätze zum Abschluss laut vorlesen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001