24/2001

INHALT

Lesejahr C

Lehrer - Konkurrent - Vorläufer

Daniel Kosch zu Apg 13,16.22-26

 

Auf den Text zu

Im Gegensatz zu Pontius Pilatus hat er keinen Eingang ins Credo gefunden. Aber die unzähligen ihm geweihten Kirchen, die zahlreichen Trägerinnen und Träger seines Namens sowie die liturgische Hochschätzung (besonders im Advent und am 24. Juni) zeigen, dass die christliche Tradition ein Bewusstsein für die einzigartige Bedeutung Johannes des Täufers bewahrt hat. Das Neue Testament ist in diesem Fall von «Heiligenverehrung» ein gutes Fundament. Sämtliche Evangelienanfänge nehmen auf den Rufer in der Wüste Bezug; um seine Geburt und seinen Tod bilden sich Erzähltraditionen und Legenden, und Jesu Hochachtung für ihn wird ausdrücklich festgehalten: «Unter allen Menschen hat es keinen grösseren gegeben als Johannes den Täufer» (Lk 7,28/Mt 11,11). Aber das Neue Testament liefert nicht nur Bestätigung für die Hochschätzung des Propheten, sondern ergänzt und korrigiert zugleich seine Reduktion auf die Gestalt eines «Vorläufers».

Mit dem Text unterwegs

Allein die Tatsache, dass Johannes der Täufer in der Apostelgeschichte an etlichen Stellen erwähnt wird (1,5.22; 10,37; 11,16; 13,24f.; 18,25; 19,3f.), dürfte vielen Bibelleserinnen und Gottesdienstbesuchern gar nicht bewusst sein. Mehrfach wird er (wie in den Evangelienanfängen) gewissermassen als «Grenzfigur» genannt, die den Anfang der neuen Zeit bzw. der Jesuszeit markiert: Nachfolger des Judas kann nur werden, wer mit den Aposteln zusammen war, «angefangen von der Taufe durch Johannes» (1,22). Und auch die Kurzzusammenfassung des Evangeliums fängt an mit «der Taufe, die Johannes verkündet hat» (10,37). Johannes gehört also zu den Anfängen Jesu; in seinem Umfeld entdeckt Jesus seinen prophetischen Auftrag. Mit Johannes verbindet ihn das «Zäsurbewusstsein» einer neuen Zeit, in der Gott sich endgültig durchsetzt. Diese neue Zeit erfordert eine radikale Wende und relativiert alles Bisherige. Mit dem Propheten verbindet ihn aber auch ein hohes Selbst- und Sendungsbewusstsein. So wie der Täufer die letzte Chance angesichts des nahen Gerichtes an seine Umkehrtaufe bindet, verknüpft Jesus das Kommen der Gottesherrschaft mit seiner Sendung, seinen Heilungen und seiner Praxis. Der Täufer spielt also eine wichtige Rolle für die christologische Karriere des Jesus von Nazaret. Auch wenn das Neue Testament den Ausdruck nicht verwendet: Es ist keinesfalls übertrieben, Johannes als «Lehrer» Jesu anzusprechen. Be-züglich der Frage, wie Jesus glauben lernte, ist er eine Schlüsselfigur.
Aber das Verhältnis Jesu zu seinem Lehrer bleibt nicht ungebrochen. Es kommt zur Trennung; Jesus kehrt aus der Wüste ins fruchtbare Galiläa zurück und legt den Akzent seiner Verkündigung auf Gottes grenzenlose Güte. Nicht die «Axt, die schon an den Baum gelegt ist», sondern das «Senfkorn, aus dem eine grosse Staude wächst», wird zu seinem Bild für das endzeitliche Handeln Gottes. Nach der Hochschätzung des «grössten aller Menschen» heisst es einschränkend: «doch der Kleinste im Reich Gottes ist grösser als er» (Lk 7,28/Mt 11,11). Jesus und Johannes und die Bewegungen, die in ihrem Bannkreis entstehen, verbindet vieles, aber es gibt auch Unterschiede und Konkurrenz. Dass diese auch nach der Auferstehung Jesu weitergeht, belegt zum Beispiel Apg 18,25 (vgl. 19,3f.), wo von Apollos und von Jüngerinnen und Jüngern in Ephesus berichtet wird, die nur die Johannestaufe mit Wasser kennen, aber noch nichts von der Taufe mit dem Geist Jesu gehört haben. Über dieses Nebeneinander zweier prophetischer Erneuerungsbewegungen erfahren wir vor allem durch indirekte Hinweise: Im Auftrag des gefangenen Johannes fragen zwei seiner Jünger «Bist du es, der da kommen soll?» und lassen so ihre Zweifel durchblicken (Lk 7,18ff./Mt 11,2ff.). Im Johannesevangelium wird von paralleler Tauftätigkeit erzählt (Joh 3,22ff.). Und die Tatsache, dass der Täufer es nicht wert sei, «dem, der nach mir kommt, die Sandalen von den Füssen zu lösen» (Apg 10,25), wird so oft betont, dass die damit verbundenen Tendenzen zur Abgrenzung von der Täuferbewegung und zur Unterordnung des Täufers unter Jesus unübersehbar sind.
Das Bild des «Vorläufers», das den Täufer ganz und gar in den Schatten Jesu stellt, ist also zu ergänzen durch das Gegenbild von Lehrer und Schüler und durch die Geschichte eines spannungsreichen Nebeneinanders zweier Gestalten und Bewegungen, die sich zwar nahe stehen, aber unterschiedliche Akzente setzen und auch miteinander rivalisieren. Wenn also die Apostelgeschichte mehrfach auf den Täufer zu sprechen kommt, so geschieht dies nicht nur im historischen Rückblick auf die Anfänge Jesu, sondern auch im Wissen darum, dass es neben der Jesusbewegung auch eine Täuferbewegung gab.

Über den Text hinaus

Dass der Prophet, Lehrer und Konkurrent Jesu, den dieser auch nach ihrer Trennung als Wegebereiter seiner Reich-Gottes-Botschaft hoch schätzte, fast ausschliesslich auf die Gestalt des «Vorläufers» reduziert, und dass das Nebeneinander der beiden Gestalten und Bewegungen so gut wie möglich unsichtbar gemacht wurde, hängt mit dem Wunsch nach christologischer Konzentration zusammen: Alles soll auf Jesus Christus hinweisen ­ neben ihm hat kein anderer Platz. Die Täuferbewegung, die bei aller Kult- und Tempelkritik und bei aller Hochschätzung ihres Propheten eine Erneuerungsbewegung innerhalb des Judentums blieb, wurde zur «Täufersekte», der man unterstellte, sie habe nicht einmal den eigenen Propheten (der doch nur auf Jesus hingewiesen habe), geschweige denn jenen, «der nach ihm kommt», richtig verstanden.
Darüber, wie die «Kirchen-Geschichte» verlaufen wäre, wenn die Unterschiede der beiden Männer(!) nicht zu Trennung, Rivalität und Abwertung geführt hätten, sondern sich auf der Linie der beiden Frauen(!) und Prophetenmütter als Begegnungsgeschichte (Lk 1,39­56) weiterentwickelt hätten, kann nur spekuliert werden. Das vielfach verheerende Muster, die eigene Identität nur um den Preis der Abwertung anderer (Menschen, Re-ligionen, Kulturen...) sichern zu können, hätte sich dann jedenfalls nicht so widerspruchslos als Grundstruktur des Christlichen etablieren können. So gesehen ist es doch bedauerlich, dass Johannes der Täufer nicht ins Credo aufgenommen wurde, zumal auch er ein Bote des endzeitlich handelnden Gottes Israels war, der wie Jesus für sein Glaubens- und Lebenszeugnis einen gewaltsamen Tod starb und an dem viele Frauen und Männer ihre Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit festmachten ­ über seinen Tod hinaus, bis heute.


Er-lesen

Der Lesungstext zum «Hochfest der Geburt Johannes des Täufers» wird zusammen mit dem Tagesevangelium gelesen. Erste Beobachtungen austauschen.

Er-hellen

Apg 13,24f. wird in die verschiedenen Texte der Apg (s.o.) zu Johannes und seiner Taufe eingebettet. Was ergeben sich für Gesichtspunkte, die unser Täuferbild erweitern und korrigieren?

Er-leben

Die Täufergestalt hat eine weit reichende Wirkungsgeschichte: Kunst, Kirchenbauten, Namengebung, Ikonen...Anhand einzelner Beispiele (sehr bekannter, wie z.B dem Bild auf dem Isenheimer Altar, oder auch weniger bekannter aus dem eigenen Umkreis) dem Bild von Johannes möglichst konkret (mit Dias, dem Betrachten eines Altars oder dem Gespräch über die Bedeutung des Namenspatrons usw.) nachgehen. Warum und wie ist die Gestalt bis heute aktuell und wichtig? Welche Aspekte werden ausgeblendet oder verkürzt?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001