24/2001 | |
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Lesejahr C |
Im Gegensatz zu Pontius Pilatus hat er keinen Eingang ins Credo gefunden. Aber die unzähligen ihm geweihten Kirchen, die zahlreichen Trägerinnen und Träger seines Namens sowie die liturgische Hochschätzung (besonders im Advent und am 24. Juni) zeigen, dass die christliche Tradition ein Bewusstsein für die einzigartige Bedeutung Johannes des Täufers bewahrt hat. Das Neue Testament ist in diesem Fall von «Heiligenverehrung» ein gutes Fundament. Sämtliche Evangelienanfänge nehmen auf den Rufer in der Wüste Bezug; um seine Geburt und seinen Tod bilden sich Erzähltraditionen und Legenden, und Jesu Hochachtung für ihn wird ausdrücklich festgehalten: «Unter allen Menschen hat es keinen grösseren gegeben als Johannes den Täufer» (Lk 7,28/Mt 11,11). Aber das Neue Testament liefert nicht nur Bestätigung für die Hochschätzung des Propheten, sondern ergänzt und korrigiert zugleich seine Reduktion auf die Gestalt eines «Vorläufers».
Allein die Tatsache, dass Johannes der Täufer in der Apostelgeschichte
an etlichen Stellen erwähnt wird (1,5.22; 10,37; 11,16; 13,24f.; 18,25;
19,3f.), dürfte vielen Bibelleserinnen und Gottesdienstbesuchern gar
nicht bewusst sein. Mehrfach wird er (wie in den Evangelienanfängen)
gewissermassen als «Grenzfigur» genannt, die den Anfang der
neuen Zeit bzw. der Jesuszeit markiert: Nachfolger des Judas kann nur werden,
wer mit den Aposteln zusammen war, «angefangen von der Taufe durch
Johannes» (1,22). Und auch die Kurzzusammenfassung des Evangeliums
fängt an mit «der Taufe, die Johannes verkündet hat»
(10,37). Johannes gehört also zu den Anfängen Jesu; in seinem
Umfeld entdeckt Jesus seinen prophetischen Auftrag. Mit Johannes verbindet
ihn das «Zäsurbewusstsein» einer neuen Zeit, in der Gott
sich endgültig durchsetzt. Diese neue Zeit erfordert eine radikale
Wende und relativiert alles Bisherige. Mit dem Propheten verbindet ihn aber
auch ein hohes Selbst- und Sendungsbewusstsein. So wie der Täufer die
letzte Chance angesichts des nahen Gerichtes an seine Umkehrtaufe bindet,
verknüpft Jesus das Kommen der Gottesherrschaft mit seiner Sendung,
seinen Heilungen und seiner Praxis. Der Täufer spielt also eine wichtige
Rolle für die christologische Karriere des Jesus von Nazaret. Auch
wenn das Neue Testament den Ausdruck nicht verwendet: Es ist keinesfalls
übertrieben, Johannes als «Lehrer» Jesu anzusprechen. Be-züglich
der Frage, wie Jesus glauben lernte, ist er eine Schlüsselfigur.
Aber das Verhältnis Jesu zu seinem Lehrer bleibt nicht ungebrochen.
Es kommt zur Trennung; Jesus kehrt aus der Wüste ins fruchtbare Galiläa
zurück und legt den Akzent seiner Verkündigung auf Gottes grenzenlose
Güte. Nicht die «Axt, die schon an den Baum gelegt ist»,
sondern das «Senfkorn, aus dem eine grosse Staude wächst»,
wird zu seinem Bild für das endzeitliche Handeln Gottes. Nach der Hochschätzung
des «grössten aller Menschen» heisst es einschränkend:
«doch der Kleinste im Reich Gottes ist grösser als er»
(Lk 7,28/Mt 11,11). Jesus und Johannes und die Bewegungen, die in ihrem
Bannkreis entstehen, verbindet vieles, aber es gibt auch Unterschiede und
Konkurrenz. Dass diese auch nach der Auferstehung Jesu weitergeht, belegt
zum Beispiel Apg 18,25 (vgl. 19,3f.), wo von Apollos und von Jüngerinnen
und Jüngern in Ephesus berichtet wird, die nur die Johannestaufe mit
Wasser kennen, aber noch nichts von der Taufe mit dem Geist Jesu gehört
haben. Über dieses Nebeneinander zweier prophetischer Erneuerungsbewegungen
erfahren wir vor allem durch indirekte Hinweise: Im Auftrag des gefangenen
Johannes fragen zwei seiner Jünger «Bist du es, der da kommen
soll?» und lassen so ihre Zweifel durchblicken (Lk 7,18ff./Mt 11,2ff.).
Im Johannesevangelium wird von paralleler Tauftätigkeit erzählt
(Joh 3,22ff.). Und die Tatsache, dass der Täufer es nicht wert sei,
«dem, der nach mir kommt, die Sandalen von den Füssen zu lösen»
(Apg 10,25), wird so oft betont, dass die damit verbundenen Tendenzen zur
Abgrenzung von der Täuferbewegung und zur Unterordnung des Täufers
unter Jesus unübersehbar sind.
Das Bild des «Vorläufers», das den Täufer ganz und
gar in den Schatten Jesu stellt, ist also zu ergänzen durch das Gegenbild
von Lehrer und Schüler und durch die Geschichte eines spannungsreichen
Nebeneinanders zweier Gestalten und Bewegungen, die sich zwar nahe stehen,
aber unterschiedliche Akzente setzen und auch miteinander rivalisieren.
Wenn also die Apostelgeschichte mehrfach auf den Täufer zu sprechen
kommt, so geschieht dies nicht nur im historischen Rückblick auf die
Anfänge Jesu, sondern auch im Wissen darum, dass es neben der Jesusbewegung
auch eine Täuferbewegung gab.
Dass der Prophet, Lehrer und Konkurrent Jesu, den dieser auch nach ihrer
Trennung als Wegebereiter seiner Reich-Gottes-Botschaft hoch schätzte,
fast ausschliesslich auf die Gestalt des «Vorläufers» reduziert,
und dass das Nebeneinander der beiden Gestalten und Bewegungen so gut wie
möglich unsichtbar gemacht wurde, hängt mit dem Wunsch nach christologischer
Konzentration zusammen: Alles soll auf Jesus Christus hinweisen neben
ihm hat kein anderer Platz. Die Täuferbewegung, die bei aller Kult-
und Tempelkritik und bei aller Hochschätzung ihres Propheten eine Erneuerungsbewegung
innerhalb des Judentums blieb, wurde zur «Täufersekte»,
der man unterstellte, sie habe nicht einmal den eigenen Propheten (der doch
nur auf Jesus hingewiesen habe), geschweige denn jenen, «der nach
ihm kommt», richtig verstanden.
Darüber, wie die «Kirchen-Geschichte» verlaufen wäre,
wenn die Unterschiede der beiden Männer(!) nicht zu Trennung, Rivalität
und Abwertung geführt hätten, sondern sich auf der Linie der beiden
Frauen(!) und Prophetenmütter als Begegnungsgeschichte (Lk 1,3956)
weiterentwickelt hätten, kann nur spekuliert werden. Das vielfach verheerende
Muster, die eigene Identität nur um den Preis der Abwertung anderer
(Menschen, Re-ligionen, Kulturen...) sichern zu können, hätte
sich dann jedenfalls nicht so widerspruchslos als Grundstruktur des Christlichen
etablieren können. So gesehen ist es doch bedauerlich, dass Johannes
der Täufer nicht ins Credo aufgenommen wurde, zumal auch er ein Bote
des endzeitlich handelnden Gottes Israels war, der wie Jesus für sein
Glaubens- und Lebenszeugnis einen gewaltsamen Tod starb und an dem viele
Frauen und Männer ihre Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit festmachten
über seinen Tod hinaus, bis heute.
Der Lesungstext zum «Hochfest der Geburt Johannes des Täufers» wird zusammen mit dem Tagesevangelium gelesen. Erste Beobachtungen austauschen.
Apg 13,24f. wird in die verschiedenen Texte der Apg (s.o.) zu Johannes und seiner Taufe eingebettet. Was ergeben sich für Gesichtspunkte, die unser Täuferbild erweitern und korrigieren?
Die Täufergestalt hat eine weit reichende Wirkungsgeschichte: Kunst, Kirchenbauten, Namengebung, Ikonen...Anhand einzelner Beispiele (sehr bekannter, wie z.B dem Bild auf dem Isenheimer Altar, oder auch weniger bekannter aus dem eigenen Umkreis) dem Bild von Johannes möglichst konkret (mit Dias, dem Betrachten eines Altars oder dem Gespräch über die Bedeutung des Namenspatrons usw.) nachgehen. Warum und wie ist die Gestalt bis heute aktuell und wichtig? Welche Aspekte werden ausgeblendet oder verkürzt?