21/2001 | |
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Lesejahr C |
So wie die Firmung das «Mauerblümchen» unter den Sakramenten ist, kann auch Pfingsten als «Mauerblümchen» unter den grossen Festen des Kirchenjahres bezeichnet werden. Die Gründe sind nicht nur im (erhofften) frühsommerlichen Ausflugs- und Reisewetter zu suchen. Der Geist Gottes, in Martin Bubers Bibelübersetzung oft als «Geistbraus» bezeichnet, spielt in der Frömmigkeit und im Glaubensbewusstsein der grossen, etablierten Kirchen keine wichtige Rolle. Mangel an Begeisterung wird zwar oft beklagt, aber wer von Erfahrungen des Heiligen Geistes spricht, wird bald einmal verdächtigt, religiös «überhitzt» zu sein. Für ein grosses und lebendiges Fest des Geistbrauses sind das keine idealen Voraussetzungen.
Pfingstdarstellungen zeigen zumeist die Schar der Jünger und Nachfolgerinnen
Jesu, auf deren Köpfen sich Feuerzungen niederlassen. Und Pfingstpredigten
heben sehr oft auf das Wunder der Sprache und der Verständigung ab:
Sprachgrenzen werden überwunden, Jüdinnen und Juden aus aller
Welt hören die Jesusbotinnen und Jesusboten in ihrer Sprache reden,
was zweifellos als Vorwegnahme der weltweiten Ausbreitung des Evangeliums
bei «Juden und Heiden» zu verstehen ist.
Diese Motive der Feuerzungen und der Verständigung sind in jüdischen
Traditionen mit der Stimme Gottes am Sinai verknüpft, welche die Tora
offenbart und genau darum geht es am jüdischen Pfingstfest. Philo
von Alexandrien, ein jüdischer Philosoph und Zeitgenosse Jesu, sagt
von der Stimme Gottes am Sinai: «Sie gestaltete die Luft und spannte
sie aus und verwandelte sie in flammengestaltiges Feuer...Damals ertönte
nämlich vom Himmel herab Trompetenschall, der mit Recht bestimmt war,
bis ans Ende der Welt zu dringen, damit auch die Nichtanwesenden und sozusagen
am Weltende Wohnenden durch den Vorgang erschreckt und aufmerksam gemacht
würden.» Und Rabbi Jochanan (250290 n. Chr.) kommentiert:
«Die Stimme ging aus und teilte sich in 70 Stimmen nach den 70 Sprachen,
damit alle Nationen sie vernehmen sollten. Jede Nation hörte die Stimme
in der Sprache ihrer Nation.»
Weniger Beachtung findet in der Regel das erste Bild für das Wirken
des Geistes: «Ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt»
(V. 2). Dieses «Getöse» (V. 6) führt dazu, dass die
Menge «bestürzt» zusammenströmt. Dieser stürmische,
erschütternde, beunruhigende und unkontrollierbare Zug des Gottesgeistes
steht in Spannung mit oft harmonischen und verständigungsorientierten
Vorstellungen von Pfingsten. Aber im Text der Apg geht diese Erscheinungsform
und Wirkweise des Geistes den anderen voraus. Auch der Abschluss des Pfingstberichtes
(2,12f., fehlt im Lektionar) nimmt dieses Element des Unkontrollierbaren
und Chaotischen auf: Die vom Geist Ergriffenen geraten «ausser sich»,
die Zuschauerinnen und Zuschauer sind teils ratlos, andere spotten: «Sie
sind vom süssen Wein betrunken.»
Dass der Geist «weht, wo er will» und dass dieses «Wehen»
durchaus nicht immer ein sanftes Säuseln ist, sondern stürmisch
erfahren werden kann, passt weder zu landläufigen Vorstellungen von
Gott und seinem Handeln noch zu unserer Vorstellung von Kirche. Und doch:
Die Geburt der Kirche ist in der Darstellung der Apg stürmisch verlaufen.
Die Erschütterung ist die Voraussetzung der persönlichen Erfahrung
des Geistes (im Bild der Feuerzungen) wie auch der neuen, überraschenden
Kommunikation unterschiedlichster Menschen (im Bild des Sprachenwunders).
Für eine Kirche, die das Leben, Denken und Handeln der Gläubigen
gern in geordnete Bahnen lenkt, aber auch für Menschen, die in dieser
Kirche gern ihre Ruhe haben, ist zu viel «Geistbraus» gefährlich
und Erschütterung unerwünscht. So gesehen ist die Vernachlässigung
des Pfingstfestes und der Theologie des Heiligen Geistes durchaus verständlich.
Aber der Preis von Ruhe und Ordnung ist hoch, denn die beunruhigende Erfahrung
von Sturm und Brausen ist lebensnotwendig.
Zum Umgang mit diesen chaotischen und subversiven Erfahrungen des Geistes
gibt es im Neuen Testament zwei gegensätzliche Empfehlungen: Die Korinther
werden zu Rücksicht und Aufbau der Gemeinde angehalten und vor den
Gefahren einer überbordenden und zerstörerischen Vielfalt von
«Ausbrüchen des Geistes» gewarnt (1 Kor 1214). Die
Thessalonicher dagegen ermutigt Paulus: «Löscht den Geist nicht
aus!» (1 Thess 5,19). Es gibt also nicht nur die Gefahr der Überhitzung
und der Übertreibung, sondern auch jene der Unterkühlung und Erstarrung.
In unserer Kirchensituation (und angesichts unserer doch eher zurückhaltenden
Mentalität) ist Angst vor zu viel Geistbraus kaum angezeigt. Deshalb
ist es wichtig, im Pfingstbericht der Apg das Augenmerk nicht nur auf Feuerzungen
und Sprachenwunder zu richten, sondern auch auf das von Gott her kommende
«Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt».
Mit einem anderen Bild für das Wirken des Geistes sagt es Kurt Marti:
Heiliger Geist?
Kein römischer Brunnen,
wo Wasser sich
über Stufen und Schalen
hierarchisch
von oben nach unten
ergiessen.Heiliger Geist:
Quellen,
aufstossend, aufbrechend
von unten
(an der Basis, ja!)
unauffällig, heimlich zunächst,
erzwingbar nie....Aufsprudelt der Geist,
wo und auch wie er will
und hält sich nicht
an Amt und Struktur
dabeisein ist alles.
Daniel Kosch
K. Marti, Die gesellige Gottheit. Ein Diskurs, Stutt-gart 1989, 71f.
Die Anwesenden sind eingeladen, den Text in ihrer Muttersprache (oder in Sprachen, die sie kennen) mitzubringen und vorzulesen.
Mit zwei Farben wird in Zweierarbeit hervorgehoben: Rot: Wo/Wie ist von
den Erfahrungen des Geistes die Rede? Blau: Wo/Wie ist die Rede von dem,
was der Geist bei den Menschen auslöst?
Ausgehend von dieser Textbeobachtung ist zu klären: Was für eine
Vorstellung vom Wirken und von den Wirkungen des Geistes enthält Apg
2,111 (bzw. 13)?
Wo gibt es in meinem Leben / in der Geschichte / in der Kirche Erfahrungen von Sturm, von «Getöse» und unkontrollierbaren Erschütterungen, in denen (oft nachträglich) das Wirken des «Geistbrauses» spürbar wurde, der entflammt und neue Verständigungsprozesse in Gang setzt? Erinnerungsarbeit, Gespräch, kreative Arbeit zu diesem Thema.