20/2001

INHALT

Lesejahr C

Der offene Himmel

Daniel Kosch zu Apg 7,55-60

 

Auf den Text zu

Dass Menschen wegen ihres Bekenntnisses zu Jesus umgebracht werden, ist für die meisten Christinnen und Christen in der Schweiz nicht mit eigenen Erfahrungen verbunden. Wir kennen zwar Schicksale wie jene von Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King oder Oscar Arnulfo Romero. Und wir wissen darum, dass es viele namenlose oder weniger bekannte Frauen und Männer gibt, die für ihr christliches Engagement ihr Leben aufs Spiel gesetzt und auch verloren haben. Immer wieder werden wir auch mit Racheakten und Gewaltverbrechen konfrontiert, die Menschen ­ oft gegen ihren Willen ­ zu Märtyrern macht (im Zusammenhang mit dem Martyrium des Stephanus besonders auffällig z.B. die Steinigung zweier junger Israelis).
Aber eine im Alltag verwurzelte «Theologie des Martyriums» kennen wir nicht. Im Gegenteil: Die Assoziationen sind meist eher negativ. Wir denken an Fanatismus, an Opferseelen oder an die lebensfeindlichen Folgen einer Leidens- und Kreuzestheologie. Aus dem Glauben leben ­ das klingt sympathisch. Für den Glauben sterben ­ das klingt fremd und abschreckend. Zur Erzählung vom Martyrium des Stephanus Zugang zu finden, ist daher nicht ganz einfach.

Mit dem Text unterwegs

Die Gestalt des Stephanus begegnet uns zuerst in Apg 6,1­7. Er gehört zur Gruppe der Sieben, die im hellenistischen Kreis der Jerusalemer Urgemeinde Leitungsverantwortung übernehmen. Die Apg schildert ihn als Menschen mit charismatischer Ausstrahlung, prophetischer Kraft und rhetorischen Fähigkeiten. Seine Kritik an Tempel- und Torafrömmigkeit führt dazu, dass er verleumdet wird. Die Agitation gegen ihn mündet in einer Festnahme. Ob seine Steinigung eine Art «Lynchjustiz» einer aufgebrachten Menge oder die Folge eines «kurzen Prozesses» ist, wird nicht ganz klar. Auch die Konfliktlage ist nicht eindeutig: Einerseits ist die Rede von falschen Zeugen, anderseits ist die Kritik des Stephanus am Tempel «von Menschenhand» und am Gesetz, das Israel «von Engeln empfangen» hat, so massiv, dass F. Mussner schreibt: «Theologisch und geschichtlich begründeter ÐAntijudaismusð!»<1> Solche Kombinationen von Volkszorn und einer Justiz, die diesen Namen nicht verdient, von kritischer Auseinandersetzung mit den herrschenden Verhältnissen und einer polemischen und verleumderischen Darstellung dieser Kritik durch die angegriffenen Vertreter der geltenden Ordnung gehören zum Klima der Gewalt, in dem Märtyrerinnen und Märtyrer geschaffen werden.
Die der Steinigung vorausgehende Rede des Stephanus (7,2­53) hat die Hörerinnen und Hörer «aufs Äusserste empört», so dass sie «mit den Zähnen knirschten» (7,54). Aber erst sein Bekenntnisruf nach einer Vision: «Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen» (7,56), führt zur Steinigung. Diese schildert Lukas mit deutlichen Anklängen an die Erzählung über den Prozess und die Hinrichtung Jesu.
Die Vision vom offenen Himmel als dem wahren «Ort» Gottes und von Jesus als «second power in heaven» erzürnt die Hörerinnen und Hörer deshalb, weil sie als Gegenbild zum Tempel als «Ort» der Gegenwart Gottes erscheint. Dass die entscheidende Bedeutung des Tempels als Ort der Gottesbegegnung in Frage gestellt wird, empfinden sie als Bedrohung der religiösen Identität. Zudem werden die religiösen Tempelautoritäten, aber auch die wirtschaftliche und soziale Bedeutung von Tempel, Wallfahrt und Opferkult in Frage gestellt. Und weil viele (auch ärmere) Menschen in Jerusalem vom Tempelbetrieb leben, empfinden sie die «Religionskritik» auch als existenzbedrohend.
Im Zentrum der Auseinandersetzung aber steht folgende Frage: Ist der biblische Gott ein Gott des «offenen Himmels», der mit den suchenden und leidenden Menschen unterwegs ist, wie zu Zeiten des Exodus? Oder ist er auf einen «heiligen Ort» fixiert? Will dieser Gott in einem mobilen «Zelt» oder in einem festen «Haus» verehrt werden? Dieser Konflikt ist fundamental und wird schon innerhalb des Ersten Testaments vielerorts greifbar, zum Beispiel in der Kultkritik der Propheten oder in der Spannung zwischen der alle Geschöpfe umfassenden kreativen Güte Gottes und der Erwählung Israels als Werkzeug seines Befreiungshandelns. Auch das Christentum ist von Anbeginn von diesem Konflikt geprägt: im Widerstand gegen Jesu von Gottes grenzenloser Güte geprägten Praxis der Zuwendung zu den Menschen am Rand. Und im Konflikt um die Zulassungsbedingungen zur christlichen Gemeinde: Wie offen und geschwisterlich soll sie sein?
Dass Stephanus für den Gott des offenen Himmels eintritt, macht ihn gefährlich. Die Offenheit, die Beweglichkeit und die grenzenlose Güte dieses Gottes ermutigen zum Auszug aus dem Bestehenden, angefangen mit Abraham über Mose und die Propheten zu Jesus und darüber hinaus. Diese Gottesverkündigung verunsichert, überwindet Grenzen, destabilisiert Machtverhältnisse und ruft damit jene auf den Plan, die von Sicherheit, Macht und fest gebauten Gotteshäusern profitieren.

Über den Text hinaus

Wenn für die Kirchen in unseren Breitengraden das Martyrium kein virulentes Thema ist und eher «gemischte Gefühle» hervorruft, kann das unterschiedliche Gründe haben.
Es kann sein, dass unsere Gesellschaft so offen, demokratisch und pluralismusfähig ist, dass die «Vision des offenen Himmels» sie nicht zu reaktionärer Gewalt provoziert. Das hiesse: Frauen und Männer in der Nachfolge des Stephanus dürfen in Gesellschaft und Kirche offen und frei von Gottes Güte sprechen, ohne gesteinigt oder auf «elegantere» Art zum Schweigen gebracht zu werden.
Denkbar ist aber auch, dass die «Vision vom offenen Himmel» in den Kirchen und von den Kirchen bei uns so diskret, harmlos, langweilig und kompromissbereit verkündet wird, dass sie ausserhalb der Kirche gar nicht mehr als gefährlich wahrgenommen wird. Dann wäre nicht die Gesellschaft offener, sondern die Kirche hätte sich zu sehr im Bestehenden eingerichtet und neue Tempel gebaut, statt auf den Gott vertraut, der unter dem offenen Himmel mit den Menschen unterwegs ist.


Anmerkung

1 F. Mussner, Apostelgeschichte, (NEB 5), Würzburg 31995, 46.


Er-lesen

Um den Zusammenhang zu erfassen, wird der gesamte Abschnitt über die Hellenisten und Stephanus (Apg 6,1­8,3) gelesen. Auftrag an Zweiergruppen: die Textabschnitte mit prägnanten Zwischenüberschriften versehen.

Er-hellen

Die Parallelen zwischen dem Martyrium des Stephanus und dem Prozess/Kreuzestod Jesu herausarbeiten, vgl. die Stellenverweise in den Bibelausgaben.

Er-leben

Von Friedrich Dürrenmatt stammt die beunruhigende Formulierung: «Der Glaube bringt Märtyrer und Schlächter hervor.» Dieser Satz ­ und allenfalls der vorliegende Artikel ­ können Ausgangspunkt für eine alltags- und erfahrungsbezogene «Theologie des Martyriums» sein, die auch die Gefahren und düsteren Kehrseiten von Martyriums-Frömmigkeit beleuchtet.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001