20/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Dass Menschen wegen ihres Bekenntnisses zu Jesus umgebracht werden, ist
für die meisten Christinnen und Christen in der Schweiz nicht mit eigenen
Erfahrungen verbunden. Wir kennen zwar Schicksale wie jene von Dietrich
Bonhoeffer, Martin Luther King oder Oscar Arnulfo Romero. Und wir wissen
darum, dass es viele namenlose oder weniger bekannte Frauen und Männer
gibt, die für ihr christliches Engagement ihr Leben aufs Spiel gesetzt
und auch verloren haben. Immer wieder werden wir auch mit Racheakten und
Gewaltverbrechen konfrontiert, die Menschen oft gegen ihren Willen
zu Märtyrern macht (im Zusammenhang mit dem Martyrium des Stephanus
besonders auffällig z.B. die Steinigung zweier junger Israelis).
Aber eine im Alltag verwurzelte «Theologie des Martyriums» kennen
wir nicht. Im Gegenteil: Die Assoziationen sind meist eher negativ. Wir
denken an Fanatismus, an Opferseelen oder an die lebensfeindlichen Folgen
einer Leidens- und Kreuzestheologie. Aus dem Glauben leben das klingt
sympathisch. Für den Glauben sterben das klingt fremd und abschreckend.
Zur Erzählung vom Martyrium des Stephanus Zugang zu finden, ist daher
nicht ganz einfach.
Die Gestalt des Stephanus begegnet uns zuerst in Apg 6,17. Er gehört
zur Gruppe der Sieben, die im hellenistischen Kreis der Jerusalemer Urgemeinde
Leitungsverantwortung übernehmen. Die Apg schildert ihn als Menschen
mit charismatischer Ausstrahlung, prophetischer Kraft und rhetorischen Fähigkeiten.
Seine Kritik an Tempel- und Torafrömmigkeit führt dazu, dass er
verleumdet wird. Die Agitation gegen ihn mündet in einer Festnahme.
Ob seine Steinigung eine Art «Lynchjustiz» einer aufgebrachten
Menge oder die Folge eines «kurzen Prozesses» ist, wird nicht
ganz klar. Auch die Konfliktlage ist nicht eindeutig: Einerseits ist die
Rede von falschen Zeugen, anderseits ist die Kritik des Stephanus am Tempel
«von Menschenhand» und am Gesetz, das Israel «von Engeln
empfangen» hat, so massiv, dass F. Mussner schreibt: «Theologisch
und geschichtlich begründeter ÐAntijudaismusð!»<1> Solche Kombinationen von Volkszorn und einer
Justiz, die diesen Namen nicht verdient, von kritischer Auseinandersetzung
mit den herrschenden Verhältnissen und einer polemischen und verleumderischen
Darstellung dieser Kritik durch die angegriffenen Vertreter der geltenden
Ordnung gehören zum Klima der Gewalt, in dem Märtyrerinnen und
Märtyrer geschaffen werden.
Die der Steinigung vorausgehende Rede des Stephanus (7,253) hat die
Hörerinnen und Hörer «aufs Äusserste empört»,
so dass sie «mit den Zähnen knirschten» (7,54). Aber erst
sein Bekenntnisruf nach einer Vision: «Ich sehe den Himmel offen und
den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen» (7,56), führt zur
Steinigung. Diese schildert Lukas mit deutlichen Anklängen an die Erzählung
über den Prozess und die Hinrichtung Jesu.
Die Vision vom offenen Himmel als dem wahren «Ort» Gottes und
von Jesus als «second power in heaven» erzürnt die Hörerinnen
und Hörer deshalb, weil sie als Gegenbild zum Tempel als «Ort»
der Gegenwart Gottes erscheint. Dass die entscheidende Bedeutung des Tempels
als Ort der Gottesbegegnung in Frage gestellt wird, empfinden sie als Bedrohung
der religiösen Identität. Zudem werden die religiösen Tempelautoritäten,
aber auch die wirtschaftliche und soziale Bedeutung von Tempel, Wallfahrt
und Opferkult in Frage gestellt. Und weil viele (auch ärmere) Menschen
in Jerusalem vom Tempelbetrieb leben, empfinden sie die «Religionskritik»
auch als existenzbedrohend.
Im Zentrum der Auseinandersetzung aber steht folgende Frage: Ist der biblische
Gott ein Gott des «offenen Himmels», der mit den suchenden und
leidenden Menschen unterwegs ist, wie zu Zeiten des Exodus? Oder ist er
auf einen «heiligen Ort» fixiert? Will dieser Gott in einem
mobilen «Zelt» oder in einem festen «Haus» verehrt
werden? Dieser Konflikt ist fundamental und wird schon innerhalb des Ersten
Testaments vielerorts greifbar, zum Beispiel in der Kultkritik der Propheten
oder in der Spannung zwischen der alle Geschöpfe umfassenden kreativen
Güte Gottes und der Erwählung Israels als Werkzeug seines Befreiungshandelns.
Auch das Christentum ist von Anbeginn von diesem Konflikt geprägt:
im Widerstand gegen Jesu von Gottes grenzenloser Güte geprägten
Praxis der Zuwendung zu den Menschen am Rand. Und im Konflikt um die Zulassungsbedingungen
zur christlichen Gemeinde: Wie offen und geschwisterlich soll sie sein?
Dass Stephanus für den Gott des offenen Himmels eintritt, macht ihn
gefährlich. Die Offenheit, die Beweglichkeit und die grenzenlose Güte
dieses Gottes ermutigen zum Auszug aus dem Bestehenden, angefangen mit Abraham
über Mose und die Propheten zu Jesus und darüber hinaus. Diese
Gottesverkündigung verunsichert, überwindet Grenzen, destabilisiert
Machtverhältnisse und ruft damit jene auf den Plan, die von Sicherheit,
Macht und fest gebauten Gotteshäusern profitieren.
Wenn für die Kirchen in unseren Breitengraden das Martyrium kein
virulentes Thema ist und eher «gemischte Gefühle» hervorruft,
kann das unterschiedliche Gründe haben.
Es kann sein, dass unsere Gesellschaft so offen, demokratisch und pluralismusfähig
ist, dass die «Vision des offenen Himmels» sie nicht zu reaktionärer
Gewalt provoziert. Das hiesse: Frauen und Männer in der Nachfolge des
Stephanus dürfen in Gesellschaft und Kirche offen und frei von Gottes
Güte sprechen, ohne gesteinigt oder auf «elegantere» Art
zum Schweigen gebracht zu werden.
Denkbar ist aber auch, dass die «Vision vom offenen Himmel»
in den Kirchen und von den Kirchen bei uns so diskret, harmlos, langweilig
und kompromissbereit verkündet wird, dass sie ausserhalb der Kirche
gar nicht mehr als gefährlich wahrgenommen wird. Dann wäre nicht
die Gesellschaft offener, sondern die Kirche hätte sich zu sehr im
Bestehenden eingerichtet und neue Tempel gebaut, statt auf den Gott vertraut,
der unter dem offenen Himmel mit den Menschen unterwegs ist.
1 F. Mussner, Apostelgeschichte, (NEB 5), Würzburg 31995, 46.
Um den Zusammenhang zu erfassen, wird der gesamte Abschnitt über die Hellenisten und Stephanus (Apg 6,18,3) gelesen. Auftrag an Zweiergruppen: die Textabschnitte mit prägnanten Zwischenüberschriften versehen.
Die Parallelen zwischen dem Martyrium des Stephanus und dem Prozess/Kreuzestod Jesu herausarbeiten, vgl. die Stellenverweise in den Bibelausgaben.
Von Friedrich Dürrenmatt stammt die beunruhigende Formulierung: «Der Glaube bringt Märtyrer und Schlächter hervor.» Dieser Satz und allenfalls der vorliegende Artikel können Ausgangspunkt für eine alltags- und erfahrungsbezogene «Theologie des Martyriums» sein, die auch die Gefahren und düsteren Kehrseiten von Martyriums-Frömmigkeit beleuchtet.