18/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Beim ersten Lesen des Textes habe ich mich gefragt: Was soll so eine
Lesung? Natürlich, Lukas muss aus erzählerischen Gründen
die erste Missionsreise zu Ende und Paulus samt Barnabas wieder nach Antiochien
bringen, damit sie von dort aus nach Jerusalem zum Apostelkonvent aufbrechen
können, auf dass dort «den Heiden die Tür zum Glauben geöffnet»
(14,27) und damit Gottes Handeln auch von den Autoritäten der werdenden
Kirche ratifiziert wird. Aber so einen Übergangstext zur Sonntagslesung
zu machen, schien mir zunächst nicht besonders interessant.
Die zweite Lektüre dann liess mich entdecken, dass der Abschnitt sehr
viele «grosse Wörter» und «theologische Themen»
enthält: Mut, Treue, Glauben, Drangsal, Reich Gottes, Gemeinde, Fasten,
Gebet, Herr, Wort, Gnade ... Für biblisch und kirchlich geprägte
Hörerinnen und Hörer gehören solche Ausdrücke gewissermassen
zum «Repertoire», zum «Jargon» pastoraler Verkündigung.
Aber für die Apostelgeschichte sind sie zweifellos mehr: weder hohle
noch abgedroschene Formeln, sondern gefüllte Begriffe, hinter denen
Erfahrungen, Geschichten und grössere Zusammenhänge stehen.
Beim Lesen dieses (und anderer) Textes ist es deshalb wichtig, das zu tun,
was Hilde Domin für das Allerwelts-Wort «Freiheit» beabsichtigt:
«Freiheit / ich will dich / aufrauhen mit Schmirgelpapier / du geleckte
... / Dich / und andere / Worte möchte ich mit Glassplittern spicken
/ dass man dich schwer auf die Zunge nimmt».
All die theologisch bedeutsamen Wörter «aufzurauhen»
bzw. mit Inhalt zu füllen, ist hier nicht möglich. Schon um das
Profil eines Begriffes wie «Drangsal» herauszuarbeiten, müsste
man erzählen können von den Schwierigkeiten, mit denen die Gemeinden
und die Missionarinnen und Missionare konfrontiert waren: Verdächtigung
und Verleumdung durch Teile der Gesellschaft, die diesen «neuen Weg»
und die entstehenden Gruppen für gefährlich halten, innergemeindliche
Konflikte und Streitigkeiten um die Frage, wer denn nun zur Gemeinde zugelassen
wird und unter welchen Bedingungen. Zu erzählen wäre ferner von
den Strapazen der Jesusbotinnen und -boten auf Reisen und von anderen körperlichen
Leiden. Von dieser Beschwerlichkeit des «neuen Weges», von Widerständen
und Konflikten, die er mit sich bringt, war schon im Lukasevangelium die
Rede, z.B. unter dem Stichwort «Kreuz tragen», und auch die
vorangehenden Kapitel der Apostelgeschichte sind reich an Beispielen: Gefangennahmen,
Verhöre, Streit um Geld und um Kompetenzen in der Gemeinde, ja sogar
Verurteilungen zum Tod aufgrund des Glaubens werden berichtet.
All dies ist mitzuhören und im Hinterkopf zu behalten, wenn es heisst:
«Durch viele Drangsale müssen wir in das Reich Gottes gelangen».
Da wird keine «Allerweltsweisheit» im Sinn des lateinischen
Sprichwortes «per aspera ad astra» oder der pädagogischen
Wendung «ohne Fleiss kein Preis» verkündet. Das gilt auch
für die Verheissung des «Reiches Gottes». Lukas denkt nicht
bloss an ein «besseres Jenseits», wie manche Kommentare vermuten.
Bei der Erwähnung dieses Lieblingswortes Jesu schwingen all seine Gleichnisse
mit: vom Festmahl, zu dem alle eingeladen sind; von der Tischordnung, ohne
gute und schlechte Plätze; von der Senfstaude, in der die Vögel
nisten. Und das Wort erinnert an die Seligpreisung der Armen und an die
von den bösen Geistern Befreiten, die dieses «Reich Gottes»
schon hier und jetzt erfahren «mitten unter euch» (Lk 17,20f.).
Dass die Verheissung des Reiches Gottes nicht nur zur Zeit Jesu, sondern
auch in der Zeit der Kirche mit konkreten gegenwärtigen Erfahrungen
verknüpft ist, deutet auch der Lesungstext selbst an. Dem «Gelangen
in das Reich Gottes» entspricht am Ende des Textes das Bild von der
«geöffneten Tür» für die Heiden: Dort, wo Frauen
und Männer unabhängig von religiöser Herkunft und Frömmigkeit
die Erfahrung der Glaubensgemeinschaft in der Gemeinde machen, die alles
gemeinsam hat, miteinander betet und Brot teilt (vgl. Apg 2,42 u.ö.),
ist «Reich Gottes» bereits anfanghaft erfahrbar, auch wenn diese
Erfahrung stets fragmentarisch und angefochten bleibt, erstritten und auch
erlitten werden muss.
Dieses Ineinander von göttlichem und menschlichem Handeln, von Gnade
und Einsatz, kommt in den Blick, wenn Paulus und Barnabas der Gemeinde von
dem berichten, «was Gott mit ihnen zusammen getan» hat (14,27).
Das wäre ein theologisches Konzept, das mit Erzählungen und Erfahrungen
aus der Apostelgeschichte, aus der Geschichte der Kirchen und der Gemeinden
bis zum heutigen Tag «aufgerauht» werden müsste, damit
wir seine Bedeutung besser erfassen und weniger leicht über einen vordergründig
wenig aussagekräftigen Text hinweglesen. Unter dem Titel «Gottes
Taten gehen weiter» hat Gerhard Lohfink schon vor Jahren darauf aufmerksam
gemacht, dass das Erzählen von den Taten Gottes in den Gemeinden eine
theologische Notwendigkeit ist nicht nur damals, sondern bis heute:
«Wo diese geschichtstheologische Grundstruktur realisiert wird, entsteht
eine neue Art von Gemeinde oder besser: dort wird Kirche wieder neutestamentlich.
Sie lebt dann im einmütigen Lobpreis Gottes, weil sie in ihren Versammlungen
das je neue und doch stets eine Geschichtshandeln Gottes an sich erfährt
und erzählt.»<1>
Was geschieht, wenn wir bei den Worten verweilen und ihnen auf den Grund gehen, sie mit anderen Texten oder auch mit eigenen Erfahrungen verknüpfen, bringt Hilde Domin in einem anderen Gedicht zur Sprache, das vom niemals an sein Ende kommenden Prozess des Hörens auf das Wort (nicht nur, aber auch jenes der Bibel) handelt:
Worte sind reife Granatäpfel,
sie fallen zur Erde
und öffnen sich.
Er wird alles Innre nach aussen gekehrt,
die Frucht stellt ihr Geheimnis bloss
und zeigt ihren Samen,
ein neues Geheimnis.
1 G. Lohfink, Gottes Taten gehen weiter, Freiburg 1984, 42. Quellen: H. Domin, Gesammelte Gedichte, Frankfurt 1987; Dies., Der Baum blüht trotzdem, Frankfurt 1999.
Einführend wird auf die Gefahr des «Darüberhinweg-Lesens» aufmerksam gemacht. Jemand liest den Text ganz langsam vor. Sobald ein Wort fällt, das bei einer der anwesenden Personen einen Gedanken, eine (biblische) Assoziation, eine Erinnerung auslöst, sagt diese «Stopp» und erzählt, was ihr eingefallen ist. Dann geht die Lektüre bis zum nächsten «Stopp» weiter.
Der Text wird nochmals im Zusammenhang gelesen. Gemeinsam erarbeiten die Teilnehmenden, was wir über das Leben in den damaligen Gemeinden erfahren.
Mit Hilfe des Bildes vom «Aufrauhen der Wörter» werden die Teilnehmenden eingeladen, darüber ins Gespräch zu kommen, mit welchen religiösen «glatten» Wörtern sie diese Erfahrung schon gemacht haben, dass diese plötzlich «aufgerauht» und dadurch auf neue Art bedeutsam wurden. Mit welchen Erfahrungen von «Drangsal» oder auch von «Reich Gottes» waren und sind solche Prozesse des Suchens und Findens eigener religiöser Sprache verbunden?