17/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Die Lesung bildet den Abschluss der Erzählung über das Wirken von Barnabas und Paulus in Antiochia in Pisidien, einer Stadt mit einem grossen jüdischen Bevölkerungsanteil im Gebiet der heutigen Türkei. Der beibehaltene Einleitungsvers (13,14) deutet die Verlegenheit an, in der man sich bei der Textabgrenzung befindet: Vom Bibeltext her wäre es sinnvoll, Apg 13,1452 integral zu lesen aber ein Text dieser Länge sprengt den üblichen liturgischen Rahmen. Möglich wäre immerhin Folgendes: Der Text wird nach einer kurzen Einführung mit Unterbrüchen von verschiedenen Stimmen ganz gelesen dafür wird auf weitere Lesungen verzichtet.
F. Mussner leitet seinen Kommentar zu Apg 13,1452 so ein: «Man
könnte diesen Abschnitt als die Mitte der Apg bezeichnen. Denn hier
kommt programmatisch jener Grund zur Sprache und zwar durch den Mund
des Paulus! , der die Kirche für immer von Israel trennt und sie,
missionsgeschichtlich gesehen, zur Heidenkirche werden liess. Der Grund
ist das christologische und soteriologische Kerygma (3739), das die
Juden nicht anzunehmen gewillt sind. Deshalb liegt hier eine bleibend gültige
Szene vor.»<1>
Diesen Übergang zur Heidenmission schildert der Text insgesamt differenzierter,
als es der Schluss erkennen lässt: Barnabas und Paulus gehen am Sabbat
in die Synagoge. Wie es Brauch ist, werden sie als Gäste eingeladen,
«ein Wort des Trostes für das Volk» zu sprechen (14f.).
Paulus richtet sich an «die Israeliten und Gottesfürchtigen»,
also an die jüdischen Menschen und jene, die als Sympathisantinnen
und Sympathisanten im Umfeld der Synagoge leben.
Seine Predigt verankert die Botschaft, dass Gott «dem Volk Israel,
der Verheissung gemäss, Jesus als Retter geschickt» hat (23),
in der Geschichte seit dem Exodus. Die «werbende Missionsrede ...
entlastet die Juden vom ÐMessiasmordð» und macht sie zu «unwissenden
Werkzeugen des verborgenen und doch in der Schrift geheimnisvoll angesagten
Ratschlusses Gottes» (aaO. 80f.). Die Auferweckung Jesu macht Gottes
Heil über die Grenzen Israels hinaus allen zugänglich: «Durch
ihn wird jeder, der glaubt, gerecht gemacht» (39).
Die erste Reaktion vieler Zuhörerinnen und Zuhörer ist positiv.
Sie schliessen sich den Missionaren an und laden sie ein, ihre Verkündigung
fortzusetzen (42f.).
Am folgenden Sabbat und hier erst setzt der Text des Lektionars an
kommt es zum Konflikt: «Als die Juden die Scharen sahen, wurden
sie eifersüchtig, widersprachen den Worten des Paulus und stiessen
Lästerungen aus» (45). Die Missionare erklären den Anwesenden
und indirekt den Hörern und Leserinnen der Apg den Vorgang
so: «Euch musste das Wort Gottes zuerst verkündet werden. Da
ihr es aber zurückstosst ... wenden wir uns jetzt an die Heiden»
(46). So kommt es zur Spaltung. Es bildet sich eine stattliche heidenchristliche
Gemeinde; aber Jüdinnen und Juden und vornehme Kreise veranlassen eine
Verfolgung. Die Missionare schütteln «den Staub von ihren Füssen»
und ziehen weiter (4851). Der positive Chorschluss bezieht sich auf
die ganze Erzählung, nicht bloss auf den Schlussteil (52).
Die Erzählung bearbeitet zwei fundamentale Probleme der werdenden Kirche.
Erstens galt es, die schwierige historische Erfahrung zu bewältigen,
dass das Bekenntnis zu Jesus als Messias nur von wenigen Jüdinnen und
Juden angenommen wurde und mehrheitlich auf Skepsis und gelegentlich auf
heftige Ablehnung stiess. Zweitens gab es in der Verkündigung des Evangeliums
die Spannung zwischen der Verheissung Gottes an Israel und der universalen
Botschaft: «alle, die glauben, werden gerecht gemacht».
Die von Lukas vorgenommene Kombination von historischer Ablehnungs-Erfahrung
mit der theologischen Spannung zwischen der Erwählung Israels und dem
«Heil für alle» lautet: «Zuerst den Jüdinnen
und Juden jetzt den Heiden». Das bedeutet nicht, dass fortan
das jüdische Volk von Gott «abgeschrieben» wäre oder
die Verkündigung nur noch den Heiden gilt. Das «Zuerst»,
die heilsgeschichtliche Vorrangstellung Israels, bleibt erhalten. Erhalten
bleibt damit auch die Notwendigkeit, sich mit der Ablehnung des Evangeliums
durch Mitglieder des Volkes Israel auseinander zu setzen. Der Fortgang der
Apostelgeschichte wird darüber hinaus zeigen: Auch bei den «Heiden»
stösst das Evangelium auf Widerspruch und Widerstand die Botschaft
vom «Heil für alle» wird nicht von allen angenommen. Das
Evangelium von Gottes grenzenloser Güte ist paradoxerweise für
alle ein Ärgernis und Stein des Anstosses.
Angesichts der Tatsache, dass die Kirche das «Zuerst» Israels
oft vergessen und verdrängt hat, bis hin zu tief antijüdischen
Theologien der endgültigen «Verwerfung» Israels, ist es
in der Verkündigung wichtig, in Erzählungen wie der vorliegenden
(anders als die Leseordnung!) die «Verwurzelung» des Evangeliums
in der Geschichte Gottes mit Israel zu betonen (und nicht die Ablehnung).
So könnte das Bewusstsein für die bleibende Angewiesenheit der
Kirche auf Israel in den Gemeinden gestärkt werden.
Darüber hinaus muss heute die Form problematisiert werden, wie die
Botschaft vom «Heil für alle» in der Apg verkündigt
wird. Indem die Apg den Glauben an den auferweckten Gekreuzigten zum Kriterium
des Ausschlusses anderer vom Heil macht, bedroht sie die von Gott
gewollte Andersheit des Judentums und seines Gottesverhältnisses.
Es ist an der Zeit, über dieses im wörtlichen Sinne «exklusive»
Verständnis des universalen Heilswillens Gottes hinauszukommen
nicht nur in Bezug auf das jüdisch-christliche Gespräch: «Die
Christen selbst entdecken heute, dass sie mit den anderen Religionen zusammenleben
müssen und dass sie diese anerkennen müssen, aber nicht so, wie
es in der Vergangenheit üblich war, indem sie sie für ÐTeufelswerkð
halten, sondern für einen Ort, an dem der Geist Gottes wirkt. Überdies
entdeckt der heutige Christ (und die Christin, D.K.), dass andersartige
Erfahrungen nicht auf die eigene Glaubenserfahrung zurückgeführt
werden können, da jene anderen Rhythmen folgen und sich aus anderen
Quellen nähren, die ihren eigenen Wert und ihre eigene Plausibilität
haben.»<2>
1 F. Mussner, Apostelgeschichte (NEB 5), Würz-burg 31995, 79.
2 G. Ruggieri, Die Einheit in der Kirche für die Einheit der Menschen, in: Conc (D) 33 (1997) 423432, 425.
Den gesamten Text (14,1452) lesen die Struktur (Gliederung, Wechsel direkte Rede Erzählung) erfassen eine Form suchen, den Text so vorzulesen, dass man ihm gut folgen kann, zum Beispiel: Abschnitte mit kurzen Pausen, Verteilen auf mehrere Sprecher/Sprecherinnen ... Diese Form soll auch im Gottesdienst zum Zug kommen.
In einem Schema die Beziehungen zwischen den erwähnten und angesprochenen Personen und Gruppen darstellen: Was verändert sich im Laufe der Erzählung? Besonders die Aussagen über die Jüdinnen und Juden ins Auge fassen.
Wenn die Erzählung für uns heute neu zu schreiben wäre: Wer wären die Verkündiger/Verkündigerinnen? Wer die Adressaten/Adressatinnen? Wo könnte, wo müsste nach unserer Auffassung anders argumentiert und reagiert werden? Neuformulierung in Kleingruppen. Etwas mutigere Gruppen können ein szenisches Spiel wagen.