17/2001

INHALT

Lesejahr C

Heil für alle?

Daniel Kosch zu Apg 13,14.43b-52

 

Auf den Text zu

Die Lesung bildet den Abschluss der Erzählung über das Wirken von Barnabas und Paulus in Antiochia in Pisidien, einer Stadt mit einem grossen jüdischen Bevölkerungsanteil im Gebiet der heutigen Türkei. Der beibehaltene Einleitungsvers (13,14) deutet die Verlegenheit an, in der man sich bei der Textabgrenzung befindet: Vom Bibeltext her wäre es sinnvoll, Apg 13,14­52 integral zu lesen ­ aber ein Text dieser Länge sprengt den üblichen liturgischen Rahmen. Möglich wäre immerhin Folgendes: Der Text wird nach einer kurzen Einführung mit Unterbrüchen von verschiedenen Stimmen ganz gelesen ­ dafür wird auf weitere Lesungen verzichtet.

Mit dem Text unterwegs

F. Mussner leitet seinen Kommentar zu Apg 13,14­52 so ein: «Man könnte diesen Abschnitt als die Mitte der Apg bezeichnen. Denn hier kommt programmatisch jener Grund zur Sprache ­ und zwar durch den Mund des Paulus! ­, der die Kirche für immer von Israel trennt und sie, missionsgeschichtlich gesehen, zur Heidenkirche werden liess. Der Grund ist das christologische und soteriologische Kerygma (37­39), das die Juden nicht anzunehmen gewillt sind. Deshalb liegt hier eine bleibend gültige Szene vor.»<1>
Diesen Übergang zur Heidenmission schildert der Text insgesamt differenzierter, als es der Schluss erkennen lässt: Barnabas und Paulus gehen am Sabbat in die Synagoge. Wie es Brauch ist, werden sie als Gäste eingeladen, «ein Wort des Trostes für das Volk» zu sprechen (14f.). Paulus richtet sich an «die Israeliten und Gottesfürchtigen», also an die jüdischen Menschen und jene, die als Sympathisantinnen und Sympathisanten im Umfeld der Synagoge leben.
Seine Predigt verankert die Botschaft, dass Gott «dem Volk Israel, der Verheissung gemäss, Jesus als Retter geschickt» hat (23), in der Geschichte seit dem Exodus. Die «werbende Missionsrede ... entlastet die Juden vom ÐMessiasmordð» und macht sie zu «unwissenden Werkzeugen des verborgenen und doch in der Schrift geheimnisvoll angesagten Ratschlusses Gottes» (aaO. 80f.). Die Auferweckung Jesu macht Gottes Heil über die Grenzen Israels hinaus allen zugänglich: «Durch ihn wird jeder, der glaubt, gerecht gemacht» (39).
Die erste Reaktion vieler Zuhörerinnen und Zuhörer ist positiv. Sie schliessen sich den Missionaren an und laden sie ein, ihre Verkündigung fortzusetzen (42f.).
Am folgenden Sabbat ­ und hier erst setzt der Text des Lektionars an ­ kommt es zum Konflikt: «Als die Juden die Scharen sahen, wurden sie eifersüchtig, widersprachen den Worten des Paulus und stiessen Lästerungen aus» (45). Die Missionare erklären den Anwesenden ­ und indirekt den Hörern und Leserinnen der Apg ­ den Vorgang so: «Euch musste das Wort Gottes zuerst verkündet werden. Da ihr es aber zurückstosst ... wenden wir uns jetzt an die Heiden» (46). So kommt es zur Spaltung. Es bildet sich eine stattliche heidenchristliche Gemeinde; aber Jüdinnen und Juden und vornehme Kreise veranlassen eine Verfolgung. Die Missionare schütteln «den Staub von ihren Füssen» und ziehen weiter (48­51). Der positive Chorschluss bezieht sich auf die ganze Erzählung, nicht bloss auf den Schlussteil (52).
Die Erzählung bearbeitet zwei fundamentale Probleme der werdenden Kirche. Erstens galt es, die schwierige historische Erfahrung zu bewältigen, dass das Bekenntnis zu Jesus als Messias nur von wenigen Jüdinnen und Juden angenommen wurde und mehrheitlich auf Skepsis und gelegentlich auf heftige Ablehnung stiess. Zweitens gab es in der Verkündigung des Evangeliums die Spannung zwischen der Verheissung Gottes an Israel und der universalen Botschaft: «alle, die glauben, werden gerecht gemacht».
Die von Lukas vorgenommene Kombination von historischer Ablehnungs-Erfahrung mit der theologischen Spannung zwischen der Erwählung Israels und dem «Heil für alle» lautet: «Zuerst den Jüdinnen und Juden ­ jetzt den Heiden». Das bedeutet nicht, dass fortan das jüdische Volk von Gott «abgeschrieben» wäre oder die Verkündigung nur noch den Heiden gilt. Das «Zuerst», die heilsgeschichtliche Vorrangstellung Israels, bleibt erhalten. Erhalten bleibt damit auch die Notwendigkeit, sich mit der Ablehnung des Evangeliums durch Mitglieder des Volkes Israel auseinander zu setzen. Der Fortgang der Apostelgeschichte wird darüber hinaus zeigen: Auch bei den «Heiden» stösst das Evangelium auf Widerspruch und Widerstand ­ die Botschaft vom «Heil für alle» wird nicht von allen angenommen. Das Evangelium von Gottes grenzenloser Güte ist paradoxerweise für alle ein Ärgernis und Stein des Anstosses.

Über den Text hinaus

Angesichts der Tatsache, dass die Kirche das «Zuerst» Israels oft vergessen und verdrängt hat, bis hin zu tief antijüdischen Theologien der endgültigen «Verwerfung» Israels, ist es in der Verkündigung wichtig, in Erzählungen wie der vorliegenden (anders als die Leseordnung!) die «Verwurzelung» des Evangeliums in der Geschichte Gottes mit Israel zu betonen (und nicht die Ablehnung). So könnte das Bewusstsein für die bleibende Angewiesenheit der Kirche auf Israel in den Gemeinden gestärkt werden.
Darüber hinaus muss heute die Form problematisiert werden, wie die Botschaft vom «Heil für alle» in der Apg verkündigt wird. Indem die Apg den Glauben an den auferweckten Gekreuzigten zum Kriterium des Ausschlusses anderer vom Heil macht, bedroht sie die ­ von Gott gewollte ­ Andersheit des Judentums und seines Gottesverhältnisses. Es ist an der Zeit, über dieses im wörtlichen Sinne «exklusive» Verständnis des universalen Heilswillens Gottes hinauszukommen ­ nicht nur in Bezug auf das jüdisch-christliche Gespräch: «Die Christen selbst entdecken heute, dass sie mit den anderen Religionen zusammenleben müssen und dass sie diese anerkennen müssen, aber nicht so, wie es in der Vergangenheit üblich war, indem sie sie für ÐTeufelswerkð halten, sondern für einen Ort, an dem der Geist Gottes wirkt. Überdies entdeckt der heutige Christ (und die Christin, D.K.), dass andersartige Erfahrungen nicht auf die eigene Glaubenserfahrung zurückgeführt werden können, da jene anderen Rhythmen folgen und sich aus anderen Quellen nähren, die ihren eigenen Wert und ihre eigene Plausibilität haben.»<2>


Anmerkungen

1 F. Mussner, Apostelgeschichte (NEB 5), Würz-burg 31995, 79.

2 G. Ruggieri, Die Einheit in der Kirche für die Einheit der Menschen, in: Conc (D) 33 (1997) 423­432, 425.


Er-lesen

Den gesamten Text (14,14­52) lesen ­ die Struktur (Gliederung, Wechsel direkte Rede ­ Erzählung) erfassen ­ eine Form suchen, den Text so vorzulesen, dass man ihm gut folgen kann, zum Beispiel: Abschnitte mit kurzen Pausen, Verteilen auf mehrere Sprecher/Sprecherinnen ... Diese Form soll auch im Gottesdienst zum Zug kommen.

Er-hellen

In einem Schema die Beziehungen zwischen den erwähnten und angesprochenen Personen und Gruppen darstellen: Was verändert sich im Laufe der Erzählung? Besonders die Aussagen über die Jüdinnen und Juden ins Auge fassen.

Er-leben

Wenn die Erzählung für uns heute neu zu schreiben wäre: Wer wären die Verkündiger/Verkündigerinnen? Wer die Adressaten/Adressatinnen? Wo könnte, wo müsste nach unserer Auffassung anders argumentiert und reagiert werden? ­ Neuformulierung in Kleingruppen. Etwas mutigere Gruppen können ein szenisches Spiel wagen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001