15-16/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
In der Osterzeit stammt die 1. Lesung jeweils aus der Apostelgeschichte. Diese umfangreiche Schrift hat im neutestamentlichen Kanon eine Art «Scharnierfunktion» zwischen den Evangelien und den Briefen.
Die Apg verknüpft die Jesuszeit mit der Zeit der werdenden Kirche, erzählt im dramatischen Episodenstil hellenistischer Geschichtsschreibung von den Anfängen und vermittelt dabei viel sozial-geschichtliches Hintergrundwissen über die Ausbreitung der Jesusbotschaft in der mulitreligiösen Welt des römischen Reiches. Nicht nur in der Anordnung der Schriften im NT, sondern auch theologisch nimmt die Apg eine Mittelposition ein zwischen Spannungspolen wie Petrus und Paulus, Hebräern und Hellenisten, toratreuem Juden- und beschneidungsfreiem Heidenchristentum, Jesusnachfolge in radikaler Armut und Gemeindeleben in materiell gesicherten Verhältnissen, Anpassung und Widerstand
Die Betonung der Einmütigkeit und der Gemeinschaft in den ersten Kapiteln (z.B. 2,42ff.), die Stellung des Apostelkonventes mit seinem grossen Konsens aller wichtiger Akteure in der Mitte (Kap. 15), der besorgte Ausblick des Paulus auf äussere Bedrohung durch «reissende Wölfe» und innere Gefährdung durch Irrlehrer (20,1738) sowie der offene Schluss mit der weitergehenden Verkündigung des Reiches Gottes (28,31) sind wichtige Etappen dieser narrativen Theologie des «Weges», einem Lieblingswort der Apg, das sogar zur Umschreibung des Christentums verwendet wird (9,2 u.ö.).
Verfasst wurde die Apg zwischen 80 und 100 als zweiter Band zum Lukasevangelium. Der Autor, der sein Material grösseren Gruppen und Gemeinden verdankt, in denen die Geschichten und Informationen mündlich oder schriftlich weitergegeben wurden, schreibt ein gutes Griechisch. Die Sprache lässt nicht nur hellenistische Bildung erkennen, sondern auch Vertrautheit mit der griechischen Übersetzung der Bibel Israels (der Septuaginta) sowie literarisches Talent: Während er Petrus seine Pfingstpredigt in Jerusalem in eher hölzernem «Bibelgriechisch» halten lässt, tritt Paulus auf dem Areopag in Athen situationsgerecht als eloquenter, weltläufiger und philosophisch gebildeter Redner auf.
Die Gemeinden, für die Lukas schreibt, befinden sich in einer schwierigen
Situation. Die römische Obrigkeit übt verstärkt Druck auf
die Juden aus, dem Kaiser gegenüber loyal und gehorsam zu sein und
sich so ihre Vorrechte, wie die Nichtteilnahme an der offiziellen Verehrung
des Kaisers als «Gott», die Befreiung vom Militärdienst
oder die Einhaltung des Sabbat zu erhalten. Aus diesem Grund distanzieren
sich die Juden von den Christen, deren jüdische Identität aufgrund
der Zulassung von Heiden ohne Beschneidung ohnehin fraglich ist. Zudem stehen
sie mit ihrem Bekenntnis zu einem gekreuzigten Messias und «Herrn»
im Verdacht, politisch unzuverlässig zu sein, beansprucht doch der
Kaiser für sich selbst die Anrede «Herr und Gott». Diese
schmerzlich erfahrene Ausgrenzung belastet die Gemeinde und führt zu
einer Reaktion in Form von negativen Aussagen über «die Juden».
Obwohl der römische Druck ebenso deutlich spürbar ist wie die
Abgrenzung gegenüber politisch-revolutionären Aufständen,
ist die Apg kein einseitiges Dokument einer «anpasserischen»
kaiserfreundlichen Theologie. Prägnant hält sie fest: «Man
muss Gott mehr gehorchen als den Menschen» (4,19; 5,29). Auch der
römische Statthalter Felix wird mit der «für alle geltenden»
(10,34f.) Forderung nach Gerechtigkeit, konfrontiert, über die er erschrickt
(24,35).
Neuere Forschungen zu den Anfängen der Kirche haben manche Einseitigkeiten sichtbar gemacht, die der Kritik und auch der Korrektur bedürfen:
Der «rote Faden», den die Apg aufzeigt, ist also nicht das ganze Gewebe der urchristlichen Gruppen und Gemeinden.
Im Wissen um diese Schlagseiten hält die brasilianische Theologin Ivoni Richter Reimer fest: «Die Apg bezeugt und weckt daher immer wieder Utopien, die mit einer unzweifelhaften Sicherheit einhergehen: Die gute Botschaft Gottes ist eine verändernde und befreiende Macht, die inklusiven Charakter hat in verschiedenen Zeiten und Kulturen. Deshalb will und kann sie Glaube und Liebe festigen und Hoffnung erbauen mitten in Unterdrückungs- und Befreiungssituationen. Auch heute.»
Literatur: Ivoni Richter Reimer, Die Apostelgeschichte. Aufbruch
und Erinnerung, in: L. Schottroff/M.-Th. Wacker, Kompendium feministische
Bibelauslegung, Gütersloh 21999, 542556, Zitat: 544f.; Franz Mussner,
Apostelgeschichte (NEB 5), Würzburg 1984; Alfons Weiser, Die Apostelgeschichte
(OeTK 5), Gütersloh 1981.1985.
Bibel und Kirche 2/2000: Die Apostelgeschichte (Bezugsadresse: BPA, Bederstrasse
76, 8002 Zürich, info@bibelwerk.ch).
Was im Evangelium von Jesus erzählt wird, berichtet die Apostelgeschichte von den Aposteln: In der Begegnung mit ihnen werden Menschen heil und gesund. Das hat eine grosse Anziehungskraft: die Leute strömen zusammen und bringen körperlich und seelisch Kranke mit (vgl. den Wortlaut Apg 5,16 mit Lk 6,18). Jesus nachfolgen heisst also nicht nur seiner Botschaft treu sein, sondern auch Anteil haben an der Kraft, die von ihm ausgeht und «Zeichen und Wunder» (Apg 5,12) bewirkt.
Der zusammenfassende Bericht von den «Zeichen und Wundern» der Zeuginnen und Zeugen des Auferstandenen ist von Lukas so gestaltet, dass er die Ausbreitung der guten Botschaft Gottes anschaulich macht. Die Ausweitung geschieht auf drei Ebenen:
Als Gründe für diese Ausbreitung und Attraktivität des
Glaubens an den Auferstandenen erwähnt der Text die ausseralltäglichen
Zeichen des Heils und der Heilung, den Geist der Zusammengehörigkeit
in der Gemeinde und die Anerkennung durch das Volk. Damit ist weder eine
Anpassung an die herrschenden Verhältnisse noch Populismus gemeint
vielmehr entsteht diese Anerkennung durch das glaubwürdige Zeugnis
für die befreiende und verändernde Macht der guten Botschaft Gottes,
die insbesondere bei den «kleinen Leuten», die die überwältigende
Mehrheit des «Volkes» bildeten, Hoffnung weckt. Der Hinweis,
dass «niemand wagte, sich ihnen anzuschliessen» (5,13) bildet
zur Hochschätzung durch das Volk nur einen scheinbaren Widerspruch.
Er ist als Ausdruck der ehrfurchtsvollen Scheu gemeint.
Dass bei den «Scharen», die zum Glauben kommen, «Männer
und Frauen» ausdrücklich erwähnt werden, ist für die
Apg typisch. «Frauen erscheinen in der Apg paarweise mit Männern.»
In Zusammenarbeit mit ihnen bauen sie eine multikulturelle Kirche auf. Allerdings
verschweigt Lukas, dass Frauen auch als Apostelinnen und Gemeindeleiterinnen
wirkten. Er «konnte Frauen zwar nicht verschweigen, stellt sie gar
gleichberechtigt in die Gemeinschaft (), aber verdrängt gleichzeitig
und verunmöglicht ihr apostolisches Amt nicht jedoch ihr apostolisches
Wirken! und versetzt sie in das Abseits historischer Macht.»
Lukas erzählt einerseits Frauengeschichte und verdrängt anderseits
die Frauen in Leitungspositionen. Er zentriert seine Geschichte der werdenden
Kirche einerseits auf die Männer Petrus und Paulus und ist anderseits
«kein Fürsprecher der zu seiner Zeit sich durchsetzenden Tendenz
der patriarchalischen Frauenunterordnung in Haus und Kirche.» Fazit:
«Lukas ist weder ein grosser Feminist noch ein grosser Frauenfeind.»<1>
Für die Frauen und Männer, die in Unterdrückungs- und Befreiungssituationen leben, gehören Heilung und Befreiung aus krankmachenden Abhängigkeiten zur Vision einer lebensfreundlichen Gemeinde. In einer Gesellschaft, in der das Gesundheitswesen unglaubliche Gelder verschlingt und Schmerzfreiheit, ewige Jugendlichkeit und Fitness unerhört wichtig sind, müssen sich die christlichen Gemeinden fragen, wie sie die Kraft und den Auftrag zum Heilen verstehen und leben wollen. Dabei kann es nicht darum gehen, mit Heilungsgottesdiensten die Krankenkassenprämien zu senken, aber auch die Delegation der körperlichen und seelischen Leiden an die «Götter in weiss» ist keine ausreichende Antwort auf die Not der Kranken und Geplagten.
1 Zu diesem Abschnitt s. Richter Reimer, aaO.
Information über die Apostelgeschichte als Lesungstext der Osterzeit (s. Einführungstext zur Apg).
Den Text im Zusammenhang mit verwandten Stellen lesen: Lk 6,1719; 9,12; Apg 3,110; 5,1216. Verbindungslinien und deren Bedeutung entdecken. Informationen zum Aufbau und zu einzelnen Wendungen des Textes (s.o.).
Einzelarbeit: Die Teilnehmenden erhalten Zeit und Raum, um dem Zusammenhang von Heil und Heilung nachzugehen: persönlich, kirchlich, gesellschaftlich (s.o.). Dazu kann es hilfreich sein, Papier, Stifte und Farben zur Verfügung zu stellen. Aus der Einzelarbeit kann ein verbindlicher Austausch erwachsen, der über Allgemeinplätze hinausgeht.
Der im Lektionar mit «in jenen Tagen» eingeleitete Lesungstext
ist Teil eines dramatischen Erzählzusammenhangs, der unmittelbar an
Apg 5,1216 (s.o.) anschliesst. Für das Textverständnis wichtig
ist auch der ausgelassene Abschnitt (V. 3339).
Angesichts des missionarischen Erfolges lässt die religiöse Obrigkeit
die Apostel aus Eifersucht gefangen setzen. Durch ein Wunder werden sie
befreit und setzen ihre Verkündigung fort. Sie werden erneut festgenommen
und wegen ihres Verstosses gegen das Predigtverbot verhört. Petrus
rechtfertigt sich mit dem Hinweis, man müsse «Gott mehr gehorchen
als den Menschen» und legt ein Bekenntnis zum auferstandenen Gekreuzigten
ab. Das erzürnt die religiöse Führung so, dass sie beschliesst,
die Apostel zu töten. Das ruft den Pharisäer Gamaliel auf den
Plan, dessen Worte zur Freilassung der Apostel führen, nachdem sie
gegeisselt und erneut mit einem Predigtverbot belegt worden sind. Dieses
hält sie allerdings nicht davon ab, ihre missionarische Tätigkeit
fortzusetzen.
Die Erzählung betont also zugleich die Furchtlosigkeit der Zeuginnen
und Zeugen des Auferstandenen und die Unaufhaltsamkeit der «Worte
des Lebens» (5,20). Diese Botschaft wird noch deutlicher, wenn man
den Zusammenhang von Apg 47 einbezieht: Mit der zunehmenden Ausbreitung
des Evangeliums verschärft sich auch der Konflikt mit der Obrigkeit:
Beim ersten Verhör ergeht nur ein Predigtverbot (4,122), beim
zweiten kommt es zur Geisselung (5,2142) und schliesslich kommt es
zum Martyrium des Stephanus (7,548,1a).
Die Schilderung des Konfliktes der jesusgläubigen Apostel (auch
sie allesamt Juden) mit dem Judentum ist sehr differenziert. Der Text betont
die positive Einstellung des Volkes einerseits und die gegnerische Haltung
der religiösen Autoritäten anderseits, so dass von einer Ablehnung
«der Juden» pauschal nicht die Rede sein kann. Diese Differenzierung
wird verstärkt durch die klugen Worte des Rabbi Gamaliel I., einem
Schüler Hillels, der ca. 2550 lehrte. Für die ersten Leserinnen
und Leser der Apostelgeschichte, die ihrerseits «zwischen Synagoge
und Obrigkeit» (s. Einführungstext zur Apg) lebten, ist diese
nuancierte Sicht eine Hilfe zur Bewältigung der eigenen Situation:
Wo es gelingt, kluge und anerkannte Autoritätsgestalten des Judentums
zu vorsichtiger Zurückhaltung zu gewinnen, kann im Konflikt das Äusserste,
nämlich das Martyrium, vermieden werden.
In diesem Zusammenhang gelesen, erhält auch die Antithese des Petrus
einen neuen Klang: «Gott mehr gehorchen als den Menschen». Dieses
Wort stammt von Sokrates, der jenen, die ihn verdächtigen, entgegenhält:
«Gehorchen werde ich dem Gotte mehr als euch» (Plato, Apol.
29). Es fordert Treue zum eigenen Weg und Mut zum Zeugnis. Und es macht
deutlich, dass solche Treue und solcher Mut in Konflikte führen. Aber
es zwingt nicht zu Schwarz-Weiss- und Freund-Feind-Denken, sondern lässt
Zwischentöne und kluge Vermittlungslösungen (wie jene des Gamaliel)
zu.
Eine hilfreiche Klärung bietet der Text auch bezüglich der Frage,
warum die Christinnen und Christen auch nach seinem Tod Zeugnis für
Jesus ablegen: Es geht nicht darum, das «Blut dieses Menschen»
über Israel zu bringen (V. 28), sondern «Umkehr und Vergebung
der Sünden zu schenken» (V. 31). Nicht um Rache geht es, sondern
um Versöhnung.
Der Erzählung geht es nicht um eine historische Wahrheit (der geschichtliche
Gehalt ist insgesamt wohl eher klein), sondern um Lebenswahrheiten, die
der Gemeinde helfen sollen, mit ihren eigenen Konflikten umzugehen. Dabei
ist die Gemeinde nicht allein, sondern kann vom Geist Jesu, aber auch von
der Klugheit des jüdischen Lehrers Gamaliel und von Weisheit des griechischen
Philosophen Sokrates lernen.
Das Stichwort «kirchliche Konflikte» wird in unseren Breitengraden viel stärker mit innerkirchlichen Streitereien verbunden als mit gesellschaftlichen oder politischen Konflikten, in denen zwischen dem «Gehorsam gegenüber Gott und den Menschen» zu entscheiden ist. Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass hierzulande kirchlich «Konservative» wie «Progressive» gesellschaftlich allermeist sehr angepasst leben, weshalb die «Predigt im Namen Jesu» für die Mächtigen unserer Zeit kaum je gefährlich oder bedrohlich wirkt.
Den ganzen Text (5,1742) lesen die einzelnen Szenen stichwortartig auf Flipchart festhalten den Gesamtzusammenhang erfassen (s.o. Auf den Text zu).
Den unterschiedlichen Reaktionen jüdischer Hörer/Hörerinnen der Predigt der Apostel nachgehen (Volk, Obrigkeit, Gamaliel): Was erfahren wir über die Konfliktsituation? Was ist die Botschaft des Textes bezüglich Konfliktverhalten für Jesusanhänger/Jesusanhängerinnen?
«Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen» in Kleingruppen nach aktuellen Situationen fragen, in denen dieses Wort für uns oder für andere brisant wird gemeinsam formulieren, was es konkret meint einen Text (Dialog, inneren Monolog, Gebet) formulieren abschliessendes Plenum.