12/2001

INHALT

Lesejahr C

Vom Ende her leben

Daniel Kosch zu Phil 3,8-14

 

Auf den Text zu

Menschliches Leben ist zeitlich und damit bestimmt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Bezüglich der Frage, welche dieser Zeit-Dimensionen das Lebensgefühl dominiert, bestehen grosse Unterschiede: zwischen verschiedenen Epochen und Kulturen, aber auch zwischen Individuen und Charakteren. Eine Erinnerungskultur sucht und findet Orientierung in der Geschichte. Zukunftsorientierte Lebensentwürfe betonen entweder den Fortschrittsgedanken und damit den Willen zur Gestaltung der Welt, oder aber die Erwartung eines radikalen Neuanfangs oder Abbruchs ­ sei es in der idealen Gesellschaft, im besseren Jenseits oder in der apokalyptischen Katastrophe. Die Betonung der Gegenwart richtet die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt und die Chance des Augenblicks.
In Theologie und Verkündigung war in den letzten Jahren die Wiedergewinnung der Gegenwart als Ort der Entscheidung und der Erfahrung Gottes ein ständig wiederkehrendes Thema: Gegen die Vertröstung auf ein besseres Jenseits wird das «Leben vor dem Tod» betont, gegen ein «himmlisches Reich» das «Reich Gottes auf Erden» beschworen, gegen ein nostalgisches oder traditionalistisches «Gestern» oder ein utopisches «Morgen» wird der Akzent auf das «Heute» gelegt. Wo in biblischen Texten die «Endzeit», die «Erlösung» oder das «Reich Gottes» erwähnt werden, wird vor allem nach den bereits gegenwärtig erfahrbaren Anfängen Ausschau gehalten ­ die «präsentische Eschatologie» dominiert die «futurische», alles «Jenseitige» steht unter dem Verdacht der Vertröstung und der Weltflucht.
Als Gegenbewegung und Korrektur hat diese Wiederentdeckung der Gegenwart durchaus ihre Berechtigung. Und sie hat massgeblich dazu beigetragen, die weltverändernde Kraft der biblischen Rede von «Gottes neuer Welt» sichtbar zu machen. Trotzdem muss sie sich die Frage gefallen lassen, ob sie nicht zu sehr von Fortschrittsglauben und Machbarkeitswahn geprägt ist, der die unlösbaren Probleme und das Leiden der Menschen zu wenig ernst nimmt. Ist die (auch von mir) oft beschworene Rede von den bereits sichtbaren «Samenkörnern des Reiches Gottes» wirklich weniger vertröstend als der Ruf «Dein Reich komme!» und die darin zum Ausdruck kommende Unerlöstheit der Welt? «Wächst» das Reich Gottes auf Erden wirklich, oder ist das eine Illusion privilegierter Christen? Ebenso berechtigt ist die Gegenfrage: Stimmt es tatsächlich, dass die zukunftsgerichtete Hoffnung auf die Auferstehung der Toten weltflüchtiger und weniger politisch ist als der Verweis auf die «kleinen Auferstehungen» im Alltag?

Mit dem Text unterwegs

Auch wenn die Diskussionslage damals mit der heutigen nicht identisch ist: In Phil 3,8­14 bezieht Paulus eine radikale Gegenposition gegen eine «Gegenwartseschatologie» und einen «Vollkommenheitsfimmel»: Die Gegenwart ist nicht alles, das Ziel nicht erreicht, auch die Christinnen und Christen sind nicht vollendet. Es gilt, sich auszustrecken nach dem, was vor mir ist, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und aus der Hoffnung auf die Auferstehung zu leben. Obwohl Paulus von seiner Berufung durch den Auferstandenen geprägt ist, die er als radikalen Bruch mit allem Bisherigen erlebt, obwohl er sich als vom auferstandenen Christus Ergriffener bezeichnet, der «in ihm» lebt, betont er die Zukunftshoffnung. «In-Christus-Sein» ist kein mystisches Hochgefühl, sondern Gleichgestaltung durch eine Schicksalsgemeinschaft, die irdisch «Gemeinschaft mit seinem Leiden» ist. So klar und eindeutig und gewiss Paulus der «Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn» ist ­ von der «Auferstehung der Toten» spricht er im Modus der Hoffnung.
Aber Paulus grenzt sich nicht nur von einem falschen und gefährlichen Vollendungsbewusstsein ab, das er bei seinen Gegnern in Philippi vermutet, sondern überaus pointiert auch von seiner eigenen (jüdischen) Vergangenheit: «Alles Abfall», urteilt er rückblickend. Der Grund für dieses negative Urteil ist die Abkehr von der «eigenen Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz hervorgeht». «Gerechtigkeit», wir würden vielleicht sagen «gelingendes Leben», ist nie Eigenleistung, sondern immer Geschenk. Nur Gott kann die Ungerechtigkeit überwinden ­ aus eigener Kraft und in dieser Welt gelingt es dem Menschen nie und nimmer, mag er sich auch noch so bemühen.
Diese Distanzierung von seiner eigenen Vergangenheit und die damit verbundene negative Einschätzung der pharisäischen Torafrömmigkeit muss kritisch beurteilt werden. Der Eifer von Konvertiten birgt Gefahren, und die antijüdische Wirkungsgeschichte der paulinischen Theologie hat grossen Schaden angerichtet, weil sie dazu führte, Torafrömmigkeit mit Leistungsreligiosität und Selbstgerechtigkeit vor Gott und den Menschen zu identifizieren. So klar diese Gleichung «Judentum = Selbstgerechtigkeit» zurückzuweisen ist, so eindeutig gilt es, an der Einsicht des Paulus festzuhalten: Frömmigkeit und Religiosität kann, gerade wenn sie sich an Traditionen und Normen orientiert, im wahrsten Sinne «gottlos selbstgerecht» machen und Leistungszwänge erzeugen. Auch Christinnen und Christen (sie und nicht jüdische Menschen hat Paulus im Auge) sind dieser Gefahr ausgesetzt. Für derartige christliche «Gesetzlichkeit» gibt es nicht nur kirchengeschichtliche, sondern auch aktuelle Beispiele zuhauf.

Über den Text hinaus

«Leben in Christus» bedeutet auf Erden «Gemeinschaft mit seinen Leiden» und damit Kreuzesnachfolge. Die Erfahrung der «Macht seiner Auferstehung» bleibt irdisch gesehen eine Hoffnung, ein Ziel und eine himmlische Berufung. Diese paulinischen Sätze sind unbequem und unpopulär. Zudem sind sie nicht ungefährlich, denn sie können (gegen die Absicht des Paulus) zur Rechtfertigung und religiösen Überhöhung von Leiden missbraucht werden. Trotzdem entsprechen diese Sätze der Realität besser als die Ideologie, alle Probleme seien lösbar und eine schmerzfreie Welt eine Frage der richtigen Organisation, der richtigen Frömmigkeit und Spiritualität oder der richtigen Ethik.
Kurt Marti hat einmal geschrieben: «Ich kenne keine Religion, die im Ernst damit rechnet, dass alle Probleme gelöst werden können. Im Gegenteil: Wer glaubt, schafft sich Probleme, die der Ungläubige nicht hat. Die Annahme dagegen, jedes Problem sei lösbar, ist ein Wahn, dem vornehmlich Technokraten und Fundamentalisten zum Opfer fallen. Die Unlösbarkeit mancher und gerade höchst wichtiger Probleme ist, religiös gesehen, ein Symptom unserer Unerlöstheit und gleichzeitig ein Beweis dafür, dass wir uns und unsere Welt nicht selber werden erlösen können. So stellt uns gerade der Glaube, oft genug als realitätsfremd gescholten, auf den Boden der Realität. Menschlicher Machbarkeit sind Grenzen gesetzt. Die Konfrontation mit unlösbaren Problemen ist ein Symptom des Vergehens der Welt. Noch immer aber haben wir die Wahl, dieses Vergehen zu beschleunigen oder es zu verlangsamen, den Dingen ihren Lauf zu lassen oder das Leben gegen eben diesen Lauf zu verteidigen im österlichen Trotz-allem-Glauben, dass wir auch mitten im Vergehen und Sterben vom Leben umfangen werden.»<1>


Anmerkung

1 Kurt Marti, Unlösbare Probleme, in: das lachen des delphins, Zürich 2001, 183­188 (gekürzt!).


Er-lesen

Die einzelnen Sätze und Sinnabschnitte des Textes (VV. 8­9a, 9b, 10, 11, 12­13a, 13b­14) werden auf grosse Bögen geschrieben oder geklebt, so dass viel Freiraum für Notizen bleibt. Diese Bögen werden im Raum verteilt. Bei jedem liegen ein blauer und ein grüner Filzstift. Mit dem grünen notieren die Teilnehmenden Stichworte zur Frage: Was spricht mich an? Mit dem blauen Stichworte zur Frage: Was macht mir Mühe?

Er-hellen

Die Stichworte werden diskutiert. Wenn nötig sind auch Hintergrundinformationen einzubringen (vgl. SKZ 48/2000, 711; 9/2001, 127).

Er-leben

Erinnerung an die Vergangenheit, Leben in der Gegenwart und Hoffnung auf Zukunft ­ all diese Lebenshaltungen haben ihr Recht und ihre Grenzen: Wie empfinden wir es? Im Blick auf unseren eigenen Lebensweg? Im Blick auf Geschichte und Gesellschaft? ­ Gedankenaustausch.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001