12/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Menschliches Leben ist zeitlich und damit bestimmt von Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft. Bezüglich der Frage, welche dieser Zeit-Dimensionen
das Lebensgefühl dominiert, bestehen grosse Unterschiede: zwischen
verschiedenen Epochen und Kulturen, aber auch zwischen Individuen und Charakteren.
Eine Erinnerungskultur sucht und findet Orientierung in der Geschichte.
Zukunftsorientierte Lebensentwürfe betonen entweder den Fortschrittsgedanken
und damit den Willen zur Gestaltung der Welt, oder aber die Erwartung eines
radikalen Neuanfangs oder Abbruchs sei es in der idealen Gesellschaft,
im besseren Jenseits oder in der apokalyptischen Katastrophe. Die Betonung
der Gegenwart richtet die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt und die
Chance des Augenblicks.
In Theologie und Verkündigung war in den letzten Jahren die Wiedergewinnung
der Gegenwart als Ort der Entscheidung und der Erfahrung Gottes ein ständig
wiederkehrendes Thema: Gegen die Vertröstung auf ein besseres Jenseits
wird das «Leben vor dem Tod» betont, gegen ein «himmlisches
Reich» das «Reich Gottes auf Erden» beschworen, gegen
ein nostalgisches oder traditionalistisches «Gestern» oder ein
utopisches «Morgen» wird der Akzent auf das «Heute»
gelegt. Wo in biblischen Texten die «Endzeit», die «Erlösung»
oder das «Reich Gottes» erwähnt werden, wird vor allem
nach den bereits gegenwärtig erfahrbaren Anfängen Ausschau gehalten
die «präsentische Eschatologie» dominiert die «futurische»,
alles «Jenseitige» steht unter dem Verdacht der Vertröstung
und der Weltflucht.
Als Gegenbewegung und Korrektur hat diese Wiederentdeckung der Gegenwart
durchaus ihre Berechtigung. Und sie hat massgeblich dazu beigetragen, die
weltverändernde Kraft der biblischen Rede von «Gottes neuer Welt»
sichtbar zu machen. Trotzdem muss sie sich die Frage gefallen lassen, ob
sie nicht zu sehr von Fortschrittsglauben und Machbarkeitswahn geprägt
ist, der die unlösbaren Probleme und das Leiden der Menschen zu wenig
ernst nimmt. Ist die (auch von mir) oft beschworene Rede von den bereits
sichtbaren «Samenkörnern des Reiches Gottes» wirklich weniger
vertröstend als der Ruf «Dein Reich komme!» und die darin
zum Ausdruck kommende Unerlöstheit der Welt? «Wächst»
das Reich Gottes auf Erden wirklich, oder ist das eine Illusion privilegierter
Christen? Ebenso berechtigt ist die Gegenfrage: Stimmt es tatsächlich,
dass die zukunftsgerichtete Hoffnung auf die Auferstehung der Toten weltflüchtiger
und weniger politisch ist als der Verweis auf die «kleinen Auferstehungen»
im Alltag?
Auch wenn die Diskussionslage damals mit der heutigen nicht identisch
ist: In Phil 3,814 bezieht Paulus eine radikale Gegenposition gegen
eine «Gegenwartseschatologie» und einen «Vollkommenheitsfimmel»:
Die Gegenwart ist nicht alles, das Ziel nicht erreicht, auch die Christinnen
und Christen sind nicht vollendet. Es gilt, sich auszustrecken nach dem,
was vor mir ist, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und aus der Hoffnung
auf die Auferstehung zu leben. Obwohl Paulus von seiner Berufung durch den
Auferstandenen geprägt ist, die er als radikalen Bruch mit allem Bisherigen
erlebt, obwohl er sich als vom auferstandenen Christus Ergriffener bezeichnet,
der «in ihm» lebt, betont er die Zukunftshoffnung. «In-Christus-Sein»
ist kein mystisches Hochgefühl, sondern Gleichgestaltung durch eine
Schicksalsgemeinschaft, die irdisch «Gemeinschaft mit seinem Leiden»
ist. So klar und eindeutig und gewiss Paulus der «Erkenntnis Christi
Jesu, meines Herrn» ist von der «Auferstehung der Toten»
spricht er im Modus der Hoffnung.
Aber Paulus grenzt sich nicht nur von einem falschen und gefährlichen
Vollendungsbewusstsein ab, das er bei seinen Gegnern in Philippi vermutet,
sondern überaus pointiert auch von seiner eigenen (jüdischen)
Vergangenheit: «Alles Abfall», urteilt er rückblickend.
Der Grund für dieses negative Urteil ist die Abkehr von der «eigenen
Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz hervorgeht». «Gerechtigkeit»,
wir würden vielleicht sagen «gelingendes Leben», ist nie
Eigenleistung, sondern immer Geschenk. Nur Gott kann die Ungerechtigkeit
überwinden aus eigener Kraft und in dieser Welt gelingt es dem
Menschen nie und nimmer, mag er sich auch noch so bemühen.
Diese Distanzierung von seiner eigenen Vergangenheit und die damit verbundene
negative Einschätzung der pharisäischen Torafrömmigkeit muss
kritisch beurteilt werden. Der Eifer von Konvertiten birgt Gefahren, und
die antijüdische Wirkungsgeschichte der paulinischen Theologie hat
grossen Schaden angerichtet, weil sie dazu führte, Torafrömmigkeit
mit Leistungsreligiosität und Selbstgerechtigkeit vor Gott und den
Menschen zu identifizieren. So klar diese Gleichung «Judentum = Selbstgerechtigkeit»
zurückzuweisen ist, so eindeutig gilt es, an der Einsicht des Paulus
festzuhalten: Frömmigkeit und Religiosität kann, gerade wenn sie
sich an Traditionen und Normen orientiert, im wahrsten Sinne «gottlos
selbstgerecht» machen und Leistungszwänge erzeugen. Auch Christinnen
und Christen (sie und nicht jüdische Menschen hat Paulus im Auge) sind
dieser Gefahr ausgesetzt. Für derartige christliche «Gesetzlichkeit»
gibt es nicht nur kirchengeschichtliche, sondern auch aktuelle Beispiele
zuhauf.
«Leben in Christus» bedeutet auf Erden «Gemeinschaft
mit seinen Leiden» und damit Kreuzesnachfolge. Die Erfahrung der «Macht
seiner Auferstehung» bleibt irdisch gesehen eine Hoffnung, ein Ziel
und eine himmlische Berufung. Diese paulinischen Sätze sind unbequem
und unpopulär. Zudem sind sie nicht ungefährlich, denn sie können
(gegen die Absicht des Paulus) zur Rechtfertigung und religiösen Überhöhung
von Leiden missbraucht werden. Trotzdem entsprechen diese Sätze der
Realität besser als die Ideologie, alle Probleme seien lösbar
und eine schmerzfreie Welt eine Frage der richtigen Organisation, der richtigen
Frömmigkeit und Spiritualität oder der richtigen Ethik.
Kurt Marti hat einmal geschrieben: «Ich kenne keine Religion, die
im Ernst damit rechnet, dass alle Probleme gelöst werden können.
Im Gegenteil: Wer glaubt, schafft sich Probleme, die der Ungläubige
nicht hat. Die Annahme dagegen, jedes Problem sei lösbar, ist ein Wahn,
dem vornehmlich Technokraten und Fundamentalisten zum Opfer fallen. Die
Unlösbarkeit mancher und gerade höchst wichtiger Probleme ist,
religiös gesehen, ein Symptom unserer Unerlöstheit und gleichzeitig
ein Beweis dafür, dass wir uns und unsere Welt nicht selber werden
erlösen können. So stellt uns gerade der Glaube, oft genug als
realitätsfremd gescholten, auf den Boden der Realität. Menschlicher
Machbarkeit sind Grenzen gesetzt. Die Konfrontation mit unlösbaren
Problemen ist ein Symptom des Vergehens der Welt. Noch immer aber haben
wir die Wahl, dieses Vergehen zu beschleunigen oder es zu verlangsamen,
den Dingen ihren Lauf zu lassen oder das Leben gegen eben diesen Lauf zu
verteidigen im österlichen Trotz-allem-Glauben, dass wir auch mitten
im Vergehen und Sterben vom Leben umfangen werden.»<1>
1 Kurt Marti, Unlösbare Probleme, in: das lachen des delphins, Zürich 2001, 183188 (gekürzt!).
Die einzelnen Sätze und Sinnabschnitte des Textes (VV. 89a, 9b, 10, 11, 1213a, 13b14) werden auf grosse Bögen geschrieben oder geklebt, so dass viel Freiraum für Notizen bleibt. Diese Bögen werden im Raum verteilt. Bei jedem liegen ein blauer und ein grüner Filzstift. Mit dem grünen notieren die Teilnehmenden Stichworte zur Frage: Was spricht mich an? Mit dem blauen Stichworte zur Frage: Was macht mir Mühe?
Die Stichworte werden diskutiert. Wenn nötig sind auch Hintergrundinformationen einzubringen (vgl. SKZ 48/2000, 711; 9/2001, 127).
Erinnerung an die Vergangenheit, Leben in der Gegenwart und Hoffnung auf Zukunft all diese Lebenshaltungen haben ihr Recht und ihre Grenzen: Wie empfinden wir es? Im Blick auf unseren eigenen Lebensweg? Im Blick auf Geschichte und Gesellschaft? Gedankenaustausch.