11/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Der erste Vers gehört zu den bekanntesten christlichen Aussagen:
«Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er (oder sie) eine neue
Schöpfung. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden!».
Die Überlieferung hat zu allen Zeiten in diesem Vers ihre Sehnsucht
nach Neuwerdung, nach einem gelingenden irdischen Leben wiedergefunden.
Paul Tillich hat implizit den berühmten ersten Vers unseres
Abschnitts zum Zentrum seiner Theologie gemacht: Er kreist um den Gegensatz
von Alt und Neu. Leitbegriff ist «Neues Sein». Er drückt
aus, dass heilende Kräfte aufgebrochen sind, die Entfremdung überwinden.
Diese neue Schöpfung zeigt sich in einer nie verwelkenden Neuheit.
Ihre wichtigste Eigenschaft? Sie ist «in Christus», also gemeinschaftlich.
Wie «im Gesetz» bedeutet «in Christus» das Leben
in einem Kraftfeld, das die gesamte Existenz prägt. Beide Begriffe
sind nicht statisch zu verstehen, sondern dynamisch: In Christus werden
die Menschen verändert, christusförmig. Die eigene begrenzte Identität
weicht einer Christusidentität.
Dieses Neue bezieht sich nicht auf das Jenseits, sondern auf die Geschichte,
die Gegenwart. Das paulinische Motiv wurzelt in der prophetischen Tradition,
die dem Volk Israel und dem Kosmos Erneuerung verheisst. Deuterojesaja kündigt
an, dass Israel wiederhergestellt, neu geschaffen werden soll (Jes 42,9;
43,18.19a). Deutlicher noch spricht Tritojesaja vom neuen Himmel und der
neuen Erde (Jes 65,17f.; 66,22).
Die Apokalyptik mit ihrem scharfen Blick für das heillose Unrecht setzt
einen radikalen Bruch zwischen Alt und Neu. Damit setzt sie ein Zeichen
gegen die Machthaber und Mitläuferinnen, die sich für Kontinuität
oder sanfte politische oder religiöse Renovationen interessieren: Die
neue Welt schliesst mit der gegenwärtigen Schuld keine Kompromisse.
Die Apokalyptik ersehnt deshalb die Erneuerung als Ende der Geschichte.
Paulus dagegen sieht die Neuschöpfung in der Geschichte schon angebrochen.
Der indiviuelle Zug, der in den paulinischen Versen zum Ausdruck kommt,
zeigt sich auch in jüdischen Texten um die Zeitenwende: In der Schrift
«Joseph und Asenat» wird die Aufnahme der Heidin ins Judentum
als neue Schöpfung gefeiert. In Qumran ist die Rede von der neuen Schöpfung,
wenn sich jemand bekehrt und in die Gemeinde aufgenommen wird. Das Individuelle
steht jedoch wie bei Paulus mit dem grossen Ganzen im Zusammenhang, und
die Qumranschriften sprechen ebenso auch von der kosmischen Neuschöpfung.
Die Christologie im ersten Vers geht nahtlos in die theozentrische Reflexion
über, die das Heil in Christus an Gott zurückbindet. Der Zwiespalt
zwischen Gott und der Welt wird auf das falsche Handeln der Menschen zurückgeführt.
Vers 19 thematisiert die All-Versöhnung und verwendet dafür wohl
ein Fragment aus einem judenchristlichen Hymnus (vgl. Kol 1,20). Das hellenistische
Judenchristentum hat eventuell in solchen Formeln versucht, die Ausweitung
der Christuspredigt auf die nichtjüdische Welt für sich selbst
zu begründen.
Erstmals ist im NT hier von Versöhnung die Rede, die Paulus später
im Zusammenhang mit der Rechtfertigung ausfaltet. Der griechische Begriff
bedeutet: etwas anders machen, verändern, vertauschen. Beispielsweise
ist vom Wechsel von der Feindschaft zur Freundschaft die Rede (2 Makk 1,5).
Versöhnen heisst also verändern und neu handeln.
Nach gängiger Forschungsmeinung ist das «wir» in diesem
Abschnitt als pluralis modestiae zu verstehen. Paulus redet also von sich
selber. Er stellt sich als Beispiel der neuen Schöpfung dar (vgl. 4,6).
Es geht um die Autorität seiner Verkündigung. Im universalistischen
Gedanken erhält der paulinische Auftrag einen unbegrenzten Radius und
ein grosses Gewicht für die Zuhörenden. Die korinthische Gemeinde
soll (endlich) Paulus als autorisierten Träger der Versöhnungsbotschaft
anerkennen; nur von ihrem Gründungsapostel kann sie sich das lebenswichtige
Wort sagen lassen. Paulus ist Gesandter Gottes, das heisst, bevollmächtigter
Stellvertreter seines Auftraggebers. In seinem Wort der Versöhnung
kommt Gott selber zu Wort. Der Stellvertreter kann wie sein Auftraggeber
die notwendige Veränderung aber nicht befehlen, sondern nur um die
Versöhnungsbereitschaft bitten.
Der letzte Vers gehört zu den zentralen Sätzen jeder kreuzestheologischen
Auseinandersetzung. Biblische Traditionen sind wohl das Sündopfer (Lev
4,1321) und der Gottesknecht (Jes 53,5). Die Sündelosigkeit Christi
bedeutet seine vorbehaltlose Unterwerfung unter Gottes Willen. Sein Tod
ist deshalb nicht die Folge seiner Sünde wie bei allen anderen Menschen
(Röm 5). Dieses Sterben ist sozusagen noch unbesetzt, es kann also
für etwas in Dienst genommen werden. Die Wirkungsgeschichte hat das
Problem dieses Gedankens allzu deutlich gezeigt: Durch die besondere Deutung
des Foltertodes konnten später konkreter Schmerz und schreiendes Unrecht
im Interesse der Sicherung von Macht und Privilegien ebenfalls umgedeutet
und damit bagatellisiert werden. Umgekehrt hat beispielsweise Martin Luther
King den gewaltfreien Widerstand gegen die Rassentrennung in den USA auf
einer Kreuzestheologie aufgebaut. Er deutete sein und die Opfer der Bürger-/Bürgerinnenrechtsbewegung
als heilbringendes Leiden für politische Gerechtigkeit.
«Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der
uns hilft zu leben», wusste Hesse. Unser Text behauptet mehr, nämlich,
dass dieses Neue in Christus seinen Zauber nie verlieren kann. Dies ist
jedoch nur möglich, wenn Neuwerdung und Versöhnung in sozialen
Strukturen Fuss fassen. «In Christus» bedeutet bei Paulus immer:
Gemeinschaftlich, kirchlich, für alle.
Die Sehnsucht nach der neuen, nie verwelkenden Schöpfung ist darauf angewiesen, dass sie ihre prophetischen und apokalyptischen Wurzeln pflegt. Sonst wird sie so fad und unverweslich wie jene zur Frischhaltung (völlig unschädlich) bestrahlte hors sol-Tomate, die man getrost lange Wochen im Gemüsefach vergessen kann.
Literaturhinweis: Walter Rebell, Christologie und Existenz bei Paulus. Eine Auslegung von 2. Kor 5,1421; Hans-Josef Klauck, 2. Korintherbrief, (Die Neue Echter Bibel: Kommentar zum Neuen Testament, Bd. 8), Würzburg 1988.
Jede Person liest den Text mehrmals laut für sich, hört die anderen, die ebenfalls laut lesen, lässt sich von ihnen aber im eigenen Leserhythmus nicht stören. Dieses gemeinsame Lesen schafft eine Lernatmosphäre, die im traditionellen Judentum bis heute geübt wird. Leseeindrücke sammeln.
In einem Impuls unterschiedliche Zusammenhänge sichtbar machen: Motive und Anliegen aus dem Ersten Testament; die apologetische Kommunikationssituation mit Korinth; schwer wiegende kreuzestheologische Fragen. Gespräch.
Unser Text ist universalistisch, das heisst: In der Sehnsucht nach Neuschöpfung finden alle Menschen, alle Wesen einen Platz. Diese Verheissung der All-Versöhnung kann sich mit ihrer Kompetenz ihrem Sinn für alle konkret gegen Ausgrenzungen verwenden. Aktuell laufen Anklagen gegen Regierungen, die für ihre Bevölkerung erschwingliche AIDS-Medikamente herstellen lassen. Patentrecht steht gegen Leben. Die USA klagte bei der WTO Brasilien an, ein Land, das sich sehr für die AIDS-Prävention einsetzte. Und Pharmakonzerne, darunter auch Roche in der Schweiz, prozessieren gegen Südafrika. Ein Brief an die Firma und die zuständigen Behörden könnte helfen, AIDS-Medikamente für die am stärksten betroffenen Menschen zugänglich zu machen (Informationen: Mark Bächer, Mediensprecher der AIDS-Hilfe Schweiz: Telefon 01-4471121).