11/2001

INHALT

Lesejahr C

Neue Schöpfung

Regula Grünenfelder zu 2 Kor 5,17-21

 

Auf den Text zu

Der erste Vers gehört zu den bekanntesten christlichen Aussagen: «Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er (oder sie) eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden!».
Die Überlieferung hat zu allen Zeiten in diesem Vers ihre Sehnsucht nach Neuwerdung, nach einem gelingenden irdischen Leben wiedergefunden. Paul Tillich hat ­ implizit ­ den berühmten ersten Vers unseres Abschnitts zum Zentrum seiner Theologie gemacht: Er kreist um den Gegensatz von Alt und Neu. Leitbegriff ist «Neues Sein». Er drückt aus, dass heilende Kräfte aufgebrochen sind, die Entfremdung überwinden. Diese neue Schöpfung zeigt sich in einer nie verwelkenden Neuheit. Ihre wichtigste Eigenschaft? Sie ist «in Christus», also gemeinschaftlich.

Mit dem Text unterwegs

Wie «im Gesetz» bedeutet «in Christus» das Leben in einem Kraftfeld, das die gesamte Existenz prägt. Beide Begriffe sind nicht statisch zu verstehen, sondern dynamisch: In Christus werden die Menschen verändert, christusförmig. Die eigene begrenzte Identität weicht einer Christusidentität.
Dieses Neue bezieht sich nicht auf das Jenseits, sondern auf die Geschichte, die Gegenwart. Das paulinische Motiv wurzelt in der prophetischen Tradition, die dem Volk Israel und dem Kosmos Erneuerung verheisst. Deuterojesaja kündigt an, dass Israel wiederhergestellt, neu geschaffen werden soll (Jes 42,9; 43,18.19a). Deutlicher noch spricht Tritojesaja vom neuen Himmel und der neuen Erde (Jes 65,17f.; 66,22).
Die Apokalyptik mit ihrem scharfen Blick für das heillose Unrecht setzt einen radikalen Bruch zwischen Alt und Neu. Damit setzt sie ein Zeichen gegen die Machthaber und Mitläuferinnen, die sich für Kontinuität oder sanfte politische oder religiöse Renovationen interessieren: Die neue Welt schliesst mit der gegenwärtigen Schuld keine Kompromisse. Die Apokalyptik ersehnt deshalb die Erneuerung als Ende der Geschichte. Paulus dagegen sieht die Neuschöpfung in der Geschichte schon angebrochen.
Der indiviuelle Zug, der in den paulinischen Versen zum Ausdruck kommt, zeigt sich auch in jüdischen Texten um die Zeitenwende: In der Schrift «Joseph und Asenat» wird die Aufnahme der Heidin ins Judentum als neue Schöpfung gefeiert. In Qumran ist die Rede von der neuen Schöpfung, wenn sich jemand bekehrt und in die Gemeinde aufgenommen wird. Das Individuelle steht jedoch wie bei Paulus mit dem grossen Ganzen im Zusammenhang, und die Qumranschriften sprechen ebenso auch von der kosmischen Neuschöpfung.
Die Christologie im ersten Vers geht nahtlos in die theozentrische Reflexion über, die das Heil in Christus an Gott zurückbindet. Der Zwiespalt zwischen Gott und der Welt wird auf das falsche Handeln der Menschen zurückgeführt. Vers 19 thematisiert die All-Versöhnung und verwendet dafür wohl ein Fragment aus einem judenchristlichen Hymnus (vgl. Kol 1,20). Das hellenistische Judenchristentum hat eventuell in solchen Formeln versucht, die Ausweitung der Christuspredigt auf die nichtjüdische Welt für sich selbst zu begründen.
Erstmals ist im NT hier von Versöhnung die Rede, die Paulus später im Zusammenhang mit der Rechtfertigung ausfaltet. Der griechische Begriff bedeutet: etwas anders machen, verändern, vertauschen. Beispielsweise ist vom Wechsel von der Feindschaft zur Freundschaft die Rede (2 Makk 1,5). Versöhnen heisst also verändern und neu handeln.
Nach gängiger Forschungsmeinung ist das «wir» in diesem Abschnitt als pluralis modestiae zu verstehen. Paulus redet also von sich selber. Er stellt sich als Beispiel der neuen Schöpfung dar (vgl. 4,6). Es geht um die Autorität seiner Verkündigung. Im universalistischen Gedanken erhält der paulinische Auftrag einen unbegrenzten Radius und ein grosses Gewicht für die Zuhörenden. Die korinthische Gemeinde soll (endlich) Paulus als autorisierten Träger der Versöhnungsbotschaft anerkennen; nur von ihrem Gründungsapostel kann sie sich das lebenswichtige Wort sagen lassen. Paulus ist Gesandter Gottes, das heisst, bevollmächtigter Stellvertreter seines Auftraggebers. In seinem Wort der Versöhnung kommt Gott selber zu Wort. Der Stellvertreter kann wie sein Auftraggeber die notwendige Veränderung aber nicht befehlen, sondern nur um die Versöhnungsbereitschaft bitten.
Der letzte Vers gehört zu den zentralen Sätzen jeder kreuzestheologischen Auseinandersetzung. Biblische Traditionen sind wohl das Sündopfer (Lev 4,13­21) und der Gottesknecht (Jes 53,5). Die Sündelosigkeit Christi bedeutet seine vorbehaltlose Unterwerfung unter Gottes Willen. Sein Tod ist deshalb nicht die Folge seiner Sünde wie bei allen anderen Menschen (Röm 5). Dieses Sterben ist sozusagen noch unbesetzt, es kann also für etwas in Dienst genommen werden. Die Wirkungsgeschichte hat das Problem dieses Gedankens allzu deutlich gezeigt: Durch die besondere Deutung des Foltertodes konnten später konkreter Schmerz und schreiendes Unrecht im Interesse der Sicherung von Macht und Privilegien ebenfalls umgedeutet und damit bagatellisiert werden. Umgekehrt hat beispielsweise Martin Luther King den gewaltfreien Widerstand gegen die Rassentrennung in den USA auf einer Kreuzestheologie aufgebaut. Er deutete sein und die Opfer der Bürger-/Bürgerinnenrechtsbewegung als heilbringendes Leiden für politische Gerechtigkeit.
«Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben», wusste Hesse. Unser Text behauptet mehr, nämlich, dass dieses Neue in Christus seinen Zauber nie verlieren kann. Dies ist jedoch nur möglich, wenn Neuwerdung und Versöhnung in sozialen Strukturen Fuss fassen. «In Christus» bedeutet bei Paulus immer: Gemeinschaftlich, kirchlich, für alle.

Über den Text hinaus

Die Sehnsucht nach der neuen, nie verwelkenden Schöpfung ist darauf angewiesen, dass sie ihre prophetischen und apokalyptischen Wurzeln pflegt. Sonst wird sie so fad und unverweslich wie jene zur Frischhaltung (völlig unschädlich) bestrahlte hors sol-Tomate, die man getrost lange Wochen im Gemüsefach vergessen kann.

 

Literaturhinweis: Walter Rebell, Christologie und Existenz bei Paulus. Eine Auslegung von 2. Kor 5,14­21; Hans-Josef Klauck, 2. Korintherbrief, (Die Neue Echter Bibel: Kommentar zum Neuen Testament, Bd. 8), Würzburg 1988.


Er-lesen

Jede Person liest den Text mehrmals laut für sich, hört die anderen, die ebenfalls laut lesen, lässt sich von ihnen aber im eigenen Leserhythmus nicht stören. Dieses gemeinsame Lesen schafft eine Lernatmosphäre, die im traditionellen Judentum bis heute geübt wird. Leseeindrücke sammeln.

Er-hellen

In einem Impuls unterschiedliche Zusammenhänge sichtbar machen: Motive und Anliegen aus dem Ersten Testament; die apologetische Kommunikationssituation mit Korinth; schwer wiegende kreuzestheologische Fragen. Gespräch.

Er-leben

Unser Text ist universalistisch, das heisst: In der Sehnsucht nach Neuschöpfung finden alle Menschen, alle Wesen einen Platz. Diese Verheissung der All-Versöhnung kann sich mit ihrer Kompetenz ­ ihrem Sinn für alle ­ konkret gegen Ausgrenzungen verwenden. Aktuell laufen Anklagen gegen Regierungen, die für ihre Bevölkerung erschwingliche AIDS-Medikamente herstellen lassen. Patentrecht steht gegen Leben. Die USA klagte bei der WTO Brasilien an, ein Land, das sich sehr für die AIDS-Prävention einsetzte. Und Pharmakonzerne, darunter auch Roche in der Schweiz, prozessieren gegen Südafrika. Ein Brief an die Firma und die zuständigen Behörden könnte helfen, AIDS-Medikamente für die am stärksten betroffenen Menschen zugänglich zu machen (Informationen: Mark Bächer, Mediensprecher der AIDS-Hilfe Schweiz: Telefon 01-4471121).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001