10/2001

INHALT

Lesejahr C

Gegen falsche Sicherheit, Brüder!

Regula Grünenfelder zu 1 Kor 10,1-6.10-12

 

Auf den Text zu

Eine Pädagogik der Abschreckung: Paulus führt die Wüstengeneration in ihrem Scheitern vor. Trotz dem Schutz der Wolke, trotz Taufe und geistlichem Trank konnten die meisten ­ um genauer zu sein als Paulus, alle bis auf zwei ­ vor Gott nicht bestehen und das Gelobte Land nicht erreichen. Paulus warnt vor falscher Sicherheit: Die Gnadengaben sind Segnungen auf dem Weg, aber garantieren nicht für die richtige Richtung und sichern das Ziel nicht im Voraus.

Mit dem Text unterwegs

Der betonte Anfang setzt keine Unkenntnis der Leserinnen und Hörer voraus. Paulus verwendet die Formel, wenn er etwas Neues einführt oder einen Gedankengang betont. Die folgenden Verse lassen im Gegenteil bei den Adressaten/Adressatinnen gute Schriftkenntnis (1­5), Vertrautheit mit Analogieschlüssen (6­10) und apokalyptischer Gegenwartsdeutung (11­13) vermuten.
Auch für heidnische Glaubende sind die Israeliten/Israelitinnen des Exodus Eltern. Die Wüstengeneration ist in der rabbinischen Auslegung die gesegnetste und gleichzeitig verfluchteste Generation: Trotz Befreiung, Manna, Wachteln und Wasser in der Wüste ist sie an Gott schuldig geworden. Laut einem Mischnatraktat hat sie wie die Generationen der Sintflut und des Turmbaus zu Babel keinen Anteil am Heil der zukünftigen Welt.
Als Vorbilder für die paulinische Relecture der Exodusgeschichte kommen ersttestamentliche Überblicke über die Heilsgeschichte in Frage (u.a. Ps 78; 105; 106; Ez 20; Neh 9,9­20; Weish 10­19), die zum Teil ebenso vernichtend ausfallen wie die paulinische Lesart.
Paulus beschäftigten Taufe und Abendmahl, entsprechend wählt er die Exodusmotive aus. Wolke und Durchgang durch das Meer deuten auf die Taufe, wobei die Wolke den Geist symbolisieren könnte. Im Unterschied zum Buch Exodus, wo die Wolkensäule vor dem Volk herzieht (Ex 13,21), spricht Paulus mit Ps 105,39 von der Wolke, die sich schützend über die Menschen breitet.
Die Taufe auf Mose hat zu vielen Spekulationen über einen entsprechenden jüdischen Ritus Anlass gegeben. Rabbinische Texte geben jedoch keine Hinweise auf eine Mosestaufe, die an das Geschehen am Schilfmeer anknüpft. Paulus betont damit den segensreichen Herrschaftswechsel und stellt Mose als Heilsbringer heraus.
Die Fortsetzung zeigt, dass der Autor keine Überbietung des Exodusgeschehens im Sinn hat. Schon die Wüstengeneration hat von der pneumatischen Speise gegessen und vom pneumatischen Trank aus dem pneumatischen Felsen getrunken. Das pneuma ist also schon vor Christus im Volk Israel sakramental wirksam. Die Einheitsübersetzung trägt den Überhöhungsgedanken nach, indem sie die Begriffe allgemeiner mit «gottgegeben» und «lebensspendend» ersetzt und ­ gegen den Text ­ pneuma für den Neuen Bund reserviert.
Das zentrale Bild im Text ist der Fels, der christologisch gedeutet wird. Im mitwanderndenen Felsen taucht im vollständig androzentrisch (es ist ausschliesslich von Männern die Rede, obwohl Frauen «mitgemeint» sind) gehaltenen Text ein Frauenbild auf. In der rabbinischen Exegese wird der Segen des Wüstenwassers mit Miriam assoziiert. Schliesslich ist nach ihrem Tod das Wasser versiegt, und die beiden Brüder Mose und Aaron mussten für ihre phallische Geste bestraft werden, weil sie nicht wie von Gott geboten mit dem Felsen sprachen, sondern das Wasser durch Schlagen wieder zum Fliessen brachten (Num 20,1­13). Die tote Miriam erstand im porösen Felsen, der seither immer mit dem Volk unterwegs ist und es tränkt. Paulus wendet diese Miriamtradition auf Christus an.
Der Vergleich der Wüstenzeit mit der Messiaszeit, des Mose mit dem Messias stammt aus der jüdischen Apokalyptik. Am Ende der Zeit wiederholen sich die Wunder des Exodus. Die drastischen Schilderungen vom Murren und Scheitern der Alten sollen die letzte Generation zum Glauben und unter Verfolgung zum Durchhalten motivieren.
In unserem Abschnitt liegt der Akzent auf dem delikaten Gleichgewicht von Glaubensgewissheit und notwendiger Offenheit: Die reiche Tradition gibt erst Anlass für den Glauben an Gottes Sorge für uns, an Christus und an ein gutes Ende. Sie verbietet jedoch allzu viel Sicherheit und Standfestigkeit; der Weg muss erst gegangen werden.

Über den Text hinaus

Auch diese Verse sind inklusiv zu lesen. Die Wüstengeneration besteht aus Vätern und Müttern ­ denken wir nur an Miriam. Und der endzeitliche Exodus, von dem Paulus schreibt, bringt auch die Schwestern auf den Weg. Bei unserem Text führt die gängige Lesart jedoch zu einer wichtigen Unterscheidung: Viele Schlüsselpositionen in Wirtschaft, Politik und Kirche sind von Männern besetzt, die über ein (un)gesundes Selbstvertrauen verfügen. Die Schuld der Überheblichkeit, der falschen Sicherheit ist hauptsächlich ein Väter- und Brüderproblem. Viele Frauen, Kinder und auch manche Männer werden jedoch öfter am Gegenteil schuldig: Ihre Verfehlung ist ihre Unsicherheit, ihre Duckmäuserei, ihr Mittun am Werk der Grossen wider besseres Wissen. Nelson Mandela sprach deshalb zu den kleinen Leuten ­ vielleicht im Sinne der korinthischen Frauen, deren Stimme wir nur durch die paulinische Kritik hören:

Unsere tiefste Angst ist nicht,
dass wir unzulänglich sind.

Unsere tiefste Angst ist,
dass wir unermesslich machtvoll sind.

Es ist unser Licht, das wir fürchten,
nicht unsere Dunkelheit.

Wir fragen uns: Wer bin ich eigentlich,
dass ich leuchtend, hinreissend, begnadet
und phantastisch sein darf?

Wer bist du denn, es nicht zu sein?

Du bist ein Kind Gottes. Wenn du dich
klein machst, dient das der Welt nicht.

Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun,
wenn du schrumpfst, damit andere
um dich herum sich nicht verunsichert fühlen.

Wir wurden geboren, um die Leuchtkraft Gottes
zu verwirklichen, die in uns ist.

Sie ist nicht nur in einigen von uns;
sie ist in jedem Menschen.

Wenn wir unser eigenes Licht erstrahlen lassen,
geben wir unwillkürlich den anderen Menschen
die Erlaubnis, dasselbe zu tun.

Wenn wir uns von der Furcht vor unserem Licht
befreit haben, wird unsere Gegenwart
andere befreien.

(aus Mandelas Antrittsrede 1994)

 

 

Literatur: Wolfgang Schrage, Der erste Brief an die Korinther (1 Kor 6,12­11,16), EKK VII/2, Solothurn und Düsseldorf 1995.


Er-lesen

Vorbereiten: Verse auf grosses Plakat schreiben (statt Einheitsübersetzung einen Text wählen, der die Sakramentalität von Speis und Trank in der Wüstenzeit zum Ausdruck bringt, z.B. Luther). Nach Begrüssung und Einstimmung: Text gemeinsam laut lesen und gemeinsam mit unterschiedlichen Farben bearbeiten. Zu den ersttestamentlichen Motiven die entsprechenden Schriftstellen notieren, Wortwiederholungen markieren usw.

Er-hellen

Umgang mit dem Ersten Testament herausstellen, der nicht auf Überbietung angewiesen ist. Mose als Heilsbringer. Ebenso Miriam als Heilsbringerin, auf die das merkwürdige Bild des mitwandernden Felsens zurückgeht.

Er-fahren

Fragen zur Einzelbesinnung: Welcher mitwandernde Brunnen (Traditionen, Ahnen/Ahninnen) nährt mich? Wo stehe ich allzu fest, so dass der Miriam/Christusbrunnen unbemerkt vorüberzieht? Wo werde ich schuldig am mitwandernden Brunnen, weil ich mich nicht genügend aus ihm nähre? Gemeinsam zu einer Quelle oder einem Brunnen gehen. Alle schöpfen sich Wasser in einen Becher (Wasserqualität vorher abklären!). Nacheinander spricht jede Person einen Satz aus, der sie nährt, die anderen prosten und trinken ihr zu. Zum Schluss Mandelas Worte lesen. Wer will, nimmt sich eine Flasche Wasser mit nach Hause.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001