10/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Eine Pädagogik der Abschreckung: Paulus führt die Wüstengeneration in ihrem Scheitern vor. Trotz dem Schutz der Wolke, trotz Taufe und geistlichem Trank konnten die meisten um genauer zu sein als Paulus, alle bis auf zwei vor Gott nicht bestehen und das Gelobte Land nicht erreichen. Paulus warnt vor falscher Sicherheit: Die Gnadengaben sind Segnungen auf dem Weg, aber garantieren nicht für die richtige Richtung und sichern das Ziel nicht im Voraus.
Der betonte Anfang setzt keine Unkenntnis der Leserinnen und Hörer
voraus. Paulus verwendet die Formel, wenn er etwas Neues einführt oder
einen Gedankengang betont. Die folgenden Verse lassen im Gegenteil bei den
Adressaten/Adressatinnen gute Schriftkenntnis (15), Vertrautheit mit
Analogieschlüssen (610) und apokalyptischer Gegenwartsdeutung
(1113) vermuten.
Auch für heidnische Glaubende sind die Israeliten/Israelitinnen des
Exodus Eltern. Die Wüstengeneration ist in der rabbinischen Auslegung
die gesegnetste und gleichzeitig verfluchteste Generation: Trotz Befreiung,
Manna, Wachteln und Wasser in der Wüste ist sie an Gott schuldig geworden.
Laut einem Mischnatraktat hat sie wie die Generationen der Sintflut und
des Turmbaus zu Babel keinen Anteil am Heil der zukünftigen Welt.
Als Vorbilder für die paulinische Relecture der Exodusgeschichte kommen
ersttestamentliche Überblicke über die Heilsgeschichte in Frage
(u.a. Ps 78; 105; 106; Ez 20; Neh 9,920; Weish 1019), die zum
Teil ebenso vernichtend ausfallen wie die paulinische Lesart.
Paulus beschäftigten Taufe und Abendmahl, entsprechend wählt er
die Exodusmotive aus. Wolke und Durchgang durch das Meer deuten auf die
Taufe, wobei die Wolke den Geist symbolisieren könnte. Im Unterschied
zum Buch Exodus, wo die Wolkensäule vor dem Volk herzieht (Ex 13,21),
spricht Paulus mit Ps 105,39 von der Wolke, die sich schützend über
die Menschen breitet.
Die Taufe auf Mose hat zu vielen Spekulationen über einen entsprechenden
jüdischen Ritus Anlass gegeben. Rabbinische Texte geben jedoch keine
Hinweise auf eine Mosestaufe, die an das Geschehen am Schilfmeer anknüpft.
Paulus betont damit den segensreichen Herrschaftswechsel und stellt Mose
als Heilsbringer heraus.
Die Fortsetzung zeigt, dass der Autor keine Überbietung des Exodusgeschehens
im Sinn hat. Schon die Wüstengeneration hat von der pneumatischen Speise
gegessen und vom pneumatischen Trank aus dem pneumatischen Felsen getrunken.
Das pneuma ist also schon vor Christus im Volk Israel sakramental wirksam.
Die Einheitsübersetzung trägt den Überhöhungsgedanken
nach, indem sie die Begriffe allgemeiner mit «gottgegeben» und
«lebensspendend» ersetzt und gegen den Text pneuma
für den Neuen Bund reserviert.
Das zentrale Bild im Text ist der Fels, der christologisch gedeutet wird.
Im mitwanderndenen Felsen taucht im vollständig androzentrisch (es
ist ausschliesslich von Männern die Rede, obwohl Frauen «mitgemeint»
sind) gehaltenen Text ein Frauenbild auf. In der rabbinischen Exegese wird
der Segen des Wüstenwassers mit Miriam assoziiert. Schliesslich ist
nach ihrem Tod das Wasser versiegt, und die beiden Brüder Mose und
Aaron mussten für ihre phallische Geste bestraft werden, weil sie nicht
wie von Gott geboten mit dem Felsen sprachen, sondern das Wasser durch Schlagen
wieder zum Fliessen brachten (Num 20,113). Die tote Miriam erstand
im porösen Felsen, der seither immer mit dem Volk unterwegs ist und
es tränkt. Paulus wendet diese Miriamtradition auf Christus an.
Der Vergleich der Wüstenzeit mit der Messiaszeit, des Mose mit dem
Messias stammt aus der jüdischen Apokalyptik. Am Ende der Zeit wiederholen
sich die Wunder des Exodus. Die drastischen Schilderungen vom Murren und
Scheitern der Alten sollen die letzte Generation zum Glauben und unter Verfolgung
zum Durchhalten motivieren.
In unserem Abschnitt liegt der Akzent auf dem delikaten Gleichgewicht von
Glaubensgewissheit und notwendiger Offenheit: Die reiche Tradition gibt
erst Anlass für den Glauben an Gottes Sorge für uns, an Christus
und an ein gutes Ende. Sie verbietet jedoch allzu viel Sicherheit und Standfestigkeit;
der Weg muss erst gegangen werden.
Auch diese Verse sind inklusiv zu lesen. Die Wüstengeneration besteht aus Vätern und Müttern denken wir nur an Miriam. Und der endzeitliche Exodus, von dem Paulus schreibt, bringt auch die Schwestern auf den Weg. Bei unserem Text führt die gängige Lesart jedoch zu einer wichtigen Unterscheidung: Viele Schlüsselpositionen in Wirtschaft, Politik und Kirche sind von Männern besetzt, die über ein (un)gesundes Selbstvertrauen verfügen. Die Schuld der Überheblichkeit, der falschen Sicherheit ist hauptsächlich ein Väter- und Brüderproblem. Viele Frauen, Kinder und auch manche Männer werden jedoch öfter am Gegenteil schuldig: Ihre Verfehlung ist ihre Unsicherheit, ihre Duckmäuserei, ihr Mittun am Werk der Grossen wider besseres Wissen. Nelson Mandela sprach deshalb zu den kleinen Leuten vielleicht im Sinne der korinthischen Frauen, deren Stimme wir nur durch die paulinische Kritik hören:
Unsere tiefste Angst ist nicht,
dass wir unzulänglich sind.Unsere tiefste Angst ist,
dass wir unermesslich machtvoll sind.Es ist unser Licht, das wir fürchten,
nicht unsere Dunkelheit.Wir fragen uns: Wer bin ich eigentlich,
dass ich leuchtend, hinreissend, begnadet
und phantastisch sein darf?Wer bist du denn, es nicht zu sein?
Du bist ein Kind Gottes. Wenn du dich
klein machst, dient das der Welt nicht.Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun,
wenn du schrumpfst, damit andere
um dich herum sich nicht verunsichert fühlen.Wir wurden geboren, um die Leuchtkraft Gottes
zu verwirklichen, die in uns ist.Sie ist nicht nur in einigen von uns;
sie ist in jedem Menschen.Wenn wir unser eigenes Licht erstrahlen lassen,
geben wir unwillkürlich den anderen Menschen
die Erlaubnis, dasselbe zu tun.Wenn wir uns von der Furcht vor unserem Licht
befreit haben, wird unsere Gegenwart
andere befreien.(aus Mandelas Antrittsrede 1994)
Literatur: Wolfgang Schrage, Der erste Brief an die Korinther (1 Kor 6,1211,16), EKK VII/2, Solothurn und Düsseldorf 1995.
Vorbereiten: Verse auf grosses Plakat schreiben (statt Einheitsübersetzung einen Text wählen, der die Sakramentalität von Speis und Trank in der Wüstenzeit zum Ausdruck bringt, z.B. Luther). Nach Begrüssung und Einstimmung: Text gemeinsam laut lesen und gemeinsam mit unterschiedlichen Farben bearbeiten. Zu den ersttestamentlichen Motiven die entsprechenden Schriftstellen notieren, Wortwiederholungen markieren usw.
Umgang mit dem Ersten Testament herausstellen, der nicht auf Überbietung angewiesen ist. Mose als Heilsbringer. Ebenso Miriam als Heilsbringerin, auf die das merkwürdige Bild des mitwandernden Felsens zurückgeht.
Fragen zur Einzelbesinnung: Welcher mitwandernde Brunnen (Traditionen, Ahnen/Ahninnen) nährt mich? Wo stehe ich allzu fest, so dass der Miriam/Christusbrunnen unbemerkt vorüberzieht? Wo werde ich schuldig am mitwandernden Brunnen, weil ich mich nicht genügend aus ihm nähre? Gemeinsam zu einer Quelle oder einem Brunnen gehen. Alle schöpfen sich Wasser in einen Becher (Wasserqualität vorher abklären!). Nacheinander spricht jede Person einen Satz aus, der sie nährt, die anderen prosten und trinken ihr zu. Zum Schluss Mandelas Worte lesen. Wer will, nimmt sich eine Flasche Wasser mit nach Hause.