9/2001

INHALT

Lesejahr C

Himmelsbürger

Daniel Kosch zu Phil 3,17-4,1

 

Auf den Text zu

«Damit die Kirche im Dorf bleibt» ist eine verbreitete Redewendung ­ auch wenn die Kirchen ihre Funktion als Mittelpunkte des Alltagslebens eingebüsst haben und die Dörfer weitgehend verstädtert sind. Kirchenbindung und lokale Verwurzelung sind vielfach eng verknüpft.
Im frühen Christentum war die Realität eine andere: Die Gemeinden waren kleine Minderheiten, wurden belächelt, bedrängt und manchmal auch verfolgt. Christ- oder Christinwerden war mit Distanzierungserfahrungen verbunden. Es galt, Abstand zu nehmen von der Herkunftsreligion und vom bisherigen Leben. Und es galt, die Erfahrung von Nicht-Dazugehören zu ertragen. So erstaunt es wenig, dass «nicht viele Mächtige und Vornehme» zu den Gemeinden gehörten, sondern mehrheitlich Frauen und Männer, die schon zuvor eher am Rand als in der Mitte der Gesellschaft lebten (vgl. 1 Kor 1,26­28). Für sie stand nicht die Distanzierungserfahrung im Vordergrund, sondern die Erfahrung neuer Heimat. Recht- und machtlose Menschen ohne viel Ansehen wurden durch die Taufe vollwertige Mitglieder einer Gemeinde, konnten ihren Fähigkeiten entsprechend Verantwortung übernehmen, hatten Rechte und Pflichten und erhielten die königliche Würde von Töchtern und Söhnen Gottes zugesprochen ­ unabhängig von religiöser Herkunft, gesellschaftlichem Stand und Geschlecht (Gal 3,26­28).
Anders und schwieriger war es für Gemeindemitglieder, die gut integriert und einflussreich waren. Sie konnten in Loyalitätskonflikte verwickelt werden: Die Teilnahme am Kaiserkult und an den Mahlzeiten im Tempelrestaurant, die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlich anerkannten religiösen Gemeinschaft waren für sie wichtig ­ und das Bekenntnis zum als Staatsfeind gekreuzigten Messias machte sie politisch verdächtig. Die frühen Christen wurden in der eigenen Heimat zu «Fremdlingen», denn die werdende Kirche stand nicht «im Dorf», sondern lebte «in der Zerstreuung» (Jak 1,1; 1 Petr 1,1; Hebr 11,13).

Mit dem Text unterwegs

Vor diesem Hintergrund erhält die Formulierung in Phil 3,20 einen neuen Klang: «Unsere Heimat ist im Himmel». Sie vertröstet nicht auf ein «besseres Jenseits». Und sie spielt auch nicht den «reinen Geist» gegen das «sündige Fleisch» aus, sondern ist verbunden mit der Hoffnung auf Verwandlung der gedemütigten Körper (3,21) und mit der Forderung nach verbindlich gelebter Gemeinschaft (4,1).
Zum rechten Verständnis der Formel gehört, dass das griechische Wort für «Heimat» (politeuma) präziser mit «Bürgerrecht» oder mit «Gemeinwesen» zu übersetzen ist. Gemeint ist eine gesellschaftliche Grösse, die Zugehörigkeit zu einer politischen Körperschaft, in der eigene Gesetze gelten. So bildeten die jüdischen Gemeinden in antiken Städten vielfach ein eigenes politeuma, in dem sie gemäss der Tora zusammenlebten. Her-auszuhören ist auch ein Gegensatz zum politeuma des römischen Imperiums, in dem nicht die geschwisterliche Gemeinschaft und die solidarische Praxis das Zusammenleben bestimmte, sondern das Prinzip «teile und herrsche».
Aber nicht nur der Begriff «Heimat» ist erklärungsbedürftig, sondern auch jener des «Himmels». «Die Himmel» sind in der jüdischen Tradition eine Umschreibung für die Lebenssphäre Gottes. Himmelsbürgerinnen und -bürger sind Menschen, deren ganze Existenz von der Welt Gottes bestimmt ist. Das prägt schon hier und jetzt ihren Alltag: Als Töchter und Söhne Gottes und Geschwister Jesu sind sie «untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus entspricht» (2,5). Nicht Machtstreben, Ehrgeiz und Habsucht, sondern Liebe, Achtung vor den Mitmenschen und Solidarität bestimmen ihr Handeln.
Unter den herrschenden Verhältnissen aber macht die «Himmelsbürgerschaft» den Alltag nicht zum «Himmel auf Erden», sondern verwickelt die Christinnen und Christen in die gleichen Konflikte, die Jesus Christus ans Kreuz brachten: Der vergöttlichte Kaiser duldet keine anderen Götter, das römische Reich erträgt keine Konkurrenz durch das Gottesreich. Paulus, die Gemeinden und besonders die Sklavinnen und Sklaven erfuhren buchstäblich am eigenen «armseligen» Leib (3,21), der allzu oft geschunden, geschlagen, ausgebeutet und auch vergewaltigt wurde, dass die Zugehörigkeit zu Jesus Christus irdisch Gleichgestaltung mit dem Gekreuzigten bedeutet. Die Verwandlung und Verherrlichung des Leibes in der Kraft der Auferstehung ist eine Hoffnung auf Zukunft hin ­ und gerade so Motivation, der geschwisterlichen Gemeinschaft die Treue zu halten (4,1). Diese Spannung formuliert Paulus mit den Worten: «Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinem Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten» (3,10­11).
Dem eigenen Lebensstil und Vorbild des Paulus und anderer Leidensgefährten (3,17), die ganz von der Zusage des «himmlischen Bürgerrechtes» her leben, stellt Paulus die «Feinde des Kreuzes» gegenüber: Ihr Gott ist der Bauch, sie haben «Irdisches im Sinn» und ihre Zukunft ist «das Verderben» (3,18). Wen Paulus so beschimpft und verurteilt, kann aufgrund der allgemeinen Polemik nicht genau festgestellt werden. Nahe liegend ist die Vermutung, dass er sich von Christinnen und Christen abgrenzt, die seines Erachtens zu viele Konzessionen machen. Mag sein, dass sie den gesellschaftlichen Erwartungen zu unkritisch entsprechen; mag sein, dass sie sich im kleinen privaten Glück einrichten; mag sein, dass sie die Auferstehungsbotschaft «vergeistigen» und ihr die subversive «leibhafte» und gesellschaftsverändernde Kraft nehmen; mag sein, dass sie als toragehorsame Juden leben, um vom Staat in Ruhe gelassen zu werden. Was auch immer der genaue Hintergrund war: Die Polemik ruft in Erinnerung, dass «Himmelsbürgerschaft» immer etwas Widerständiges und Unangepasstes an sich hat. «Himmelsbürgerinnen und -bürger» dürfen sich nicht vorschnell mit den herr-schenden Unrechtsverhältnissen arrangieren, weil sonst nicht nur das Kreuz Jesu, sondern auch die Auferstehung und die Verwandlung der Wirklichkeit auf dem Spiel stehen.

Über den Text hinaus

Dass sich die Situation gewandelt hat, dass Christinnen und Christen hierzulande nicht verfolgt werden, und dass die Kirchen nach wie vor über gesellschaftlichen Einfluss verfügen, sollte weder beklagt noch verurteilt werden. Aber die selbstkritische Frage muss (besonders in der Fastenzeit!) gestellt werden, ob für die gesellschaftliche Anerkennung nicht zu grosse Abstriche an der befreienden, weltverändernden und gefährlichen Botschaft von Kreuz und Auferstehung gemacht werden. Gerade in einer Zeit, in der die grossen Kirchen Mitglieder verlieren, besteht die Gefahr, es allen recht machen zu wollen und sich bis hin zur Unkenntlichkeit anzupassen: dem Trend zur Individualisierung, zur Aufkündigung der Solidarität mit den Leidenden, zum Rückzug ins private Glück und zur sanften Hoffnungslosigkeit. Dem ist entgegenzuhalten: «Unsere Heimat aber ist im Himmel».

 

Literatur: Sheila Briggs, Der Brief an die Gemeinde in Philippi. Die Aufrichtung der Gedemütigten, in: L. Schottroff/M.-Th. Wacker, Kompendium Feministische Bibelauslegung, München 21999, 625­634.


Er-lesen

Text vorlesen ­ Einordnung in die Entstehungssituation (s. dazu «Auf den Text zu» und SKZ 48/2000, S. 711) ­ erneut lesen.

Er-hellen

In der Mitte liegt ein grosses Plakat mit der Aufschrift: «Bürgerrecht: Schweizer/in». Ebenfalls bereit liegen dicke Filzstifte. Die Gruppe trägt Stichworte zusammen, die den Einzelnen einfallen, z.B.: Stimmrecht, reiches Land, Militärpflicht, Heimat.
Der Sinn der Worte «Heimat» und «Himmel» wird erklärt (s.o.). Auf einem zweiten Plakat mit der Aufschrift: «Bürgerrecht: Himmel» werden ebenfalls Stichworte zusammengetragen, z.B.: Freiheit, im Himmel sind alle gleich. Wenn nötig werden biblisch-theologische Ergänzungen gemacht.
Zwischen die beiden Plakate wird ein drittes gelegt mit der Aufschrift: «Doppelbürger/in». Austausch zur Frage: Was bedeutet es für mich, für uns als Gemeinde und als Kirche, gleichzeitig himmlisches und irdisches Bürgerrecht zu besitzen? Wo müssten wir dieses Doppelbürgerrecht konsequenter leben (z.B.: gleiche Rechte von Nicht-Schweizer/-innen in Pfarreien und Kirchgemeinden)?

Er-leben

Begegnung mit der Liedstrophe «Wir sind nur Gast auf Erden» (KG 727): Ist uns Neues zu diesem Text aufgegangen? Wo liegen die Anstösse, wo die Gefahren solchen Denkens?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001