8/2001 | |
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Lesejahr C |
Das ist eine Chance für alle, die noch nie gewagt haben, über Paulus zu predigen. Der Römerbrief im Allgemeinen und die Kapitel 911 im Besonderen gelten als theologisch schwierig und sind aufgrund der antijudaistischen Auslegungsgeschichte auch heikel. Die heutige Lesung lässt jedoch für einmal die Heilszusage vom Kontext unbehelligt aufleuchten. Statt über die Zweifelhaftigkeit der Auslese zu klagen, wird hier die Gelegenheit beim Schopf gepackt: Für einmal darf der Leseordnung folgend das Positive im Zentrum stehen.
Unser Abschnitt beginnt mit einem Schriftzitat. Paulus verwendet fast
wörtlich den schönen Vers: «Das Wort ist dir nahe, es ist
in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten» (Dtn 30,14).
Paulus zitiert den Vers aus der Tora nur bis zum «Herzen» und
lässt seine Aussageabsicht die Ermutigung zum Handeln stillschweigend
weg. Das Verfahren, Sätze aus der Heiligen Schrift ohne Rücksicht
auf den literarischen Zusammenhang und sogar gegen den ursprünglichen
Kontext zu verwenden, war in der frühjüdischen Exegese und Theologie
üblich. Die Schrift legitimierte und bebilderte, was Menschen in der
Gegenwart als göttliches Handeln und Wollen erfuhren. Das geschriebene
Wort Gottes wurde erst durch die Erfahrung der Gegenwart aufschliessbar
und sinnvoll. Modern gesprochen verfuhren Paulus wie auch beispielsweise
Schriftgelehrte aus Qumran radikal rezeptionsorientiert.
Wie frei die Rabbinen mit ihrer Tora umgingen, zeigt der Targum Jerushalmi,
eine für den liturgischen Gebrauch erstellte aramäische Bibel-«Übersetzung».
Dtn 30,14 wird dort so wiedergegeben: «Denn nahe ist euch das Wort
in euren Lehrhäusern, öffnet euren Mund, um es zu studieren; reinigt
euer Herz, um es zu tun.»
Paulus stützt mit diesem ersten Schriftzitat zuerst die Verkündigung
durch ihn und gleichgesinnte Apostel/Apostelinnen («uns»). Der
Inhalt ihrer Botschaft kommt dann in zwei Bekenntnisformeln zum Ausdruck,
die ihren spezifischen Sitz im Leib haben: «Mund» und «Herz»
aus dem Torazitat stehen für das öffentliche Bekenntnis und die
innere Überzeugung. Diese Verse 9f. sind sorgfältig gestaltet
(Parallelismus und Chiasmus). Wer dem Glauben Ausdruck verleiht und ihn
verinnerlicht, erhält Anteil an Rettung und Gerechtigkeit. Die Einladung
an die Lesenden ist durch die direkte Anrede deutlich ausgesprochen.
Zwei Zitate aus den Prophetenbüchern werden auf Christus gedeutet und
bezeugen die gute Nachricht, die Paulus überbringt (Jes 28,16 und Joël
3,5). Den Bekennenden und Glaubenden wird Gerechtigkeit, Rettung (letztere
kommt im kleinen Abschnitt drei Mal vor!) zugesprochen und ausserdem verkündet,
dass der Herr reich ist für sie alle.
Alle meint alle: Die Aufhebung der heilsgeschichtlichen Unterschiede zwischen
Juden/Jüdinnen und Griechen/Griechinnen erinnert an das Veränderungspotential
der Taufe (Gal 3,28).
Paulus meint mit seinen Heilsbegriffen die Rettung der Menschen angesichts
der endzeitlichen Vernichtung. Es wäre jedoch gegen Paulus gelesen,
Gerechtigkeit, Rettung und Reichtum erst im letzten Gericht zu erwarten
und nicht schon in diesem Leben. Zwar können und müssen sich die
Menschen ihr Heil und das der Welt nicht selber erschaffen, doch ist dieses
Heil im Erdenleben Christi und im Glauben der Menschen geschichtlich schon
erfahrbar und sichtbar geworden. Wer glaubt, lebt vom Überschuss, an
dem sich das eigene Wort und das Herz ausrichten sollen: an der Hoffnung
für ein gutes Leben für alle.
Und die Hand? In der Antike galt das Wort als wirkmächtig, als weltverändernde
Kraft. Wer den Glauben öffentlich bekennt und ihn im Herzen trägt,
wird sich in der Welt entsprechend verhalten. Geschenkte Gerechtigkeit,
Rettung und Reichtum sind diesseitige Suchbegriffe, an denen sich die Hand
orientieren und messen lassen muss. «Ein wirkliches Wort sagen heisst
daher, die Welt verändern» (Paolo Freire, Befreiungspädagoge).
Die heutige Lesung bietet einen positiven, integrativen Text an. Doch auch er hat seine Tücken. Viele Menschen auf der Schattenseite des Lebens fürchten sich aus gutem Grund vor reinen Lippenbekenntnissen oder vor der reinen Innerlichkeit, denen keine entsprechenden Taten folgen. Beide sind nicht nur billig, sondern stützen die Lügenwelt, also das gewöhnliche Unrecht, an das wir uns täglich neu gewöhnen sollen. Was aus der Antike neu zu lernen ist: Das gesprochene Wort hat die Macht, die Welt zu verändern; es darf im Positiven wie im Negativen nicht unterschätzt werden. Das Wort, das wir im Herzen tragen, prägt unser Handeln. Die inneren Sätze, die das Herz mit Freude, Wohlbefinden, Ärger oder Sorge erfüllen, sind daher genau unter die Lupe zu nehmen. Vielleicht können sie verabschiedet und durch einen neuen Suchbegriff ein Bekenntnis zum Leben für alle ersetzt werden.
Literatur: Silvia Schroer, Thomas Staubli, Die Körpersymbolik der Bibel, Darmstadt 1998; Elsa Tamez, Gegen die Verurteilung zum Tod. Paulus oder die Rechtfertigung durch den Glauben aus der Perspektive der Unterdrückten und Ausgeschlossenen, Luzern 1998; Ulrich Wilckens, Der Brief an die Römer (Röm 611), EKK VI/2, Zürich u.a. 1980.
Raum heiter und wohltuend gestalten. Übung zum Ankommen (z.B. im Geist nochmals den Weg durch den Tag bis in die Bibelrunde nachgehen), dann eine Körperspürübung im Liegen oder Sitzen anbieten, die den Teilnehmenden Gelegenheit gibt, auch leiblich (vor allem im Mund- und Herzbereich) anzukommen. Ist die Atmosphäre unbelastet, öffnet folgende Imaginationsübung die Sinne für die Beziehung zwischen Leib und Heilsbegriffen. Die Anwesenden nehmen in ihrer Vorstellung ein wohltuendes Bad in einer Heilflüssigkeit namens Rettung. Sie sollen still für sich die angenehme Farbe, Substanz und Wärme bestimmen und das Bad geniessen. Auf ein Signal hin lassen alle die Heilflüssigkeit langsam abfliessen und wenden in ihrem Tempo die Aufmerksamkeit wieder der Gruppe zu. Wer will, kann ein Wort in die Runde sprechen. Sie hören wiederum mit geschlossenen Augen den Text. Was haben sie gehört? Austausch.
Schriftzitate in den ursprünglichen Kontexten nachlesen. Zusammentragen: Wie hat Paulus sie verwendet? Was wird den Glaubenden zugesprochen? Informationen und Gespräch über diesen freien Schriftgebrauch, über die Leibsymbolik und das Heil, das die Glaubenden für alle erhoffen: Rettung, Gerechtigkeit und Reichtum. Auch (oder gerade) bei «positiven» Texten ist damit zu rechnen, dass Menschen schmerzhaften Erfahrungen und Widerstand begegnen. Dies kann die heitere, wohltuende Stimmung platzen lassen. Aber das darf (behutsam und heiter begleitet) auch geschehen.
Der Text gibt Einblick in die Hoffnung des Paulus, aber auch in die urchristliche Gebetspraxis, die feste Gebetsrufe und Formeln kannte. Eine Übung zum Ausklang: Alle setzen sich gut hin und beten 10 Minuten still im Herzen «Gott hat Jesus von den Toten auferweckt» oder einen eigenen Satz, der ihren Glauben zum Ausdruck bringt. Mit einem Danklied abschliessen.