7/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Das grosse Finale des Auferweckungskapitels besteht aus einem triumphierenden Ruf (Wo, Tod, ist dein Sieg? Wo, Tod, ist dein Stachel?) und dem letzten Appell an die Leserinnen und Hörer: Auf Grund der dargelegten Zukunftshoffnung sollen sie standfest und eifrig im Werk des Herrn sein.
Rhetorisch ist das 15. Kapitel vorbildlich aufgebaut: Zuerst betont Paulus
die Wichtigkeit des Auferweckungsglaubens für die Missionare/Missionarinnen
(14f.), die Lebenden (17), und die Toten (18). Dann umschreibt er die neue
Existenz: Sie ist zwar mit dem gegenwärtigen Leben verbunden, wird
aber ganz anders sein (3550). Nach Vergleichen mit der Vielfalt und
Wandlungsfähigkeit der Natur und des Kosmos zieht Paulus im Vers vor
unserem Finale die Kleidermetapher heran. Auch hier bleibt Paulus bei der
Verhältnisbestimmung, denn über das zukünftige Leben lässt
sich nur im Vergleich sprechen: Das Verwesliche muss das Unverwesliche anziehen
(53).
Das Bild vom neuen Gewand finden wir auch im Galaterbrief: Dort wird in
der Taufe Christus angezogen (Gal 3,27). Mit diesem Kleiderwechsel beginnt
eine Existenz, in der wesentliche Unterschiede zwischen Menschen wie Geschlecht,
Kultur und Status keine Rolle mehr spielen. Die Verwandlung ist zwar keine
oberflächliche, in der nur das Hemd gewechselt wird, aber sie ist auch
eine äusserliche:
Sie verändert die Machtverhältnisse im diesseitigen Leben radikal.
In unserem Abschnitt gebraucht Paulus die Kleidermetapher nicht zur Illustration
der Verwandlung durch die Taufe, sondern für die Erneuerung in der
Auferweckung: Erst wenn der letzte Feind besiegt ist (26), beginnt das Neue,
ganz andere.
Ironisch hat der Autor zu Beginn der Diskussion um den auferweckten Leib
eine rhetorische Doppelfrage gestellt (35). Den triumphierenden Schluss
formuliert Paulus nun ebenfalls als Doppelfrage. Sie ist direkt an den Tod
gerichtet. Der Schreiber leitet sie als Erfüllungszitat ein und gibt
ihr dadurch besonderes Gewicht. Sein Mischzitat aus Hos 13,14 und Jes 25,8
ist sehr frei gestaltet.
Bei Hos 13,14 handelt es sich um ein schreckliches Gerichtswort des Propheten,
das Seuchen und den Todesstachel über die Menschen ruft, um sie für
ihre Untreue zu bestrafen. In Kombination mit dem Jesajazitat wendet sich
die Bedeutung und zielt gegen den Tod selber. Auch in frühjüdischen
Quellen lassen sich vergleichbare Umdeutungen finden. Paulus spricht vom
Tod «als sei er gar verschlungen und rein ausgesoffen, der doch alle
Menschen gefressen und verschlungen hat.» (Martin Luther).
Der Stachel, den schon Hosea nennt, kann entweder als Treiberstachel von
Hirten und Hirtinnen (Sir 38,25) oder als tödlicher Stachel des Skorpions
verstanden werden. Der griechische Begriff, den Paulus verwendet kentron
meint jedoch in erster Linie den mit eisernen Stacheln bewehrten Stab
zum Antreiben von Sklaven/Sklavinnen.
Anschliessend (56) klingt in einem einzigen Vers an, was Paulus in Röm
5 und 7 ausführen wird. Hier kommt er überraschend auf das Gesetz
zu sprechen. Dies ist eine der Stellen im Neuen Testament, die traditionell
antijudaistisch ausgelegt werden. Torafeindlichkeit muss Paulus hier aber
nicht unterstellt werden: Mit dem Gesetz kam der Heilsweg in die Welt, der
erst die Sünde entlarven konnte. Ebenso sieht es Paulus auch im Bezug
auf Christus, wie seine intensive Auseinandersetzung gerade im ersten Korintherbrief
zeigt: Die Verkündigung Christi eröffnet erst die Möglichkeit,
Christus zu verfehlen.
Paulus schliesst die Belehrung über die Auferweckung mit dem Dank für
den Sieg, den Christus bringt (57). Nach der starken Betonung der Zukünftigkeit
des neuen Lebens in den vorangegangenen Versen spricht er hier über
den Sieg, der schon errungen ist.
Der abschliessende Aufruf zur Standhaftigkeit im Werk des Herrn wurzelt
in diesem Sieg und wird sich auszahlen. Paulus betont diese ethische Folgerung
durch die direkte Anrede: Brüder (und Schwestern).
An diesem Finale fällt die Militärsprache auf. Wie beispielsweise
Flavius Josephus bezeugt, gehörte zur internen römischen Militärpropaganda,
allein den standhaften männlichen Soldaten, die den Heldentod starben,
die Auferstehung in Aussicht zu stellen; im Tod auf dem Schlachtfeld wurde
der Tod besiegt. Durch ihre Kampfbereitschaft, Disziplin und Unterwerfung
schufen sich die Heeresangehörigen die Voraussetzung für ihre
Unsterblichkeit.
Wenn Paulus nach seiner Betonung der ganz anderen und vor allem zukünftigen
Auferweckung an die Leserinnen und Hörer appelliert, sich standhaft
und unerschütterlich zu mühen, dann wendet er sich an eine Gruppe,
die eine andere Vorstellung von Leiten und Begleiten hat als er, die selbstbewusst
ihre eigene prophetische und exstatische Autorität als Getaufte in
Anspruch nimmt. Ob die «Arbeit» in diesem militärischen
Sprachkontext auch die Mühe meint, sich einer Autorität wie Paulus
zu unterwerfen und von den eigenen exstatischen Erfahrungen abzusehen?
Paulus verwendet viel Energie darauf, die Kraft und Unerbittlichkeit des Stachels erst einzuschärfen, bevor er ihn zieht. Diese paulinische Schärfe kann daran erinnern, dass der Tod seinen Stachel zu oft nachlässig verlegt oder gezielt versteckt. Die Radio- oder Fernsehnachrichten über Kriegselend und Naturkatastrophen sind so formuliert, dass sie zum Mittagessen eingenommen werden können. Der Todesstachel sticht die Gewöhnung an das Leid der anderen und an tödliches Unrecht so leicht nicht aus. Der Triumph über den Tod des Todes muss spät kommen, sonst wird er selber lebensfeindlich und zynisch.
Literatur: Luise Schottroff, Der erste Brief an die Gemeinde in Korinth. Wie Befreiung entsteht, in: Dies., Marie-Theres Wacker, Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 21999, 574592.
Der Text ist voll Pathos; er appelliert an die Gefühle der Zuhörenden und Lesenden. In Kleingruppen (46) die Verse mehrmals laut lesen und dabei rhetorisch unterschiedlich gestalten. Im Plenum vortragen, Bedeutungsvarianten durch unterschiedliche Betonung insgesamt und der drei Textelemente (Herleitung Triumph Verhaltensanweisung) herausarbeiten.
Lesung als Finale in den Kontext des Kapitels und des ganzen Briefes stellen. Die Auferweckung ist Gegenstand einer theologischen, existentiellen und «kirchenpolitischen» Kontroverse. Hintergrundinformationen zur damals entstehenden und vielgestaltigen frühjüdischen Auferstehungshoffnung geben.
Kurze Zeitungsmeldungen über den Tod von unbekannten Menschen, die
als einzelne oder in einem grossen Unglück umgekommen sind, auf A4-Blätter
vergrössern. Jede Person wählt sich eine Nachricht und schreibt
sie um: Wie lautet diese Meldung, wenn ich sie unter den Titel «Tod,
wo ist dein Stachel? Tod, wo ist dein Sieg?» stelle?
Austausch. Dann gemeinsam überlegen, welche sprachlichen und welche
liturgischen Formen der Erinnerung an die Toten angemessen sind. Erinnerungsfeier,
Klageritual, Unterstützungs- oder Protestaktion.