6/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Für Paulus ist Leiblosigkeit heillos. Auferstehung muss deshalb körperlich sein. Unsere Lesung steht als Schriftbeweis am Ende der Argumentation über die Leiblichkeit der Auferweckten (3550). Paulus mokiert sich zwar zu Beginn (35) über die Frage nach den auferweckten Körpern. Doch dieses Thema ist im ganzen Kapitel präsent, und nun legt er seine eigenen Vorstellungen dazu auf den Tisch.
Vor unserem Schriftbeweis knüpft Paulus an das Erfahrungswissen
seiner Leser und Hörerinnen an (3641): Das Weizenkorn muss sterben,
damit die Saat in ihrer eigenen Gestalt aufgehen kann. Aber nicht nur Same
und Pflanze unterscheiden sich voneinander; auch zwischen den Körnern
gibt es nach Gottes Schöpfungswillen Differenzen, ebenso zwischen allen
Lebewesen. Ausserdem heben sich die Himmelskörper untereinander und
von den irdischen ab. In Analogie zu diesen Naturbeobachtungen, mit denen
Paulus den ersten biblischen Schöpfungsbericht zitiert, formuliert
er sein eigenes Auferstehungsverständnis. Er überträgt die
erfahrbare Differenzierung auf das Verhältnis von erster Schöpfung
und Neuschöpfung der Auferweckten: Es wird ganz anders sein.
Zwischen den unterschiedlichsten Lebewesen und trotz des radikalen Bruchs
im Tod stellt Paulus eine Kontinuität fest: Irdisch wie überirdisch
ist das Leben schöpferisch von Gott gestaltet und gehalten (42b44a;
in den vier Antithesen sind alle Verbalformen als passiva divina formuliert).
Aus der Naturbeobachtung und der Behauptung von Gottes Engagement für
das Leben in all seinen Existenzformen wird eine erstaunliche Folgerung
gezogen: Wenn es einen psychischen Leib gibt, dann auch einen geistlichen.
Erstaunlich einerseits, weil sich aus der Meditation von Unterschieden und
Verwandlungen in der Natur auch im damaligen Verstehenshorizont nicht zwingend
ein Auferweckungsglaube ergab.
Erstaunlich andererseits, weil in unserem Abschnitt ständig vom Gegensatz
zwischen psyche und pneuma, nicht etwa von pneuma und sarx, die Rede ist.
Das Fleisch, der gängige Oppositionsbegriff zum Geistigen betont hier
im Oxymoron (geistlicher Leib oder spirituelles Fleisch) die notwendige
Leiblichkeit der geistlichen Existenz.
Religionsgeschichtlich gehört die Opposition psychepneuma zum
Denken der jüdisch-weisheitlichen Schule in Alexandrien, die für
uns fast ausschliesslich in den Schriften des Philo von Alexandrien greifbar
ist. Dieser Zeitgenosse von Paulus leitet aus den beiden biblischen Schöpfungsberichten
zwei Urmenschen und von ihnen die doppelte Natur des Menschen ab: Im ersten
Bericht findet er einen Hinweis auf den himmlischen Idealmenschen (Gen 1,26f.),
im zweiten auf den konkreten, empirischen Menschen (Gen 2,7). Diese zweite
irdische Person lebt sowohl vom Lebensatem (psyche) als auch von Gottes
Geist (pneuma).
Paulus greift offenbar ein bekanntes Schema auf, gestaltet es aber im Unterschied
zu Philos Zeitlosigkeit historisch und eschatologisch. Ausserdem dreht er
die Prioritäten um: Zuerst lebt der irdische Adam sein sinnlich-geistiges
Leben, und erst nach ihm tritt der Letzte Adam (der auferweckte Christus)
hervor, mit dem die Vollendung kommt.
Unsere Lesung zitiert den zweiten Schöpfungsbericht (Gen 2,7). Paulus
fügt eigenwillig zwei Wörter ein «erste» und
«Adam» , um den Kontrast zu verschärfen. Er zeigt
an Hand der bekannten Universalgestalt Adam in diesem Schriftbeweis, wie
das Todesproblem durch Christus überwunden wird: Wir Menschen sind
nach dem Bild (vgl. den ersten Schöpfungsbericht: Gen 1,26f.) des «Staubgeborenen»
gestaltet. Und wir werden nach dem Tod (möglicherweise erst am Ende
der Zeiten) in einem auferweckten ganz anderen, aber organisch mit
diesem irdischen Leben verbundenen Leib nach dem Bild des Himmlischen
neu geschaffen werden.
Paulus betont in seiner Auferweckungstheologie, die Grenze, die der Tod
setzt: Das irdische Leben ist endlich, und daran ändert alle Geistbegabung
nichts.
Es ist nicht zu übersehen, dass Paulus seine Auferweckungstheologie
mit denselben Metaphern verdeutlicht und aus derselben Schöpfungstheologie
entwickelt, mit denen er zuvor die Unterwerfung und Nachordnung von Frauen
legitimiert hat (11,312). Wenn alles ganz anders sein wird im zukünftigen
Leben, dann ist zu prüfen, ob nicht auch durch eine beeindruckende
Auferweckungstheologie unbedacht einige Privilegien im irdischen Leben bestätigt
werden.
Ältere Christinnen und Christen erlebten den Appell als befreiend und/oder beängstigend: Leib und Leben sind aus Jenseitsvertröstung und Leibfeindlichkeit zu befreien Es gibt ein Leben vor dem Tod! Paulus kann dafür in Anspruch genommen werden: Die irdischen Leiber sind zwar durch den Tod radikal begrenzt, aber über den Tod hinaus offen für ein Leben, das anders, aber leiblich und mit der Erde verbunden ist. Eine Position, die im Zeitalter von virtuellen Welten und anderen Kopfgeburten wiederum befreien und ängstigen kann.
Literaturhinweis: Winfried Verburg, Endzeit und Entschlafene. Syntaktisch-sigmatische, semantische und pragmatische Analyse von 1 Kor 15, Forschung zur Bibel 78, Würzburg 1996.
Flaschenpost: Die Lesung wird kopiert und für jede Kleingruppe in eine Flasche gesteckt. Flaschenpost ist dringlich, wartet aber möglicherweise lange auf die Empfänger/Empfängerinnen, die dann den Kontext rekonstruieren müssen. Die Gruppen überlegen: Was sagt die Post über die Person, die sie abgeschickt hat? über ihre Situation? was ist ihre Botschaft?
Den Text in den literarischen Kontext stellen und das paulinische Auferweckungsverständnis erarbeiten. Die historischen Umstände, über die wenig bekannt ist, rekonstruieren lassen oder skizzieren (beispielsweise die Relecture der Schöpfungsgeschichten und die Fortsetzung der Kontroverse zwischen korinthischen Gläubigen und Paulus).
Die Gretchenfrage (wie hältst du's mit der Auferstehung?) soll vermieden
werden zu Gunsten einer Spurensuche, die den wohltuend ehrlich
oft zögernd und fragmentarisch formulierten Hoffnungen und Vorstellungen
von Teilnehmenden Raum lässt.
Fragen, die ein Suchgespräch anregen: Was fördert heute den Auferweckungsglauben
(Zuwendung zur Schöpfung, zum Leib; Wahrnehmung von Leid und Ungerechtigkeit;
Erfahrung von Alter und Tod)? Was hindert den Glauben an die leibliche Auferweckung
(Verdacht auf Projektion und Vertröstung; Machbarkeitswahn im Bereich
des Lebens; virtuelle Welten, die ein fast leibloses Leben und Geniessen
ermöglichen)?
Jede/r versucht, für sein/ihr Credo über das Leben vor und nach
dem Tod Worte zu finden, und überlegt sich die Konsequenzen dieser
Haltung für ihren Alltag, ihr Engagement und ihr Glück.
Gespräch über die alltäglichen und politischen Folgen des
Glaubens.