4/2001

INHALT

Lesejahr C

Auferweckt und überliefert

Regula Grünenfelder zu 1 Kor 15,1-11

 

Auf den Text zu

An vier aufeinander folgenden Sonntagen wird aus dem Auferstehungskapitel im Korintherbrief vorgelesen. Im Zentrum des ersten Abschnitts steht das älteste Osterbekenntnis, das Paulus selber übernommen hat und mit der Tradition legitimiert.

Mit dem Text unterwegs

In der Einleitung (1­3a) bindet Paulus zunächst seine Person eng an die Botschaft: Er erinnert an die Frohbotschaft, die er den Adressaten/Adressatinnen als Frohbotschafter verkündet hat.
Die folgenden drei Gedankengänge gehen gleitend ineinander über: Paulus erinnert zuerst an das Osterereignis, spricht dann über die Osterzeugen und nennt sich schliesslich selber als letzten Zeugen.
Das Auferweckungsbekenntnis besteht aus 4 Verben, die ­ einander paarweise zugeordnet ­ zwei unterschiedlich lange Strophen bilden. Zuerst: Christus starb und wurde begraben. Im Hinweis auf das Begräbnis wird der Tod besiegelt. Dann: Er ist auferweckt worden und erschien Kephas und den Zwölfen. Die Erscheinung beglaubigt die Auferweckung. Der Begriff «Auferweckung» spricht im Unterschied zur geläufigeren «Auferstehung» von der Initiative Gottes.
Die ersten Verben beider Strophen erhalten ihre Legitimation durch den Hinweis auf die Schrift: Gemäss der Schrift ist Jesus gestorben, gemäss der Schrift auferweckt worden. Tod und Auferweckung des Messias lassen sich jedoch trotz der Anklänge an die Gottesknechtslieder (Jes 53) oder Ps 118 nicht einfach aus der Schrift ableiten. Das Bekenntnis steht aber in der jüdischen Tradition, die das rettende Handeln Gottes in jeder Generation aufspürt und auch gegen eine gottlos ungerechte Gegenwart behauptet. Das damals neue und umstrittene Thema der leiblichen Auferstehung ist als aktuelle Anfrage an Gottes Wirken und Gerechtigkeit zu verstehen.
Die Strophen enthalten je eine Erklärung. Gestorben ist Christus für unsere Sünden. Dieser Bezug auf die Gottesknechtslieder klärt den Sündenbegriff, um den es hier geht: Der Gottesknecht, der die Krankheiten, Sünden und Nöte der Menschen auf sich nimmt, steht für eine gerechte und gewaltfreie Gesellschaft.
Die Auferweckung wird in der zweiten Strophe zeitlich bestimmt. Auch eine jüdische Überlieferung spricht von den drei Tagen: «Niemals lässt Gott die Gerechten länger als drei Tage in Not» (GenR 91,7, vgl. Hos 6,2). Die menschlichen Kräfte sind begrenzt. Das Zeitmass könnte vom Geburtsprozess abgeleitet sein: Nach drei Tagen müssen die Wehen spätestens überstanden und das Kind geboren sein.
Das Ostergeschehen wird in Etappen von Tod, Begräbnis, Auferweckung und Erscheinung geschildert. Es schliesst die ersten Zeugen ­ Kephas und die Zwölf ­ mit ein. Diese Erwähnung von Petrus trug zu seiner Sonderstellung in der kirchlichen Tradition bei. Ebenso verdanken die Zwölf, die Paulus einzig hier erwähnt, ihre Prominenz wesentlich diesem Credo.
Der Entstehungsprozess neutestamentlicher Aussagen über die Auferweckung ist dialogisch zu denken: Geschichten gaben den Anstoss, ein Credo zu formulieren, und dieses Credo mit seiner zeitlichen Strukturierung lud wiederum dazu ein, die Auferstehungserfahrungen in Geschichten weiterzugeben.
Auch wenn in unserem Text die Menschen in Korinth auf den Wortlaut verpflichtet werden, so kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass selbst Paulus um die Formulierung ringt. Dies zeigen die vergleichbaren Bekenntnisse in den anderen Briefen (Gal 2,10; Röm 10,9; 1 Thess 4,14). Diese unterschiedlichen Aussagen zu Tod und Auferstehung sind keine Zitationssplitter eines grösseren verbindlichen Credos, sondern dokumentieren das vielfältige, engagierte Suchen nach den treffenden Ausdrucksformen.
Auf das Bekenntnis folgt eine Zeugenliste. Es fällt auf, dass Paulus die Zeuginnen verschweigt. Oft wird er damit entschuldigt, dass juristische Aussagen von Frauen keinen Zeugenwert gehabt hätten. Das Wort von Frauen wurde jedoch auch damals von manchen Männern mehr geschätzt als von anderen. Im Zusammenhang mit dem rabiaten Lehr- und Frageverbot an die Adresse von Frauen (1 Kor 14,34­36) ist von einer folgenreichen Auswahl des Paulus zu sprechen.
Die 500 Brüder (und Schwestern?) spielen wohl weniger auf Pfingsten in Jerusalem an, als vielmehr auf eine galiläische Auferstehungstradition. Paulus verwendet diese grosse Zahl apologetisch: Die Auferweckung kann von vielen Zeugen/Zeuginnen beglaubigt werden. Nach Paulus beschränkt sich der Apostelbegriff nicht auf den Zwölferkreis. Auch Jakobus (hier ausdrücklich) oder beispielsweise Andronikus und Junia (aus den Grusslisten des Römerbriefes) zählt er dazu. Apostel und Apostelinnen sind judenchristliche Missionare/Missionarinnen, die ihre Legitimation aus der Ostererzählung beziehen.
Paulus ist in doppelter Hinsicht der «Letzte». Er bekennt sich als ehemaliger Verfolger der jungen Kirche und bezeichnet sich deshalb als «Fehlgeburt» (wohl ein Schimpfwort seiner Gegner/Gegnerinnen). Er ist in unserem Text aber auch der Letzte, der sich als Apostel autoritativ auf die Ostererfahrung berufen kann. Paulus legitimiert das Auferweckungsbekenntnis durch Zeugen/Zeuginnen, nicht jedoch seinen eigenen Status als Apostel, der ihm die Apostelgeschichte vorenthält. Dieser wird einzig durch sein eigenes rastloses Handeln im Dienst der Kirche beglaubigt.
Der abschliessende Vers rahmt zusammen mit der Einleitung das Auferweckungsbekenntnis, das Paulus durch einen Überlieferungsstrang belegt.

Über den Text hinaus

Wir sind auf Überlieferungen und Traditionen angewiesen. Sie sind mit ihrem Reichtum, aber auch ihrer Missbrauchsgeschichte wahrzunehmen. Wir verdanken Paulus das älteste Auferweckungsbekenntnis des Christentums. Dies entbindet jedoch nicht von der Beobachtung, dass sich hier Paulus in die Reihe einflussreicher Männer stellt, um seine Autorität im Konflikt mit Männern und vor allem Frauen in Korinth zu festigen.

 

Literatur: Damit sie leben haben. Bibelarbeit in der Gottesdienstvorbereitung. Hrsg. vom Schweizerischen Katholischen Bibelwerk. Lesejahr A. Baustein 6.


Er-lesen

Einmal vorlesen. Dann noch einmal langsam und mit Pausen lesen, bis jemand «Stop» sagt und eine Frage stellt. Diese gemeinsam diskutieren. Nochmals im Zusammenhang lesen.

Er-hellen

Bekenntnis mit anderen paulinischen Auferstehungszitaten und/oder Ostererzählungen der Evangelien vergleichen. Aufzeigen, wie das Auferweckungsbekenntnis legitimiert wird.

Er-leben

Alle Teilnehmenden (3­6 pro Gruppe) schreiben eine kurze autobiographische Geschichte in der 3. Pers. Sing. (mit der Absicht der Distanzierung ­ es geht um Momente der Aneignung von Tradition, nicht um das richtige oder falsche Tun eines Menschen). Thema: Ich habe die Auferstehungsbotschaft gehört. Es soll in der Gegenwartsform erzählt (nicht kommentiert und gedeutet) werden, wann, von wem, in welcher Atmosphäre beispielsweise diese Jugendliche, die ich einmal war, mit der Auferstehung Christi in Berührung kam. Da die Formel von der Auferstehung so abstrakt klingt, kann zweitens angeboten werden, eine Geschichte zu Ostern zu schreiben. Eine Person liest in der Kleingruppe ihre Geschichte vor. Gespräch über Themen, Auslassungen und Brüche (alle reden über die Gestalt im Text in der 3. Pers. Sing.): Was ist diesem Kind/diesem Mann widerfahren? Was wird erzählt, was nicht? Brüche zeigen auf, wie die Geschichte anders hätte weitergehen können. Das Schlusswort gehört der Person, die ihre Geschichte vorgelesen hat.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001