3/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Das «hohe Lied der Liebe» ein literarisches Kunstwerk gehört zu den bekanntesten biblischen Texten. Genau betrachtet handelt es sich nicht um ein Lied oder einen Hymnus, sondern um ein dreiteiliges Prosastück. Viel eher als ein Lied stellt unser Text eine Wegschilderung dar, die sich an der Liebe (Agape) orientiert.
Die Eröffnung mit dem Hinweis auf den «anderen Weg»
verknüpft unseren Abschnitt mit der eben vorgestellten Hierarchie der
Gnadengaben. Der Weg der Liebe steht mitten in der Auseinandersetzung um
die Charismen (Kapitel 1214). Wahrscheinlich wurde er ursprünglich
und von Paulus selbst gestaltet an dieser Stelle platziert. Die Reflexion
über die Liebe ist nicht als Antithese zu den Gnadengaben zu verstehen,
sondern als deren theologische Verankerung und kritisches Korrektiv. Für
die Verbindung mit dem Kontext sprechen die Verzahnung mit der Charismenfrage
am Anfang (13) und am Ende (813). Auch sonst zeigen Verknüpfungen
mit anderen Briefpassagen, dass die für eine Aktualisierung so geeigneten
offenen Formulierungen mit Blick auf den Kontext zu konkretisieren sind.
Wie jedesmal, wenn Paulus kritisch über Charismen schreibt, steht auch
hier die Zungenrede am Anfang. In parallel gebauten Sätzen werden anschliessend
die prophetische Rede, Einsichten in die Mysterien und Erkenntnisse (hier
kommt nur der hellenistische Terminus Gnosis, nicht aber Sophia zur Sprache!)
radikal an der Liebe gemessen und relativiert.
Die Engelszungen, von denen Paulus spricht, drücken seine Wertschätzung
für das Phänomen aus: In der Menschen- und Engelsrede begegnen
sich Himmel und Erde (2 Kor 12,2). Was Paulus würdigt und in der Gemeinde
von Korinth nach den Briefen des Paulus zu urteilen besondere
Anerkennung erfährt, ist ohne die Liebe eine brotlose Kunst, nichts
als sinnloser Lärm. Es ist möglich, aber nicht gesichert, dass
Paulus mit den erwähnten Instrumenten auf orgiastische Kulte anspielt.
Mit dem sprichwörtlichen «Berge versetzen» anerkennt der
Autor geistliche und geistige Höchstleistungen, lässt mit seiner
Kritik aber die Athleten/Athletinnen in Nichts zusammenfallen: Das Handeln
der Person ist untrennbar mit ihrem Sein verbunden.
Die dritte Kritik betrifft den Besitzverzicht zu Gunsten der Armen, also
die Nächstenliebe ohne Liebe. Sogar die Selbsthingabe, die an die politischen
Martyrer/Martyrerinnen seit der makkabäischen Zeit, an Jesu Tod und
das Lebensrisiko des Autors erinnert, ist schliesslich der radikalen Motivationsprüfung
zu unterziehen.
Paulus kritisiert im Herzstück der Charismenlehre nicht die Gnadengaben
selber, sondern ihre falschen Proportionen. Die von Paulus kritisierte Überschätzung
der Charismen erfährt durch den verwendeten Begriff eine weitere Abkühlung:
Agape wird schon in der Septuaginta vor den emotionsgeladenen Eros und Philia
bevorzugt. Durch die Formulierung «Liebe haben» statt «lieben»
erscheint die Liebe als Gegenüberwesen. Liebe ist die Haltung von Menschen
in Beziehung, an der alles zu messen ist.
Im Mittelteil werden Eigenschaften der Agape meditiert. Die Aufzählung
erinnert an die Preisung der Weisheit (Weish 7,228,1). Im Unterschied
zur positiv geschilderten Weisheit schlägt Paulus hier hauptsächlich
die via negationis ein, um das Wesen der Liebe zu erhellen. Die Sequenz
gipfelt in einer Trias: Aller Glaube, alle Hoffnung und alle Beständigkeit
gehören zu den positiven Eigenschaften der Liebe. Die drei Aspekte
zeichnen traditionell die jüdischen Frommen aus, die auch in Bedrängnis
auf Gottes Eingreifen in die Geschichte hoffen. Diese eschatologische Dimension
wurde in der christlichen Wirkungsgeschichte unserer Wegschilderung zu oft
vergessen. Trivialisiert diente das «hohe Lied der Liebe» auch
dazu, Gewalttätige und Unterdrückte von einer Opfermoral zu überzeugen:
Im Namen der Liebe ist von christlich-kolonialistischen Regimen oder prügelnden
Ehemännern alles zu ertragen.
Wieder ändert sich der Stil. Im dritten Teil wird zuerst die Unvergänglichkeit
der Liebe positiv festgestellt, dann über die Darstellung der Vergänglichkeit
der Gnadengaben zur absoluten Trias Glaube, Hoffnung, Liebe
geführt. Charismen sind keine Zeichen der Vollendung, sondern Geschenke
göttlicher Präsenz in der Zeit vor der Wiederkunft Christi. Im
Spiegelbild, das Paulus verwendet, kommt nicht nur Rätselhaftigkeit,
sondern vor allem Distanz zum Ausdruck; dagegen wird die zukünftige
Begegnung von Angesicht zu Angesicht klar und eindeutig sein.
Der einprägsame Schlussvers birgt manche Unklarheiten: Wahrscheinlich
ist die Trias Glaube, Hoffnung und Liebe (siehe auch 1 Thess 1,3; 5,8) so
zu verstehen, dass sie einerseits die Kriterien zur Bewältigung der
Gegenwart und zur Ausdifferenzierung der Charismen formuliert, andererseits
auch jede Zeitlichkeit sprengt. Offenbar sind Menschen auch in der Vollendung
glaubend und hoffend, also beziehungsbedürftig und -fähig.
Unser Abschnitt wurde und wird auf alles Mögliche und Unmögliche bezogen: die Ehe, den Umgang mit politischen und sozialen Fragen, mit Häretikerinnen... Jedes Reden über Liebe ist gefährlich, wenn jemand anderen vorschreibt, was Liebe ist, und wie sie sich konkretisieren soll so beispielsweise Paulus' Konzept des Liebespatriarchats, das die Unterordnung sozial Benachteiligter festschreibt. In unserer radikalen Besinnung auf die Liebe liegt jedoch auch das Potenzial, Paulus gegen Paulus zu lesen, also (bei sich und anderen) mit dem Liebesargument verbrämte Macht- und Einflussfragen zu entlarven. Mit dem Ziel, dass die Liebe konkret und unterscheidend, über alle Grenzen hinaus einladend, offen und bedürftig, unter uns Raum greifen kann.
Literatur: Wolfgang Schrage, Der Erste Brief an die Korinther. Bd. 3: 1 Kor 11,1714,40 (EKK), Zürich und Düsseldorf 1999.
Die Besonderheiten unseres Abschnitts kommen im direkten Textvergleich mit der Beschreibung der Sophia (Weish 7,228,1) deutlich zum Ausdruck. Die Texte parallel lesen, stilistische und inhaltliche Übereinstimmungen und Eigenarten herausarbeiten.
Der Text ist im literarischen und soziologischen Kontext zu situieren. Agape, die nüchterne, unsentimentale Liebe, erhält Profil, wenn die Liebe im Text durch andere Begriffe ersetzt wird: Gemeinsinn, Solidarität, Freundschaft, Höflichkeit, Gerechtigkeit. Vielleicht fallen den Teilnehmenden andere Begriffe ein, an denen sie das Textverständnis schärfen wollen.
Alle notieren, was sie tagtäglich tun (Beruf, Familie, Ehrenamt,
Freizeit...). Sie schreiben dies in der Form des ersten Textteils auf: Wenn
ich ... tue, habe aber die Liebe nicht, dann bin ich wie ... Austausch,
wie es den einzelnen mit der Selbstbesinnung ergangen ist. Gemeinsam den
ganzen Text lesen und auf dem Hintergrund dieser eigenen Erfahrungen (durchaus
auch text- und selbstkritisch) besprechen. Schliesslich: Dem aktuellen persönlichen
Wegstück mit Blick auf die Zukunft (oder die Situation einer Gemeinde
oder Gruppe) ein Profil geben:
Wie kann dies aussehen, Liebe haben?