2/2001

INHALT

Lesejahr C

Ein Leib

Regula Grünenfelder zu 1 Kor 12,12-31a

 

Auf den Text zu

Die Gemeinde soll einig sein wie ein Leib; sie ist der Leib Christi. Das schöne Bild ist unmittelbar einleuchtend: Wenn ein Körperteil schmerzt oder den Dienst verweigert, dann nehmen wir es oft überhaupt erst wahr. Es stört dann das Leibganze. Die ideale Gemeinde im Bild des Paulus ist ein gesunder Leib, an dem alles funktioniert: die Füsse, die Hände, das Gehör. Unter den Zuhörerinnen damals und Kirchenbesuchern heute gab und gibt es jedoch Menschen, deren Leben von der Erfahrung ihres unperfekten Körpers geprägt ist. Sie werden ­ oft als «invalid», also unwert, bezeichnet! ­ dieses Bild anders hören. Sie müssen so leben, dass ihre Hände die Füsse ersetzen oder ihre Ohren die Augen. Die folgende Interpretation kann Wege weisen, mit unserem Text achtsam unterschiedliche Leib- und Kirchenerfahrungen zur Sprache zu bringen.

Mit dem Text unterwegs

Im vorigen Abschnitt hat Paulus über den Geist gesprochen, der durch die Gnadengaben in der Gemeinde wirkt. Nun entfaltet er sein Gemeindemodell im Bild des Leibes.
Der erste Vers kündigt das Thema an: die notwendige Differenzierung und die ebenso grundsätzliche Einheit in der Gemeinde. Im knappen Nachsatz deutet der Autor die Leibmethapher auf Christus. Die Kürze der christologischen Interpretation zeigt, dass die Zuhörer/Zuhörerinnen in Korinth mit dem Bild ­ die Gemeinde als Leib Christi ­ vertraut sind. Paulus faltet nun aus, was als ekklesiologischer Leibgedanke schon vorher im Brief angeklungen ist (1,13; 6,15; 10,17).
Durch die Taufe werden die Gläubigen in den Leib Christi eingegliedert. Paulus verwendet hier eine ähnliche Taufformel, wie wir sie aus Gal 3,27f. kennen. Allerdings werden hier Frauen und Männer nicht erwähnt. Paulus verzichtet auf den Anklang an die Schöpfungsgeschichte, auf die Überwindung der sexuellen Rangordnung, die aus der Schöpfung eine Neuschöpfung macht. Es gibt noch eine zweite Differenz zum Galaterbrief: Dort werden die Unterschiede aufgehoben, hier die sozialen Herkünfte (jüdisch/griechisch), Privilegien und Ausbeutungssituationen (versklavt/frei) als sinnvolle Teile des Ganzen legitimiert.
Wie in einer Fabel lässt Paulus die Körperteile miteinander konkurrenzieren. Die ersten Beispiele sprechen Minderwertigkeitsgefühle an: Der Fuss vergleicht sich mit der schöpferischen Hand und meint, er gehöre nicht zum Leib, weil ihm deren Ausdruckskraft fehlt. Natürlich gehört er trotzdem dazu. Ebenso soll sich das Ohr auf seine Qualitäten besinnen, auch wenn das Auge grössere Anerkennung geniesst. Dann beginnen die blasierten Körperteile zu reden: Die oberen Regionen ­ Auge und Kopf ­ sollen wahrnehmen, dass sie auf die anderen Glieder angewiesen sind. Die Fabel ist so erzählt, dass der Vorrang der edlen Körperteile unangetastet bleibt.
Paulus führt die Leibmetapher weiter, doch verlässt er die Gattung der Fabel. Der Autor kommt nun auf «uns» zu sprechen, die Personen, die sich ihren Leibern pflegend und ordnend zuwenden. Er verweist auf die weniger anständigen Körperteile (Geschlechtsorgane), denen wir besondere Ehre erweisen, in dem wir sie bedecken. Wiederum deutet Paulus die Unterschiede zwischen den Leibregionen ­ diesmal im Zusammenhang mit Schamgefühl und Anstand ­ theologisch und spricht den benachteiligten Gliedern Gottes besondere Zuwendung zu.
Das Thema der Scham verweist zurück ins letzte Kapitel, in dem Frauen rigide die Unterordnung unter den Mann (als sein Abglanz) und ­ offensichtlich gegen die Praxis in Korinth ­ die Verhüllung im Gebet und während der prophetischen Rede empfohlen wird (11,2­16). Indirekt tauchen hier also die Frauen auf, die im Taufbekenntnis oben fehlen.
Über die Problematik dieser Theologie kann nicht leichtfertig hinweggegangen werden: Einerseits greift Paulus eine angemessene Verhaltensweise auf, nämlich zu verhüllen, wofür wir uns schämen, doch dürfen wir nicht übersehen, dass er mit den weniger anständigen Gliedern Menschen meint. Da Paulus zuvor den Umgang mit denjenigen verboten hat, die sich schwere Verfehlungen zukommen liessen, sind hier nicht die ethisch Fehlbaren zu bedecken, sondern die Getauften, die am Fuss der sozialen Hierarchie stehen: Der Konflikt in der Gemeinde von Korinth zeigt, dass sich von diesen Frauen und Männern nicht alle gern verhüllen und von den Privilegierten mit einer sehr ambivalenten Ehre bekleiden lassen.
Im Wort vom Zwiespalt (Schisma) im Leibe thematisiert Paulus noch einmal das Problem, auf das sein Gemeindemodell antwortet. Die Getauften in Korinth streiten über die richtige Form ihres Zusammenlebens: Frauen reden unverhüllt, die Falschen mischen sich in die Gemeindeleitung ein, Menschen sind mit ihrer Rolle in der Gemeinschaft unzufrieden.
Die Fabel von den rivalisierenden Gliedern am Leib war ein bekannter Topos: Livius erzählt, wie Menenius Agrippa damit 494 v. Chr. die plebejische Stadtbevölkerung beruhigen und auf die Plätze verweisen konnte.
Zum Schluss wendet Paulus die Hierarchie der Gaben und sozialen Positionen, die er mit dem Bild des Leibes legitimiert, konkret auf die Ordnung in der Gemeinde an. Er setzt zuerst eine Rangfolge der Ämter. Diese Funktionen sind als Charismen zu verstehen, die den exstatischen Gnadengaben vorgeordnet sind. Die pneumatischen Gaben werden ergänzt durch praktisch-ethische und technische Charismen: organisatorische Leitungsaufgaben und nicht weiter definierte Hilfestellungen.
Schliesslich bringt Paulus die Charismentafel noch einmal in Frageform auf: Polemisch fragt er, ob denn alle über sämtliche Charismen verfügen. Er empfiehlt den Getauften in Korinth schliesslich, nach den höheren Gaben zu streben. Das Kriterium für die höhere Gabe ist nach dem letzten Abschnitt zu urteilen der grössere Nutzen für die Gemeinde.
Das Streben nach dem höheren Charisma ist nicht ohne weiteres kompatibel mit der Leibmetapher, welche die Schwächeren auf ihren Status fixiert. Auch passt es nicht ganz zur Vorstellung, dass Gott die Gaben so zuweist, wie er den Leib zusammenfügt. In Ergänzung zum Bild des natürlichen Organismus leuchtet hier ein Moment von Wandlung, Entscheidungsmöglichkeit und Handlungsfreiheit auf.

Über den Text hinaus

Ein «normaler» Körper darf nicht (einziges) Gemeindemodell sein. Das wäre fataler Idealismus: Der selbstverständlich funktionsfähige Leib ist kein Regelfall wie die verbreitete Unterernährung oder auch der oft verdrängte Alterungsprozess zeigen; es ist ein Anspruch der reichen Welt. Durch die Gentechnik vertiefen sich die Gräben zwischen der Leiblichkeit privilegierter und ausgebeuteter Menschen.
Wie Menschen müssen auch Gemeinden ihre Gebrechen wahrnehmen und mit ihnen leben lernen. Ein gutes Zusammenleben setzt voraus, dass alle ihre Bedürfnisse artikulieren und ihre Gaben einbringen können. Der Leib ist dann zwar nicht perfekt, aber konkret und lebendig.

 

Literatur: Antoinette Wire, 1 Corinthians, in: Elisabeth Schüssler Fiorenza (Hrsg.), Searching the Scriptures. A Feminist Commentary, New York 1994, 153­195.


Er-lesen

Eine Leibspürübung anbieten, bevor 12,12­21 vorgelesen wird. Während des Zuhörens Augen schliessen, und die Verse im Leib schwingen lassen. Einen Moment Stille halten zum Nachspüren, dann Austausch.

Er-leuchten

Textaufbau und Herkunft der Fabel vom Leib erläutern. Aufzeigen, wie unterschiedliche Standorte und Perspektiven im Text eingeschrieben sind und unsere Lektüre bestimmen.

Er-leben

Drei Fragen zur Besinnung:
Welche Gaben wollen und können wir einbringen? Wofür/für wen schämen wir uns heute in der Kirche? Welche Metaphern können dem paulinischen Anliegen, die Gemeinde aufzubauen, hier und jetzt entsprechen?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001