1/2001

INHALT

Lesejahr C

In erster Linie Geschenke

Regula Grünenfelder zu 1 Kor 12,4-11

 

Auf den Text zu

Paulus traut den sehr unterschiedlichen Adressaten und Hörerinnen in Korinth alles zu. Vor allem Gottes Geist. Dies tut er trotz der schweren Verfehlungen, die er im Brief ebenfalls anspricht. Aber die Gnade und Gnadengaben sind ihm wichtiger als die Probleme.
Unser Abschnitt steht am Anfang einer Lesungsreihe zum ersten Korintherbrief, die über sieben Sonntage hinweg einlädt, das Gemeindeleben vielfältig zu beleuchten (Kap. 12 und 13) und sich der gemeinsamen Auferstehungshoffnung neu anzunähern (Kap. 15).

Mit dem Text unterwegs

Der erste Korintherbrief bezieht sich so konkret auf die Situation der Angesprochenen wie keine andere Schrift des Neuen Testaments. Und nirgendwo wird der kommunikative Charakter der paulinischen Mission deutlicher als in der korinthischen Korrespondenz: Wir erfahren, dass Paulus mehr als zwei Briefe verfasst und auch die Gemeinde Briefe geschrieben hat, die leider nicht erhalten geblieben sind. Die bunt zusammengewürfelte Bevölkerung der «Stadt an den zwei Meeren» mit ihrem kulturellen, sozialen und religiösen Pluralismus prägten auch die christlichen Hausgemeinden. In den Zusammenkünften der Gemeinde, die Paulus um 50 gegründet hatte, trafen entsprechend unterschiedliche religiöse Ausdrucksformen und ethische Grundsätze aufeinander und entfachten schwere Konflikte, wie die beiden überlieferten (wahrscheinlich aus der Gesamtkorrespondenz des Paulus an die Gemeinde in Korinth zusammengesetzten) Briefe unschwer erkennen lassen. Die Missionare und Theologinnen, die mit Paulus und neben oder gegen ihn in der grossen Hafenstadt wirkten wie Priska und Aquila, Apollos und vielleicht auch Petrus, vergrösserten das Konfliktpotenzial.
Paulus spricht in unserem Abschnitt so vorbehaltlos über die Gaben der Einzelnen, dass Defizite und Probleme auf ihre Plätze verwiesen werden. Vor allem anderen gilt: Gott bewirkt alles in allem. Damit werden keine Schöpfungstheologien im Allgemeinen entwickelt, sondern sehr konkret die Menschen mit ihren Begabungen aufgespürt und aufeinander und auf den Geist und den «Herrn» bezogen. «Alles» ist das, was sich im heiligen Geist in der Gemeinde bewegt, und dies kann in einer multikulturellen, multireligiösen Grossstadt einiges und sehr Verschiedenes sein. Paulus zeigt sich hier als Gegenüber ohne Kontrollzwang, als Anwalt des Pluralismus gegen eine ängstliche, uniformierende Sicht des rechten Glaubens und Tuns. Trotz (oder gerade wegen) dieser Freiheit sind Sinn und Unsinn der unterschiedlichen Charismen und Dienste allerdings nicht gleich-gültig; sie müssen für die Gemeinschaft lebensfördernd sein.
Paulus verwendet hier den wenig gebräuchlichen Begriff «Charisma» aus der hellenistischen Umgangssprache. Mit Charismen waren ganz profan Geschenke, Gunsterweise oder Liebenswürdigkeiten gemeint. Der Autor stellt mit seiner Wortwahl die Prioritäten richtig: Gegen eine kleinmütige, einschränkende Auffassung von Gottes Geist behauptet er Gottes Gnade (Charis) in der Vielfalt menschlicher Ausdrucksweisen. Die heutige religiöse Füllung des Begriffs verdankt sich dem Apostel: Charismen sind Geschenke Gottes.
Im Unterschied zur Charismentafel im Römerbrief (12,6­8), wo auch organisatorische (Gemeindeleitung) und karitative Charismen genannt werden, enthält jene an die bunte Gemeinde in Korinth ausschliesslich kerygmatische und ekstatische Gnadengaben.
Der Autor eröffnet die Reihe der Charismen mit der Fähigkeit, Wissen zu vermitteln. Mit seinem Sinn für unterschiedliche Traditionen spricht er dabei zwei Erkenntnistraditionen an: Zuerst nennt er die jüdische Weisheit/Sophia, dann nimmt er mit dem Gnosis-Begriff auch die religiöse Sprache des Hellenismus auf. Nach dieser Zweiergruppe kommt er auf den wunderwirkenden Glauben zu sprechen, der sich in zwei Gebieten äussert, die wesentlich zur Erfahrung der frühchristlichen Gemeinden und ihrem missionarischen Werben gehörten: Die Gabe, Krankheiten zu heilen, und Wunderkräfte, die sich wahrscheinlich auf exorzistische Fähigkeiten beziehen.
Die Vierergruppe, die sich mit dem Ausdruck und der Deutung von Prophetie und Zungenrede beschäftigt, schliesst die Tafel ab. Die beiden letzten Phänomene sind mit der Forderung nach aktualisierender Deutung auf den Gemeindenutzen hin formuliert. Die «Unterscheidung der Geister» meint die Auslegung dieser geistgewirkten Äusserungen. Paulus stellt Prophetie und Zungenrede mit Bedacht an den Schluss, da manche Gemeindeglieder in der Glossolalie einen Beweis dafür sahen, dass sich ihre Gemeinde schon im Vollendungszustand befindet.
Das Ende unseres Abschnitts schlägt den Bogen zur Einleitung und betont nochmals die Einheit des Geistes, der diese unterschiedlichen Charismen ­ gleichzeitig autoritär und anarchisch ­ jedem und jeder Einzelnen zuteilt.

Über den Text hinaus

Durch die Charis Gottes erhalten die Charismen ihre uneingeschränkte Existenzberechtigung und ihre Richtung. Mit «Charis» ist bei Paulus all das gemeint, was er im Glauben an den Auferstandenen als neu, umwälzend und immer als Geschenk Gottes erfahren hat. In den Charismen, Liebenswürdigkeiten Gottes, wird Christus konkret, leibhaft. Sie lassen sich weder planen noch verwalten. Charismen stellen sich ein, wo der Geist will, zum Segen für die Gemeinschaft, in der sie die vielstimmige Welt zum Sprechen und den gemeinsamen Glauben zum Klingen bringen. Die Haltung, welche die Charismen zur Entfaltung einlädt, kann geübt werden.

 

Literatur: Hans-Josef Klauck, Erster Korintherbrief, Würzburg 21987 (Die Neue Echter Bibel, Bd. 7). Hermann-Josef Venetz / Sabine Bieberstein, Im Bannkreis des Paulus. Hannah und Rufus berichten aus seinen Gemeinden, Würzburg 1995.


Er-lesen

Den Text gemeinsam lesen, erste Eindrücke austauschen. Strukturmerkmale herausarbeiten.

Er-leuchten

Hintergründe zur mulitreligiösen und multikulturellen Situation Korinths (dazu das anschauliche Kapitel: «Eine bunte Gemeinde in einer bunten Stadt» im Paulusbuch von Herman-Josef Venetz und Sabine Bieberstein verwenden). Anhand der Informationen aus der Apostelgeschichte (harmonisierend: 18,1­18; 20,2f.) und der Korintherbriefe kann die komplexe Beziehung zwischen einzelnen Gemeindegliedern, der Gemeinde und Paulus beleuchet werden. Damit wird deutlich, wie grosszügig und offen Paulus hier von den Gnadengaben spricht.

Er-leben

Charismen wahrnehmen und nicht zuerst die Probleme sehen, ist zwar auch ein Geschenk, doch es kann geübt werden: Alle nehmen sich je 10 Minuten Zeit, Charismen einer Person zu notieren: Zuerst vergegenwärtigen sie sich einen geliebten Menschen, dann ­ nach einer Pause ­ eine eher neutrale Person, schliesslich ­ wiederum nach einer Pause ­ eine Person, der sie eher negative Gefühle entgegenbringen. Austausch (nicht über die Charismen der anderen, sondern) über die Erfahrungen mit der Übung.
Diese Besinnung könnte auch als Kyrie einen Gottesdienst einleiten oder eine Teamsitzung eröffnen, in der die Geschenke, nicht die Probleme die Perspektive bestimmen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001