1/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Paulus traut den sehr unterschiedlichen Adressaten und Hörerinnen
in Korinth alles zu. Vor allem Gottes Geist. Dies tut er trotz der schweren
Verfehlungen, die er im Brief ebenfalls anspricht. Aber die Gnade und Gnadengaben
sind ihm wichtiger als die Probleme.
Unser Abschnitt steht am Anfang einer Lesungsreihe zum ersten Korintherbrief,
die über sieben Sonntage hinweg einlädt, das Gemeindeleben vielfältig
zu beleuchten (Kap. 12 und 13) und sich der gemeinsamen Auferstehungshoffnung
neu anzunähern (Kap. 15).
Der erste Korintherbrief bezieht sich so konkret auf die Situation der
Angesprochenen wie keine andere Schrift des Neuen Testaments. Und nirgendwo
wird der kommunikative Charakter der paulinischen Mission deutlicher als
in der korinthischen Korrespondenz: Wir erfahren, dass Paulus mehr als zwei
Briefe verfasst und auch die Gemeinde Briefe geschrieben hat, die leider
nicht erhalten geblieben sind. Die bunt zusammengewürfelte Bevölkerung
der «Stadt an den zwei Meeren» mit ihrem kulturellen, sozialen
und religiösen Pluralismus prägten auch die christlichen Hausgemeinden.
In den Zusammenkünften der Gemeinde, die Paulus um 50 gegründet
hatte, trafen entsprechend unterschiedliche religiöse Ausdrucksformen
und ethische Grundsätze aufeinander und entfachten schwere Konflikte,
wie die beiden überlieferten (wahrscheinlich aus der Gesamtkorrespondenz
des Paulus an die Gemeinde in Korinth zusammengesetzten) Briefe unschwer
erkennen lassen. Die Missionare und Theologinnen, die mit Paulus und neben
oder gegen ihn in der grossen Hafenstadt wirkten wie Priska und Aquila,
Apollos und vielleicht auch Petrus, vergrösserten das Konfliktpotenzial.
Paulus spricht in unserem Abschnitt so vorbehaltlos über die Gaben
der Einzelnen, dass Defizite und Probleme auf ihre Plätze verwiesen
werden. Vor allem anderen gilt: Gott bewirkt alles in allem. Damit werden
keine Schöpfungstheologien im Allgemeinen entwickelt, sondern sehr
konkret die Menschen mit ihren Begabungen aufgespürt und aufeinander
und auf den Geist und den «Herrn» bezogen. «Alles»
ist das, was sich im heiligen Geist in der Gemeinde bewegt, und dies kann
in einer multikulturellen, multireligiösen Grossstadt einiges und sehr
Verschiedenes sein. Paulus zeigt sich hier als Gegenüber ohne Kontrollzwang,
als Anwalt des Pluralismus gegen eine ängstliche, uniformierende Sicht
des rechten Glaubens und Tuns. Trotz (oder gerade wegen) dieser Freiheit
sind Sinn und Unsinn der unterschiedlichen Charismen und Dienste allerdings
nicht gleich-gültig; sie müssen für die Gemeinschaft lebensfördernd
sein.
Paulus verwendet hier den wenig gebräuchlichen Begriff «Charisma»
aus der hellenistischen Umgangssprache. Mit Charismen waren ganz profan
Geschenke, Gunsterweise oder Liebenswürdigkeiten gemeint. Der Autor
stellt mit seiner Wortwahl die Prioritäten richtig: Gegen eine kleinmütige,
einschränkende Auffassung von Gottes Geist behauptet er Gottes Gnade
(Charis) in der Vielfalt menschlicher Ausdrucksweisen. Die heutige religiöse
Füllung des Begriffs verdankt sich dem Apostel: Charismen sind Geschenke
Gottes.
Im Unterschied zur Charismentafel im Römerbrief (12,68), wo auch
organisatorische (Gemeindeleitung) und karitative Charismen genannt werden,
enthält jene an die bunte Gemeinde in Korinth ausschliesslich kerygmatische
und ekstatische Gnadengaben.
Der Autor eröffnet die Reihe der Charismen mit der Fähigkeit,
Wissen zu vermitteln. Mit seinem Sinn für unterschiedliche Traditionen
spricht er dabei zwei Erkenntnistraditionen an: Zuerst nennt er die jüdische
Weisheit/Sophia, dann nimmt er mit dem Gnosis-Begriff auch die religiöse
Sprache des Hellenismus auf. Nach dieser Zweiergruppe kommt er auf den wunderwirkenden
Glauben zu sprechen, der sich in zwei Gebieten äussert, die wesentlich
zur Erfahrung der frühchristlichen Gemeinden und ihrem missionarischen
Werben gehörten: Die Gabe, Krankheiten zu heilen, und Wunderkräfte,
die sich wahrscheinlich auf exorzistische Fähigkeiten beziehen.
Die Vierergruppe, die sich mit dem Ausdruck und der Deutung von Prophetie
und Zungenrede beschäftigt, schliesst die Tafel ab. Die beiden letzten
Phänomene sind mit der Forderung nach aktualisierender Deutung auf
den Gemeindenutzen hin formuliert. Die «Unterscheidung der Geister»
meint die Auslegung dieser geistgewirkten Äusserungen. Paulus stellt
Prophetie und Zungenrede mit Bedacht an den Schluss, da manche Gemeindeglieder
in der Glossolalie einen Beweis dafür sahen, dass sich ihre Gemeinde
schon im Vollendungszustand befindet.
Das Ende unseres Abschnitts schlägt den Bogen zur Einleitung und betont
nochmals die Einheit des Geistes, der diese unterschiedlichen Charismen
gleichzeitig autoritär und anarchisch jedem und jeder Einzelnen
zuteilt.
Durch die Charis Gottes erhalten die Charismen ihre uneingeschränkte Existenzberechtigung und ihre Richtung. Mit «Charis» ist bei Paulus all das gemeint, was er im Glauben an den Auferstandenen als neu, umwälzend und immer als Geschenk Gottes erfahren hat. In den Charismen, Liebenswürdigkeiten Gottes, wird Christus konkret, leibhaft. Sie lassen sich weder planen noch verwalten. Charismen stellen sich ein, wo der Geist will, zum Segen für die Gemeinschaft, in der sie die vielstimmige Welt zum Sprechen und den gemeinsamen Glauben zum Klingen bringen. Die Haltung, welche die Charismen zur Entfaltung einlädt, kann geübt werden.
Literatur: Hans-Josef Klauck, Erster Korintherbrief, Würzburg 21987 (Die Neue Echter Bibel, Bd. 7). Hermann-Josef Venetz / Sabine Bieberstein, Im Bannkreis des Paulus. Hannah und Rufus berichten aus seinen Gemeinden, Würzburg 1995.
Den Text gemeinsam lesen, erste Eindrücke austauschen. Strukturmerkmale herausarbeiten.
Hintergründe zur mulitreligiösen und multikulturellen Situation Korinths (dazu das anschauliche Kapitel: «Eine bunte Gemeinde in einer bunten Stadt» im Paulusbuch von Herman-Josef Venetz und Sabine Bieberstein verwenden). Anhand der Informationen aus der Apostelgeschichte (harmonisierend: 18,118; 20,2f.) und der Korintherbriefe kann die komplexe Beziehung zwischen einzelnen Gemeindegliedern, der Gemeinde und Paulus beleuchet werden. Damit wird deutlich, wie grosszügig und offen Paulus hier von den Gnadengaben spricht.
Charismen wahrnehmen und nicht zuerst die Probleme sehen, ist zwar auch
ein Geschenk, doch es kann geübt werden: Alle nehmen sich je 10 Minuten
Zeit, Charismen einer Person zu notieren: Zuerst vergegenwärtigen sie
sich einen geliebten Menschen, dann nach einer Pause eine eher
neutrale Person, schliesslich wiederum nach einer Pause eine
Person, der sie eher negative Gefühle entgegenbringen. Austausch (nicht
über die Charismen der anderen, sondern) über die Erfahrungen
mit der Übung.
Diese Besinnung könnte auch als Kyrie einen Gottesdienst einleiten
oder eine Teamsitzung eröffnen, in der die Geschenke, nicht die Probleme
die Perspektive bestimmen.