51-52/2001 | |
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Leitartikel |
So steht es bei Jesaja 9,5 und so singt es der Chor in Händels Messias
alle Jahre wieder, denn kaum ein Festkreis weist eine grössere
Fülle an Musik auf als Advent und Weihnachten und kaum ein Werk erklingt
häufiger zur Weihnachtszeit als Händels Messias. Dabei widmet
sich nur der erste Teil dieses wohl bekanntesten Oratoriums der biblischen
Erwartung und der Ankunft des Erlösers; ebenso gewichtig sind der zweite
Teil über Passion und Ostern darin das berühmte Halleluja
sowie der dritte Teil mit eschatologischer Thematik. Dennoch: im populären
kulturellen Bewusstsein gehören Weihnachten und Händels Messias
zusammen.
Man könnte also den Fragen nachgehen, wieso an Weihnachten Musik so
bedeutungsvoll und was an Händels Messias so besonders weihnächtlich
ist, und man würde genügend soziologische, psychologische und
musiktheoretische Erklärungen dazu finden, vielleicht auch theologische;
doch ob man dem Mysterium der Geburt Christi und dem existenziellen Erleben
und spontanen Begreifen dieses Geschehens durch Musik damit näher kommt,
bezweifle ich.
So erging es auch Händel, der über den ekstatischen Kompositionsprozess
dieses Werkes sagte der Weihnachtsteil des Messias entstand im Sommer
1741 innerhalb von sechs Tagen I did think I did see all Heaven before
me, and the great God himself, so ergeht es den Hörern, die sich der
elementaren Faszination dieser Musik seit der ersten Aufführung 1742
in Dublin nicht entziehen können: Kein Werk der Musikgeschichte hat
grössere Resonanz gefunden, und zwar durch alle Volksschichten hindurch.
Erwarten konnte Händel diesen Erfolg eigentlich nicht, hatte doch das
dem Messias vorausgegangene Werk über einen biblischen Stoff: Israel
in Ägypten in London Missfallen erregt; geistliche Texte ausserhalb
der Kirche empfand man als unpassend und sowohl Israel in Ägypten
wie der Messias sind von ihrer Funktion her keine Kirchenmusik. Zwar ist
der Ursprung oratorischer Kompositionen seit dem 16. Jahrhundert in Italien
mit paraliturgischen geistlichen Übungen verbunden; im deutschen und
angelsächsischen Sprachraum des 18. Jahrhunderts jedoch verstand man
sie wegen ihrer dramatischen Konzeption als Derivat der Oper und oratorische
Werke des profiliertesten Opernkomponisten Händel insbesondere. Händel
liess sich durch das Libretto eines Charles Jennens inspirieren, dem er
in der Folge detaillierte Anweisungen für die Auswahl der Abschnitte
und für die Gliederung der Texte machte. So entstand eine dramaturgisch
stimmige Sequenz von Bibelausschnitten aus dem Alten und Neuen Testament,
aus den Psalmen und aus der Offenbarung:
Nach einer traditionell gefassten zweiteiligen Ouvertüre in gravitätischem
E-Moll, von Händel als Sinfonia bezeichnet, eröffnet der Tenor
das Geschehen mit einem trostverheissenden Rezitativ und einer Arie in lichtem
E-Dur über den Jesaja-Text (hier in der deutschen Fassung nach C. D.
Ebeling für die spätere Mozart-Bearbeitung des Messias zitiert):
Alle Tale macht hoch und erhaben
und senkt die Berge und Hügel vor ihm,
macht ebene Bahn und was rauh ist,
macht gleich.
Der erste Chor folgt in schwungvollem tänzerischem Gestus und singt mit verhaltener Freude:
Denn die Herrlichkeit Gottes des Herrn
wird offenbaret.
Alle Völker werden es sehen,
denn es ist Gott, der es verheissen hat
(Jesaja 40,5).
Nach prophetischen Ausschnitten aus Haggai (2, 67) und Maleachi (3,13) verkünden Alt und Chor die Jesaja-Vision:
Denn dein Licht kommt
und die Herrlichkeit des Herrn
geht auf über dir (Jesaja, 40,9).
Noch einmal schildert der Bass die finstere Nacht der Völker und weist das Volk, das im Dunkeln wandelt, in überwältigender H-Moll-Symbolik auf das grosse Licht der Menschheit hin, bis endlich und dies nun in konzertierend sich steigernder Form der Chor in parallelem G-Dur die Geburt des Messias besingt:
Uns ist zum Heil ein Kind geboren,
uns zum Heil ein Sohn gegeben,
dessen Herrschaft ist auf seiner Schulter,
und sein Name wird heissen:
Wunderbar, Herrlichkeit und Rat und Kraft,
Held und ewig Vater und Friedefürst
(Jesaja 9,5).
Nach einer Hirtenmusik im Siciliano-Stil der italienischen Pifari (Händel kannte Italien aus eigener Erfahrung) erklingt in der Folge das Weihnachtsevangelium nach Lukas, musikalisch dramatisiert für Sopran (Engel) und Chor (Hirten), und erstmals tönen dabei strahlende Trompeten und Pauken in D-Dur, die königlichen Instrumente der Barockzeit; sie verdeutlichen die Herkunft und Bedeutung dieses Kindes. Dieser faszinierenden musikalischen Darstellung der Heiligen Nacht schliessen sich alle Facetten weihnächtlicher Freude an: eine virtuose Sopranarie Erwach zu den Liedern der Wonne (Sacharja 9,9), ein pastorales Duett in F-Dur Er weidet seine Herde (Jesaja 40,11) und ein beschwingter Schlusschor in B-Dur
Sein Joch ist sanft
und leicht ist seine Last (Mt 11,30).
Die lapidare Tonartenarchitektur, ausgehend von E-Moll (Ouvertüre)
hin zum festlichen D-Dur von Weihnachten und den milden B-Tonarten der Hirten,
die geniale Dramaturgie von Rezitativen, Arien, Instrumentalsätzen
und Chören bewirkten in der Rezeptionsgeschichte des Messias, dass
die willkürliche Anreihung von Texten aus dem Alten und aus dem Neuen
Testament rund um die Erwartung und die Geburt Christi für viele musikalische
Hörer zur authentischen Darstellung des biblischen Geschehens wurde.
Durch die stringente musikalische Struktur verwischen sich die Grenzen,
und Weihnachten wird gleichzeitig zum Ursprung und zum Kulminationspunkt
christlichen Empfindens.
Damit aber sind wir wieder beim Ausgangspunkt unserer Überlegungen:
bei der Feststellung, dass Weihnachten und Musik aufs engste miteinander
verbunden sind. Die Weihnachtskonzerte landauf- und ab sind Jahr für
Jahr ausverkauft und die Gottesdienste in der Heiligen Nacht und am Weihnachtstag
überfüllt von Menschen, die sonst kaum in den Konzertsaal, geschweige
denn in eine Kirche gehen. Auf den Strassen und in den Einkaufszentren ertönen
weihnächtliche Lieder und Weisen und schaffen bei aller Hektik und
Oberflächlichkeit immer wieder ein Ambiente, welches mehr ist als blosse
Sentimentalität. Weihnachten ist heute in einer durchwegs säkularisierten
Welt ein hoffnungsvoll lebendiges Relikt christlichen Bewusstseins und die
Musik das wohl einzige intakte Medium, welches die zentrale Botschaft von
Weihnachten vermitteln kann:
Friede auf Erden und allen Menschen Heil
(Lk 2,14).
Das erleben wir im Weihnachtsteil aus Händels Messias, aber auch in Bachs Magnificat, in Josef Rheinbergers Stern von Bethlehem anspruchsvoller zwar, aber theologisch tiefgründend in Arthur Honeggers Cantate de Noël und Frank Martins Mystère de la Nativité.
Dr. Alois Koch ist Kirchenmusiker der Jesuitenkirche Luzern und Rektor der Musikhochschule Luzern; er studierte Musikwissenschaft, Orgel und Dirigieren und unterrichtet als Titularprofessor für Kirchenmusik auch an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.