50/2001 | |
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Leitartikel |
In Ps 86 (85)<1> stellt sich der Beter
mit verschiedenen Bezeichnungen vor. Er ist elend und arm (V. 1), er ist
getreu (h.asid; V. 2), er ist für Gott ein Knecht (V. 2.4.16), er ist
Sohn der Magd des Herrn (V. 16). Alles will seine Bindung an Gott zum Ausdruck
bringen, sein Verhältnis zum Herrn. Hier zeichnet sich eine Spiritualität
ab, welche in vielen Psalmen anzutreffen ist, ja, welche auch auf den Vollzug
des Psalmengebetes ihre Auswirkungen hat. Wer die Psalmen betet, wird dies
in dieser Geisteshaltung vollziehen. Wir haben hier die Spiritualität
der Armentheologie vor uns. Der Beter gehört zu den Armen des Herrn.
Das heisst dann auch, das Psalmengebet ist für die Armen des Herrn
gedacht. Jedenfalls, das zeigt uns die jüngste Forschung, sind die
späteren Redaktionen des Psalmenbuches aus dieser Armentheologie erwachsen.
Es lohnt sich, um das Psalmengebet nachvollziehen zu können, den entsprechenden
Begriffen nachzugehen. Der Elende ('oni) ist der Gebeugte, der Mensch, der
an physischen Mängeln leidet, der Mensch, welcher daher auch Typus
des Gedemütigten ist. Der Arme ('bion) dagegen ist der Mittellose,
der Bedürftige, etwa auch der Mensch, der keinen Landbesitz hat. Er
steht ohne etwas da. Der Getreue (h.asid; Fromme, wenn wir auf die Grundbedeutung
«nützlich», «tüchtig», «rechtschaffen»
zurückgehen) ist jener, der von Gottes Treue (h.aesaed) umgeben ist
und darauf mit Gegen-Treue antwortet. Das drückt auch der Begriff Knecht
('baed) aus. Der Knecht ist der Ergebene, der Verfügbare, der Diener;
der Knecht erfüllt Aufgaben, welche ihm vom Herrn übertragen werden.
Sicher ist hier auch die ganze Theologie des Gottesknechtes aus Deuterojesaja
verarbeitet. Jeder Elende, jeder Arme, jeder Getreue steht im Gefolge dieser
geheimnisvollen Gestalt, welche bald das Volk Gottes meint, bald eine besondere
Person dieses Volkes.
Ps 86 ist ein Psalm, welcher die Armenspiritualität der spätnachexilischen/frühjüdischen
Zeit vermittelt (vgl. dazu Deutero-Sacharja, Maleachi, Kohelet). Dementsprechend
komplex dürfte die Bedeutung von arm sein: Armut im sozialen Sinne
(vgl. Amos, die Psalmen 314 ohne 8 und 9/10). Zu diesen Armen gehören
die Mittellosen, die Waisen, die Witwen. Armut hat dann auch eine religiöse
Prägung. Die Armen sind die Gläubigen, die Frommen. Ihre Haltung
benachteiligt sie. Doch Hilfe und Trost ist für sie die Gottesmystik
(Ps 16 und 19). Armut kann national verstanden werden. Die Armen sind die
Heimatvertriebenen, die Entrechteten, die Fremden. Dabei spielt ebenso die
religiöse Komponente eine Rolle. Sodann hat Armut auch eine politische
Tragweite. Die Armen sind jene, welche auf das grosse Tagesgeschehen keinen
Einfluss nehmen können, weil sie nicht zum politischen Establishment
oder zur classe politique gehören. Sie haben keine Lobby. Das führt
weiter zur strukturellen Komponente. Der Arme ist der Untergebene, der Mann
ohne Entscheidungsbefugnisse. Er muss alles stillschweigend hinnehmen. Schliesslich
ist Armut eine Geisteshaltung und hat ethische Bedeutung. Es ist die vom
Evangelium postulierte Armut im Geiste (Armut vor Gott ist eine wohl zu
schwache Ausdrucksweise). Es ist eine Armut der Gesinnung, die sich unabhängig
von materiellen, durch die Lebensumstände bedingten Einflüssen
ausweist. Sie zeigt sich in der geistigen Offenheit für Gott und erweist
sich als Gerechtigkeit, Bescheidenheit, Selbstlosigkeit, Rücksichtnahme,
Achtung vor der Würde des Menschen. Eben diese Armut bringt der Beter
in Vers 11 zum Ausdruck: Auf das eine richte aus mein Herz: Deinen Namen
zu fürchten. Wir haben hier einen der Höhepunkte von Ps 86, das
heisst, biblischer Spiritualität ganz allgemein. Hier wird alles zusammengefasst,
was mit elend, arm, getreu, Knecht, Sohn deiner Magd umschrieben wird.
Eine der starken redaktionellen Absichten des Psalters ist somit, dieses
Buch als ein Trost- und Erbauungsbuch für die Armen, das heisst für
gläubige Menschen in einer sozial, politisch und strukturell schwierigen
Situation, zusammenzustellen. Dabei beziehen die Redaktoren alles ein, was
in der Geschichte Israels an Grossem und Erhabenem schon geschehen ist und
etwa auch gesammelt war wie Texte der Tempelliturgie, Texte der Feier des
Königtums Gottes, Wallfahrtslieder, Gesänge mit Inhalten der Zionstheologie,
Texte prophetischer und weisheitlicher Prägung, «Sakramentare»
der jährlichen Festliturgien. Alles wird mit einem hohen Anteil an
Texten aus verschiedenen Schichten der Armentheologie verwoben (daher der
hohe Anteil an Klage- und Bittpsalmen). Das heisst schlussendlich: Der Psalter
mit seinen verschiedenen Gebeten und Meditationstexten, welche ganz verschiedene
Glaubenssituationen erfassen, will im Geiste der Armut beziehungsweise in
der Armut im «Geiste» nachvollzogen sein. Der Psalter ist Inhalt
dessen, was im einweisenden und gleichsam als Anweisung vorangestellten
Psalm 1 steht: «Selig der Mann, der... nach der Tora des HERRN Verlangen
hat und sich in seine Tora, leise sprechend, vertieft bei Tag und bei Nacht»
(V. 2).
Wie ist die Geisteshaltung der Armut im oben beschriebenen Sinn vollziehbar?
Sie ist vollziehbar aufgrund des Wissens um Gott, um Gottes Zuwendung zum
Armen, um Gottes Eigenschaften.
Der Arme und Elende von Ps 86 (85) sieht sich einem Gott gegenüber,
von dem er weiss: Er kümmert sich um mich. Er nimmt mich ernst. Bei
ihm komme ich an. Diese Erfahrung steht hinter diesem Gebet. Sie ermöglicht
das freimütige Bitten. Sie lässt die Dinge im richtigen Verhältnis
zueinander sehen. Sie führt zur Mitte hin, welche sich im Gottesbild
abzeichnet: Gott ist der gute Herr (V. 5). Das heisst: Gott ist die Quelle
des menschlichen Heils. Er ist ein Gott der Wohltaten. Er bewirkt ein glückliches
Leben. Er erhält das Leben, negativ formuliert, er zerstört das
Leben nicht. Das zeigt sich vor allem darin, dass er ein Vergebender ist,
wie es der zweite Teil des Verses sagt. Die Übertragung der Einheitsübersetzung
«bereit zu verzeihen» kann das hebräische Wort nicht voll
ausschöpfen: Ihm ist das Vergeben eigen. Das Vergeben ist eine andauernde
Eigenschaft Gottes.
Er will den Menschen nicht bei seiner Schuld behaften. Er will ihm eine
neue Lebensmöglichkeit geben.
Er ist weiter der treue Gott (Übersetzung: reich an Gnade), auch Vers
5. Treue (h.aesaed) wird oft mit Liebe, Huld oder Gnade übersetzt.
H.aesaed ist jener Ausdruck der Liebe, welche Gleichgestellte miteinander
verbindet: Mann und Frau, Freund und Freund, Stammesgenosse und Stammesgenosse.
In der Treue kommt diese Zusammengehörigkeit zum Ausdruck. Es ist die
Gesinnung, welche diese Zusammengehörigkeit nicht zerbricht, sondern
erhält, wenn nötig auch verteidigt und rettet. Indem Gott uns
seine Treue erweist, nimmt er uns als seine Partner ernst. Er setzt sich
für uns ein. Das Gegenüber des treuen Gottes ist der Getreue (h.asid),
welcher durch den Freundschafts- und Pietätserweis auf die Treue antwortet
und von der Treue Gottes umgeben ist.
Eine weitere Eigenschaft Gottes ist die Barmherzigkeit (V. 15). Der Herr
ist ein barmherziger Gott ('el rah.um). Das hebräische Wort Barmherzigkeit
(raeh.aem) heisst eigentlich Mutterschoss. Barmherzigkeit bestimmt also
das Verhältnis der Eltern zum Kind. Sie ist jene Liebe, die den Banden
des Lebens, des Blutes entspringt. Da Gott sich uns gegenüber als der
Barmherzige erweist, gibt er zu erkennen, dass unser Leben in seinem Leben
enthalten ist; dass wir unser Leben aus ihm haben; dass er in uns den Ausdruck
seines Lebens erhalten will. Gleichzeitig ist er aber auch der erbarmende
Gott ('el h.anun; vgl. V. 15). Deshalb ruft der Beter um Erbarmen (h.en;
vgl. V. 3). Das Erbarmen (h.en) wird oft auch mit Gnade übersetzt.
Es ist jene Eigenschaft oder jenes Verhalten, in welchem sich ein Höherstehender,
etwa ein König, einem Untergebenen in Liebe zuwendet. Sie wird oft
auch als Herablassung gekennzeichnet. Das Erbarmen überwindet Distanzen;
es gibt jenem, der in der schwächeren Position ist, Vertrauen und Hoffnung;
es gibt ihm auch ein Selbstwertgefühl.
Schliesslich stehen wir auch vor dem Gott der Wahrheit ('aemaet; vgl. V.
15). Der Begriff wird oft mit Treue übersetzt. Er meint die Zuverlässigkeit,
den sicheren Grund, den festen Boden unter den Füssen. Gott trügt
nicht. Er ist wahr. Deshalb kann er für mich zur festen Grundlage werden.
Er kann mein Weg sein, auf dem ich in meinem Leben vorankomme, ohne irgendwie
in ein Nichts oder einen Abgrund abzustürzen oder ohne getäuscht
zu werden. Deshalb lautet Vers 11: Ich will voranschreiten in deiner Wahrheit.
Woher weiss der Beter eigentlich um diese Eigenschaften und Verhaltensweisen
Gottes? Ist das eine Wunschvorstellung? Ist das eine verwegene Unterschiebung?
Wir haben schon festgestellt, dass die Psalmen, insbesondere die fünfteilige
Psalmensammlung auf die Offenbarungsschrift, auf die Tora hingeordnet sind.
In der Mitte der Tora steht die Sinaioffenbarung. Eben dort stellt sich
der Gott Israels, Jahwe, Mose mit diesen Worten vor: «Jahwe ist ein
barmherziger und erbarmender Gott, langsam im Zürnen, reich an Treue
und Wahrheit» (Ex 34,6; der Text gehört wohl in die deuteronomistische
Schule, dürfte exilisch, frühnachexilisch sein). Der Beter beruft
sich also auf eine Selbstvorstellungsformel des offenbarenden Gottes (oft
Gnadenformel genannt). Das ganze Gebet beruht auf dieser Selbsteröffnung
Gottes. Es lässt sich bezüglich der theologischen Dimension so
zusammenfassen: Weil der grosse Gott, der Wunder tut (vgl. V. 10), ein barmherziger
und erbarmender Gott ist, voll von Treue und Wahrheit und langmütig
(vgl. V. 15), darf der gedemütigte und schutzlose Mensch sich vertrauensvoll
und freimütig an ihn wenden und die Erneuerung seiner menschlichen
Würde erwarten.
Vitus Huonder, Generalvikar des Bistums Chur für den Kanton Graubünden, wurde von der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg für das Fach Liturgiewissenschaft habilitiert (Vitus Huonder, Die Psalmen in der Liturgia Horarum, [Studia Friburgensia, Neue Folge 74], Freiburg Schweiz 1991).
1 Der vorliegende Beitrag schliesst an den Beitrag «So sollt ihr beten» (SKZ 169 [2001] Nr. 46, S. 645f.) an.