48/2001

INHALT

Leitartikel

Die Propstei Wislikofen

von Gerhard Ruff

 

Ein «Ausstrahlungszentrum» hat Bruno Santini, Geschäftsführer der Arbeitsstelle Bildung der Schweizer Katholiken, die Propstei Wislikofen vieldeutig wohlwollend genannt.<1> In dieser Metapher klingt stark das vom Verkündigungsauftrag der Kirchen geprägte Bildungsverständnis an. Nach einer kurzen historischen Einleitung möchte ich danach fragen, welche «Einstrahlungen» heute in der Arbeit einer kirchlichen Institution zu verarbeiten sind, um den eigenen Glanz am Strahlen zu halten.
Nach 667 Jahren wird die Propstei des Klosters St. Blasien in Wislikofen 1804 säkularisiert. Die Zeit des Kulturkampfes im 19. Jahrhundert übersteht sie teilweise im Besitz der Kirchgemeinde und teilweise im Eigentum des Kantons Aargau. Nachdem sich 155 Jahre keine lohnende Nutzung für den Komplex am Nordrand des Kantons abzeichnet, schreitet der Zerfall des Gebäudes weit voran. Der Grosse Rat in Aarau beschliesst 1962 endgültig den Abriss. Denkmalschützerische Einwände schieben den Vollzug des Beschlusses für einige Jahre auf.
Eine tragfähige Nutzung zeichnet sich dennoch erst mit dem aufstrebenden Laienkatholizismus im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils ab. In der Aufbruchstimmung des Konzils spriessen katholische Bildungshäuser wie Pilze aus dem Boden. Verbände, Orden und Kantonalkirchen suchen in Bildungszentren Orte der Begegnung, der Orientierung und des Ausdrucks ihres neuen Selbstbewusstseins. Die in den Sechzigerjahren durch die katholische Landeskirche Aargau vorangetriebenen Abklärungen finden ihr Ziel 1973 im Erwerb der Propstei Wislikofen. Die Unterstützung des Projekts seitens des Kantons markiert zugleich das Ende der kulturkämpferischen Auseinandersetzungen. Die Propstei entsteht in drei Jahren Renovationszeit neu. Die umfangreichen Rekonstruktionsmassnahmen ermöglichen der Trägerschaft den Einbau zeitgemässer Infrastruktur im Bereich Gastronomie und Unterkunft. Der historische Baukörper wird diskret durch einen Lift erschlossen und damit rollstuhlgängig. Alle Zimmer erhalten Nasszellen. 1976 eröffnet die Propstei als Bildungszentrum der Katholischen Kirche Aargau.

Aufbau der Erwachsenenbildung

Die durch den ersten Leiter der Propstei, Dr. Martin Simonett, seit dem Erwerb des Gebäudes zielstrebig entwickelte Erwachsenenbildung ermöglicht von Anfang an den Aufbau einer für die Schweizer katholische Kirche einmaligen Struktur. Mit dem Bildungszentrum zusammen entstehen in den Regionen der Landeskirche über die Dekanate verankerte Erwachsenenbildungsstellen. Später stossen Fachstellen mit kantonalem Auftrag für Gemeindeentwicklung und Liturgie sowie Frau und Kirche hinzu. In der Reorganisation der Erwachsenenbildung in den Jahren 1999 und 2000 erhalten Fach- und Regionalstellen eine eigene Leitungsstruktur. Aus dem Zusammenspiel regionaler und kantonaler Stellen mit dem Bildungszentrum bilden sich zwei Säulen für die Arbeit der Erwachsenenbildung: die innerkirchlich und auf Pfarreibedürfnisse zugeschnittene Bildungsarbeit und die darüber hinaus überregional und ausserkirchlich präsente Plattform des Bildungszentrums.
In der Programmarbeit ermöglicht diese Doppelstruktur den Aufbau eines umfangreichen Angebotes an Weiterbildung für Freiwillige in den Pfarreien und den Bezug auf aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Fragen. Wislikofen entwickelt sich zu einem Ort der Begegnung und des gesellschaftlichen Austauschs. Gleichzeitig spielen die historische Ambiance des Hauses und seine Hauskultur die Möglichkeit frei, spirituelle Rückzugs- und Erfahrungsräume zu öffnen.
Nach einer bis in die 90er Jahre anhaltenden Phase der Ausweitung des Kursangebotes tritt in der 2. Hälfte der 90er Jahre eine Konsolidierung ein, die eine Phase der Konzentration und deutlicheren Profilierung in der Gegenwart vorbereitet.

Entwicklungslinien

Die Entwicklung der Propstei als Bildungszentrum unterliegt den grossen Trends der kirchlichen und gesamtschweizerischen Bildungsarbeit. Dabei schlagen sich in der Propstei weniger demographische Veränderungen des gesamtschweizer Katholizismus nieder. Als beliebter Wohn- und Arbeitskanton wachsen die Zahlen der Mitglieder selbst in einer Zeit, als etwa in Basel der Mitgliederverlust zu dramatischen Neuorientierungen zwingt. Das unter dem Stichwort «Verlust der Kirchlichkeit» in der Literatur beschriebene veränderte Partizipationsverhalten der Mitglieder führt ebenso zu einem Schwinden des «Wir-Gefühls» der 70er Jahre.
In der Konkurrenz der Anbieter sieht sich die Propstei als kirchliches Bildungszentrum einem bedeutenden innerkirchlichen Bildungsangebot gegenüber, das als Folge staatskirchenrechtlicher Gegebenheiten nur wenig zu koordinieren ist.
Das veränderte Bildungsverhalten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer fasst Heinz Altorfer, Kirchenrat der katholischen Landeskirche Aargau und Leiter der Fachkommission Erwachsenenbildung, anlässlich seiner Ansprache zum 25-jährigen Jubiläum der Katholischen Erwachsenenbildung im August diesen Jahres präzise zusammen: «Der Weiterbildungsmarkt stagniert in den letzten 7 Jahren insgesamt, und nur die beruflich motivierte Weiterbildung ist um 35% stark gewachsen. Heute betreiben knapp 3 von 10 Personen Weiterbildung aus beruflichen Gründen. Andere Weiterbildungsinteressierte ­ die sich unter anderem auch für Angebote der kirchlichen Erwachsenenbildung interessieren ­ sind um 43% drastisch zurückgegangen. Gut jede zehnte Person ist hier in ihrer Freizeit noch anzutreffen. Zudem satteln Weiterbildungswillige von organisierten Lernformen vermehrt auf nichtorganisierte selbständige Lernformen um. Der Schluss liegt nahe, dass sich die kirchliche Erwachsenenbildung in einem schwierigen Umfeld befindet. Nicht primär von der Ressourcenseite her, sondern von der Nachfrageseite.»
Gleich, welche Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Propstei mit diesem Blickwechsel auf die Nachfrageseite ins Auge nimmt, so stehen kirchliche und berufliche Bildungsarbeit, deren Seminare derzeit über 60% des Umsatzes der Propstei als externe Belegung erwirtschaften, unter dem Diktum jener «sanften Revolution», die das Dossier des Bundesrates zur Weiterbildung vom September 2000<2> mit seinem inzwischen etablierten integralen Begriff von Weiterbildung angekündigt hatte. Faktisch ist der Begriff allgemeiner Erwachsenenbildung aus der Schweizer Bildungslandschaft inzwischen verschwunden. Bieten kirchliche Einrichtungen nach wie vor hauptsächlich Inhalte dieser bislang als allgemein bezeichneten Erwachsenenbildung an, so sehen sie sich zu neuen Strategien herausgefordert, um über das sich weiter verengende Milieu ihrer traditionellen Teilnehmenden hinaus in der Gesellschaft Gehör zu finden und präsent zu sein.
Für die Propstei Wislikofen bedeutet dies, in den kommenden Jahren mit ihren kirchlichen Ressourcen nicht nur innerkirchlich, sondern stärker auch gesellschaftlich zu einer lernenden Organisation zu werden. Mit einem Bein in der Pfarreienlandschaft und dem anderen im freien Markt wird es zunehmend von Bedeutung sein, die Erfahrungen aus der Positionierung des Hauses innerhalb der Kantonalkirche besser zu kommunizieren und für die Entwicklung der Gesamtorganisation zur Verfügung zu stellen.

 

Der promovierte Theologe Gerhard Ruff ist Leiter der Propstei Wislikofen.


Katholische Erwachsenenbildung

 

Als im Zuge der Exerzitienbewegung 1926 in Solothurn das St. Franziskushaus eröffnet wurde, begann die Vorgeschichte der Katholischen Erwachsenenbildung in der Schweiz. Mit dem Impuls des Zweiten Vatikanischen Konzils und der schweizerischen Aufbruchphase von 1964 bis 1973 wurden aus Exerzitienhäusern Bildungshäuser und es entstanden neue Bildungshäuser. Vor 25 Jahren wurde die Propstei Wislikofen als Bildungszentrum der Katholischen Kirche Aargau eröffnet ­ der Erwachsenenbildung dieser Kirche gilt in der vorliegenden Ausgabe eine besondere Aufmerksamkeit. Vor 25 Jahren wurde aber auch das Bildungszentrum Burgbühl im Deutschfreiburgischen St. Antoni eröffnet, nachdem im Herbst 1975 die Arbeitsstelle für Erwachsenenbildung ins Leben gerufen wurde. Heute ist Burgbühl Drehscheibe des regionalen kirchlichen Lebens von Deutschfreiburg.

Redaktion


Anmerkungen

1 Bruno Santini-Amgarten, Editorial, in: kageb erwachsenenbildung 38 (2001) 1, 2.

2 Bericht des Bundesrates über Elemente einer Bundespolitik für die Weiterbildung in der Schweiz vom 18. September 2000, 4.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001