47/2001

INHALT

Leitartikel

Katholisch und zweisprachig

ein Gespräch mit Prof. Adrian Schenker

 

Unsere Universitäten werden nicht nur von den Universitätskantonen finanziert, obwohl diese die erste Finanzierungsquelle ihrer Universitäten sind. Über Grundbeiträge und Gelder von Organisationen die dem Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung ist der Bund die zweitwichtigste Finanzierungsquelle. Dritte Einnahmequelle sind die Beiträge der Nichthochschulkantone aufgrund der Interkantonalen Vereinbarung über Hochschulbeiträge. Vierte Einnahmequelle sind Drittmittel, Einkünfte von Mandaten der öffentlichen Hand, von Dienstleistungen für den privaten Sektor und Gelder aus Forschungsaufträgen und internationalen Forschungsprogrammen.
Zu diesen Drittmitteln gehört für die Universität Freiburg die Kollekte am so genannten Hochschulsonntag, der auf das Abkommen der Schweizer Bischöfe mit dem Kanton Freiburg von 1949 zurückgeht. In diesem Abkommen wird die Zusage einer Kollekte an die Bedingungen geknüpft, dass Freiburg seine Aufwendungen auch in Zukunft den Bedürfnissen entsprechend gestaltet und seine Hochschule den Charakter einer «katholischen» Universität beibehält. Im Blick auf den kommenden Hochschulsonntag führte Bernard Litzler, Redaktor des «Nouvel Echo», mit Prof. Adrian Schenker ein Gespräch über das Katholische und gleichzeitig über das Zweisprachige, das Freiburg als «internationale» Universität ebenfalls charakterisiert. Der Hochschulsonntag steht denn auch unter dem Motto: «Gegenseitiges Kennenlernen, gegenseitiges Verstehen! Eine andere Sprache können beeinflusst das Verhalten positiv gegenüber der Gruppe, die sie spricht, und verbessert den menschlichen Kontakt». Das Gespräch übersetzte die Kommission für den Hochschulsonntag für uns ins Deutsche.

Redaktion

 

Sie halten an der Universität Freiburg Ihre Vorlesungen auf Deutsch und Französisch. Verlangt das besondere Voraussetzungen?

Man muss natürlich beide Sprachen kennen und in beiden Kulturen daheim sein, denn eine Sprache ist weit mehr als nur eine Sprache. Sie spiegelt eine Kultur. Die Studenten haben eine Bildung in Literatur, Sprichwörtern usw., kurz im kulturellen Milieu ihrer eigenen Sprache. Dem muss man natürlich Rechnung tragen, sonst wird der Professor als «Aussenseiter» empfunden, der nicht wirklich mit beiden Kulturen vertraut ist.

Welches sind die Besonderheiten der beiden Sprachgruppen?

Dies ist schwer zu sagen, da es um ein junges Publikum geht. Es entspricht einer spezifischen Altersgruppe, und jede Generation ist verschieden. Wenn ich schematisieren dürfte, würde ich etwa sagen, dass französischsprachige Studierende besonders für spirituelle Dimensionen empfänglich sind, während deutschsprachige Studierende gerne Präzision und wissenschaftliche Genauigkeit haben. Sie stehen «schönen», aber leeren Worten misstrauisch gegenüber.

Die Universität Freiburg wird als die Universität der Schweizer Katholiken betrachtet. Wie würden Sie ihren Platz in der Schweiz definieren?

Sie ist in zweifacher Weise eine besondere Universität, erstens weil sie die Universität der Schweizer Katholiken ist, und zweitens weil sie auf der Sprachgrenze liegt. In Europa ist sie wohl die einzige Universität, wo in den beiden Sprachen gelehrt wird: Ein Student oder eine Studentin kann also gewisse Vorlesungen auf Französisch, andere auf Deutsch besuchen. Studierende, die einen Professor nicht mögen, können ihm aus dem Weg gehen, indem sie einfach die Vorlesung in der andern Sprache besuchen. Das ist ein grosser Vorteil, der jedoch nicht immer genutzt wird.
Ausserdem ist unsere Universität durch die katholische Tradition geprägt. Gewiss sind nicht alle Professoren oder Studenten katholisch, aber für manche ist diese religiöse Tradition von Bedeutung. Die Studierenden können also zugleich zu einem Professor in die Vorlesung gehen, für den die katholische Religion eine wichtige Rolle spielt, während sie in der nächsten ausgeklammert ist. Wie bei den Sprachen hat man so die Möglichkeit, zwei verschiedene Zugänge miteinander zu vergleichen. Das ist ein Ansporn für die vertiefte Reflexion.

Sie arbeiten am Departement für Biblische Studien der Theologischen Fakultät. Wozu ist ein Exeget zu gebrauchen?

Er ist wie ein Lehrer der Primarschule. Er lehrt lesen. Er lehrt die Bibel lesen, die schriftliche Urkunde der Offenbarung. Aber es ist wichtig, dass man sie richtig liest, ohne unsere eigenen Ideen in sie einzutragen. Man muss das Wort Gottes hören, und das will gelernt sein.
Lesen und Interpretieren ist eine Kunst. Dies gilt namentlich für die Bibel. Ein Exeget wendet alle Instrumente an, um die Bibel zu verstehen und sie objektiv zu lesen. Alle, die predigen oder Religionsunterricht erteilen, müssen biblische Texte erklären: Diese Vorlesung richtet sich also in erster Linie an sie.

Neben Ihren Vorlesungen arbeiten Sie an einer Edition der hebräischen Bibel. Worin besteht diese Arbeit?

Es ist eine Forschungsarbeit, um die ursprüngliche Textgestalt der hebräischen Bibel festzustellen. Die Bibel ist ein altes Buch mit einer langen Übermittlungsgeschichte. Sie wurde zuerst von Hand kopiert, dann gedruckt und oft übersetzt. Da viele Personen an Abschriften, Drucken und Übersetzungen der Bibel gearbeitet haben, haben sich Ungenauigkeiten eingeschlichen. Deshalb muss man für die Qualität des Textes sorgen. Die Spezialisten reinigen ihn von den durch die Jahrhunderte angehäuften Ungenauigkeiten. Um zu der grösstmöglichen Ursprünglichkeit vorzustossen, muss man die alten Handschriften heranziehen.

Ist für Sie die Bibel das bedeutendste Buch der Welt?

Das ist eine schwierige Frage. In einem gewissen Sinn ja, denn es ist das einzige Buch, von dem wir sicher sind, dass es das Wort birgt, das Gott den Menschen sagen wollte. In dieser Hinsicht ist es ein einzigartiges Buch, das nicht seinesgleichen hat. Aber unter der Hinsicht der rein literarischen Schönheit könnte jemand ein anderes Buch bevorzugen, zum Beispiel Shakespeare. Der heilige Hieronymus (4. Jahrhundert) war in seiner Jugend der Ansicht, dass die lateinischen Gedichte, die er liebte, schöner seien als der Text der Propheten. Die Bibel mag also nicht in jeder Beziehung das bedeutendste Buch sein. Aber die Bibel hat eine einzigartige Rolle, denn durch sie kommt die Stimme Gottes zu uns.

Kürzlich hat eine Umfrage ergeben, dass 72% der Franzosen nie die Bibel lesen, denn sie finden sie überholt und unpassend für unsere heutige Welt.

Die Bibel ist nicht immer leicht zu verstehen. Es gibt Abschnitte, die uns sofort gefallen, aber es gibt auch andere, die schwer zugänglich sind, und ich verstehe, dass sie manchen Lesern nichts sagen. Das ist übrigens auch bei anderen Büchern der Fall: Ich bin nicht sicher, ob jedermann einen modernen Roman wie zum Beispiel Ulysses von James Joyce sofort versteht, der doch von allen Kennern als ein grosses Werk betrachtet wird.
Die genannte Umfrage scheint mir so etwas wie ein Aufruf an die Religionslehrer, an die Prediger, an die Professoren zu sein, den Sinn der Bibel noch besser zu erschliessen. Die Bibel ist nicht aus der Mode gekommen.

Unsere internationale Situation lenkt die Aufmerksamkeit auf den Islam. Wie beurteilen Sie als Bibelkenner dieses andere Wort Gottes?

Diese Frage hat viele Seiten. Die Muslime glauben wie wir, dass Gott gesprochen hat. In diesem Sinn haben wir eine gemeinsame Überzeugung: Gott spricht zu den Menschen. Aber ­ und das unterscheidet uns von ihnen ­ die Muslime glauben, dass er es im Koran, und wir denken, dass er es in der Bibel getan hat. Es gibt noch einen dritten Unterschied: Die Muslime glauben, dass Gott gleichsam wortwörtlich, auf Arabisch, zum Propheten gesprochen hat, denn der Koran ist nicht ein indirektes Zeugnis, sondern das wörtlich genaue Wort Gottes. Wir dagegen haben eine andere Auffassung: Gott hat auf indirekte Weise zu den Menschen gesprochen. Menschen haben als Menschen die biblischen Bücher geschrieben, und Gott gab die Garantie, dass das durch Menschen geschriebene Wort den Gedanken Gottes entspricht. Wir finden in diesem menschlichen Wort daher die Gedanken ihrer Autoren, aber zugleich entsprechen sie dem, was Gott sagen will. So ist die Bibel nicht nur göttliches Wort, sie ist göttliches und menschliches Wort zugleich. Das Wort Gottes ist menschliches Wort geworden. Diese Ansicht ist den Christen und auch den Juden eigen.

Wie kann man sich auf das Wort Gottes berufen, um Attentate wie diejenigen vom 11. September zu verüben?

Das biblische Wort, wie auch das koranische, ist nicht gegen falsche Interpretation geschützt. Man wollte zum Beispiel zu Unrecht die Apartheid in Südafrika aus dem Alten Testament begründen. Jedes Dokument kann falsch gelesen und falsch interpretiert werden. Es kann sich nicht dagegen wehren. Die Verteidigung kommt von der gläubigen Gemeinschaft, die durch die Geschichte hindurch unter Führung des Heiligen Geistes, eine kirchliche Tradition entwickelt, um den Text zu interpretieren und zu verhindern, dass man ihn sagen lässt, was er nicht sagt.
Aus diesem Grund ist es nützlich, die Bibel nicht ganz allein zu lesen, sondern in der Kirche. Die Gemeinschaft aller gläubigen Leser ist eine Hilfe, um unser eigenes Verständnis der Bibel zu klären.

 

Das Gespräch mit Prof. Adrian Schenker führte Bernard Litzler, ins Deutsche übertragen wurde es von der Kommission für den Hochschulsonntag Freiburg.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001