46/2001 | |
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Leitartikel |
Wir beten mit der Kirche und als Kirche im Rahmen der Tagzeitenliturgie
vor allem Psalmen. Wir beten mit den Psalmen. Die Psalmen sind in einem
Buch gesammelt, im Buch der Psalmen, oder genauer, im Buch der Preisungen.
Denn der hebräische Titel tehillim besagt Preisungen. Die tehilla ist
ein Lob-, ein Preislied.
Womit können wir das Buch der Psalmen vergleichen? Mit einem Missale?
Mit einem Antiphonale? Mit einem Sakramentar? Mit einem Lektionar? Wohl
am ehesten können wir es mit einem Kirchengesangbuch vergleichen. Da
lassen sich Texte ganz verschiedener Art finden: Für die Liturgie im
engeren Sinne, aber auch Gesänge und Gebete, welche für das persönliche
Glaubensleben zusammengestellt sind, Texte für die Gewissens- und Glaubensbildung
oder Grundtexte des Glaubens. Das Buch der Psalmen scheint einem ähnlichen
Zweck gedient zu haben. Es ist daher eine Zusammenstellung, eine Sammlung
von Gebets- und Gesangstexten für ganz verschiedene Glaubenssituationen:
Liturgien, liturgische Begleitgesänge, Meditationstexte, Lehrtexte,
Formulare für Busse und Besinnung.
Das Gebet ist eine literarische Form, welche, im Gegensatz zu mehr lehrhaften
Texten, zu Weisungen, zu Geschichtsdarstellungen, oft von einem sehr persönlichen,
engagierten und direkten Ton getragen ist. Eben dieser Freimut, diese Unmittelbarkeit,
diese Spontaneität, ja diese bisweilen sehr ungeschützte Sprache
ist auch ein Kennzeichen für die Psalmen, jedenfalls für viele
Psalmen. Wer das begriffen hat, kann sich mit vielen Aussagen der Psalmen
besser identifizieren. Er kann das Psalmengebet leichter nachvollziehen.
So etwa Ps 12,4: «Der Herr vertilge alle falschen Zungen.» Oder
die Gott gegenüber wohl recht gewagte Äusserung von Ps 44,24:
«Wach auf! Warum schläfst du, Herr? Erwache.»
Jesus sagt: «So sollt ihr beten» (Mt 6,9), und übergibt
den Jüngern mit diesen Worten sein Gebet. Die Psalmen, die zur Heiligen
Schrift gehören und die Hochschätzung geniessen, welche wir der
Bibel allgemein entgegenbringen, dürfen sicher auch in der Verlängerung
dieser Aufforderung nachvollzogen werden: So sollt ihr beten. Sie haben
Modellcharakter für unser Beten. Wir lassen uns mit ihnen das Gebet
vorgeben. Sie werden für uns eine Stütze, eine Hilfe, eine Sicherheit
für unser Gespräch mit Gott; ein Mass für unsere Anliegen
und Bitten; eine Vorgabe für das Gotteslob.
Das Buch der Psalmen ist nicht aus einem Guss. Verschiedene Sammler und
Redaktoren haben zu seinem Wachstum und zur abschliessenden Form beigetragen.
Eine der grossen Linien beziehungsweise der redaktionellen Arbeit an diesem
Buch ist die Perspektive der so genannten Armentheologie. Anhand von Ps
86 (85) können wir dieses Motiv etwas freilegen.
Psalm 86 (85) gilt als ein später Psalm. Er wurde bei einer Teilredaktion
unseres Psalters in die Sammlung aufgenommen, das heisst etwa um das Jahr
300 vor Christus. Er könnte damals gedichtet worden sein, möglicherweise
auch früher. Jedenfalls gehört er in die nachexilische Zeit. Man
nimmt an, dass er die beiden korachitischen Einheiten Ps 8485 sowie
8788 miteinander verbinden sollte. Gleichzeitig hatten die Psalmen
2,19 und 89 die Aufgaben, die zwei Sammlungen 341 sowie 4288
zu rahmen und messianisch auszurichten.
Ps 86 ist für David. Dieses für David wird oft auch als von David
interpretiert. Wir haben hier eine historisierende Angabe. Der Psalm soll
David als Gebet gedient haben. David gilt in dieser Zeit als der grosse
Psalmendichter und Psalmensänger. Man ist überzeugt: Wie Mose
Israel die fünf Bücher der Tora übergeben hat, so David die
fünf Bücher des Psalters (341; 4272; 7389; 90106;
107150, wobei das Hallel 146150 die grosse Schlussdoxologie darstellt).
Die Zahl fünf bedeutet das umfassende Gotteswort, die umfassende Weisung
Gottes. Somit entspricht der Psalter dem umfassenden Gotteslob, gleichsam
abgestimmt auf das umfassende Gotteswort. Er ist die umfassende Antwort
Israels auf die Tora. Diese umfassende Antwort kommt von David. Damit wird
dem Psalter höchstes Ansehen und grösste Verbindlichkeit verliehen
(vgl. die fünf Doxologien nach den einzelnen Teilen: mit der Doxologie
nimmt der Beter das Psalmengebet als Offenbarungszeugnis an; er anerkennt
die Psalmen als für ihn gültige Lebensweisung in Entsprechung
zur Tora).
Für David hat aber noch eine andere Bedeutung. Für David weist
in die Zukunft beziehungsweise hält die Gegenwart fest. Schon der Prophet
Ezechiel spricht von einem zukünftigen David, möglicherweise von
einem David redivivus (vgl. Ez 34,23.24; 37,24.25). Damit ist mehr gemeint,
als dass die davidische Dynastie fortbestehen werde, dass dem David ein
Spross geboren wird, ein Nachfolger. David wird Israel gleichsam wiedergeschenkt
beziehungsweise Israel bekommt einen neuen David, einen König, der
ganz wie David ist. Eben diesem David sind die Psalmen gewidmet. Für
ihn sind sie bestimmt.
David ist möglicherweise auch kollektiv zu verstehen. David sind die
Frommen, die Gläubigen dieser Zeit (nachexilische-frühjüdische
Epoche), welche sich durch das Beten und Meditieren der Psalmen wie der
fromme David verhalten, da David als Vorbild der jüdischen Frömmigkeit
gilt. Für David heisst dann, dass die Psalmen für die Frommen,
für Israel, für die Gläubigen bestimmt sind, für das
davidische, messianische (königliche) Volk.
Der Liturgiewissenschaftler Vitus Huonder wird in einer Reihe von Beiträgen im Sinne eines «Recycling für Betroffene» einige grosse Linien des Psalters aufzeigen und auf diesem Weg spirituelle Impulse vermitteln. Vitus Huonder, Generalvikar des Bistums Chur für den Kanton Graubünden, wurde von der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg für das Fach Liturgiewissenschaft habilitiert (Vitus Huonder, Die Psalmen in der Liturgia Horarum, [Studia Friburgensia, Neue Folge 74], Freiburg Schweiz 1991).