44/2001 | |
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Leitartikel |
Der Tod eines nahen und geliebten Menschen bedeutet für die trauernden Angehörigen fast immer die denkbar schwerste Lebenskrise. Der Verlust erschüttert von Grund auf ihr Vertrauen ins Leben und macht ihnen wie kein anderes Ereignis die Abhängigkeit vom Leben anderer bewusst. Schmerz, Verlassenheit und Verzweiflung sind gross. In der Konfrontation mit Leiden und Tod stellen sich elementare Lebensfragen: Was tröstet wirklich? Was gibt Kraft zum Weiterleben? Was hoffen wir gegen und über den Tod hinaus? Jede Religion muss sich den Fragen im Zusammenhang von Krankheit und Schmerz, Sterben und Tod, Verlust und Trauer stellen.
In die Mitte kirchlicher Praxis gehören seit jeher die menschliche Sorge um kranke und sterbende Menschen, das letzte Geleit und die würdevolle Bestattung der Verstorbenen, das Gedenken der Toten, der helfende Beistand und die tröstende Begleitung der trauernden Hinterbliebenen. Nach jüdisch-christlichem Verständnis gehören die genannten Dienste zu den leiblichen und geistlichen Werken der Barmherzigkeit. In Verkündigung, Liturgie und Seelsorge hat sich die Kirche, in konfessionell unterschiedlicher Ausprägung, über Jahrhunderte hin an dem biblischen Appell und Motiv orientiert: «Schenk jedem Lebenden deine Gaben, und auch dem Toten versag deine Liebe nicht! Entzieh dich nicht den Weinenden, vielmehr trauere mit den Trauernden!» (Jesus Sirach 7,33f.).
Die Aufforderung aus dem weisheitlichen Schriftgut der Bibel betont den Trost und das Trösten als eine wesentliche Dimension christlicher Gemeinde. Sie entspricht dem Glauben an einen Gott, der am Leben der Menschen Anteil nimmt. Die Anfangserfahrung der biblischen Geschichte Gottes mit den Menschen im «Exodus-Ereignis» heisst: «Ich habe die Unterdrückung meines Volkes gesehen. Ich weiss um ihre Leiden» (Exodus 3,7); und: «Ich habe deine Tränen gesehen» (Jesaja 38,5). Gott selbst wird durch die Leiden der Menschen, durch ihnen zugefügte Ungerechtigkeit und Gewalt verletzt. Jesu erster Blick galt nicht der Sünde der anderen, sondern dem Leid der anderen. «Die Sünde war ihm Verweigerung der Teilnahme am Leid der anderen» (J. B. Metz).
Die Toten zu begraben und die Trauernden zu trösten diesen Kernaufgaben kirchlicher Praxis wächst in unserer Gesellschaft, die durch einen fortschreitenden Individualisierungsprozess und menschliche Verfügungsgewalt über Leben (Biomedizin, Gentechnik) gekennzeichnet ist, eine besondere Bedeutung zu. Zwei Gründe seien hier genannt:
Ausschluss der Öffentlichkeit
Die Trauer über den Verlust eines nahen Menschen ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer stärker zu einem privaten, isolierten und individuellen Ereignis geworden. Beisetzungen «in aller Stille», im engsten Familienkreis und unter Ausschluss der Öffentlichkeit nehmen zu. Für die Trauer hat es in früheren Zeiten allgemein gültige Normen und öffentliche Rituale, sichtbare Zeichen und feste Ausdrucksformen gegeben (die Waschung und Einkleidung des Toten, die Aufbahrung zu Hause und Totenwache, das Geleit des Verstorbenen in einer feierlichen Prozession zum Friedhof, das nach Alter und Familienstand differenzierte Totengeläut, die Trauerkleidung u.a.). Der Tod war nicht ein auf privates Erleben beschränktes Schicksal, sondern er wurde öffentlich zur Kenntnis genommen als ein menschliches Geschick, dem niemand entkommt und das alle miteinander solidarisiert. Viele Formen und Rituale, die noch vor wenigen Generationen den trauernden Angehörigen Möglichkeiten und Verhaltensmuster für die Expression der in der Trauer erlebten Gefühle vermittelten, indem sie ihnen Halt, Schonung und Entlastung gaben, einen Rahmen für den persönlichen Trauerprozess, haben heute ihre allgemein verbindliche Kraft verloren. Die meisten Trauernden sind heute weitgehend auf sich allein gestellt. Sie sind in einer durchaus wohlwollenden Gesellschaft mit der Gewalt des Todes und dem Schmerz des Verlustes häufig «mutterseelenallein» konfrontiert. In den archaischen und religiösen Kulturen trauerte das «Wir», in der modernen Gesellschaft das «Ich». Trauernden werden de facto bewährte Hilfsmittel für den Trauerprozess gesellschaftlich vorenthalten. Die Struktur der modernen Bestattung ist nicht an der persönlichen und emotionalen Disposition der trauernden Angehörigen orientiert, sondern an sachlichen Aspekten, einem reibungslosen, effizienten und feierlichen Verlauf.
Die Kirchen, ebenso die jüdischen und islamischen Gemeinschaften, stellen der individualisierten Trauer in modernen Gesellschaften ihre Solidarität und Gemeinschaft entgegen, indem sie das Gedächtnis der Toten in ihren Liturgien lebendig halten, mit den Hinterbliebenen trauern und das «Recht, öffentlich zu trauern» hartnäckig behaupten.
Konfrontation mit der
Vergänglichkeit
In seinem Buch «eigenes Leben. Ausflüge in die unbekannte Gesellschaft, in der wir leben» stellt der Soziologe Ulrich Beck lapidar fest: «Alle historisch früheren Epochen waren nicht so leichtsinnig, das Leben mit seinem Ende enden zu lassen.» Der Preis für weit vorangetriebene Individualisierung sei «eine durch nichts gemilderte Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit». Der Tod als absolutes und unerbittliches Ende habe «alle Sicherheiten der Transzendenz verloren». Das eigene Leben als «der Versuch, die Versuchung, in sich selbst Grund, Kraft, Ziel der Selbst- und Weltgestaltung zu finden», sei, von seinem Ende her gesehen, unausweichlich vom Scheitern bedroht. Dies gebe dem «eigenen Leben seine Konturen: seine Flüchtigkeit, seinen Lebenshunger, seinen Geschmack von Bitternis, Trostlosigkeit».
Im Gegensatz zu dem von Beck skizzierten radikal individualisierten Todesbild waren und sind die Bestattungsriten und Trauerrituale der verschiedenen Religionen Ausdruck des Glaubens an ein wie auch immer vorgestelltes Fortleben nach dem Tod. Sie vergegenwärtigen einen über das irdische Leben hinausweisenden Sinn. Der Tod wird als Übergang oder Verwandlung in das Leben aller in und mit Gott verstanden, als Befreiung von den Schmerzen und der Mühsal irdischen Lebens. Eines der schönsten Bilder lesen wir im Buch der Offenbarung des Johannes; da heisst es: Gott wird in der Mitte der Menschen wohnen. «Er wird alle Tränen von ihnen abwischen. Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. (...) Seht, ich mache alles neu» (Offb 21,35). Von solchen tröstenden Bildern ist in Liturgie, Verkündigung und Seelsorge ebenso zu sprechen wie von der christlichen Hoffnung, die aus der Verheissung Jesu kommt: «Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben» (Joh 11,25f.).
Viele Symbole und Rituale, in denen sich
der Mensch das Heilige und Heilende im Leben
(M. Eliade) vergegenwärtigt, wären hier aus den Traditionen der monotheistischen Religionen ausführlich zu entfalten: das «Lob der Tränen» in der alten katholischen und orthodoxen Tradition, der Dank für die Gabe des Weinens, die Bedeutung der Psalmen als «Nachtherbergen für die Wegwunden» (Nelly Sachs), die Würde der Sprache und die Kraft des Betens, dem biblischen Verständnis von Trost als all das, «was den Menschen dazu befähigt, das Leben in seiner ganzen Fülle, aber auch in seiner Zerbrechlichkeit und Endlichkeit, vor allem aber angesichts der Übermacht des Bösen, in das alles Dasein verstrickt ist, vertrauend und doch ohne Illusion zu leben» (R. Leuenberger). Der Einzelne und die Gesellschaft als Ganzes sind auf das Tröstungspotenzial der jüdisch-christlichen Tradition angewiesen. Wir Kirchen sollten dies nicht vorenthalten, sondern feinfühlig und offensiv kommunizieren.<1>
Der Theologe und Sozialwissenschaftler Matthias Mettner ist seit April 1986 als Mitglied der Leitung der Paulus-Akademie Studienleiter für den Programmbereich «Theologie/Religion und Gesellschaft».
1 Vgl. ausführlicher zum Thema «Trauern/Trost» die Erklärung der deutschen Bischöfe «Unsere Sorge um die Toten und die Hinterbliebenen. Bestattungskultur und Begleitung von Trauernden aus christlicher Sicht» (22. November 1994; mehrere Auflagen; Herausgeber: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstrasse 163, D-53113 Bonn), sowie vom Autor/Matthias Mettner, Was wirklich tröstet, in: Bibel und Liturgie, Heft 3/2001; ders., Von der Lebenskraft des Trauerns. Individuelle Aspekte und Aufgaben des Abschiednehmens, in: Neue Zürcher Zeitung, 16./17. Dezember 2000, Nr. 294, ders.: «Ich sehe deine Tränen». Trauerriten und Tröstungspotenziale in den monotheistischen Religionen, in: NZZ, 16./17. Dezember 2000, Nr. 294. Vgl. insgesamt auch: ders., Mitten im Leben. Zur Spiritualität und Sinnfindung in der Pflege und Betreuung kranker und sterbender Menschen, in: ders. (Hrsg.), Wie menschenwürdig sterben? Zur Debatte um die Sterbehilfe und zur Praxis der Sterbebegleitung, Zürich 2000f., S. 177218.